1 Einleitung
Hans Belting konstatiert in seinem Buch „Bild-Anthropologie - Entwürfe für eine Bildwissenschaft“ die Notwendigkeit einer neuen interdisziplinären Untersuchung des Phänomens „Bild“. Schon im Titel gibt er dieser neuen wissenschaftlichen Richtung einen möglichen Namen und macht deutlich, welchen Standpunkt er für dieses Forschungsgebiet für den richtigen hält.
In seiner „Einführung in das Thema“ versucht er sich zunächst an einer begrifflichen Klärung, wobei er vor allem auf die Dualität des Wortes „Bild“ hinweist, das sowohl Idee wie Medium, Vorstellung wie auch Produkt sein kann, einer Tatsache, die sich auch im englischen Begriffspaar „Picture“ und „Image“ niederschlägt. Er skizziert die bisherigen Missverständnisse, verschiedenen Positionen und Betrachtungsweisen aus kunsthistorischer, ethnologischer, philosophischer und anthropologischer Sicht und fordert deshalb eine wesentlich umfassendere Herangehensweise an das Thema.
In meiner Zusammenfassung des dritten Kapitels werden Zitate stets in umklammerten Seitenzahlen am Ende des Absatzes angegeben, die sich ausnahmslos auf das behandelte Buch beziehen. Die gliedernden Überschriften sind ebenfalls der Vorlage entnommen.
2 Der Ort der Bilder - Ein anthropologischer Versuch
2.1 Körper und Kulturen
Hans Belting definiert den menschlichen Körper als den „natürlichen Ort der Bilder“, an dem diese im eigentlichen „lebendigen Sinne“ erst stattfinden können. Dabei unterscheiden sich die kollektiven wie auch individuellen Bildwelten der Menschen von Kultur zu Kultur erheblich. Doch unabhängig davon erzeugt und erkennt jeder Mensch mit seinem Körper als Ort ständig eigene Bilder anhand der Bildangebote, die ihm seine Umwelt liefert. Die Vergänglichkeit dieser Bilder wird dabei von ihrer persönlichen Bedeutung wieder wettgemacht. (57)
Wir Menschen besetzen mit unseren Körpern Orte auf dieser Welt und können zu ihnen zurückkehren, genauso wie die Bilder, die unseren Körper als Ort besetzen, zurückkehren und eine feste „Spur“ in unserem Bewusstsein hinterlassen. Die visuellen Daten und Reize unserer Umwelt, wie auch der Bildmedien nehmen wir mit den Sinnesorganen unseres Körpers auf, doch erst hier nehmen sie als Bild Gestalt an. (58)
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Diese „analytische Operation“ ist eine „kulturelle Übung“, die nur innerhalb des Konsens unserer jeweiligen Kultur funktioniert. Wir können zwar ebenso Bildtechniken aus anderen Zeiten oder Orten vor unserem eigenen Hintergrund betrachten, doch wir werden sie nicht mit den Augen derer sehen, für die sie gemacht wurden. (58)
Unser Körper hat mit unseren eigenen Bildern seine Vergänglichkeit gemein, was sie von ihren physischen Trägern unterscheidet. Trotzdem und gerade deswegen besitzt er als Ort „kollektiver Traditionen“ einer Kultur eine enorme Relevanz. Insofern bedeutet der Tod eines einzelnen Menschen auch den Verlust eines „ganzen Bildarchivs“ (in Abwandlung des eines afrikanischen Sprichwortes). (59)
Sowohl durch intentionale Übertragung (Lehren), als auch in Form von Nachahmen (z.B. bei Kindern) werden die Bilder eines Menschen jedoch auf dynamische Weise auch an spätere Generationen weitergegeben, verwandelt und umgedeutet. In unserem Körper verbindet sich unsere persönliche und kollektive Veranlagung zu einer „doppelten Prägung“, die zu wechselnder Zustimmung und Ablehnung der Bilder unserer Umwelt führt. So repräsentiert unser individueller auch immer einen „kollektiven Körper“ als Ort der Bilder unserer Kultur. (59)
In Zeiten der Globalisierung von früher lokal begrenzten und geschützten Kulturen tragen wir unsere Bilder - wie früher die Emigranten - auch mit an andere Orte, wo sie wiederum die dortigen kollektiven Bilder beeinflussen und mitprägen. Schon in Zeiten der Missionierung von Eingeborenen versuchten Jesuiten die dortige Kultur anhand von Bildern zu kolonisieren, indem sie deren innere Bilder (Visionen) beeinflussten. Diese importierten Bilder führten jedoch bestenfalls zu einer „hybriden Bildkultur“, in der sich Elemente beider Kulturen zu einem neuen, Dritten verwandelten. (60)
