INHALTSVERZEICHNIS
1 Einleitung 2
2 Voraussetzungen in der Krankenpflege vor 1900 3
3 Veränderungen durch Agnes Karll und die B O K D 7
3.1 Erste Schritte die Bedingungen der Krankenpflege zu verbessern 7
3.2 Gründung der B O K D und ihre Mitwirkung im ICN 9
4 Von der B O K D über den Agnes Karll-Verband zum DBfK 13
4.1 Erster Weltkrieg und Weimarer Republik 13
4.2 NS-Zeit und Neuformierung ab 1945 14
4.3 Die Entwicklung vom AKV zum DBfK 15
5 Zusammenfassung und Schlusswort 17
6 Anhang: Agnes Karll Eine Biografie 18
7 Tabellen- und Abbildungsverzeichnis 21
8 Literaturverzeichnis 22
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1 Einleitung
Um 1900 stand die Organisation der Krankenpflege im Blickpunkt der öffentlichen Diskussion. Die bisherigen Strukturen der aufopfernden „gottgefällige[n] ‚Liebestätigkeit’“ (Schmidbaur 2002: 59), die die Mutterhäuser vertraten und daneben die Verhältnisse der meist unqualifizierten „Krankenwartung“ niedriger Schichten verlangten geradezu eine Reformierung, um den gestiegenen medizinischen Anforderungen gerecht zu werden. Im Zuge der Frauenbewegung und der Emanzipation kämpfte Agnes Karll, die nach zehnjähriger Tätigkeit in der Krankenpflege am Rande des körperlichen Ruins stand, energisch an der Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Ausbildung mit ihren Mitstreiterinnen in ihrem neu gegründeten Berufsverband.
Die vorliegende Hausarbeit zeigt die Arbeitsbedingungen in der Krankenpflege um 1900, sowie den Verlauf der Erfolge Agnes Karlls und ihrer Berufsorganisation auf. Sie geht dann auf die weitere Organisationsentwicklung bis heute ein. Zusätzlich findet sich im Anhang zur besseren Einschätzung der Person Agnes Karll eine Biografie.
Für die Hausarbeit wichtigste Quelle war das autobiografieähnliche Buch „Agnes Karll – Die Reformerin der deutschen Krankenpflege“ von Anna Sticker. Gerade während der Biografierecherche und der Erarbeitung der Entwicklung der Berufsorganisation zeigte sich, dass mit dem Inhalt und Briefen aus „erster Hand“ sehr gut zu arbeiten war. Auch Magdalene Rübenstahl griff in ihrem Buch „Wilde Schwestern“ zur Aufbereitung neben Originalartikeln aus damaligen (Fach-) Zeitschriften besonders auf Sticker zurück. Rübenstahls Magistra-Arbeit verschaffte mir einen aufschlussreichen Überblick über die Problematik der damals in der Privatpflege Tätigen und den unhaltbaren Bedingungen in der Krankenpflege vor 1900.
„Vom ‚Lazaruskreuz’ zu ‚Pflege aktuell’“ von Marianne Schmidbaur stellt die Hauptquelle für den Bereich Entwicklung der „Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands“ (B.O.K.D.) ab dem Ersten Weltkrieg bis hin zum „Deutschen Verband für Krankenpflege“ (DBfK) dar.
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2 Voraussetzungen in der Krankenpflege vor 1900
Die Krankenpflege um die Jahrhundertwende war ausschließlich geprägt von den kirchlichen Mutterhäusern und Ordensgemeinschaften, die ihren Schülerinnen eine schon damals veraltete, strenge und völlig unzureichend geregelte „Ausbildung“ boten. Selbst die sich damals in Deutschland formierende „neue“ Organisation „Rotes Kreuz“ übernahm für die Pflegeausbildung von Frauen das alt hergebrachte System der Mutterhäuser, was ein deutsches Phänomen darstellt (vgl. Seidler 1993: 206). „Damit trafen Organisationsmuster aus alten religiösen Gemeinschaften mit noch zu besprechenden Vorstellungen von der Stellung der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft zusammen, deren gegenseitige Auseinandersetzung den inneren Aufbau und die äußere Erscheinungsform der Schwesternschaften in der Folge stark beeinflusste.“ (Seidler 1993: 206f)
Eine statistische Erhebung des Kaiserreichs 1876 ermittelte, dass 87% der insgesamt 8681 Frauen mit Tätigkeit in der Krankenpflege auf rein caritativer Basis arbeiten. Die Anzahl der Schwestern ist proportional gesehen auf die damalige Gesamtbevölkerungszahl von 43 Millionen verschwindend gering. Nur 6%, bzw. 7 % waren unabhängig von der Kirche beim Roten Kreuz oder in der freiberuflichen Pflege (gegen Entgelt) tätig (vgl. Seidler 1993: 207).
