Inhaltsverzeichnis
Einleitung -1-
1.
Aggression -3-
2.
2.1 Begriffsbestimmung -3-
2.2 Erscheinungsbild der Aggression -6-
2.2.1 Ausdrucksformen aggressiven Verhaltens -7-
2.2.2 Zusätzliche Beeinträchtigungen aggressiver Kinder und
Jugendlicher -10-
2.3 Was Kinder und Jugendliche unter Aggression bzw. Gewalt
verstehen -12-
2.4 Klassifikation krankheitswertigen aggressiven Verhaltens -13-
Ursachen der Aggression -16-
3.
3.1 Biologische Faktoren -16-
3.1.1 Geschlechtsunterschiede im aggressiven Verhalten -16-
3.1.2 Prä- und perinatale Risiken -17-
3.2 Psychische Faktoren -18-
3.2.1 Temperament -18-
3.2.2 Unzureichende Impulskontrolle und Emotionsregulation -19-
3.2.3 Verzerrte sozial-kognitive Informationsverarbeitung -19-
3.2.4 Unzureichendes Einfühlungsvermögen -20-
3.3 Soziale Faktoren -20-
3.3.1 Familie -21-
3.3.2 Gleichaltrige -26-
3.3.3 Schule -26-
3.4 Medienkonsum -28-
Interventionen am Beispiel der Verhaltenstherapie -30-
4.
4.1 Merkmale der Verhaltenstherapie -32-
4.2 Einige Stationen der Entwicklung -35-
4.3 Lerntheorien -36-
4.3.1 Klassisches Konditionieren -37-
4.3.2 Operantes Konditionieren -42-
4.3.3 Modelllernen -46-
4.3.3.1 Effekte des Modelllernens -46-
4.3.3.2 Phasen und Prozesse des Modelllernens -47-
2
4.3.4 Anwendung der Lerntheorie auf Aggressionen………………….…-50-4.4 Verhaltenstherapeutische Interventionen bei aggressiven Kindern
und Jugendlichen………………………………………………………..-53-
PädagogischerBlick auf die Verhaltenstherapie…….…..-89- 5.
5.1 Verhaltenstherapeutische Ansätze in der Pädagogik und in
anderen Bereichen……………………………………………..….……-90-
Klassische Konditionierung…………………………………….……….-90-
Operante Konditionierung……………………………………………….-91-
Modelllernen……………………………………………………………......-91-
Einsetzmöglichkeiten verhaltenstherapeutischer Maßnahmen..…-92-5.2 Kritik an der Verhaltenstherapie……………………………………..…-96-5.3 Wirksamkeit der Verhaltenstherapie bei Kindern und
Jugendlichen……………………………………………………………....-99-
Resümee…………………………………………………………….…..-100- 6.
Literaturverzeichnis……………………………………………..…-103- 7.
Anhang
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1. Einleitung
In der Zeit vom August 2006 bis zum Februar 2007 absolvierte ich ein Praktikum im Jugendamt der Stadt Bielefeld. Die Schwerpunkte lagen dabei in den sozialarbeiterischen Hilfen für Kinder, Jugendliche und deren Familien sowie der Jugendgerichtshilfe. Während dieses Praktikums begegnete ich vielen Kindern und Jugendlichen, die häufig Aggressionen zeigten. Unter anderem zerstörten sie Gegenstände, stahlen, betrogen und/oder verletzten andere. Für sie schien das Sprichwort „Mit einer Hand voll Gewalt kommt man weiter als mit einem Sack voll Recht“ noch Bedeutung zu haben. Mein Betreuer und ich befragten viele dieser aggressiven Kinder und Jugendlichen sowie deren Eltern, berieten sie und begleiteten die Kinder/Jugendlichen bei Gerichtsverhandlungen. Außerdem legten wir dem Jugendrichter selbst verfasste Berichte über straffällig gewordene Kinder und Jugendliche vor. Aggression bzw. Gewalt gilt in der heutigen Zeit als eines der größten gesellschaftlichen Probleme, das in den letzten Jahren in seinem Ausmaß und seiner Komplexität immer häufiger zum Gegenstand von öffentlichen Diskussionen geworden ist. Nach der Praktikumszeit entschloss ich mich daher auch, meine Diplomarbeit über Aggressionen im Kindes- und Jugendalter zu schreiben. Außerdem interessiere ich mich für eine Zusatzausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie. So habe ich in dieser Arbeit versucht zu klären, ob und wie aggressiven Kindern und Jugendlichen am Beispiel der Verhaltenstherapie geholfen werden kann.
Folgende Leitgedanken bzw. Fragen bilden den inhaltlichen Schwerpunkt dieser Diplomarbeit:
Welche Faktoren wirken sich auf die Entstehung und Festigung aggressiver Verhaltensweisen im Kindes- und Jugendalter aus? Wie kann dem beispielsweise durch Verhaltenstherapie entgegengewirkt werden?
