Universität Mannheim
Lehrstuhl für neuere deutsche Literaturwissenschaft
Hauptseminar:
Aktuelle Inszenierungen am Mannheimer Nationaltheater
WS 2005/2006
Schillers Wilhelm Tell :
Mythos vom Held der Freiheit
Norman Hanisch
Germanistik / Politik (LA)
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Inhalt
1. Die historische Person Wilhelm Tell ... 3
2. Schiller als Sänger des Tell für die Schweiz ... 6
3. Dichter der Freiheit und Tell als Symbol der Freiheit... 9
4. Tells Entwicklung zum Held in Schillers Drama... 13
5. Umwertung der Werte in der Tellfigur ... 18
6. Literaturverzeichnis:... 21
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1. Die historische Person Wilhelm Tell
Katharina Mommsen, Goetheforscherin an der Deutschen Akademie der Wissenschaften in
Berlin, erinnert sich wie folgt an ihre Schweizer Schulzeit in den fünfziger Jahren:
,,Die heutige Wissenschaft ist, beeindruckt von den Forschungen Karl Meyers, zum Schluss
gekommen, die Existenz Wilhelm Tells als eine wahrscheinliche Möglichkeit zu betrachten"
1
Dieser Lehrsatz, der den damaligen Schülern bei der Behandlung von Schillers Tellstück
vordiktiert wurde, ist beispielhaft für den Schweizer Umgang mit ihrem Ursprungsmythos.
Jede historische Auseinandersetzung, die Zweifel an der Existenz des Nationalhelden
aufkommen lässt, stößt bei den Eidgenossen auf Widerspruch. So glauben nach einer
Umfrage der Schweizer Coopzeitung
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auch heute noch 60% der Schweizer an ihren
historischen Landsmann Tell und man wird es nicht müde, wissenschaftlichen Zweifeln mit
Schriften zu begegnen, die den selben Tenor wie das Buch vom Schweizer Claudio Schärer
inne haben: Und es gab Tell doch. Neue Forschungsergebnisse zur Gründungsgeschichte der
Eidgenossenschaft (Luzern: Harlekin 1986).
Tatsächlich ist die seriöse Wissenschaft jedoch zu dem Schluss gekommen, dass Wilhelm
Tell als eine historische Person nicht nachweisbar ist, was jedoch nicht immer der Fall war.
Im Weißen Buch zu Sarnen (1470), eine der ältesten und umfassendsten Landesschroniken der
Schweiz, oder etwa in Aegidius Tschudis Chronicon Helveticum (16. Jahrhundert) wird die
Geschichte Wilhelm Tells als historische Realität geschildert. Beide Bücher dienten Schiller
als primäre Quellen seines Studiums der Schweizer Geschichte. Sie spiegeln einen Trend zur
Realperson Wilhelm Tell wieder, der bis ins 18. Jahrhundert hineinreichte, bevor erstmals
historische Kritik am Mythos kratzte. So stellt Schneller 1834 in seinen wissenschaftlichen
Recherchen bereits fest, ,, das sich sein (W. Tell's) Name in keinem Archiv der vier
Urkantone finden ließ".
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Zwar stößt Joseph Eutych Kopp bei
,, Dokumentenforschungen 1845 doch auf den Namen Tell im Urner Kirchenbuch (...), zögert
aber nicht, diese Eintragung als Fälschung zu klassifizieren".
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Am treffendsten zu dieser Debatte erscheint mir das Urteil des Baslers Johann Heinrich
Gelzer (Schweizergeschichte), dass bei Friedrich Oberkogler (S.21) wie folgt wiedergegeben
wird:
1
Piatti, S.114.
2
Compagno, S.90.
3
Oberkogler, S.20.
4
Oberkogler, S.21.
4
,,Alle die Ereignisse, die uns von Tell erzählt werden, spielen ins Unwirkliche und
Wunderbare hinein. Und wenn der Apfelschuss sich tatsächlich so vollzogen hätte, dann wäre
Geßler ein Ungeheuer und Tell ein Wahnsinniger gewesen.
Alle die Taten Tells, der glückliche Schuss, die Rettung Baumgartens, der Sprung vom
Geßlerschiff, sowie die ungefährdete Tötung des Tyrannen, sie trügen unzweifelhaft Züge des
Unwirklichen und Sagenhaften."
Gelzer vermutet, dass vielleicht ,,Vorfälle", die ursprünglich gar nicht zusammengehörten, die
sich vielmehr zu verschiedenen Zeiten und an anderen Orten ereignet hätten, hier ,,in ein
einziges frappentes Gemälde zusammengereimt wurden".
So berichtet zum Beispiel der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus bereits um
das Jahr 1200 ,,von einem Kriegsmann Toko (Tocho), einem berühmten Gothen, der als
Schütze sein Ziel nie verfehlte und der auf Geheiß des Königs Heraldo, dem diese
Meisterschaft kundgetan wurde, einen Apfel von dem Haupte seines Sohnes schoss "
5
.