Es herrschten härteste Arbeitsbedingungen für die Schwestern in Mutterhäusern, weshalb in den 1880er Jahren der Anteil der „wilden Schwestern“ (also die in der freiberuflichen Krankenpflege Tätigen) auf über 20% anstieg (vgl. Seidler 1993: 211). Gründe für die „Verselbstständigung“ in die freie Krankenpflege waren vor allem die körperliche Ausbeutung und die Reglements der konfessionellen Häuser, bessere Verdienstmöglichkeiten (vgl. Seidler 1993: 211), sowie der wachsende Bedarf an Pflegenden sowohl im privaten -, als auch im öffentlichen Krankenhausbereich. Die Arbeitsbedingungen in den Mutterhäusern kennzeichnen folgende Merkmale:
• 15 und mehr Arbeitsstunden pro Tag, dafür nur „Taschengeld“ • Keine Erholungszeiten und keinen Anspruch auf Jahresurlaub • Fehlende Absicherung im Krankheits- oder Rentenfall
• Hohe Krankheitsanfälligkeit, Suizidgefährdung
• Ungeregelte Ausbildung, daher auch schlecht ausgebildete Pflegende, die den Berufsstand in Misskredit zu bringen drohten
• Absolute Gehorsamspflicht gegenüber den Oberinnen
• Aufgabengebiet umfasste neben pflegerischen genauso hauswirtschaftliche Tätigkeiten (vgl. Seidler 1993: 211 und Rübenstahl 1994: 39)
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Besonders Keuschheit, das Armutsgelübde und der Liebesdienst am Nächsten (nach dem Vorbild der „Imitatio Dei“) standen entgegen dem Konzept einer spezifizierten Ausbildung im Vordergrund (vgl. Rübenstahl 1994: 26f). Gesellschaftlich wurde Krankenpflege entweder als „barmherzige Liebestätigkeit“ (von Mutterhäusern geprägte Einstellung) oder als missachtete Lohnarbeit (Privatkrankenpflege) gesehen (vgl. Rübenstahl 1994: 15). Gegen Ende des 19. Jahrhundert war das bloße „Lohnwartetum“ für „Siechenanstalten“ nicht mehr ausreichend. Mit fortschreitender Medizin stiegen auch die Anforderungen an das Pflegepersonal, das bis dato nicht ausgebildet war.
Theodor Fliedner war Begründer der Diakonissenanstalt Kaiserswerth, wo auch Florence Nightingale Seminare besuchte, und er entwickelte nach konservativem Bild um 1836 das Prinzip der Diakonissenhäuser (vgl. Rübenstahl 1994: 39). Doch nur das Konzept einer mehrmonatigen krankenpflegerischen Ausbildung wurde vom Ausland kopiert – das Konzept der Mutterhäuser blieb beim deutschen Insel-Dasein. Ostner und Krutwa-Schott (1980, in: Rübenstahl 1994: 33) bringen es auf den Punkt: „Hier beginnt das Mutterhausprinzip in das Prinzip ‚Arbeitshaus’ frühkapitalistischer Prägung, […] [mit] Arbeit als Lebensinhalt ohne vertraglich geregelte Entlohnung oder vertraglich ausgehandelte Arbeitszeit […], überzugehen.“
Großer Vorteil des Mutterhaussystems waren die geringen Kosten für die Hospitale. Gerade gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als viele neue Krankenhäuser erbaut wurden, bestand größerer Bedarf an Pflegepersonal. „Proletarisierung und Pauperisierung weiter Bevölkerungskreise, Kriege und Verstädterung erzeugten einen Bedarf neuartiger medizinischer Massenversorgung.“ (Rübenstahl 1994: 39). So scheint es nur verständlich, dass dann auch städtische Kliniken auf das bewährte, kostengünstige System zurückgriffen (vgl. Rübenstahl 1994: 34). Zusätzlich gliederte sich das System bestens in die gesellschaftlichen Strukturen ein. Unverheiratete Frauen wussten sich im Mutterhaus gesellschaftlich geachtet und abgesichert; dem damaligen Frauenbild wurde voll entsprochen (vgl. Kapitel 5); die Ärzte wurden durch besser geschultes Personal unterstützt und vermochten sogleich ihr Berufsfeld, analog zum Frauenbild, dem der Krankenpflege überzuordnen. Man kann geradezu von einer Erfolgswelle der Mutterhäuser sprechen, da die Krankenhäuser von pflichtbewussten, streng erzogenen jungen Frauen profitierten, anders als vom zuvor teuer bezahlten Lohnwartepersonal, das oftmals männlich und unqualifiziert gewesen ist (vgl. Rübenstahl 1994: 34f).