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Eine Annäherung an dieses Thema erfolgt im Kapitel „Aggression“ zunächst durch die Definition von Aggression und Gewalt. Hierbei wird deutlich werden, dass es noch keine einheitliche Definition dieser Phänomene gibt. Im weiteren Verlauf wird ein Einblick in das Erscheinungsbild von Aggressionen im Alltag gegeben, wobei sowohl die Ausdrucksformen von Aggression als auch die zusätzlichen Beeinträchtigungen aggressiver Kinder und Jugendlicher den Schwerpunkt bilden. Im nächsten Unterpunkt wird die Frage geklärt, was Kinder und Jugendliche selbst unter Aggression bzw. Gewalt verstehen. Zum Abschluss dieses Kapitels stelle ich die Klassifikation krankheitswertigen aggressiven Verhaltens vor, die vor allem in der klinischen Praxis und für die Krankenkassen eine wichtige Rolle spielt. Im darauf folgenden Kapitel werden die Ursachen der Aggression beleuchtet, damit ihre Hintergründe leichter zu verstehen sind. Es werden hier jedoch bei weitem nicht alle Faktoren beschrieben, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Es werden ausgewählte biologische, psychische und soziale Faktoren sowie der Medienkonsum thematisiert. Danach werden am Beispiel der Verhaltenstherapie die
Interventionsmöglichkeiten erläutert. Dazu werden zunächst die Merkmale der Verhaltenstherapie erörtert und über die Geschichte der Verhaltenstherapie wird kurz skizziert. Anschließend stelle ich drei Lerntheorien (klassisches Lernen, operantes Lernen und Modelllernen) anhand konkreter Beispiele vor. Die genannten Lerntheorien liefern meines Erachtens die wesentlichen Erklärungen für die Entstehung und für das Beibehalten von Aggressionen. Der nächste Punkt in diesem Kapitel behandelt die verhaltenstherapeutischen Methoden, um zu zeigen, mit welchen Mitteln die Verhaltenstherapeuten versuchen,
psychischen/pädagogischen Störungen entgegenzuwirken. Im letzten Abschnitt dieses Kapitels werden zwei verhaltenstherapeutische Trainingsmethoden vorgestellt, die sich bei der Behandlung von Aggressionen als besonders wirksam erwiesen haben (Training mit
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aggressiven Kindern und Training mit aggressiven Jugendlichen von Petermann und Petermann).
Im letzten Kapitel werfe ich einen pädagogischen Blick auf die Verhaltenstherapie, ihre Ansätze in der Pädagogik und ihre Wirksamkeit. Zum Schluss werden außerdem noch einige Vorwürfe an die Verhaltenstherapie analysiert und kritisch betrachtet.
2. Aggression
Ich werde im Folgenden bei der Auseinandersetzung mit dem Thema über aggressive Kinder und Jugendlichen zunächst einige Begriffe klären, unter anderem, was man unter Aggression und Gewalt versteht.
2.1 Begriffsbestimmung
Obwohl sich bereits viele Forscher mit der Definition von Aggression und Gewalt auseinandergesetzt haben, kann man bis heute nicht von einem einheitlichen, allgemein akzeptierten Aggressions- und Gewaltbegriff ausgehen.
Aggression leitet sich von dem lateinischen Begriff aggredior ab und bedeutet ursprünglich wertfrei ‚auf etwas zugehen’, ‚heranschreiten’, ‚sich nähern’, aber auch ‚angreifen’. Mit ‚in Angriff nehmen’ meinten die alten Römer jede gerichtete und offensive Aktivität (wird meist nicht-wertend oder positiv wertend betrachtet), z.B. eine Aufgabe, ein Problem bewältigen (vgl. Micus 2002, S.17).
So definieren auch Bach und Goldberg: "Mit Aggression ist jedes Verhalten gemeint, das im wesentlichen das Gegenteil von Passivität und Zurückhaltung darstellt" (Bach & Goldberg 1974, S.14). Diese Handlungsweisen weisen im Vergleich zu den engeren Definitionen nicht auf eine Schädigung oder Verletzung hin. Aggression in dieser weiten Auffassung hat sich jedoch nicht durchgesetzt, da der Begriff so im Kern dasselbe wie „Aktivität“ bedeutet (vgl. Micus 2002, S. 17; vgl. Nolting 2005, S. 15f.; vgl. Stein 1999, S. 13).
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Im Folgenden werden einige Aggressionsdefinitionen im engeren Sinne wiedergegeben.
Buss (1961) versteht darunter ein Verhalten, welches einem Organismus schädliche Reize zufügt (vgl. Buss 1961, S.1, nach Bierhoff und Wagner, S. 5). Diese Beschreibung von Aggression hat den Vorteil, dass nur von außen beobachtbares Verhalten berücksichtigt wird. Dagegen ist es von Nachteil, dass nur physische Aggression umfasst wird. Nach dieser Definition würde beispielsweise ein Zahnarzt sich tagtäglich aggressiv verhalten, obwohl seine berufliche Tätigkeit in Wirklichkeit doch nur als Hilfeverhalten gewertet werden müsste (vgl. Bierhoff und Wagner, S. 5).
Eine weitere Definition wird von Selg vorgelegt. Danach besteht „Aggression in einem gegen einen Organismus oder ein Organismussurrogat gerichteten Austeilen schädigender Reize“ (Selg 1974, S. 22). Nach dieser Definition verhielte sich z.B. auch ein Kind aggressiv, das versehentlich durch die Gruppe stolpert und das eine oder andere Kind halb umrennt, obwohl es niemandem etwas tun wollte. Bei dieser Definition fehlt also der Hinweis auf die Intention des Täters. Ein wichtiger Aspekt, der ein Verhalten als aggressiv kennzeichnet, ist jedoch die Intention, mit der gehandelt wird. Von aggressiven Verhaltensweisen wird daher häufig dann gesprochen, wenn die Absicht des Handelns darin liegt, ein anderes Individuum direkt oder indirekt zu schädigen. Nolting definiert Aggression deshalb als ein Verhalten, das darauf gerichtet ist, andere Individuen zu schädigen oder ihnen wehzutun (vgl. Nolting 2005, S. 15). Auch nach Petermann ist Aggression ein auffälliges Verhalten mit einer Schädigungsabsicht (vgl. Ross und Petermann 1987, S. 115; vgl. Petermann u.a. 2001a, S.10).
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass heute überwiegend von einem engeren Aggressionsbegriff ausgegangen wird. Dabei wird Aggression allgemein als ein auf Schädigung gerichtetes Verhalten beschrieben, auch wenn sich die Definitionen im Detail unterscheiden, wie oben anhand einiger Beispiele gezeigt werden konnte.