Wie Wilhelm Tell hielt auch der dänische Schütze einen zweiten Pfeil bereit, der im Falle des
Misslingens seinem Herrscher zugedacht war. Jedoch ist der Tell damit kein dänisches
Märchen, denn der Apfelschuss lässt sich auch bei der Wieland-Sage (Eigils Schuss) sowie
bei Finnen, Byzantinern und sogar bei schottischen Balladendichtern des 13. Jahrhunderts
finden
6
. Grund für die Beliebtheit der Apfelschusslegende war dabei auch die Tatsache, dass
,,sie sich durch das Motiv des Tyrannenmords leicht mit revolutionären historischen
Ereignissen verknüpfen ließ."
7
Es handelt sich also um eine sogenannte Wandersage, ,,deren
Motive sich dann aber jeweils lokalen Gegebenheiten anpassen"
8
, die ihren Weg in die
Schweiz fand, und dort vom Meisterschützen Toko zum Lokalheld, den Thall oder Tell wird.
Mag die historische Existenz eines Wilhelm Tell vor und nach Schiller auch häufig Fragen
und Zweifel aufgeworfen haben, so bleibt jedoch eines außer Frage: der von Schiller
geschaffene, alle Zeiten überdauernde Mythos von Wilhelm Tell als Held der Freiheit.
Kein anderes seiner Stücke diente öfters als Vorlage und Leitbild der Geschichte und wird
heute noch, auch außerhalb der Schweiz, in Schulen und Universitäten unter diesem
Gesichtspunkt behandelt. Eine Entwicklung die bereits beim Erscheinen des Stückes
abzusehen war, denn Schiller war sich der beabsichtigten Wirkung des Stückes durchaus
bewusst, wie sich im Folgenden noch zeigen wird.
5
Oberkogler, S.24.
6
Frenzel. Stoffe der Weltliteratur. S.737.
7
Frenzel. Stoffe der Weltliteratur. S.737.
8
Schweikle, S.406.
5
,,Der Tell ist ein solches Volksstück, wie Sie es wünschen..."
9
schreibt Friedrich Schiller am
5. August 1803 an den Berliner Theaterdirektor August Wilhelm Iffland. Damals konnte wohl
noch niemand ahnen, dass dieses Volksstück zwei Begriffe prägen würde, die auch nach 200
Jahren noch Hand in Hand mit dem Namen Friedrich Schiller erwähnt werden:
Sänger des Tell
und
Dichter der Freiheit
Dies zeigt, dass von den vielen bemerkenswerten Aspekten des Dramas, z.B. der gekonnten
Verflechtung dreier anspruchsvoller Handlungsstränge, der als nahezu perfekt geltenden
Dramenkomposition, oder der vielseitigen moralischen und philosophischen Ansätze vor
allem ein Thema für die fortwährende Bedeutung des Stückes ausschlaggebend ist.
Denn neben der höfischen Ebene (Rudenz / Berta-Handlung) und dem sagenumwobenen
Rütlibund war es vor allem das Geschehen um Wilhelm Tell, das nicht nur Schillers
Gedanken, sondern die vieler freiheitsliebender Menschen jener Zeit beflügelte.
,,Wenn Tell und seine Familie nicht der interessanteste Gegenstand im Stücke sind und
bleiben, wenn man auf etwas anderes begieriger sein könnte als auf ihn, so wäre die Absicht
des Werkes sehr verfehlt worden."(Schiller)
10
Dem legendären Stoff um den Meisterschützen Wilhelm Tell, seinem berüchtigten
Apfelschuss und dem Tyrannenmord galt die eigentliche Faszination Schillers. So dienten
ihm nach eigenen Aussagen die beiden anderen Handlungsstränge vielmehr nur zur
Vervollkommnung seines Volksstückes.
Das eigentliche Kernstück des Dramas und seines überdauernden Mythos bildet also die Sage
des Helden Tell. In dieser Arbeit soll sie untersucht werden und eine Antwort auf die Frage
gefunden werden, welche Aspekte Schillers Figur des Wilhelm Tell zum Freiheitshelden
werden ließen.
Nachdem bereits gezeigt wurde, wie die Sage vom Meisterschützen ihren Weg in die Schweiz
gefunden hat und welchen Stellenwert sie dort besitzt, soll zunächst Tells Bedeutung als
Lokalheld untersucht werden.
Darauf aufbauend soll sein Bedeutungshorizont über die Schweiz hinaus ergründet werden,
vor allem in Bezug auf sein gedankliches Wirken, welches im Anschluss anhand von
Schillers Text ausgearbeitet werden soll. Dadurch soll aufgezeigt werden, warum der Tell aus
9
Schiller an Iffland. Lecke, S. 497.
10
Oberkogler, S.114.
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