der ungewollt zum Vater Gewordene wieder nach Florenz zurück. Als seine Geliebte starb, liess er seinen illegitimen Sohn nach Florenz kommen und von seiner Ehefrau erziehen. Mit vier- oder fünfzehn Jahren begann Boccaccio auf Wunsch seines Vaters eine kaufmännische Ausbildung (1327) und wurde kurz darauf zwecks einer Weiterbildung an den neapolitanischen Hof geschickt. Der Aufenthalt in Neapel (1327-1340) wurde zum einschneidenden Erlebnis für den jungen Giovanni und die Erfahrungen, die er am Hof Roberts d`Anjou sammelte, beeinflussten seine Werke entscheidend. 1332 brach Boccaccio, der sich lieber den antiken Schriften von Vergil, Ovid und Statius widmete, seine kaufmännische Ausbildung ab, um Rechtswissenschaften und klassische Sprachen zu studieren. Als die Bardi-Bank vor dem Bankrott stand, rief ihn sein Vater nach Florenz zurück (1340), wo er schliesslich das Amt eines Richters und Notars übernahm. Im Auftrag der Florentiner Regierung begab sich Boccaccio öfters auf Reisen (u.a. zwischen 1346-48 nach Ravenna, Forli und Neapel) oder auf diplomatische Missionen (u.a. 1365 zu Papst Urban V. und 1367 nach Rom). 1373 wurde dem Sechzigjährigen ein Lehramt an der Florentiner Universität angeboten, das er aber wegen seines schlechten Gesundheitszustands bereits 1374 wieder aufgeben musste. Daraufhin zog er sich auf sein Landwesen nach Certaldo zurück und suchte Trost in Meditation und Religion. Dort starb Giovanni Boccaccio 62jährig am 21. Dezember 1375.
Das Dekameron: Form, Inhalt und Aussagen
Giovanni Boccaccio vollendete im Jahre 1353 nach fünfjähriger Schreiblust sein literaturhistorisches Meisterwerk »Il Decamerone«, zu Deutsch das Dekameron/Decameron. Ein erster Druck erschien 1470 in Venedig, doch bereits davor waren zahlreiche Übersetzungen im Umlauf. Als Boccaccio im Winter 1375 starb, vermachte er dem Kloster Santo Spirito seine Bibliothek. Im 18./19. Jahrhundert wurden die Klöster schliesslich säkularisiert, d.h. die kirchlichen Güter wurden aufgehoben und der weltlichen Staatsmacht unterstellt. Sodann gelangte Boccaccios sämtliches Schriftgut an die Biblioteca Nazionale Centrale, genauer an die Biblioteca Laurenziana in Florenz. Zum ersten Mal verdeutscht wurde das Dekameron von Arigo bzw. Heinrich aus Nürnberg. Die erste Auflage in deutscher Sprache erschien 1472/73. Eine genaue Auflistung der zahlreichen Ausgaben, Übersetzungen und Verfilmungen - die von 1470 bis in die 1980er Jahre zurück reichen - sind u.a. in “Kindlers Neues Literatur Lexikon“ (Hg. von Walter Jens) aufgeführt. Eine der besten deutschen Übersetzungen überhaupt - und daher sehr empfehlenswert - geht auf den Juristen und Dante-Forscher Karl Witte (1827) zurück. Der Titel »Dekameron« ist aus den griechischen Worten déka (10) und heméra (Tag) zusammengesetzt und bedeutet »Zehntagewerk« oder »Zehntagebuch«. Die Betitelung sowie der
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Rahmenaufbau stehen demnach in Analogie zum »Hexameron« (Sechstagewerk) des lateinischen Kirchenlehrers Ambrosius (340-397). Für die Gliederung seines Werkes griff Boccaccio gleichfalls auf die sakrale Zahl 10 zurück. Sie spielte im ptolemäisch-christlichen Himmelssystem eine wichtige Rolle und wurde von dem bedeutenden Franziskanermönch Bonaventura (1221-1274) als die perfekte Ziffer bezeichnet (numerus perfectissimus). Die Zahl 10 diente dem Schreiber in dreifacher Weise zur Gliederung seines Werkes: von 10 Leuten werden innert 10 Tagen je 10 Novellen erzählt und besprochen. Die auf der christlichen Zahlensymbolik basierende Gliederung (Cento novelle antiche) übernahm Boccaccio von seinem Vorbild Dante, der in seinem Hauptwerk die »Göttliche Komödie« (la divina commedia) 100 Gesänge zum Besten gab. Auch dass es sich bei den zehn Erzählern um 7 Damen und 3 Herren handelt, ist Dantes Komödie entnommen. Obwohl der geistlichen Lehre entliehen, bediente sich Boccaccio dem Werkaufbau nicht aus gläubigen Motiven (im Gegensatz zu Dante), sondern nutzte sie ausschliesslich als ordnendes Instrument, um seiner Konstruktion Raum zu schaffen.