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Aggression wird im Alltag meist mit Gewalt gleichbedeutend verwendet. Bei Gewalt handelt es sich um eine absichtsvolle Schädigung von Menschen durch Menschen, d.h. Gewalt liegt dann vor, wenn es Opfer gibt. Macht und Unterordnung spielen dabei meist eine große Rolle, wobei das Opfer aufgrund von Macht (z.B. körperliche Stärke, höherer Status) gegen seinen Willen zu etwas gezwungen wird (vgl. Schubarth/Ackermann 1997, S. 5). Auch der Gewaltbegriff kann unterschiedlich weit gefasst werden: Während sich ein enger Gewaltbegriff auf die zielgerichtete, direkte physische Schädigung beschränkt, schließt ein weiter gefasster Gewaltbegriff neben der körperlichen auch die psychische bzw. verbale Gewalt ein. Nach dem norwegischen Friedensforscher Johann Galtung kann darüber hinaus von „struktureller Gewalt“ gesprochen werden, wenn Menschen in ihrer körperlichen und geistigen Verwirklichung eingeschränkt werden (vgl. Bierhoff und Wagner 1998, S. 6), und/oder durch ein ungerechtes Gesellschaftssystem geschädigt werden: Menschen gehen zugrunde, weil ihnen der Zugang zu Nahrung, zu medizinischer Versorgung etc. versperrt ist. Der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Klaus Hurrelmann
unterscheidet folgende Gewaltformen:
Unter physischer Gewalt wird die Schädigung und Verletzung eines anderen durch körperliche Kraft und Stärke verstanden. Psychische Gewalt ist die Schädigung und Verletzung eines anderen durch Vorenthalten von Zuwendung und Vertrauen, durch seelisches Quälen und emotionales Erpressen. Verbale Gewalt beinhaltet die Schädigung und Verletzung eines anderen durch beleidigende, erniedrigende und entwürdigende Worte.
Als Form der physischen Beschädigung und Zerstörung von Gegenständen wird die vandalistische Gewalt definiert (vgl. Bründel/Hurrelmann 1994, S. 23f; vgl.
Hurrelmann/Palentien/Wilken 1995, S.15f).
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Darüber hinaus unterscheidet Hurrelmann auch noch zwischen sexueller, frauenfeindlicher und fremdenfeindlicher bzw. rassistischer Gewalt (vgl. Hurrelmann/Palentien/Wilken 1995, S. 15ff).
Der Begriff „Gewalt“ wird gegenwärtig in der Literatur immer stärker als Oberbegriff gewählt, jedoch ist nach der wissenschaftlichen Tradition der Aggressionsbegriff der Übergeordnete. Gewalt wird in diesem Sinne als Unterkategorie, als Teilmenge von Aggression verstanden. Demnach werden als Gewalt gewöhnlich nur schwerwiegende Formen der Aggression bezeichnet (z.B. Kindesmisshandlung), leichtere hingegen nicht (z.B. böse Blicke) (vgl. Hurrelmann/Palentien/Wilken 1995, S.15f; vgl. Micus 2002, S. 20f.; Schubarth / Ackermann 1997, S. 5). Diese Zuordnung der Gewalt als Untergruppe von Aggression trifft auf den Begriff der strukturellen(nicht aggressiven) Gewalt aber nicht zu. Die strukturelle Gewalt sollte nicht zur Aggression gezählt werden, da hier die Schädigung nicht direkt durch verletzendes Handeln herbeigeführt wird (vgl. Nolting 2005, S. 16).
Nach Cranach wird der Aggressionsbegriff vor allem von PsychologInnen und VerhaltensforscherInnen, die besonders an der Aufklärung der Ursachen interessiert sind, zur Bezeichnung individueller Handlungen mit schädigender Absicht verwendet. PädagogInnen, SoziologInnen, SozialarbeiterInnen und PolitikerInnen, die sich für den sozialen Kontext und für Interventionsmaßnahmen interessieren, verwenden dagegen den Gewaltbegriff. Darunter verstehen sie verschiedene Umstände und Handlungen zerstörender Einwirkung, ausgeübt durch Individuen und soziale Systeme (vgl. Cranach, Mario von 1998 in: Micus 2002, S. 20). In dieser Arbeit werde ich keine strikte Trennung der Bezeichnungen Aggression und Gewalt vornehmen, da sie nicht allgemeingültig definiert bzw. voneinander abgegrenzt werden können und in der verwendeten Literatur Aggression und Gewalt häufig gleichbedeutend gebraucht werden.
2.2 Erscheinungsbild der Aggression
Ich möchte eine Variante der Aggression von dieser Arbeit ausschließen: die Autoaggression. Sie ist auch unter dem Synonym Selbstverletzendes
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Verhalten bekannt. Dabei fügen sich die betroffenen Menschen absichtlich Verletzungen oder Wunden zu, wie z.B. Ritzen, Verbrennen, Verätzen der Haut, Ausreißen der Haare usw. (vgl.
http://www.4kraatz.de/svv1.html#kap1.2). Diese kurze Beschreibung der Autoaggression soll hier genügen, da es sich bei der vorliegenden Arbeit um Aggression gegen andere Personen handelt. Aggressionen oder Emotionen wie Wut, Ärger usw. gehören zur normalen kindlichen Entwicklung als Erfahrung, um Grenzen und Möglichkeiten auszutesten. Das Alter des Kindes/Jugendlichen ist dafür entscheidend, welche Formen aggressiven Verhaltens oder Ärgerausdrucks gezeigt wird.
Im Folgenden werden jedoch zunächst unterschiedliche Ausdrucksformen aggressiven Verhaltens allgemein beschrieben, bevor auf die altersabhängigen Formen des Ärgerausdruck und aggressiven Verhaltens eingegangen wird.
