Christian Einsiedel Selbstdiskrepanz und reziproke Effekte S. 1 von 42
Inhalt:
I EINLEITUNG 2
II DIE THEORIE DER SELBSTDISKREPANZ. 3
1. Die Theorie der Selbstdiskrepanz nach HIGGINS. 3
a) Vorbemerkungen. 3
b) Kernelemente und zentrale Hypothese. 3
2. Literatur zur Theorie der Selbstdiskrepanz 7
a) Empirische Belege bei HIGGINS 7
b) Weitere Studien: Aktueller Stand der Forschung. 10
3. Zusammenfassung 24
III SELBSTDISKREPANZ UND REZIPROKE EFFEKTE 29
1. Überblick: Reziproke Effekte 29
2. Berührungspunkte mit der Theorie der Selbstdiskrepanz 31
IV ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK 36
V ANHANG. 38
1. Literatur 38
2. Anmerkungen. 42
3. Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen 42
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I EINLEITUNG
Welche Auswirkungen hat die Berichterstattung der Massenmedien auf die Menschen, über die berichtet wird? Die Frage nach solchen reziproken Effekten erschließt ein relativ neues Gebiet der Medienwirkungsforschung: Im Blickpunkt stehen nicht Wirkungen von Medienberichten auf die Masse der Rezipienten, sondern einzelne Personen oder Personengruppen, deren Verhalten im Rampenlicht der Medienöffentlichkeit erörtert und bewertet wird.
Reziproke Effekte sind nur als Ergebnis des Zusammenspiels vieler unterschiedlicher Faktoren zu erklären. Zur theoretischen Durchdringung dieses Wirkungsgefüges ist es daher sinnvoll, theoretische Ansätze, die einen oder mehrere dieser Faktoren beleuchten, auf ihren Beitrag zur Erklärung reziproker Effekte hin zu untersuchen. Zu nennen ist hier z. B. Literatur zu Emotionen, 1 Third-Person-Effekten, 2 Appraisal-Theorien, 3 Attributionstheorien, 4 Kontrollstrategien, 5 impression management 6 und öffentlicher Meinung. 7
Ein weiter Ansatz ist die in dieser Arbeit behandelte Theorie der Selbstdiskrepanz, 8 die bestimmte emotionale Reaktionen als Folge eines von eigenen oder fremden Ansprüchen abweichenden Selbstbildes betrachtet. Im Folgenden wird die Theorie zunächst ausführlich dargestellt und vor dem Hintergrund der in der Folge erschienenen Literatur kritisiert und erweitert. Im Anschluß wird ein Überblick der wesentlichen Fragestellungen bei der Erklärung reziproker Effekte gegeben. Vor diesem Hintergrund werden schließlich die Berührungspunkte beider Ansätze und der Beitrag der Theorie der Selbstdiskrepanz zur Erklärung reziproker Effekte diskutiert. Den Abschluß der Arbeit bilden einige Überlegungen zur empirischen Überprüfung der theoretisch hergeleiteten Zusammenhänge.
1 vgl. FRIJDA (1986)
2 vgl. DAVISON (1983, 1996)
3 vgl. FRIJDA (1993)
4 vgl. JONES & Nisbett (1972)
5 vgl. FISKE & Taylor (1991)
6 vgl. TEDESCHI (1981)
7 vgl. NOELLE-NEUMANN (1996)
8 vgl. HIGGINS (1983, 1987), HIGGINS et al. (1985)
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II DIE THEORIE DER SELBSTDISKREPANZ
1. Die Theorie der Selbstdiskrepanz nach HIGGINS
a) Vorbemerkungen
Die erste Veröffentlichung zu HIGGINS‘ 9 sozialpsychologischer Theorie der Selbstdiskrepanz („Self-Concept Discrepancy Theory“; später: „Self-Discrepancy Theory“) stammt aus dem Jahr 1985; 10 sie nimmt Bezug auf unveröffentlichte Manuskripte aus den vorangegangenen Jahren. 11 Im folgenden Abschnitt werden die Kernelemente der Theorie herausgearbeitet und die zentrale Hypothese vorgestellt. Die Erläuterungen beziehen sich dabei hauptsächlich auf einen Artikel aus dem Jahr 1987, 12 in dem HIGGINS die Befunde der älteren Aufsätze aufgreift und seine Theorie um einige Aspekte erweitert. Die Terminologie ist eng an HIGGINS Aufsatz angelehnt, auch wenn der Versuch unternommen wird, für die wesentlichen Begriffe deutsche Entsprechungen zu finden. Auf den ohne Bezug auf HIGGINS, aber in ähnlicher Weise verwendeten Begriff der Selbstdiskrepanz bei DAUENHEIMER et. al. 13 wird dabei nicht eingegangen.