„Hier beginnt das Buch, genannt Dekameron, beigennant der Erzkuppler, worin hundert Geschichten enthalten sind, die von sieben Damen und drei jungen Männern erzählt werden“. So beginnt das Meisterwerk Boccaccios, das eine Ansammlung von 100 Novellen darstellt, die in einer geschlossenen Rahmenhandlung eingebunden sind. Die Rahmenerzählung wird durch die Einführung von zehn jungen Aristokraten (Brigata) geschaffen. Sieben Damen zwischen achtzehn und achtundzwanzig Jahren treffen an einem Dienstagmorgen durch Zufall in der Kirche Santa Maria Novella zusammen. Die Älteste unter ihnen - Pampinea - macht den Vorschlag, gemeinsam die Heimatstadt Florenz zu verlassen, um der wütenden Pest zu entfliehen. Während die Frauen noch beraten, finden sich drei junge und ihnen bekannte Männer in der Kirche ein. Da es den Damen als unsittlich erscheint, sich ohne männliche Begleitung auf die Reise zu begeben, fordern sie die Herren auf, sie zu begleiten. Schliesslich macht sich die junge Brigata mit ihrer Dienerschaft auf und flieht auf ein zwei Meilen ausserhalb der Stadt liegendes Landgut. Im Verlaufe ihres Aufenthalts auf dem Lande wechselt die Gesellschaft noch weitere zweimal ihren Aufenthaltsort. Nach zwei Wochen - und hundert erzählten Geschichten - kehren die jungen Leute schliesslich geläutert wieder nach Florenz zurück.
Der Tagesablauf selbst wird stets von Müssiggang, Spielen, Lektüre, Musik, Tanz und Spaziergängen bestimmt. Gegen Abend vertreibt sich die junge Gesellschaft mit dem Erzählen von Geschichten die Zeit. Nach dem Abschluss eines jeden Tages wird von einem der Protagonisten ein Kanzone bzw. Canzone (Lied in Gedichtform) vorgetragen. Die Gruppe wählt jeden Tag eine »Königin« bzw. einen »König« aus ihrer Mitte, wodurch jeder einmal an die Reihe kommt. Der/die Gewählte bestimmt dann das Hauptthema der zehn Geschichten des Tages. Nur an zwei Tagen wird zu Ehren Christi und Maria (Freitag und Samstag) die Gesellschaft freigestellt - wodurch diese
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auch nicht als Aufenthaltstage gezählt werden. Jeder Tag (Giornata) wird nach dem/der jeweiligen Herrscher resp. Herrscherin benannt. Nacheinander folgen die Tage: Pampinea, Filomena, Neifile, Filostrato, Fiammetta, Elisa, Dioneo, Lauretta, Emilia und Panfilo. Boccaccio gab den Frauen und Männern Namen, die den Eigenschaften jedes Einzelnen vollständig oder teilweise entsprechen. Die persönliche Regierungszeit und die jeweilige Thematik des Tages gehen parallel. So wird zum Beispiel der dritte (Neifile - Gefäss wollüstiger Gedanken) und siebte Tag (Dioneo - der Venus Geweihte) einzig der Erotik gewidmet. Andererseits nahm sich Boccaccio in seiner Darstellung der Rahmenerzählung gewisse künstlerische Freiheiten heraus und liess sich alle Möglichkeiten offen. Dies wird offensichtlich in der Gestaltung des ersten und neunten Tages - deren Thematik nicht bestimmt werden - und in der Beschreibung des vorwitzigen Dioneo. Dieser - vermutlich ein Selbstporträt des Autors - wird in seiner Charakterdarstellung besonders hervorgehoben, nimmt er sich doch das Recht heraus, jeden Tag die letzte Geschichte zu erzählen und auch sein Tagesthema selbst zu bestimmen.
Die hundert Novellen: Die Novellen, die in sich geschlossen sind und eine feste Struktur aufzeigen, führen verschiedene Sinneseindrücke und Lebenskrisen vor Augen, die ein Menschenleben entweder positiv oder negativ verändern könnten. Die Quellen, die Boccaccio als Grundlage für seine hundert Geschichten heranzog, sind in zahlreichen Forschungsarbeiten ermittelt worden. Es handelt sich dabei um diverse Fabeln, Schwänke und Parabeln aus dem Orient und Okzident, die bereits tausend Jahre zuvor niedergeschrieben wurden. Entlehnungen von griechischen und lateinischen Werken - wie zum Beispiel aus den Äsopischen Fabeln (6 Jh. v. Chr.), aus dem römischen Geschichtswerk „der Goldene Esel“ von Apuleius (um 125) oder von Lukian (120-180) - wurden nachgewiesen. Auch der Stoff mittelalterlicher Legendensammlungen, französischer Fabliaux (Legenden- und Schwankliteratur), italienischer Märchen, Ränken, Lokalgeschichten sowie Klatsch und Tratsch der zeitgenössischen Florentiner Gesellschaft und tatsächliche Begebenheiten, die der Autor selbst erlebte oder erzählt bekam, flossen in seine Novellen mit ein. Die Wissenschaft konnte ungefähr neun Zehntel seines benutzten Stoffes auf ältere Überlieferungen zurückverfolgen. Obwohl Boccaccio vermutlich keine einzige Geschichte selber ausgedacht hat, wurden die benutzten Quellen keineswegs nur von ihm abgeschrieben. Er übernahm zwar deren Ideen, kreierte jedoch aus dem herangezogenen Material seine eigenen Novellen - die am Ende auch ihre ganz eigene Aussage erhielten - und handelte damit nach seinem Credo, dass der Künstler für die Gestaltung seiner Werke eine gewisse Narrenfreiheit besässe. In der Einleitung zum vierten Tag wie auch im Nachwort nahm Boccaccio zu dieser Auffassung Stellung.
Die Novellen resp. jeweiligen Tage werden durch folgende Themen bestimmt: Am ersten und am neunten Tag erzählt jeder „was ein jeder am liebsten hat“ oder „was ihm gefällt und am
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Arbeit zitieren:
lic.phil. Nicole J. Bettlé, 2004, Giovanni Boccaccios Dekameron (1353) - Eine Kurzübersicht, München, GRIN Verlag GmbH
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