(Quelle: Homeoffice.idv. 21. April 2007. http://www.homeoffice.idv.tw/archives/image/Birth_of_Venus.html)
I. Gliederung
1 Einleitung 4
2 Das Gesellschaftsbild in den Südstaaten der USA des ausgehenden 19. Jahrhunderts 7
2.1
2.2 2.3
3 Zwischen passiver Prinzessin und autonomer Göttin - die Frauenfiguren in
The
Awakening
12
3.1
3.2
4 Eine Umkehr der Geschlechter in The Awakening - Vermännlichung und Verweiblichung 49 4.1 Dornröschen 49 4.2 Ikarus 51
5 Ein weiblicher Kosmos in
The Awakening
56
5.1 Die Insel 56 5.2 Das Meer 57 5.3
5.4
6 Schlussbetrachtung 65 II. Bibliographie 68
Einleitung 4
1 Einleitung
Der Roman The Awakening 1 von Kate Chopin handelt von der jungen Ehefrau und Mutter Edna Pontellier, die sich gegen die Zwänge der viktorianischen Gesellschaft auflehnt und ihr eigenes Glück und ihre Individualität in den Vordergrund stellt. Für die Leserschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts war der Inhalt ein Skandal. Das Buch wurde von Kritikern zerrissen und von der breiten Öffentlichkeit geschmäht. Die Protagonistin, offenkundig mehr vom Leben erwartend, als die ihr zugedachte Rolle es erlaubte, wurde als dumm und einfältig hingestellt, und Kate Chopin als ihre Schöpferin nicht minder Zielscheibe der Kritik. Mit der Tollkühnheit ihrer Protagonistin hatte Kate Chopin eine Grenze überschritten, die viele ihrer Zeitgenossen noch nicht zu überqueren bereit waren.
Die Brisanz des Werkes liegt meiner Meinung nach in der Tatsache, dass Kate Chopin neben der offensichtlich damals gesellschaftlich nicht vereinbaren Handlung der Protagonistin des Romans eine weitere, subtilere Kritik am bestehenden System übte, die nur bei genauerer Betrachtung einzelner Aspekte zu Tage tritt: Sie verwendete sowohl Bilder aus Grimms Märchen als auch aus der griechischen Mythologie, um die Aussage ihres Buches zu stützen. Diese Aussage gilt es zu definieren. Von der damaligen Leserschaft konnte Chopin sicher erwarten, dass sie die Anspielungen auf sowohl Märchen als auch Mythen verstehen würde, denn eine klassische Ausbildung war in bürgerlichen Kreisen üblich. Die vorliegende Arbeit stellt eine Untersuchung des Romans The Awakening auf mögliche Bezüge zu Grimms Märchen und griechischer Mythologie dar.
Im Vorhinein wäre zu bemerken, dass die Überschrift „Mythologische Bezüge“ für diese Arbeit als Sammelbegriff für sowohl Grimms Märchen als auch die griechische Mythologie zu verstehen ist. Auf eine Genre-Zuordnung und die Besonderheiten der beiden Richtungen Märchen und Mythen soll hier nicht weiter eingegangen werden. Auch kann diese Arbeit sich nur einem Teilaspekt des Themas Märchen und Mythen widmen, da bei der Auswahl der Quellen eine Fülle von Märchen und Mythen auftrat, die sämtlich einzubeziehen den Rahmen der Arbeit sprengen würde.
1 Ersterscheinung: Kate Chopin: The Awakening. Chicago and New York: Herbert S. Stone & Co., 1899. Die vorliegende Arbeit bezieht sich auf folgende Neuauflage des Romans: Kate Chopin: The Awakening. New York: Avon Books, 1972. Beschriebene und zitierte Passagen aus The Awakening sind der Ausgabe von 1972 entnommen und werden mit der entsprechenden in Klammern gesetzten Seitenzahl gekennzeichnet.