2.2 Orte und Räume
Hier untersucht Belting die Beziehung zwischen Bildern und Orten im geografischen Sinne. Auch diese bekommen Ihr „bekanntes Gesicht“, also das Bild, das wir von Ihnen haben, erst durch gewisse „ortsansässige Bildwerke“. So prägen beispielsweise historische Bauten, (vor allem religiöse) Denkmäler oder eine spezifische Architektur die „lokale Identität“. (61) Wenn wir uns an einen Ort erinnern, denken wir an dieses Bild, das wir uns von ihm gemacht haben. Wo dies jedoch früher voraussetzte, an dem Ort auch einmal gewesen zu sein oder an ihm gelebt zu haben, existieren durch die neuen technischen Möglichkeiten der Medien viele Orte für uns nur noch als Bilder. Wir besuchen nicht mehr „Bilder an Orten“ (die unser Bild des Ortes dann prägen), sondern „Orte im Bild“ (nämlich der Abbildung ihrer Bilder...). (61)
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So ersetzen nun durch die modernen Kommunikationsmedien vermittelten „Nicht-Orte“ die realen „geografischen Räume“ mit ihrer ehemals nur den Einheimischen zugänglichen Identität. Die Unterschiede zwischen den realen Orten verwischen immer mehr, sodass der ursprüngliche Ort sogar nur noch als sein eigenes Bild überlebt, von der Realität schon längst überholt. (61)
Dieser „Wechsel des Ostsverständnisses“ führt zu einer Nivellierung des Hier und Jetzt. Wir leben in einem „Informationssystem“ statt an einem bestimmten Ort. Die „bildhafte Präsenz“ von Orten zum Beispiel im TV verschiebt die Erfahrung an Orten zu einer solchen an Bildern. Dieser die Qualität von Orten völlig abzusprechen wäre allerdings falsch, denn unsere Fern-Seh-Erfahrung lässt uns das Ort-hafte auf die Bilder übertragen. (62) Sicher ist, dass die Erinnerung einen Ort diesen zu einem völlig anderen machen kann, als die Wahrnehmung ihn uns tatsächlich zeigt, selbst wenn er sich in Wirklichkeit gar nicht verändert hat. An unserem Bild von einem Ort messen wir seinen aktuellen Zustand. Belting bezeichnet diese Verschiebung zwischen Ort und Bild als „Bedingung jeder echten Ortserfahrung“.(63).
Auch die Bedeutung der vermeintlich gemeinsamen lokalen Bildwelten hat sich im Zuge der Globalisierung verändert. Augés Bild vom „Ethnologen in der Metro“ verdeutlicht dies sehr anschaulich: Obwohl tausende Menschen täglich die Metro benutzen, löst sie doch bei jedem eigene Bilder aus, die je nach der individuellen Zusammenstellung der befahrenen Stationen, den eigenen Erfahrungen und Erinnerungen variieren. (64) Genauso verhält es sich im Großen: während man früher noch die Bilder aus fremden Kulturen in das eigene, lokal einheitliche westliche Verständnis übersetzen wollte, ist heute nur noch der Einzelne fähig, die Bilder in sein eigenes System einzufügen.
3 Bilder und Erinnerungen
Wir können Erlebnisse, Orte und Dinge in unserer Erinnerung speichern, indem wir sie in Bilder verwandeln, die unsere Welt „verkörpern“. Der Wechsel zwischen Erfahrung und Erinnerung funktioniert als Wechsel zwischen Welt und Bild, wobei die so entstehenden „Erinnerungsbilder“ wiederum an allen neuen Sinneseindrücken beteiligt sind, weil sie diese ständig überlagern und unseren Blick auf die Welt beeinflussen. (66) Unser Gedächtnis wird so zu einem „neuronalen System aus Orten der Erinnerung“: Die physische Erfahrung von Orten bildet sich ab in unseren konstruierten Bildern dieser Orte. (66)
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David Jahn, 2007, Bild-Anthropologie - Entwürfe für eine Bildwissenschaft von Hans Belting, München, GRIN Verlag GmbH
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