Johannes Gutenberg Universität Mainz, Institut für Buchwissenschaft
Hauptseminar: Autor-Verlegerbeziehungen im Spiegel ihrer Briefwechsel
SS 2005
Aufbau im Aufbau die Beziehungen des
frühen Aufbau-Verlages zu seinen Autoren
von
Kirstin Gouverneur
Buchwissenschaft: 7. Semester
Deutsche Philologie: 7.Semester
BWL: 6. Semester
2
Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung
S.
0
1
2
Der erfolgreichste belletristische Verlag der frühen Nachkriegszeit
S.
0
2
2.1
Die Jahre 1945-1950
S.
0
3
2.2
Die Jahre 1951-1960
S.
0
4
3
Bertolt Brecht selbstbewusste Freundschaft
S.
0
5
3.1
In Erinnerung an die gemeinsame Exilzeit
S.
0
5
3.2
Von Max Schroeder zu Walter Janka
S.
0
7
4
Ludwig Renn: enttäuschte Loyalität
S.
0
8
4.1
Adel im Untergrund und andere Projekte
S.
0
9
4.2
Der Zensurfall Der spanische Bürgerkrieg
S.11
5
Thomas Mann Willkür und Kooperation
S.12
5.1
Erste Annäherungsversuche
S.13
5.2
Raubdruck der Buddenbrocks
S.13
5.3
Zweite Annäherungsversuche
S.15
6
Leonhard Frank anstrengende Allroundbetreuung
S.16
6.1
Freundschaft und Geschäft
S.16
6.2
Honorarfragen
S.17
6.3
Neue Aufgabenfelder
S.18
7
Facetten der Autor-Verleger-Beziehungen
S.20
Quellen
S.24
Sekundärliteratur
S.24
Bilderverzeichnis
S.25
Diese Arbeit erfolgt in neuer deutscher Rechtschreibung.
1
1
Einleitung
1945 in Deutschland: das Bild wurde geprägt von Trümmern, aber auch von Wiederaufbau.
Der Aufbau-Verlag war einer der ersten Nachkriegsverlage. Protegiert von der SMAD
(Sowjetische Militäradministration in Deutschland) einerseits, eingeengt und in seinen
Handlungsmöglichkeiten beschnitten durch Zensur, Papiermangel und geringe Kaufkraft in
der Bevölkerung andererseits, bestand die Schwierigkeit seiner Arbeit in der Gratwanderung
zwischen politischen, kulturellen und ökonomischen Erwartungen. Der Aufbau eines guten
Programms, die Versammlung bester und renommiertester Autoren und damit die Schaffung
von Profil und Bekanntheit war die erste Aufgabe des Verlages. Dabei waren sowohl die
eigenen Vorstellungen als aber auch die der Autoren und die der sowjetischen
Militäradministration zu bedienen. Durch die dritte Interessengruppe war die Aufgabe dieses
Verlages im Vergleich mit anderen früher oder in Westdeutschland existierenden Verlagen
noch einmal erschwert.
Vor diesem besonderen historischen Hintergrund soll im Folgenden die Beziehung zwischen
Autor und Verleger anhand von Briefen und Reden genauer untersucht werden. Die
Seminararbeit setzt ihren Schwerpunkt auf das Autor-Verleger-Verhältnis im Zeitraum 1945
bis 1960 und beschränkt sich dabei weiter auf die Exilautoren, da diese im Programm
zunächst dominierend gewesen sind. Die Auswahl erfolgt nach Umfang der Quellenlage und
Repräsentanzwert des Autors.
Obwohl die Reaktionen der Autoren des Zusammenhangs wegen miteinbezogen werden, liegt
der Fokus auf der Verlagsseite. Davon ausgehend, dass die Korrespondenz nicht allein vom
Verlagsleiter geführt worden ist, wird der Begriff des Verlegers auf den Verlag ausgedehnt, so
dass auch Redakteure und Lektoren miteinbezogen werden können.