Einleitung 5
Sicherlich sind Märchen nicht gleichzusetzen mit der griechischen Mythologie, weder in der Entstehungsgeschichte noch in ihrer Bedeutung. Der Grund, warum die folgenden Kapitel sowohl das eine als auch das andere zu Rate ziehen und den Roman auf seinen Märchen- bzw. Mythengehalt überprüfen sollen, ist folgender: Erstens klingen sowohl Bezüge zu Märchen als auch zur griechischen Mythologie im Roman an, so dass es sich anbietet eben diese beiden Stränge zu verfolgen und auf ähnlichen Gehalt für Chopins Gesellschaftskritik zu überprüfen 2 . Des Weiteren sind beides fiktive Welten, die menschliche Handlungen widerspiegeln. So haben die griechischen Götter etwa menschliche Charakterzüge wie Eifersucht, Liebe oder Rachsucht. Gleichzeitig weisen beide Welten eine patriarchalische Struktur auf, auf die sich ihre Moral gründet. Damit lassen sie sich mit dem viktorianischen Gesellschaftsbild in The Awakening vergleichen.
Hinweise auf die Verwendung mythologischer Bilder finden sich an vielerlei Stellen, namentlich erwähnt werden allerdings nur Philomel (187) und Aphrodite ((186), hier mit ihrem römischen Namen „Venus“). Also liegt es nahe, sich auf die Suche nach weiteren Figuren aus der griechischen Sagenwelt zu machen. Von Kate Chopins Kindheitsfreundin Kitty Garesché weiß man um die Affinität Chopins zu Grimms Märchen, sie nennt sie an erster Stelle der Liste ihrer beider Lieblingsbücher. 3 Auch die Einflechtung von Märchenbildern in The Awakening ist daher plausibel.
Beim Herangehen an diese Arbeit habe ich überlegt, ob ich im Aufbau der Arbeit die zu untersuchenden Romanfiguren in den Vordergrund stellen soll, oder ob es für die Erarbeitung des Themas besser ist, die mythologischen Figuren voranzustellen, und anhand ihrer Eigenschaften und Charaktere Rückschlüsse auf die Romanfiguren zu ziehen. Ich habe mich für Letzteres entschieden, da ich meine, dass dies der Darstellung der Bezüge zwischen dem Roman und der Mythologie zuträglicher ist und der Vermischung der Bezüge der einzelnen Figuren eher gerecht wird. Meine Herangehensweise an das Thema mag daher etwas
2 Es liegt nahe, auch nach Bezügen zu irischer Mythologie zu suchen, da Kate Chopin einen irischen Vater hatte, der sie dahin gehend unterrichtet haben könnte. Dies erschien aber nach einiger Recherche als zu weit hergeholt, besonders da der Text selbst keinen Hinweis darauf gibt. Vergleichbar etwa mit Athene wäre die keltische Göttin Rhiannon, die David Leeming und Jake Page in ihrem Buch beschreiben. Sie weist aber keine Attribute auf, die sich nicht auch in der griechischen Mythologie finden ließen und fand daher keinen Eingang in diese Arbeit. Vgl. Leeming, David and Jake Page: Goddess. Myths of the Female Divine. New York and Oxford: Oxford University Press, 1994, S. 142.
3 Das jedenfalls erzählte sie Daniel Rankin, der sich in den 1930er Jahren auf die Suche nach Spuren Kate Chopins begab. Vgl. Emily Toth: Kate Chopin. London, Sydney, Auckland, Johannesburg: Century, 1991, S. 51.
Einleitung 6
ungewohnt anmuten; nichts desto trotz stehen aber die Romanfiguren Edna, Adèle und Mlle. Reisz explizit im Vordergrund der Untersuchung.
Der erste Teil der Arbeit wird den sozialhistorischen Hintergrund beleuchten, um herauszustellen, dass klare Parallelen von The Awakening zu Kate Chopins eigener Gesellschaft gezogen werden können. Es folgt der Hauptteil, der sich einigen Märchen im Besonderen und der Rolle der weiblichen Märchenheldin im Allgemeinen zuwendet. Dabei werden Analogien zu den weiblichen Romanfiguren hergestellt. Im weiteren Verlauf der Arbeit sollen ausgewählte weibliche Figuren aus der griechischen Mythologie auf ihre mögliche Bedeutung für die Aussage des Romans untersucht werden. Dabei liegt der Fokus auf denjenigen Figuren, die sich der herrschenden Männerwelt entziehen oder gar widersetzen. Darüber hinaus wird die Umkehr der Geschlechterrollen in ausgewählten Märchen bzw. Sagen, auf die der Roman Bezug nimmt, thematisiert. Den Schlussteil der Arbeit bildet eine Untersuchung der Symbolik, die sich in Ednas Umgebung finden lässt, und durch die die Autorin einen weiblichen Kosmos zu kreieren scheint.