b) Kernelemente und zentrale Hypothese
Ziel der Theorie der Selbstdiskrepanz ist es, Vorhersagen über die Beziehung von Selbsteinschätzungen und Emotionen zu treffen. HIGGINS unterscheidet drei grundsätzliche theoretische Ansätze: Diskrepanzen können (a) zwischen der Wahrnehmung der eigenen Person und dazu inkonsistenten Reaktionen anderer, (b) zwischen inkohärenten Eigenschaften der eigenen Persönlichkeit und (c) zwischen Selbsteinschätzungen und bestimmten Standards auftreten. 14 Die Theorie der Selbstdiskrepanz folgt dem letztgenannten Ansatz.
HIGGINS postuliert, „(...) that different types of self-discrepancies represent different types of negative psychological situations that are associated with different kinds of discomfort.“ 15 Unter Selbstdiskrepanz wird also, vereinfacht gesagt, eine Abweichung der eigenen Situation bzw. des eigenen Verhaltens von Lebensentwürfen, Erwartungen und Standards verstanden. Je nachdem, ob sich diese Standards eher aus Wünschen bzw. Hoffnungen oder aber aus Ver-
9 zurPerson E. Tory HIGGINS‘ und weiteren Schwerpunkten seiner Arbeit, vgl. TRIMEL (1997)
10 HIGGINS et al. (1985)
11 HIGGINS (1983)
12 HIGGINS (1987)
13 vgl. DAUENHEIMER et al. (1999)
14 vgl. HIGGINS (1987), S.332; hier auch Literaturhinweise zu den beiden erstgenannten Ansätzen
15 ebd., S. 319
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pflichtungen bzw. moralischen Ansprüchen zusammensetzen, und je nachdem, ob es sich um die eigene Perspektive oder die eines wichtigen Dritten handelt, entstehen unterschiedliche Selbstdiskrepanzen. HIGGINS spricht von diesen beiden kognitiven Dimensionen als „do- mainsof the self and standpoints on the self“. 16 Er unterscheidet drei Dimensionen - das tatsächliche Selbst („actual self“), das erhoffte Selbst („ideal self“) und das geforderte Selbst („ought self“) - und zwei Standpunkte: Den eigenen Standpunkt („own personal standpoint“) und den eines wichtigen Dritten („standpoint of some significant other“). 17 Die sich daraus ergebenden Kombinationen werden als „self-state representations“ 18 bezeichnet; da dieser Ausdruck m. E. mit „Abbild bzw. Beschreibung verschiedener Zustände des Selbst“ nur unzureichend zu übersetzen ist, soll im Folgenden von verschiedenen „Selbstbildern“ die Rede sein. Tabelle 1 zeigt einen Überblick der möglichen Selbstbilder:
Tabelle 1: Mögliche Selbstbilder (self-state representations)
HIGGINS bezeichnet die Selbstbilder der ersten Spalte in Übereinstimmung mit der Literatur 19 als „self-concept“; für die Selbstbilder der zweiten Spalte, die den erwähnten Erwartungen und Standards entsprechen, führt er den Begriff „self-guides“ ein. 20
Vor diesem Hintergrund ist eine genauere Definition des Begriffs der Selbstdiskrepanz möglich: Jede Abweichung eines Selbstbildes von einem anderen Selbstbild konstituiert eine Selbstdiskrepanz. Wird also z. B. die eigene Auffassung der tatsächlichen Situation den eigenen Wünschen und Zielen nicht gerecht, entsteht eine andere Selbstdiskrepanz als durch die Abweichung der selben Einschätzung von den Anforderungen anderer. In HIGGINS‘ Termi-
16 ebd.,S. 320
17 ebd., S. 320/321; Hervorhebungen wie im Original
18 ebd.