Ein einführendes Kapitel umreißt zunächst den historischen und verlagsgeschichtlichen
Hintergrund, vor welchem sich all diese zwischenmenschlichen Beziehungen entwickelt
haben. Danach wird das Verhältnis des Aufbau-Verlages am Beispiel vierer typischer Autoren
detaillierter untersucht. Diese Autoren sind Bertolt Brecht, Thomas Mann, Ludwig Renn und
Leonhard Frank, denen jeweils ein eigenständiges Kapitel gewidmet ist. Dabei stellt eine
kurze Biographie, die mit dem Datum des einsetzenden Briefwechsels endet, den Autor vor
und vermittelt so das notwendige Wissen für die folgenden Untersuchungen. Hierzu wird
2
nicht jeder Brief im Detail analysiert, da sich verschiedene Phänomene bei verschiedenen
Schriftstellern wiederholen und überhaupt auch die Korrespondenz keinesfalls vollständig
vorliegt. Vielmehr soll ein möglichst breites, aber dennoch repräsentatives Spektrum der
Beziehungen des Aufbau-Verlages mit seinen Autoren für die angegebene Zeit vermittelt
werden.
Die Nummerierung der Briefe orientiert sich im Folgenden an der chronologischen
Reihenfolge der vorliegenden Quellen, den beiden Briefsammlungen von Elmar Faber und
Carsten Wurm mit den Titeln Allein mit Lebensmittelkarten ist es nicht auszuhalten
1
...
und
Und leiser Jubel zöge ein
2
. Da es sich in beiden Fällen nur um eine kleine Auswahl an Briefen
handelt, macht es im Folgenden wenig Sinn Aussagen zu Anzahl, Häufigkeit und zeitlichen
Abständen innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu machen. Für die Analyse und
Interpretation sowie den historischen Hintergrund haben sich dann Jeden Tag ein Buch
3
und
Der frühe Aufbau-Verlag: 1945 1961
4
als besonders hilfreich erwiesen. Ein abschließendes
Kapitel soll die gewonnenen Erkenntnisse zusammenfassen und eine Typisierung der
Beziehungen ermöglichen.
2
Der erfolgreichste belletristische Verlag der
frühen Nachkriegszeit
m 16. August 1945 wurde die Aufbau-Verlag GmbH im Auftrag des Kulturbundes
zur Demokratischen Erneuerung Deutschlands, vertreten durch seinen Präsidenten
Johannes R. Becher, als zweiter deutscher Verlag der Nachkriegszeit gegründet. Er
sollte der SMAD als Stütze seiner Hausmacht dienen. Zu den vier privaten Gesellschaftern
zählten der Journalist Heinz Willmann, der Volkswirt Klaus Gysi, der Verlagsbuchhändler
Kurt Wilhelm und der Verlagskaufmann Otto Schiele.
1
Allein mit Lebensmittelkarten ist es nicht auszuhalten... Autoren- und Verlegerbriefe 1945-1949. Hg. v. Elmar
Faber u. Carsten Wurm. Berlin: Aufbau 1992 (im Folgenden: Allein mit Lebensmittelkarten ist es nicht
auszuhalten)
2
Und leiser Jubel zöge ein. Autoren- und Verlegerbriefe 1950-1959. Hg. v. Elmar Faber u. Carsten Wurm.
Berlin: Aufbau 1992 (im Folgenden: Und leiser Jubel zöge ein).
3
Jeden Tag ein Buch. Hg. v. Carsten Wurm. 1.Auflage. Berlin: Aufbau 1995. (im Folgenden: Jeden Tag ein
Buch).
4
Wurm, Carsten: Der frühe Aufbau-Verlag: 1945 1961. Konzepte und Kontroversen. Wiesbaden:
Harrassowitz, 1996 (= Schriften und Zeugnisse zur Buchgeschichte Bd.8) (im Folgenden: Der frühe Aufbau-
Verlag).
A
3
2.1
Die Jahre 1945-1950
m gleichen Monat noch erhielt der Verlag die notwendige Lizenz der sowjetischen
Militäradministration und begann mit der Herstellung der ersten Bücher, zunächst
lediglich durch die Buchbindekapazitäten eingeschränkt. Bis zum Jahresende erschienen 12
Titel in 264.000 Exemplaren, womit sich der Aufbau-Verlag zum erfolgreichsten
belletristischen Nachkriegsverlag entwickelte. Doch die Zensur der SMAD, das beschränkte
Papierkontingent und die mit der Währungsreform einhergehende Kaufrestriktion in West und
Ost bedeuteten eine ungemeine Erschwernis der Verlagsarbeit. Verantwortlich für die frühe
Titelauswahl waren zunächst Johannes R. Becher und Cheflektor Paul Wiegler, geleitet von
der Idee die Bereiche Exil, Widerstand und innere Emigration zusammenzuführen. So
erschienen unter anderem Werke von Hans Fallada, Heinrich Mann und Friedrich Wolf.