2.2.1 Ausdrucksformen aggressiven Verhaltens
Aggressives Verhalten kann sich auf unterschiedliche Arten im Alltag äußern. Das Spektrum reicht von „leicht wütend werden“ bis zur Tierquälerei und kann schließlich in delinquentem Verhalten wie Diebstahl, Brandstiftung oder Gewalt münden. Wissenschaftler versuchen, Aggression in verschiedene Formen und Ausdrucksweisen einzuteilen, da sie zu unterschiedlichen Therapiekonzepten führen können. Es gibt jedoch keine verbindliche einheitliche Liste von Ausdrucksformen, weshalb hier eine Kategorisierung kurz vorgestellt wird. Petermann und Petermann (2005) versuchen, aggressives Verhalten anhand der folgenden vier Dimensionen zu beschreiben:
Aktiv versus passiv
Initiativ versus reaktiv versus parteiergreifend Offen-direkt versus hinterhältig - verdeckt Körperlich versus verbal
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Die unterschiedlichen Ausdrucksformen tauchen immer kombiniert auf und schließen einander nicht aus. Außerdem können sie instrumentell oder affektiv motiviert sein. Handelt eine Person aggressiv, so ist ihr Verhalten zielgerichtet, d.h. etwas Bestimmtes soll erreicht werden. Hierbei sind alle Ausdrucksformen aggressiven Verhaltens denkbar. Demgegenüber erscheint das affektiv aggressive Verhalten impulsiv, unkontrolliert und ungeplant. Es treten nicht alle Ausdrucksformen auf, sondern am ehesten reaktives, offenes, direktes und sowohl verbal als auch körperlich aggressives Verhalten (vgl. Petermann und Petermann 2000, S. 11ff; vgl. Petermann und Petermann 2005, S. 4-6). Im Folgenden werden die vier Dimensionen jeweils kurz erläutert.
Aktiv versus passiv: Dieses Gegensatzpaar gleicht der Täter-Opfer-Perspektive. Durch die aktive aggressive Handlung des Täters, um zielgerichtet etwas Bestimmtes zu erreichen, erfährt das Opfer die Schädigung passiv.
Initiativ versus reaktiv versus parteiergreifend: Petermann und Petermann (ebd.) machen anhand dieser Formen der Aggression ein unterschiedliches Ausmaß an Eigenbeteiligung deutlich. Bei der
initiativen Aggression leitet der Täter mit seinem aggressiven Verhalten einen Kontakt bzw. eine Interaktion ein, um ein egoistisches Ziel zu verfolgen (hohe Eigenbeteiligung).
Reaktive Aggression liegt vor, wenn auf eine subjektiv oder real wahrgenommene Bedrohung bzw. einen Angriff geantwortet wird. Der Begriff „parteiergreifende Aggression“ meint einen Beobachter, der für einen Aggressor Partei ergreift. Das aggressive Verhalten eines anderen wird also positiv bewertet und der Aggressor wird offen (z.B. durch „Anfeuern“) oder verdeckt, d.h. gedanklich unterstützt / dem Aggressor wird zugestimmt.
Offen-direkt versus hinterhältig-verdeckt: Die offen-direkte Aggression beinhaltet alle Aggressionsformen, welche direkt beobachtbar und
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deutlich sichtbar gegen ein Opfer ausgeführt werden. Diese Form der Aggression wird eher von Jungen als von Mädchen eingesetzt. Eine hinterhältig-verdeckte aggressive Handlung zielt darauf ab, ein Opfer in einer ungünstigen Situation zu treffen, jedoch ist diese Form oftmals nur schwer beobachtbar und nachweisbar, da sie verdeckt geäußert bzw. gezeigt wird. Bei dieser Aggressionsform, die eher von Mädchen ausgeführt wird, versucht eine Person über soziale Beziehungen einer anderen Person Schaden zuzufügen. Als Beispiele hierzu sind zu nennen: „Gerüchte in die Welt setzen“, „aus einem Hinterhalt angreifen“ sowie lügen, stehlen oder zerstören, sei es durch Feuer legen oder Vandalismus.
Körperlich versus verbal: Mit körperlicher Aggression, die überwiegend bei Jungen zu beobachten ist, beschreiben Petermann und Petermann (ebd.) die physische Schädigung des Opfers in einer offen-direkten Konfrontation. Beispiele hierfür sind Schlagen, Boxen oder Treten. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei der verbalen Aggression, die meist häufiger Mädchen zuzuschreiben ist, um jede Ausdrucksform des Beschimpfens oder Anschreiens des Opfers.
Der jetzt folgende Abschnitt behandelt die altersabhängigen Formen des Ärgerausdruck und aggressiven Verhaltens. Dabei beziehe ich mich auf Loeber und Hay (1997, in Petermann/Petermann 2005, S. 3f.). Bei Säuglingen, in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres, kann das Kind Ärger gezielt ausdrücken (Schreien, Strampeln). Hierbei kann man jedoch nicht von einer Schädigungsabsicht sprechen, da das Kind kognitiv nicht in der Lage dazu ist. Bei diesem Ärgerausdruck handelt es sich um eine aggressionsähnliche Emotion. Im Kleinkindalter (zweites und drittes Lebensjahr) kommt es zu Wutausbrüchen und geringfügigen Aggressionen gegen Erwachsene und Gleichaltrige. Gleichgeschlechtliche Interaktionen geraten dabei leichter in Konflikt als Paare von Jungen und Mädchen. Bei Vorschul- und Grundschulkindern können Jungen mehr bei körperlichen und Mädchen eher bei indirekten Aggressionsformen
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beobachtet werden. Andere Kinder oder Tiere werden nur selten von Kindern in diesem Alter gequält.
Im Jugend- und früheren Erwachsenenalter können Aggressionen mit wachsender körperlicher Kraft und durch gezielten Einsatz von Waffen massive Ausmaße annehmen (auch kollektive Gewalttaten) und schwerwiegende Folgen, bis hin zur Tötung, für das Opfer haben. Ein kleiner Teil der Jugendlichen wird auch gegenüber den eigenen Eltern und Lehrern aggressiv.