19 HIGGINS nennt WYLIE (1979) als Referenz
20 Die Begriffe self-concept und self-guide werden im Folgenden aus Gründen der Übersichtlichkeit ebenso beibehalten wie die Bezeichnung der kognitiven Dimensionen actual, ideal, ought und der Standpunkte own, other
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nologie handelt es sich im ersten Fall um eine actual/own vs. ideal/own-Diskrepanz, im zweiten Fall um eine actual/own vs. ought/other-Diskrepanz.
Der prognostische Wert der Theorie der Selbstdiskrepanz besteht in ihren Vorhersagen zu den Folgen bestimmter Selbstdiskrepanzen: Wie erwähnt postuliert HIGGINS, daß mit jeder Selbstdiskrepanz bestimmte Emotionen bzw. Formen des Unbehagens einhergehen. Er konzentriert sich hierbei auf Diskrepanzen zwischen dem actual/own-Selbstbild und den idealbzw. ought-Selbstbildern.
Allgemein beschreibt er Unterschiede zwischen der Realität (actual/own) und dem erhofften Selbst (ideal/own bzw. ideal/other) als Abbild des Fehlens positiver Ereignisse (wörtlich: „absence of positive outcomes“, gemeint ist z. B. das Verfehlen eines Ziels). Er geht davon aus, daß solche actual/ideal-Diskrepanzen mit Gefühlen der Niedergeschlagenheit („dejectionrelated emotions“) einhergehen. Dabei unterscheidet er das Gefühl der Enttäuschung bzw. Unzufriedenheit („disappointment“, „dissatisfaction“), das entsteht wenn man seinen eigenen Wünschen nicht gerecht wird, vom Gefühl der Scham bzw. Peinlichkeit („shame“, „embarrassment“), das entsteht, wenn man die Hoffnungen anderer enttäuscht.
Unterschiede zwischen der Realität und dem geforderten Selbst (ought/own bzw. ought/other) bilden nach HIGGINS die Präsenz negativer Ereignisse ab (wörtlich: „presence of negative outcomes“, gemeint sind z. B. Gewissensbisse oder bevorstehende Sanktionen). Er geht davon aus, daß solche actual/ought-Diskrepanzen mit Gefühlen der Beunruhigung („agitationrelated emotions“) assoziiert sind. Dabei unterscheidet er zwischen Schuldgefühlen bzw. Selbstverachtung („guilt“, self-contempt“), die entstehen, wenn man den eigenen moralischen Ansprüchen nicht genügt, und Gefühlen der Angst (vor Sanktionen) bzw. der Bedrohung („fear“, „feeling threatened“), die entstehen, wenn man die Regeln der anderen mißachtet. Einen Überblick dieser Vorhersagen gibt Tabelle 2:
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Tabelle 2: Selbstdiskrepanzen und assoziierte Formen des Unbehagens
Auf die Folgen anderer denkbarer Selbstdiskrepanzen geht HIGGINS‘ Aufsatz nur kurz ein. Für den Fall einer Diskrepanz zwischen verschiedenen self-guides (z. B. ideal/own vs. ought/other) sagt er ein Gefühl der Verwirrung bzw. Unsicherheit („confusion“, uncertainty“) voraus. 21 Diskrepanzen zwischen verschiedenen self-concepts (actual/own vs. actual/other) interpretiert er als Reflexion einer Identitätskrise, die mit Unentschlossenheit und Abhängigkeit („indecision and dependency“) einhergeht. 22