Das Gesellschaftsbild in den Südstaaten der USA des ausgehenden 19. Jahrhunderts 7
2 Das Gesellschaftsbild in den Südstaaten der USA des ausgehenden 19.
Jahrhunderts
Um den Roman The Awakening von Kate Chopin hinsichtlich seiner Bezüge zu Grimms Märchen und griechischer Mythologien analysieren und interpretieren zu können, ist es unumgänglich, die Gesellschaft zur Zeit der Veröffentlichung, also des ausgehenden 19. Jahrhunderts, kurz zu beleuchten. Nur indem der historische Rahmen des Buches, die Repression der bürgerlichen Frau unter dem Deckmantel des Cult of True Womanhood und die gegen Ende des Jahrhunderts aufkommende Gegendarstellung der new woman zum Verständnis des Romans miteinbezogen werden, offenbart sich die Brisanz von Ednas Handlungen und somit die unglaubliche Progressivität Kate Chopins, die dem Verständnis ihrer eigenen Leserschaft um einige Jahre vorgreift.
2.1 Das Bild der true woman
Die kreolische Kultur in den Südstaaten der USA war geprägt von dem schillernden Bild, das von den kreolischen Frauen nach außen getragen wurde. Sie konnten zwar musizieren, malen und singen, um so das Bild der charmanten, temperamentvollen Südstaatendame zu unterstreichen, hatten aber ansonsten den Erwartungen der Männer zu entsprechen: Sie durften in der Öffentlichkeit keinerlei eigenständige Gedanken entfalten, sich nicht selbständig in Aktivitäten üben und keine politische Meinung haben. Ihr Aufgabenbereich beschränkte sich ausschließlich auf die häusliche Umgebung, in der sie den Haushalt führten, die Sklaven überwachten und die Kinder gebaren. Es wurde erwartet, dass sie als charmante Gastgeberinnen die Karrieren ihrer Ehemänner günstig beeinflussten und sich ansonsten in allen Dingen rein, tugendhaft und angenehm anzusehen gaben.
Nachdem die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts eine zunehmende Proletarisierung der Unterschicht gebracht hatte und die damit verbundene fabrikmäßige Herstellung von Haushaltswaren die mittelständische Hausfrau entlastete, veränderte sich ihr Aufgabengebiet zunehmend. Sie nahm nun nicht mehr direkt am Arbeitsprozess teil sondern war vornehmlich für die Aufsicht über die verbleibenden Tätigkeiten des Haushalts verantwortlich. Mit wachsendem Wohlstand der Mittelschicht waren die Ehefrauen nun auch Repräsentantinnen
Das Gesellschaftsbild in den Südstaaten der USA des ausgehenden 19. Jahrhunderts 8
dieses Reichtums und wurden ab den dreißiger und vierziger Jahren in dem Bild der „Southern Lady“ 4 zunehmend stilisiert. Dieses Ideal der Frau, die sich ausschließlich ihren häuslichen Pflichten widmete, entfaltete sich als Cult of True Womanhood, der sich in vier Kardinaltugenden offenbarte: Frömmigkeit, Reinheit, Unterwürfigkeit und Häuslichkeit.
Die Stilisierung der Frau zum „Angel of the house“ gab den Frauen der Mittelschicht auf der einen Seite ein neues Aufgabenfeld, sozusagen eine Identität, die sie annehmen konnten, um in der Gesellschaft ein Ansehen zu haben und die Leere auszufüllen, die der Verlust der körperlichen Arbeit mit sich brachte. Auf der anderen Seite verschleierte diese Hochhaltung der Tugendhaftigkeit aber auch die Tatsache, dass die Frauen gesellschaftlich und finanziell zutiefst abhängig von ihren Männern waren. Bildung war ihnen nur in begrenztem Rahmen zugänglich. Zwar durften sie zur Schule gehen, wurden aber hauptsächlich in „frauenrelevanten“ Themen unterrichtet. Frances B. Cogan führt in diesem Zusammenhang Dr. Edward Clark an, einen Schriftsteller der späten siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts, der sich in Fachartikeln gegen eine höhere weibliche Erziehung aussprach, da Frauen aufgrund ihres Menstruationszyklusses die nötige Konzentration für Latein oder Griechisch fehle. 5 Kate Chopin selbst besuchte ein angesehenes Internat in St. Louis, dessen Schwerpunkt die Erziehung zu einer standesgemäßen Hausfrau war. 6 Das Modell des Cult of True Womanhood des 19. Jahrhunderts war noch weit entfernt von akademischer Bildung für Frauen; so übersteigert der moralische Anspruch an sie war, so wenig gestand man den Frauen eigene geistige Entwicklung und eine freie Meinung zu.