2.2.2 Zusätzliche Beeinträchtigungen aggressiver Kinder und
Jugendlicher
In dieser Arbeit werden häufig Begriffe wie „oppositionelle Trotzverhalten“ oder „dissoziales Verhalten“ oder „Störung des Sozialverhaltens“ auftauchen. Diese Begriffe bedeuten nichts anderes als aggressives Verhalten in der Klinischen Kinderpsychologie. Dabei fängt oppositionelles Verhalten in der frühen Kindheit an und reicht bis in das Jugendalter. Störung des Sozialverhaltens beginnt eher in der Kindheit und setzt sich bis in das Erwachsenenalter fort (vgl. Petermann 2003, S. 290). In 2.4 werden die Merkmale der genannten Begriffe aufgezählt. Es ist zu beobachten, dass aggressives Verhalten selten isoliert auftritt. Aggressive Kinder und Jugendliche haben besonders häufig folgende Probleme als zusätzliche Beeinträchtigung (in diesem Abschnitt beziehe ich mich auf Petermann/ Döpfner / Schmidt 2001 a, S. 12ff, wenn nicht anders angegeben):
Hyperkinetisches Verhalten
Bei vielen aggressiven Kindern und Jugendlichen kommt zusätzlich hyperkinetisches Verhalten vor (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ADHS). Sie sind unruhig und impulsiv und es fällt ihnen schwer, sich über längere Zeit zu konzentrieren. Dieses Problem ist in etwa der Hälfte der Fälle der jüngeren aggressiven Kinder vorhanden. Das hyperkinetische Verhalten taucht größtenteils im Kindergarten- oder Vorschulalter auf; später wird das oppositionell-aggressive Verhalten
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bemerkbar. Daraus kann sich manchmal im beginnenden Jugendalter ein aggressiv-dissoziales Verhalten entwickeln.
Schulprobleme
Petermann et al. stellen fest, dass viele Kinder mit oppositionellem und aggressivem Verhalten schon im Kindergarten in manchen Bereichen auch Entwicklungsrückstände aufweisen, beispielsweise in der sprachlichen Entwicklung oder auch beim Malen. In der Grundschule zeigt sich in vielen Fällen erst oppositionelles Verhalten, welches dazu beiträgt, dass der Unterricht erheblich gestört wird und die Konzentration auf Lerninhalte reduziert ist. Die Folge davon ist deren Ablehnung oder kritische Bewertung durch Mitschüler oder manchmal auch durch Lehrer, womit ein Teufelskreis von Lern- und Verhaltensproblemen beginnt, der sich negativ auf die Schullaufbahn des Kindes auswirkt. Es ist außerdem möglich, dass Entwicklungsrückstände und Lernschwierigkeiten schon am Anfang der Entwicklung des Kindes vorhanden sind und die Kinder aggressiv reagieren, weil sie bestimmte Anforderungen nicht bewältigen können.
Ablehnung durch Gleichaltrige
Aggressive Kinder und Jugendliche erzählen zwar häufig von sich, dass sie viele Freunde haben und sozial integriert sind. Die Befragung ihrer Kameraden ergibt jedoch ein anderes Bild: Aggressive Kinder und Jugendliche werden von unauffälligen Kindern abgelehnt, da sie als Störenfriede (z.B. in Spiel- oder Unterrichtssituationen) gelten und ständig bestrebt sind, andere zu dominieren.
Selbstwertprobleme und Depressivität
Eine weitere schwerwiegende Beeinträchtigung ist die Depression. Aggressive Kinder wirken zwar stark, leiden jedoch nicht selten an mangelndem Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl. Vor allem im Jugendalter kann sich eine ausgeprägte Depressivität entwickeln. Die Betroffenen zeigen dann häufig ein eher apathisches Verhalten, haben
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keinerlei Freude an jeglichen Unternehmungen / Aktivitäten und sehen die Zukunft eher düster.
Die Gründe für die Entwicklung einer Depression können nach Petermann et al. im aggressiven Verhalten und den damit verbundenen vielfältigen Misserfolgen und Zurückweisungen in der Familie, der Schule und in der Gleichaltrigengruppe liegen. Bei bis zu 20% aller Kinder und Jugendlichen kann man das kombinierte Auftreten von Aggression und Depression beobachten, wobei vor allem die Schuldefizite die Selbstachtung besonders negativ zu beeinflussen scheinen.
Belastete Beziehungen zu Eltern und anderen Bezugspersonen Durch aggressives Verhalten geraten Eltern und ihre Kinder oft in Konflikte; vielfach wird dadurch aggressives Verhalten verstärkt und langfristig verfestigt, es entstehen teufelskreise, gegensetig aufshakeln. Darüber hinaus können Eltern dazu beitragen, dass das Kind mehr Zeit mit dissozialen Gleichaltrigen verbringt, wodurch der Weg in einen neuen Teufelskreis geebnet wird. Solche Konflikte können den Selbstwert des Kindes beeinträchtigen, wenn sie vom Kind als Zurückweisung und fehlende Akzeptanz der Eltern erlebt werden. Massive Eltern-Kind-Konflikte wirken sich jedoch nur dann negativ auf die Sozialentwicklung eines Kindes aus, wenn keine ausgleichenden positiven gemeinsamen Familienaktivitäten vorliegen.
Die möglichen Auswirkungen von Eltern-Kind-Konflikten werden auch durch andere erwachsene Bezugspersonen verursacht. Dies trifft auf Bezugspersonen im Kindergarten und in der Schule in gleicher Weise zu.
2.3 Was Kinder und Jugendliche unter Aggression bzw. Gewalt
verstehen
An dieser Stelle möchte ich kurz darauf eingehen, was Kinder und Jugendliche selbst unter Gewalt verstehen. Dazu wurden
Untersuchungen angestellt, die wie folgt von Schubarth und Ackermann (1997) beschrieben werden.