Dieses Konzept wurde allerdings alsbald mit dem beginnenden Kalten Krieg durch ein neues
ersetzt, dessen Schwerpunkt vielmehr auf dem Ausgleich zwischen Ost und West lag. Es war
geprägt von Erich Wendt
5
in der Verlagsleitung und Max Schroeder
6
als Cheflektor, die, aus
Moskau beziehungsweise New York zurückgekehrt, besonders gute Beziehungen zu den
Emigranten mitbrachten.
7
Mit diesem Hintergrund sowie durch das Ende des Enemy Trading
Act 1947, das sich zunehmend verschlechternde Klima für Emigranten in Westdeutschland
8
und den Erwerb der Aurora-Bücherei nahm die Emigrantenliteratur im Programm des
Aufbau-Verlages einen beherrschenden Platz ein, darunter Autoren wie Bertolt Brecht,
Leonhard Frank und Thomas Mann.
9
Neben dem belletristischen Teil gab es mit Neue Wege
der Wissenschaft
auch noch ein Wissenschaftsprogramm mit marxistischer Ausrichtung.
5
Erich Wendt (*29. 8. 1884 8.5.1965)war Buchhändler und Verleger. 1931 emigrierte er in die Sowjetunion
und wurde dort während der stalinistischen Säuberungen inhaftiert. 1947 kehrte er nach Deutschland zurück und
übernahm bis 1953 die Leitung des Aufbau-Verlages. 1951wurde er zudem Erster Bundessekretär des
Kulturbundes und 1957 Stellvertreter des Ministers für Kultur der DDR.
Vgl.: Allein mit Lebensmittelkarten ist es nicht auszuhalten, S. 408.
6
Max Schroeder (*16.4.1900 1.8. 1957) war Verlagsmitarbeiter und Publizist. 1933 emigrierte er nach
Frankreich und wurde dort Leiter der Deutschen Freiheitsbibliothek und Redakteur der Nachrichtenagentur
Deutsche Information. Nachdem er 1939-1941 interniert gewesen war, emigrierte er weiter nach New York.
1946 nach Deutschland zurückgekehrt, arbeitete er ab 1947 als Cheflektor beim Aufbau-Verlag.
Vgl.: Allein mit Lebensmittelkarten ist es nicht auszuhalten, S. 404.
7
Vgl.: Jeden Tag ein Buch, S. 9-17,119.
8
Vgl.: Der frühe Aufbau-Verlag, S. 57, 77.
9
Vgl.: Das Haus in der französischen Straße. Eine Verlagesgeschichte in Bildern. Hg. v. Carsten Wurm. Berlin
und Weimar: Aufbau Verlag 1990, S.8 (im Folgenden: Das Haus in der französischen Straße).
I
4
2.2
Die Jahre 1951-1960
n den fünfziger Jahren konzentrierte sich der Verlag dann besonders auf Werksammlungen
seiner Stammautoren
10
(z.B.: Bertolt Brecht, Leonhard Frank, Lion Feuchtwanger, Thomas
Mann, Heinrich Mann, Ludwig Renn, Friedrich Wolf und Arnold Zweig)
11
und gab unter
anderem Romane der Weltliteratur (zusammen mir Rütten & Loening) und die Deutsche
Volksbibliothek
, die sich als äußerst populär und rentabel erwies, heraus. Letztere erschien
zwischen 1954 und 1967 in 118 Titeln mit einer Gesamtauflage von 4 Millionen Büchern.
Prägend war daneben die Bibliothek deutscher Klassiker mit 153 Bänden. Zu ihrer Zeit war
Walter Janka
12
schon Geschäftsführer. Neben diesen Sammelwerken ergingen aber auch
Forderungen an den Verlag bestimmte Themen für die SMAD behandeln zu lassen. Dies
wurde durch Themenpläne, Planberichte, Verlegerkonferenzen und die Pflicht auch
Nachauflagen in die Genehmigungspraxis einzubeziehen, kontrollierbar. Außerdem wurden
zahlreiche Titel Sowjet- und volksdemokratischer Literatur publiziert, die nämlich ohne
Lizenz und Bezahlung gedruckt werden durften. Sie sollten eine Art Wiedergutmachung und
Hommage an die sowjetische Besatzung darstellen, verzeichneten aber selten hohe
Auflagezahlen.