Die herrschende Sexualmoral unterdrückte die weibliche Sexualität und sprach den Frauen jedes sexuelle Bedürfnis gemeinhin ab, während sie ihr Ideal in einer lebenslangen wahren Liebe fand, die sich in der Ehe manifestierte. 7
4 Vgl. Barbara Welter: „The Cult of True Womanhood“, American Quarterly, 18 (1966), 152. In: ebda., S. 235.
5 Frances B. Cogan: All American Girl: the ideal of real womanhood in nineteenth-century America. Athens and London: The University of Georgia Press, 1989, S. 70. Natürlich geht Cogan auch auf die Gegenseite ein, so nennt sie z.B. Ely van De Warker (1874) oder Samuel Gregory (1862), die sich für eine höhere Bildung von Frauen einsetzen.
6 Der genaue Lehrplan der „Sacred Heart Academy“ von 1852 sowie eine detaillierte Beschreibung des Tagesablaufs für die „boarder students“ findet sich bei Emily Toth: a.a.O., S. 45f.
7 Vgl. Barbara Becker: Geschichte einer Stunde: Erzählungen und der Roman 'The Awakening’. Frankfurt am Main: Verlag Roter Stern, 1978, S. 236.
Das Gesellschaftsbild in den Südstaaten der USA des ausgehenden 19. Jahrhunderts 9
2.2 Die Entwicklung zur new woman
In gewisser Hinsicht stärkte das Bild der true woman jedoch auch das Selbstbewusstsein der Frauen. Sie galten als das von Gott moralisch höher eingestufte Wesen als der Mann, dessen Triebhaftigkeit allseits anerkannt und toleriert wurde - auf diese Weise wurden auch Liebschaften der Männer außerhalb der Ehe geduldet, damit man die eigenen Ehefrauen nicht mit „niederen“ Trieben belästigen musste. Aufgrund dieser sittlichen Überlegenheit der Frau fiel ihnen die Aufgabe zu, ihre Moral dafür einzusetzen, die Männer, und damit im weiteren Sinne das Weltgeschehen, positiv zu beeinflussen. Natürlich durfte das nur innerhalb der Familie und der eigenen vier Wände passieren, in der die Frauen auf Ehemänner, Brüder und Söhne einwirken konnten. Der Einfluss der Frau blieb somit auf den privaten Rahmen beschränkt. Der überhöhte Anspruch auf Sittlichkeit bei den Frauen beschnitt sie zwar in Bereichen der Sexualität und der freien Entfaltung, war aber dennoch ein Argument der amerikanischen Frauenbewegung, um ihre Forderung nach dem Frauenwahlrecht zu stützen.
Es gab zunehmend Frauen der Mittelschicht, die sich auch ohne den Deckmantel einer organisierten Frauenbewegung ein unabhängiges und selbst bestimmtes Leben wünschten. In den 1890er Jahren wurden solche Vorstellungen in der Presse unter dem Begriff der new woman thematisiert. Carolyn Forrey beschreibt die new woman als gebildete, energische Frau, die Kontakte außerhalb ihres Haushalts pflegte und nach finanzieller Unabhängigkeit strebte, während sie ihren Mann eher als Kameraden sah, als sich ihm unterzuordnen. 8
Während sich also langsam ein neues Selbstbewusstsein innerhalb der häuslichen Grenzen entwickelte und es sogar einigen Frauen gelang, sich eine eigene Existenz aufzubauen - so auch Kate Chopin, die mit ihrem literarischen Talent als ehrbare Witwe und Mutter von sechs Kindern allerdings vorerst keinen Anstoß erregte - war die öffentliche Meinung, die nach wie vor von Männern dominiert wurde, nicht bereit, derartige Zugeständnisse an die Emanzipation der Frauen zu machen.