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Die folgende Tabelle soll den stetigen Anstieg des Krankenpflegepersonals in gut 30 Jahren verdeutlichen:
(eigene Darstellung, vgl. Rübenstahl 1994: 41)
Tabelle 1: Statistische Entwicklung des Krankenpflegepersonals 1876-1909
Männer arbeiteten eher in der freiberuflichen Pflege und dann meist auch eher als Masseure o.ä. Finanziell waren sie den Frauen gegenüber um einiges besser gestellt, was mit der Unterhaltsverpflichtung begründet wurde. Z. B. verdiente 1910 ein Pfleger in einem Krankenhaus in Pforzheim um die 1200-1700 Mark Jahresgehalt, dagegen eine Pflegerin nur 900-1275 Mark (vgl. Rübenstahl 1994: 46f). Versicherungen waren für Angehörige der Mutterhäuser unerschwinglich oder quasi unnötig, da ein Tod vor Pensionsalter wahrscheinlich war. Zum Thema Altersversicherung erlaubte sich eine Oberin die Bemerkung: „’…das sei kein schwieriges Problem, der Beruf sei so anstrengend, dass man darin fast nie alt würde.’“ (B.O.K.D. Statistik 1919, in: Rübenstahl 1994: 49). Dazu gab es für die meisten praktisch kein Privat- oder Freizeitleben. Es war durchaus üblich, den Schwestern einen Abend in 14 Tagen frei zu geben, aber auch nur mit Aufenthaltsortangabe, zudem waren Bücher und Besuch nicht erlaubt. Schwangerschaft bedeutete Unsittlichkeit mit gleichzeitiger Entlassung, was Hilflosigkeit und Fassungslosigkeit der Häuser gegenüber ihren Arbeitskräften erkennen lässt.
Die im Ausland (angloamerikanische Staaten) schon damals gängige zwei- bis drei Jahre dauernde Ausbildung war für Deutschland beinahe utopisch. Lediglich eine Probezeit mussten die neuen Schwestern durchlaufen, was aber eher einer Prüfung auf Eignung und Pflichtbewusstsein ohne Rechte glich. Eine adäquate gute theoretische Ausbildung war geradezu unerwünscht, was die Rot-Kreuz-Vorsitzende Eigenbrodt nicht verheimlichte: „Die Erfahrung lehrt, daß ein so[l]ches Wissen zuweilen zur Überhebung verleitet und zum Heraustreten aus dem die Schwestern zierenden bescheidenen Wirken innerhalb ihres schönen erhabenen Berufes führen kann.“ (Bericht der Jahressitzung 1895 des Roten Kreuzes, in: Rübenstahl 1994: 54). Dies zeigt einmal mehr die Verklärung und den Idealismus zur damaligen Zeit. Unterordnung, Kritikverbot, Anordnungsgehorsam und unterwürfiges Dienen charakterisierten das stilisierte Bild der Ärzte von den Pflegenden; sie waren nur niedere Ausführende auf Anweisung der Ärzte. Es wurde die Auffassung vertreten, dass Krankenpflege für Frauen viel weniger Beruf, als „Lebensinhalt und weibliche
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Arbeit zitieren:
Julian Först, 2007, Agnes Karll und die Entwicklung der freiberuflichen Krankenpflege in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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