Verglichen mit Erwachsenen haben Kinder und Jugendliche ein eher enges Gewaltverständnis, das oft nur Formen physischer Gewalt
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einschließt. In Gruppendiskussionen äußern sich Jugendliche dahingehend, dass nur bei einer sichtbaren körperlichen Schädigung des Opfers von Gewalt die Rede sein kann. Gewalt liege beispielsweise dann vor, „wenn Blut fließt“.
Der Gewaltbegriff von Kindern und Jugendlichen ist keineswegs einheitlich. Vor allem die Formen psychischer und verbaler Gewalt beurteilen sie unterschiedlich. Als Beispiele hierfür kann man Beschimpfungen und das Verspotten Gleichaltriger oder psychische Aggressionen von Lehrern gegen Schüler nennen; diese werden nicht von allen Kindern und Jugendlichen als Gewalthandlungen, sondern vielmehr als normale Umgangsform oder als Vorstufe zu einer Gewalthandlung angesehen. Was körperliche Angriffe, Erpressungen und Vandalismus betrifft, herrscht hingegen ein weitgehender Einigkeit darüber, dass diese als massiv gewaltförmige Handlungen anzusehen sind (vgl. Schubarth / Ackermann 1997, S. 7f.). Untersuchungen haben darüber hinaus gezeigt, dass Jungen gegenüber allen Gewaltformen toleranter sind als Mädchen. Außerdem sind geschlechtsspezifische Unterschiede im Bereich der psychischen und verbalen Gewalt sowie der sexuellen Belästigungen klar erkennbar. Verbale Aggressionen gegen Fremde, Hänseleien von Gleichaltrigen oder Beleidigungen von Lehrern werden von Jungen eher selten, von Mädchen dagegen recht häufig als Gewalthandlungen verstanden. Ähnlich verhält es sich auch mit sexuellen Belästigungen; Mädchen betrachten sie eher als gewaltförmige Handlung als Jungen. Auch Schüler verschiedener Schulformen weisen unterschiedliche Ansichten über den Gewaltbegriff auf. Während der Gewaltbegriff von Mittelschülern eher eng ist und sich tendenziell auf Formen physischer Gewalt beschränkt, fassen Gymnasiasten ihn weiter und schließen auch psychische Aggressionen mit ein (ebd.).
2.4 Klassifikation krankheitswertigen aggressiven Verhaltens
In der Regel erfolgt eine klinisch-psychologische Bewertung aggressiven Verhaltens anhand von Klassifikationskriterien. Die klassifikatorische Diagnostik wurde zwar lange Zeit gerade in der Verhaltenstherapie als
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überflüssig betrachtet, allerdings kann sie hilfreiche Hinweise für die Therapieplanung und die Kommunikation nicht nur der Kliniker, sondern auch Pädagogen, Therapeuten und auch Jugendamt untereinander bieten (vgl. Borg-Laufs 1997, S. 21).
Es gibt verschiedene Ansätze zur Klassifikation aggressiven Verhaltens. Im Folgenden geht es um eine der geläufigsten, nämlich das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (DSM-IV). Aggressives Verhalten von Kindern oder Jugendlichen wird in der DSM-IV den Rubriken „Störungen des Sozialverhaltens“ und „Störungen mit Oppositionellem Trotzverhalten“ zugeordnet, wobei letztere als leichtere Variante der Störung des Sozialverhaltens bezeichnet wird. In DSM-IV ist die Klassifikation kategorial zugeordnet, d.h. Verhaltensstörungen werden als klar unterscheidbare Störungseinheiten beschrieben. Die kategoriale Klassifikation definiert Störungen anhand einer festgelegten Zahl von Symptomen (Kriterien), die über einen bestimmten Zeitraum mit einer bestimmten Ausprägung auftreten müssen (vgl. Petermann und Petermann 2000, S. 36). So liegen beim DSM-IV für die Störung des Sozialverhaltens und die Störung mit oppositionellem Trotzverhalten zwei Symptomlisten vor, die unterschiedliche Formen und Intensitäten aggressiven Verhaltens beschreiben, die im Folgenden vorgestellt werden.
Symptomliste für die Störung des Sozialverhaltens nach DSM-IV (vgl. Essau / Conradt 2004, S.30f.):
Aggressives Verhalten gegenüber Menschen und Tieren bedroht oder schüchtert andere häufig ein beginnt häufig Schlägereien
benutzt schon Waffen, die anderen schwere körperlichen Schaden zufügen können (z.B. Messer, Gewehre, Schlagstöcke, Ziegelsteine, zerbrochene Flaschen) ist körperlich grausam zu Menschen quält Tiere
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hat in Konfrontation mit einem Opfer gestohlen (z.B. Überfall, Taschendiebstahl, Erpressung, bewaffneter Raubüberfall) zwingt andere zu sexuellen Handlungen
Zerstörung von Eigentum
begeht vorsätzlich Brandstiftung mit der Absicht, schweren Schaden zu verursachen
zerstört vorsätzlich fremdes Eigentum (jedoch nicht durch Brandstiftung)
Betrug oder Diebstahl
bricht in fremde Wohnungen, Gebäude oder Autos ein lügt häufig, um sich Güter oder Vorteile zu verschaffen oder um Verpflichtungen zu entgehen (d.h. „Legt andere herein“) stiehlt Gegenstände von erheblichem Wert ohne Konfrontation mit dem Opfer (z.B. Ladendiebstahl, jedoch ohne Einbruch sowie Fälschungen)
Schwere Regelverstöße
bleibt schon vor dem 13. Lebensjahr trotz elterlicher Verbote häufig über Nacht weg
lief mindestens zweimal über Nacht von zu Hause weg, während er noch bei den Eltern oder bei einer anderen Bezugsperson wohnte (oder nur einmal mit Rückkehr erst nach längerer Zeit) schwänzt schon vor dem 13. Lebensjahr häufig die Schule
Symptomliste für die Störung mit Oppositionellem Trotzverhalten nach DSM-IV: wird schnell ärgerlich streitet sich häufig mit Erwachsenen widersetzt sich häufig aktiv den Anweisungen oder Regeln von Erwachsenen oder weigert sich, diese zu befolgen verärgert andere häufig absichtlich
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schiebt häufig die Schuld für eigene Fehler oder eigenes Fehlverhalten auf andere
ist häufig empfindlich oder lässt sich von anderen leicht verärgern ist häufig wütend und beleidigt ist häufig boshaft und nachtragend
In diesem zweiten Kapitel dieser Arbeit habe ich Aggression bzw. Gewalt in ihren Definitionen, Ausdrucksweisen und zusätzliche
Beeinträchtigungen der aggressiven Kinder und Jugendliche beschrieben. Im folgenden Kapitel wird auf die Ursachen der Aggression eingegangen.