8 Carolyn Forrey: “The New Woman Revisted”, Women’s Studies, 2 (1974),38. In: Barbara Becker: a.a.O., S. 237.
Das Gesellschaftsbild in den Südstaaten der USA des ausgehenden 19. Jahrhunderts 10
2.3 Handlung und Rezeption des Romans
Der Roman The Awakening beschreibt das Schicksal von Edna, einer jungen Ehefrau und Mutter, die in der kreolischen Gesellschaft New Orleans’ aufgrund ihrer presbyterianischen Abstammung eine Außenseiterin ist. Den Sommer verbringt sie mit anderen Frauen und deren Kindern auf der Ferieninsel Grand Isle, wo sie sich in Robert Lebrun, den Sohn ihrer Vermieterin verliebt. Ihr zur Seite stehen zwei gegenpolige Frauenfiguren, Adèle, die „motherwoman“ (16) und Mlle. Reisz, die eigenbrötlerische Pianistin. Edna selbst ist weder das eine noch das andere und begibt sich auf die Suche nach ihrer Rolle in der Gesellschaft.
Auf der Insel beginnt Ednas „Erwachen“ aus dem unwissenden Zustand, den sie vor dem Beginn ihrer Suche nach Identität innehatte. Sie erfährt sich selbst sinnlich und geistig im Malen, Schwimmen und der Liebe zu Robert. Dieser entflieht der Liaison, die er als aussichtslos empfindet, und geht nach Mexiko, während sich Edna, zurück in New Orleans, immer mehr aus den Konventionen der Gesellschaft löst und ihren eigenen Weg sucht. Dabei schickt sie ihre Kinder fort, verlässt das eheliche Haus, knüpft engeren Kontakt zu der freiheitsliebenden Mlle. Reisz und widmet sich ganz ihrer Malerei. Ihre Suche findet ein Ende, als ihr bewusst wird, dass sie dem Joch der Ehe und den fehlenden Rechten für Frauen nur entfliehen kann, wenn sie dafür alles andere - auch ihre Kinder - aufgibt. Zeitgleich sieht sie die Niederkunft ihrer braven Freundin Adèle mit an, die sie schmerzlich an die Ausweglosigkeit der Bestimmtheit der Frau zur Mutter erinnert, und trifft Robert wieder, mit dem in der Stadt keine Romantik mehr aufkommt. Schließlich verabschiedet er sich mit einem Brief von ihr, da er nicht die Stärke aufbringen kann und will, sich für sie von der Gesellschaft abzuwenden. Die Handlung findet ihr Ende im Meer von Grand Isle, in dem Edna am Anfang des Romans ihre ersten Erfahrungen mit der Freiheit gemacht hatte, und in dem sie sich nun ertränkt.
The Awakening wurde am 22. April 1899 durch Herbert S. Stone & Co veröffentlicht. Bereits zwölf Tage später schrieb die Kritikerin Frances Porcher eine vernichtende Rezension im Mirror 9 , die nur den Auftakt zu einer generellen Ablehnung des Buches einleitete, dass nach
9 Vgl. Per Seyersted: Kate Chopin: a critical biography. Oslo: Universitetsforlaget / Baton Rouge: Louisiana State University Press, 1969, S. 174.
Das Gesellschaftsbild in den Südstaaten der USA des ausgehenden 19. Jahrhunderts 11
Ansicht des Republic sogar „too strong a drink for moral babes“ 10 war und als Gift gekennzeichnet werden sollte. Entgegen einiger Aussagen, Kate Chopin hätte aus Verletztheit über die bösen Kritiken nie wieder geschrieben, und ihre Freunde hätten sich von ihr abgewandt, existieren Briefe einiger Freunde, die ihren Roman bewundern, und sie wurde sogar in den Wednesday Club für Frauen eingeladen, um aus ihrem Werk vorzulesen. Außerdem veröffentlichte sie mehrere Geschichten in Zeitungen nach The Awakening, unter anderem The White Eagle (1900) in der Vogue und A Vocation and a Voice (1902) in Reedy’s Mirror. Kate Chopin scheint also nicht wirklich ihr literarisches Ende erreicht, zumindest aber einen entscheidenden Einschnitt in ihrer Popularität erlitten zu haben. Es erschien jedenfalls kein weiteres großes Werk, und Chopins Roman The Awakening verschwand vorerst in der Versenkung - bis er Mitte des 20. Jahrhunderts von Per Seyersted wieder hervorgeholt wird. Emily Toth beschließt ihre Biographie Kate Chopins mit der Feststellung, dass die Legende der Verbannung dem Roman zumindest eine großartige Renaissance verschaff hat. „And so, long after her death, gossip has, at last, been good to Kate Chopin.” 11