Unterschiedliche Selbstdiskrepanzen schließen sich nach HIGGINS nicht gegenseitig aus. Es ist also möglich, daß eine Person gleichzeitig mehrere Selbstdiskrepanzen und die damit ver-bundenen Emotionen erfährt. 23 Ob eine bestimmte Selbstdiskrepanz auftritt und welche tatsächlichen Auswirkungen sie hat, bestimmen zwei weitere Variablen: Die Verfügbarkeit der Selbstdiskrepanz für das Individuum („availability“, später auch „magnitude“), d. h. ihr Ausmaß, sowie ihre Zugänglichkeit („accessibility“). Während das Ausmaß der Selbstdiskrepanz der Größe des Unterschieds zwischen den entsprechenden Selbstbildern zum gegebenen Zeitpunkt entspricht, wird ihre Zugänglichkeit durch die Anfälligkeit des Individuums für diese Art der Selbstdiskrepanz bestimmt. Die Zugänglichkeit einer Selbstdiskrepanz bei einem Individuum ist also das Maß der Wahrscheinlichkeit ihrer Aktivierung, wobei die selben Faktoren wie bei der Aktivierung anderer gespeicherter Konstrukte eine Rolle spielen: Je kürzer die letzte Aktivierung zurückliegt, je öfter sie zuvor aktiviert wurde und je besser sie sich auf die
21 vgl. HIGGINS (1987), S.334 - HIGGINS referiert hier Ergebnisse aus VAN HOOK & Higgins (1986)
22 vgl. HIGGINS et al. (1985), S. 70; dieser Hinweis fehlt in HIGGINS (1987)
23 vgl. HIGGINS (1987), S. 323
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gegebene Situation anwenden läßt, 24 desto wahrscheinlicher ist ihre Aktivierung und das Auftreten der damit einhergehenden Emotionen.
Vor diesem Hintergrund wird HIGGINS zentrale Hypothese verständlich:
„The greater the magnitude and accessibility of a particular type of self-discrepancy possessed by an individual, the more the individual will suffer the kind of discomfort associated with that type of self-discrepancy.“ 25
2. Literatur zur Theorie der Selbstdiskrepanz
a) Empirische Belege bei HIGGINS
HIGGINS stützt seine Hypothese in beiden o. g. grundlegenden Aufsätzen 26 mit empirischen Daten. Zunächst ist zu bemerken, daß die Art und Stärke der verschiedenen Selbstdiskrepanzen bei befragten Studenten signifikant und exklusiv mit den vorhergesagten Emotionen korreliert. 27 Diese Variablen wurden wie folgt operationalisiert:
Emotionen wurden mit z. T. modifizierten psychologischen Tests abgefragt. 28 Aus einzelnen Items dieser Tests konnten in einer späteren Analyse der erhobenen Daten zwei Cluster gebildet werden: Bestimmte Items lassen sich zu einem Enttäuschung-/Unzufriedenheit-Syndrom („disappointment/dissatisfaction“) gruppieren; andere Items bilden ein Angst-/Rastlosigkeit-Syndrom („fear/restlessness“) ab. Die erhobenen Daten bestätigen die Erwartung, daß actual/ideal-Diskrepanzen mit Gefühlen der Niedergeschlagenheit (signifikante Korrelation mit dem Enttäuschung-/Unzufriedenheit-Syndrom) und actual/own-Diskrepanzen mit Gefühlen der Beunruhigung (signifikante Korrelation mit dem Angst-/Rastlosigkeit-Syndrom) einhergehen. 29
Selbstdiskrepanz wurde über den von HIGGINS et al. entworfenen „selves questionnaire“ 30 gemessen; einen Fragebogen, in dem Selbstauskünfte zu tatsächlichen, erhofften und geforderten Persönlichkeitsattributen eingeholt werden. Dabei wird zunächst die je eigene Sicht abgefragt. Anschließend sollen die Befragten die selbe Einschätzung aus der vermuteten Sicht
24 HIGGINS spricht von „recency of activation“, „frequency of activation“ und „applicability“, vgl. ebd., S. 324; er nennt HIGGINS & King (1981) als Referenz
25 ebd., S. 324
26 HIGGINS et al. (1985) und HIGGINS (1987)
27 vgl. HIGGINS et al. (1985), S. 60-69; HIGGINS (1987), S. 325-328
28 im einzelnen: „Beck Depression Inventory (BDI)“, „Blatt Depressive Experiences Questionnaire“, „Emotions Questionnaire“ (Adaption der „Multiple Affect Adjective Checklist“) und vier von fünf Skalen der „Hopkins Symptom Checklist (HSCL)“; vgl. HIGGINS et al. (1985), S. 58/59