3. Ursachen der Aggression
Eine große Anzahl verschiedener, das Auftreten einer aggressiven Verhaltensstörung begünstigender Faktoren im Kindes- und Jugendalter konnte ermittelt werden. Diese lassen sich unterschiedlichen Ebenen zuordnen.
Petermann und Petermann (2005) beschreiben aggressives Verhalten durch biopsychosoziale Modelle. Danach lassen sich bei früh auftretenden aggressiven Problemen häufig auch neurobiologische Ursachen und bei später in Erscheinung tretender Aggression überwiegend psychosoziale Faktoren zur Erklärung heranziehen.
In folgenden Abschnitten werde ich auf die ursächlichen Faktoren der Aggression eingehen.
3.1 Biologische Faktoren
In diesem Abschnitt werden zwei ausgewählte biologische Faktoren, Geschlechtsunterschiede und prä- sowie perinatale Risiken, erläutert.
3.1.1 Geschlechtsunterschiede im aggressiven Verhalten Schon bei Säuglingen sind geschlechtsspezifische Unterschiede feststellbar: Jungen scheinen emotional labiler zu sein und zeigen häufiger negative Affekte als Mädchen, d.h. sie regulieren sich emotional schlechter. Mädchen hingegen verfügen sowohl im Säuglings- als auch im
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Vorschulalter über eine bessere Emotionsregulation, worin ein Faktor dafür liegen kann, dass Mädchen deutlich weniger aggressives Verhalten aufweisen als Jungen. Das aggressive Verhalten der Mädchen entwickelt sich eher zum Beginn der Pubertät (etwa ab elf Jahren) und manifestiert sich in anderen Formen (Zahn-Waxler et al. 1996, nach Petermann und Petermann 2005, S. 65):
Petermann 2005, S. 65)
Diese Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen sollte nicht dahingehend verstanden werden, dass die biologischen/genetischen für die Entwicklung der Aggressionen von entscheidender Bedeutung seien. Es ist eher davon auszugehen, dass die Erziehung bzw. soziales Lernen mehr Gewicht in der Entwicklung der Aggressionen aufbringt.
3.1.2 Prä- und perinatale Risiken
Von neuropsychologischen Funktionsstörungen des kindlichen zentralen Nervensystems, die durch Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen bedingt sind, wird vermutet, dass sie aggressives Verhalten auslösen können. In Folge von oben genannten Komplikationen wird die Gehirnentwicklung des Kindes gestört, das Lernverhalten kann sich dadurch verändern und das Sozialverhalten beeinträchtigt werden (Banaschewski et al. 2004, S. 180f).
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Die Mutter kann außerdem durch ihr Verhalten, beispielsweise durch Substanzmissbrauch (Nikotin, Alkohol, Drogen) während der
Schwangerschaft, den Fötus schädigen. Auf diesem Weg wird ein neurobiologischer oder biochemischer Faktor aggressives Verhalten begünstigen (vgl. Petermann/Döpfner/Schmidt 2001b, S. 18).
3.2 Psychische Faktoren
Es ist wichtig zu wissen, wie die Innenwelt von Aggressoren beschaffen ist, d.h. welche psychischen Faktoren aggressives Handeln verursachen bzw. begünstigen können, um entsprechende
Interventionen/Präventionen entwickeln und einleiten zu können. Im Folgenden werden einige ausgewählte psychische Faktoren kurz dargestellt.
3.2.1 Temperament
Unter einem schwierigen Temperament versteht Zentner (2000) die „individuellen Besonderheiten in emotionalen Aspekten des Verhaltens (unter Ausschluss von Intelligenz und Pathologie), die schon sehr früh in der Entwicklung zu beobachten sind, eine relativ hohe zeitliche Stabilität und eine enge Beziehung zu physiologischen Mechanismen aufweisen“ (Zentner 2000, S. 260).
Das schwierige Temperament macht sich bemerkbar im
Säuglingsalter mit einem unregelmäßigem Schlaf-Wach-Rhythmus, mit exzessivem Schreien, mit Problemen bei der Nahrungsaufnahme, mit motorischer Unruhe und leichter Reizbarkeit,
Säuglingsalter mit einem unregelmäßigem Schlaf-Wach-Rhythmus, mit exzessivem Schreien, mit Problemen bei der
Nahrungsaufnahme, mit motorischer Unruhe und leichter Reizbarkeit,
Kleinkindalter als Reiz- und Irritierbarkeit und
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Im Jugendalter durch enthemmtes, sensationssuchendes Verhalten (ebd).
Da Kinder und Jugendliche mit einem schwierigen Temperament häufig schwerer zu disziplinieren und zu beruhigen sind und es schwerer ist, mit ihnen zu interagieren, sind sie nicht selten die Zielscheibe elterlicher Verärgerung und problematischer Erziehungspraktiken. Es ist aber darauf hinzuweisen, dass schwieriges Temperament für sich genommen kein zwangsläufiges Risiko für die Entwicklung von Problemen des Sozialverhaltens darstellt. Kinder und Jugendliche mit einem schwierigen Temperament entwickeln in einem stärkerem Maße Aggressionen, wenn diese in Kombination mit familiärer Dysfunktion, Konflikten in der Ehe, Aufwachsen in einer Nachbarschaft mit hoher Kriminalitätsrate und/oder einer psychischen Störung der Eltern einhergeht (vgl. Maziade et al. 1990, S. 58).