10 Vgl. Per Seyersted: a.a.O., S. 174.
11 Emily Toth: a.a.O., S. 425.
Zwischen passiver Prinzessin und autonomer Göttin - die Frauenfiguren in The Awakening 12
3 Zwischen passiver Prinzessin und autonomer Göttin - die
Frauenfiguren in The Awakening
Das folgende Kapitel wird die drei Frauenfiguren Edna Pontellier, Adèle Ratignolle und Mlle. Reisz beleuchten, um Verbindungen zu Märchenfiguren und Figuren aus der griechischen Mythologie aufzuzeigen. Aufgrund ihrer starken Symbolträchtigkeit werden die weiblichen Romanfiguren in dieser Arbeit im Vordergrund stehen, da es im Wesentlichen darum geht, die weibliche Struktur des Romans in einer männlichen Welt zu entschlüsseln.
Natürlich sind auch die männlichen Figuren auf ihren mythologischen Wert hin untersucht worden, so nennt Rosemary F. Franklin als wichtigste Figur Robert Lebrun; er und Alcée Arobin stellen gemeinsam zwei Gesichter des Eros dar. „Significantly, all these men revolve around the matriarchs, who keep them more or less under control.” 12 Sie bezieht sich dabei auf die Eigenschaft von Eros als Liebesgott, es gibt aber noch weitere Lesarten des Gottes, die eng an Edna gebunden sind. Darauf wird in Abschnitt 4 näher eingegangen. Vorläufig will ich mich also auf die weiblichen Hauptfiguren beschränken.
3.1 Weibliche Attribute aus Grimms Märchen in Bezug auf The Awakening
Man weiß, dass Kate Chopin als Kind gerne Märchen der Brüder Grimm gelesen hat. Es ist aber nicht klar, welche Fassung der Kinder- und Hausmärchen ihr bekannt war. Von der ersten Ausgabe von 1812 bis zur letzten von 1857 erkennt man deutliche Bearbeitungsspuren in der Märchensammlung. So wurden z.B. die böse Mutter von Schneewittchen oder Hänsel und Gretel zur Stiefmutter umfunktioniert oder den Eltern von Dornröschen nachträglich ein inniger Kinderwunsch unterstellt. Damit änderte sich die angestrebte Moral der Geschichten nur unwesentlich, die Veränderungen spiegeln jedoch einen Wandel in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Zwar waren Ammen noch weit verbreitet, die bürgerlichen und adligen Frauen begannen aber zunehmend sich als liebevolle Mütter direkt um ihre Kinder zu kümmern. Mutterschaft wurde zur wichtigsten Aufgabe der Frau - anders als in früheren Zeiten, als die Kinder vornehmlich als Arbeitskräfte und Altersversorgung erzogen wurden,
12 Rosemary F. Franklin: “Edna as Psyche: The Self and the Unconscious”. Approaches to Teaching Kate Chopin’s ‘The Awakening’. New York: The Modern Language Association of America, 1988, S. 147.
Zwischen passiver Prinzessin und autonomer Göttin - die Frauenfiguren in The Awakening 13
trat jetzt die emotionale Bindung in den Vordergrund. Elke Feustel zitiert in diesem Zusammenhang ein zeitgenössisches deutsches Sprichwort, das die Rolle der Frau als Mutter unterstreicht: „Wie viele Kinder ein Weib gebärt, um so viele Stufen kommt sie dem Himmel näher“. 13
Die Brüder Grimm übertrugen diesen gesellschaftlichen Tenor auf ihre Märchen, indem sie den weiblichen Figuren die Bereitschaft zu Ehe und Schwangerschaft gaben. Elke Feustel zufolge entbehren die weiblichen Märchenfiguren ohne den Status der Mutterschaft ein grundlegendes Attribut, da viele Texte mit dem Wunsch nach Schwangerschaft beginnen. 14 Der Prototyp der Märchenheldin zeichnet sich durch Schicksalsergebenheit und Passivität aus. Oft kommt es vor, dass sich der Held nach Bewältigung seiner Abenteuer ohne deren ausdrückliche Zustimmung eine Braut aussuchen darf, meist die jüngste und schönste Prinzessin, oder dass ihm als Lohn die Königstochter seines Auftraggebers versprochen wird. Normalerweise fügt sich das Mädchen und scheint mit der Regelung zufrieden. Aber selbst wenn sie sich sträubt, so z.B. in König Drosselbart, lernt sie am Ende, dass der vom Vater ausgesuchte Mann die beste Wahl ist.