29 STRAUMAN & Higgins (1987); referiert bei: HIGGINS (1987), S. 327
30 HIGGINS et al. (1985), S. 58; vgl. auch die Wiedergabe des Fragenbogentextes im Anhang dieser Arbeit
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des Vaters, der Mutter und des engsten Freundes skizzieren und in einem vierstufigen Rating die Wichtigkeit dieser Bezugspersonen einstufen. Für jede Sichtweise (own- und drei other-Perspektiven) können maximal zehn Attribute angegeben werden. Selbstdiskrepanz wird aus den Unterschieden zwischen der eigenen und der als am wichtigsten eingestuften Fremdperspektive berechnet. Dafür werden im ersten Schritt übereinstimmende und gegensätzliche Attribute (Synonyme und Antonyme nach Roget’s Thesaurus) gezählt. Im zweiten Schritt wird die Anzahl der Antonyme von der Anzahl der Synonyme subtrahiert, so daß der Meßwert von Selbstdiskrepanzen theoretisch zwischen -10 und +10 liegen kann. Nicht aufeinander bezogene Attribute gehen in die Berechnung nicht ein. 31
Diese Operationalisierung des Begriffs der Selbstdiskrepanz wird in einer Studie von 1987 32 weiter differenziert. Als neue Variable im selves-questionnaire wird die Stärke der angegebenen Attribute als vierstufiges Rating abgefragt. Übereinstimmung zwischen Eigen- und Fremdperspektive wird nur noch für synonyme Attribute angenommen, deren Stärke nicht mehr als einen Punkt voneinander abweicht. Im Falle größerer Unterschiede zwischen den Stärken synonymer Attribute werden diese ebenso als gegensätzlich aufgefaßt wie antonyme Attribute. Selbstdiskrepanzen resultieren so nicht nur aus abweichenden Vorstellungen über tatsächliche, erhoffte oder geforderte Eigenschaften, sondern auch aus unterschiedlichen Vorstellungen über das Maß, in dem diese Eigenschaften tatsächlich vorhanden, erhofft oder ge-fordert sind.
Auch zum vorhergesagten Einfluß von Ausmaß und Zugänglichkeit der Selbstdiskrepanz liefert HIGGINS empirische Evidenz. In einer Studie von 1986 33 wurden anhand zuvor ausgefüllter selves-questionnaires zwei Gruppen gebildet: Eine Gruppe bestand aus Versuchspersonen (Vpn) mit hoher actual/ideal- und niedriger actual/ought-Diskrepanz, die zweite Gruppe aus mit hoher actual/ought- und niedriger actual/ideal-Diskrepanz. Alle Vpn wurden zunächst auf ihren momentanen Gefühlszustand getestet. Im Anschluß wurden sie entweder gebeten, sich eine positive Situation vorzustellen, in der ihre Leistung allgemeinen Anforderungen genügt, oder aber sich eine negative Situation auszumalen, in der ihre Leistung nicht ausreicht, solche Anforderungen zu erfüllen. Anschließend wurden erneut die Emotionen der Vpn abgefragt. Während nach dem positiven Stimulus keine Unterschiede zwischen beiden Versuchsgruppen gefunden wurden, ergaben sich nach dem negativen Stimulus signifikante
31 vgl. ebd., S. 59/60
32 STRAUMAN & Higgins (1987); referiert bei: HIGGINS (1987), S. 327
33 HIGGINS, Bond, Klein & Strauman (1986), referiert bei: HIGGINS (1987), S. 328-330
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Christian Einsiedel, 2001, Die Theorie der Selbstdiskrepanz und ihr Beitrag zur Erklärung reziproker Effekte, München, GRIN Verlag GmbH
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