13
In einer Sonderschau mit anderen DDR-Verlagen war der Aufbau-Verlag
1954 dann erstmals auf der Frankfurter Buchmesse vertreten. Eine direkte Teilnahme war
durch den Börsenverein wegen der Verlagsenteignungen in der DDR nicht zugelassen
worden. Als bei der Schau die Ostlastigkeit der Titel konstatiert wurde, bemühte sich die
Verlagsleitung durch Integration westdeutscher Autoren und einen Stopp der Zensur um eine
Programmverbreiterung, die mit den 1957 einsetzenden Umwälzungen aber erst einmal
wieder vernachlässigt werden musste. Nach dem Aufstand in Ungarn ließ Walter Ulbricht
nämlich den Geschäftsführer der Aufbau-Verlag GmbH Walter Janka und den Lektor
Wolfgang Harich verhaften und 1957 in Schauprozessen wegen ,,Bildung einer
staatsfeindlichen Gruppe" zu langen Zuchthausstrafen verurteilen. Im Zuge der stalinistischen
Restauration wurden dann wichtige Titel der neueren europäischen und amerikanischen
Literatur aus dem Programm gestrichen, aber auch Bücher von Franz Kafka und Hugo von
10
Vgl.: Jeden Tag ein Buch, S. 18-25.
11
Vgl.: Das Haus in der französischen Straße, S.18.
12
Walter Janka (*29.4. 1914) war schon im Exil als Leiter des Exilverlages ,,El libro libre" in Mexiko tätig.
Nach Deutschland zurückgekehrt wurde er Generaldirektor der DEFA und 1951 erst stellvertretender, dann
Verlagesleiter des Aufbau-Verlages. Am 6.12.1956 wurde er verhaftet und bis 1960 in Bautzen inhaftiert.
Vgl.: Und leiser Jubel zöge ein, S. 482.
13
Vgl.: Der frühe Aufbau-Verlag, S. 83.
I
5
Hofmannsthal. Stattdessen sollte die sozialistische Betriebsprosa, die schon einige Jahre zuvor
im Rahmen des Projektes der ,,Nachterstädter Kumpel" gescheitert war, mit dem 1959
ausgerufenen Bitterfelder Weg wieder belebt werden.
14
3
Bertolt Brecht selbstbewusste
Freundschaft
ertolt Brecht, geboren am 10. Februar 1898, publizierte
1922 Trommeln in der Nacht. Ab 1924 war er als
Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin tätig und
schrieb ab 1926 hauptsächlich so genannte Lehrstücke, in denen
er auf der Grundlage des Marxismus die gesellschaftlichen Missstände erläuterte. Mit der
Dreigroschenoper
, die 1931 auch verfilmt wurde, erschien 1928 zum ersten Mal ein Stück
des epischen Theaters. Das Verbot seines Filmes Kuhle Wampe und der Reichstagsbrand
veranlassten den Schriftsteller 1933 zur Emigration. 1935 wurde ihm dann die deutsche
Staatsbürgerschaft aberkannt. Er wechselte sein Exil ständig. So weilte er mitunter in
Dänemark, Schweden, Finnland und den USA.
15
3.1
In Erinnerung an die gemeinsame Exilzeit
er Aufbau-Verlag trat, ausgehend von den vorliegenden Quellen, erstmals am 8. Mai
1947 mit Bertolt Brecht, der zu jenem Zeitpunkt noch in den USA lebte, in Kontakt.
Dies geschah zunächst indirekt über seine Frau, Helene Brecht. Unterschrieben war der Brief
wie folgt: ,,Mit herzlichen und kameradschaftlichen Grüßen Max Schroeder".
16
Die
Abschiedsformel lässt zwei Schlussfolgerungen zu. Zum ersten, dass die Verbindung mit dem
Aufbau-Verlag auf der gemeinsamen politischen Orientierung beruhte. Zum zweiten, dass die
Brechts mit Schroeder, der ja ebenfalls in amerikanischem Exil gewesen war, besser bekannt
und befreundet waren. Letztere Annahme wird durch die Anrede verstärkt. Der Cheflektor
verwendete den Kosename ,,Helli" und führte mit seinen eigenen privaten beziehungsweise.
14
Vgl.: Jeden Tag ein Buch, S. 9-49.
15
Vgl.: Bertolt Brecht. 1898-1956. (o.Datum) In:
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/BertoltBrecht/index.html [03.09.2005].
16
Allein mit Lebensmittelkarten ist es nicht auszuhalten, S.39-41.
B
D
Bild 1: Bertolt
B
recht
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