3.2.2 Unzureichende Impulskontrolle und Emotionsregulation Als weiterer Faktor für die Entstehung der Aggression ist die unzureichende Impulskontrolle und Emotionsregulation zu nennen. Aggressive Kinder und Jugendliche treten mit einer mangelnden Impulskontrolle im Sinne einer mangelnden Hemmung aggressiver, feindseliger Verhaltensweisen hervor. Der Einsatz angemessene Problemlösestrategien wird durch negative, unregulierte Emotionen behindert. (vgl. Petermann & Wiedebusch 2003, S.62ff). Bei nicht Vorliegen angemessener Problemlösestrategien greifen sie öfter und ausgeprägter zu aggressiven Handlungen (vgl. Petermann und Petermann 2005, S. 67).
3.2.3 Verzerrte sozial-kognitive Informationsverarbeitung Es gibt bestimmte Kinder und Jugendliche, die mit einem
Angriffsverhalten reagieren, weil sie das Gefühl haben, bedroht zu werden. Mit solchen Kindern und Jugendlichen beschäftigt sich die Arbeitsgruppe um Dodge (Crick & Dodge 1994). Sie finden heraus, dass ein Kind mit solch einer spezifischen sozialen Wahrnehmung seiner
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Umwelt häufig feindselige Absichten unterstellt; das damit verbundene aggressive Verhalten des Kindes löst in seinem sozialen Umfeld Vergeltungsverhalten, Bestrafung oder soziale Ablehnung aus. Genau diese Reaktionen erzeugen bei dem Kind wiederum aggressives
Verhalten, wodurch ein Teufelskreis ausgelöst wird (vgl. Petermann und Petermann 2005, S.67).
Das Kind ist allerdings nicht dazu in der Lage zu erkennen, dass die bedrohlichen Verhaltensweisen der Umwelt eigentlich nur
Vergeltungshandlungen auf seine vorherigen Taten darstellen. Es nimmt also die Handlungen seiner Umwelt verzerrt wahr; mehrdeutige, sogar neutrale Situationen werden vorwiegend feindlich eingeschätzt oder eher bedrohlich und aggressiv bewertet (ebd).
Es ist außerdem anzumerken, dass aggressive Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer Impulsivität oft unüberlegt und vorschnell reagieren. In Konfliktsituationen werden demnach kaum zusätzliche Informationen eingeholt, die Betroffenen reflektieren nicht, ob es alternative Handlungsweisen gäbe und die Konsequenzen von aggressiven Handlungen werden nicht vorhergesehen (ebd).
3.2.4 Unzureichendes Einfühlungsvermögen
Da aggressive Kinder und Jugendliche sich nicht in das Opfer ihrer aggressiven Handlung hineinversetzen, vermuten sie nicht, dass ihre Opfer unter ihrem feindseligen Verhalten leiden. Zudem bewerten sie ihr aggressives Verhalten als effektiv und gehen davon aus, dass sie positive konfliktbegrenzende Strategien schlechter einsetzen können. Frühe negative Erfahrungen, z.B. durch körperliche Misshandlungen oder harsche Disziplinierungsmaßnahmen werden für diese verzerrten Bewertungen für ursächlich gehalten (vgl. Petermann und Petermann 2005, S. 67f.).
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3.3 Soziale Faktoren
Petermann et al. und auch andere Aggressionsforscher heben hervor, dass bei der Entwicklung von aggressivem Verhalten die Umwelteinflüsse insgesamt die wichtigste Rolle spielen (vgl. Petermann / Döpfner / Schmidt 2001 a, S. 15). Sie sollen hier deshalb ausführlicher dargestellt werden.
Kinder und Jugendliche können in fast allen sozialen Räumen Menschen mit aggressiven Verhaltensmustern beobachten und diese auch selber testen. Ich beginne meine Ausführungen mit dem sozialen Faktor Familie, da er eine herausragende Position beim Erwerb und der Ausformung aggressiven Verhaltens inne zu haben scheint (bei den sozialen Faktoren aggressiven Verhaltens beziehe ich mich auf Petermann und Petermann 2005, S.68-71, wenn nicht anders angegeben).
3.3.1 Familie
Unter den relevanten Umwelteinflüssen ist bei Kindern und Jugendlichen vor allem das familiäre Umfeld von großer Bedeutung. So sind deutliche Bezüge zwischen dem Erziehungsverhalten der Eltern und dem aggressiven Verhalten ihrer Kinder erkennbar.
Mangelnde Aufsicht durch die Eltern
Als ein Faktor, der sich günstig auf das aggressive Verhalten eines Kindes oder Jugendlichen auswirkt, ist die mangelnde Aufsicht durch die Eltern zu nennen. Viele Eltern haben kein oder wenig Interesse an den Aktivitäten ihrer Kinder und wissen nicht, was ihre Kinder den Tag über unternehmen. Ihre Interessen zeigen sie im günstigsten Falle, um ihre Kinder zu kontrollieren. Sie tadeln, bestrafen oder geben generell negative Rückmeldungen in Form von Nörgeln und Kritisieren. Wenn Kinder keine positiven Rückmeldungen und insgesamt wenig Aufmerksamkeit erhalten, bewirkt diese Zuwendung dann eine positive Verstärkung. Solche Erziehungstechniken begünstigen genau das Gegenteil von dem, was Eltern erreichen wollen, nämlich aggressives Verhalten; sie tragen jedoch nicht zu der positiven Orientierung eines Kindes bei.
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Arbeit zitieren:
Sinan Celik, 2008, Aggressiven Kindern und Jugendlichen helfen - ein pädagogischer Blick auf die Verhaltenstherapie, München, GRIN Verlag GmbH
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