Des Weiteren lassen sich bei den weiblichen Märchenfiguren Fertigkeiten wie Nähen oder Spinnen finden, die die Stereotypen „Ehefrau“ und „Hausfrau“ untermauern. 15 Wir finden die Spindel als Schlüsselsymbol in Dornröschen, die Flachs spinnende Königstochter in Rumpelstilzchen, das putzende Aschenputtel oder das Haushalt führende Schneewittchen. Auch die Prinzessin in König Drosselbart muss lernen, den Haushalt zu führen. Im Großen und Ganzen kann man also die prototypische weibliche Märchenfigur (ausgenommen die Hexen und weisen Frauen, auf die in Abschnitt 3.1.2 noch genauer eingegangen wird) als gutes Beispiel für eine Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft, nicht unähnlich der Edna Pontelliers, sehen. Auch finden sich Parallelen zu ihrer Umgebung: Sie selbst befindet sich in einer Art Schlaf, der die gesellschaftliche Unmündigkeit verdeutlicht, und somit ihre
13 Elke Feustel: „Rätselprinzessinnen und schlafende Schönheiten. Typologie und Funktionen der weiblichen Figuren in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“. Germanistische Texte und Studien. Band 72. Hildesheim, Zürich, New York: Olms - Weidmann, 2004, S. 231.
14 Vgl. ebda., S. 231.
15 Vgl. Diann Rusch-Feja: The Portrayal of the Maturation Process of Girl Figures in Selected Tales of the Brothers Grimm. European University Studies. Series 1: German Language and Literature, Vol. 1539. Frankfurt am Main, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien: Peter Lang, 1995, S. 26.
Zwischen passiver Prinzessin und autonomer Göttin - die Frauenfiguren in The Awakening 14
Passivität in einer von Männern dominierten Welt und ihre sexuelle Gefühllosigkeit symbolisiert.
In ihrer Welt gibt es noch andere Schlafende, z.B. Adèle Ratignolle und Madame Lebrun. „There are no words to describe her [Adèle] save the old ones that have served so often to picture the bygone heroine of romance and the fair lady of our dreams.“(17) Nach dieser Beschreibung Adèles in The Awakening lässt sich ohne Weiteres die Verbindung zur Märchenschönheit ziehen. In den Kinder- und Hausmärchen ist die Rede vom „zauberhafte[n] Liebreiz der ruhenden Mädchen, die so schön [waren], dass es nicht zu sagen ist“ 16 . Bekräftigt wird ihre Verbindung zu Märchen noch durch den Umstand, dass sie - genau wie Madame Lebrun - den gesamten Verlauf des Buches über Kleidung produziert. Schon im Sommer sorgt Adèle vor, indem sie Winterkleidung für die Kinder strickt, eine Fürsorge, die sich bei Edna nicht erkennen lässt.
In Kapitel V wird die Verbindung von Handarbeit und symbolischem Schlaf deutlich: „Madame Ratignolle folded her sewing, placing thimble, scissors, and thread all neatly together in the roll, which she pinned securely. She complained of faintness” (23). Nachdem Edna ihr Riechsalz geholt hat, geht es ihr erstaunlicherweise schnell wieder so gut wie zuvor, und die Autorin bemerkt: “The spell was soon over, and Mrs. Pontellier could not help wondering if there were not a little imagination responsible for its origin, for the rose tint had never faded from her friend’s face“ (23). Der „spell“ ist hier nichts anderes als die Verzauberung Adèles, die durch das offenbar gespielte Ohnmachtsgefühl noch betont wird. Es mag sich an dieser Stelle die Frage aufdrängen, inwieweit sich Adèle ihres eigenen Schlafes bewusst ist und ob sie mit ihrem Wissen um den Zauber nicht sogar noch kokettiert. Auf jeden Fall stellt die Situation eine Verbindung zwischen dem Märchenattribut des Nähens und dem verzauberten Schlaf der Mädchen im Märchen da.
16 Vgl. Elke Feustel: a.a.O., S. 267.
Arbeit zitieren:
Mareike Kruse, 2007, Mythologische Bezüge in Kate Chopins Roman 'The Awakening', München, GRIN Verlag GmbH
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