LMU München
Hauptseminar Amerikanische Kulturgeschichte
,,Die Kultur- und Wissenschaftspolitik der USA in Lateinamerika"
Wintersemester 2006/2007
Realität und Fiktion:
Der Aufstand der Arbeiter der United Fruit Company in
Kolumbien 1928 und die Darstellung in Gabriel García Márquez:
Cien años de soledad
Verfasser:
Florian Jetzlsperger
Studienfächer: Amerikanische
Kulturgeschichte,
Neuere
Geschichte,
Spanisch
Angestrebter
Abschluss:
Magister
Semesterzahl: 10.
Fachsemester
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung _______________________________________________________________ 3
2. Die United Fruit Company in Kolumbien_______________________________________ 5
2.1 Anfänge ______________________________________________________________ 5
2.2 Erste Protestbewegungen und Bildung von Arbeitnehmerorganisationen ___________ 6
3. Realität: Der Streik der Bananenarbeiter von 1928 _______________________________ 7
3.1 Gründe für den Streik ___________________________________________________ 7
3.2 Forderungen der Arbeiter ________________________________________________ 8
3.3 Das Massaker in Ciénaga ________________________________________________ 9
3.4 Konsequenzen ________________________________________________________ 11
4. Fiktion: Darstellung des Streiks in Gabriel Garcia Márquez: Cien años de soledad _____ 12
4.1 Perzeption von Hundert Jahre Einsamkeit __________________________________ 12
4.2 Gründe für den Streik __________________________________________________ 13
4.3 Entwicklung des Streiks ________________________________________________ 14
4.4 Ausgang des Streiks ___________________________________________________ 15
4.4.1 Das Massaker in Macondo ___________________________________________ 15
4.4.2 Die Opferzahlen ___________________________________________________ 16
4.5 Konsequenzen ________________________________________________________ 18
5. Resumée _______________________________________________________________ 19
Literatur__________________________________________________________________ 22
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1. Einleitung
Einer der außergewöhnlichen Aspekte des Romans von García Márquez ist der, daß seine Struktur
mit der der profunden Geschichtlichkeit Spanisch-Amerikas übereinstimmt: dieser Spannung
zwischen Utopie, Epos und Mythos.
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Der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes bezieht sich bei seiner Aussage auf das
wichtigste Werk des kolumbianischen Autors Gabriel García Márquez: Cien años de
soledad. Fuentes erhebt hier einen Anspruch, der seine Gültigkeit in ganz
Lateinamerika zu besitzen scheint: die fiktive Geschichte Márquez' ist gefüllt mit
historischen Fakten der kolumbianischen Geschichte. Besondere Einigkeit unter denen,
die Hundert Jahre Einsamkeit gelesen haben, herrscht darüber, dass Márquez in seinem
Buch das Wirken der United Fruit Company (UFC) in Kolumbien thematisiert und den
Streik der Bananenarbeiter von Magdalena im Jahr 1928, die gegen die Behandlung
von United Fruit protestierten, literarisch verarbeitet hat. Speziell in Kolumbien, aber
auch in ganz Lateinamerika, ist die Akzeptanz darüber, dass die Darstellung des Streiks
durchweg wahrheitsgetreu sei, überaus groß.
Ziel dieser Arbeit wird es sein, die wahren Ereignisse des Streiks in Magdalena mit der
künstlerischen Ausarbeitung Márquez' zu vergleichen und den Roman im Hinblick auf
realitätstreue Wiedergabe der historischen Fakten zu untersuchen.
Dabei werden unter 2. zunächst Beginn und Entwicklung der Tätigkeit der UFC in
Kolumbien, sowie die Unzufriedenheiten der Arbeiter mit den von United Fruit
angebotenen Arbeitsbedingungen dargestellt. Anfang der 20er Jahre entwickelten sich
die ersten Arbeitnehmerorganisationen in Kolumbien (2.2) und es wurde versucht,
durch Proteste eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu erreichen.
Punkt 3.1 stellt die Gründe des Streiks der Bananenarbeiter von UFC dar, die alle auf
unzureichender Versorgung der Arbeiter und einer arbeitspolitischen Entrechtung
gegenüber der amerikanischen Bananenfirma fußten. Der folgende Punkt befasst sich
mit den Forderungen der Arbeitnehmer an United Fruit. Im weiteren werden die
Ereignisse und Entwicklungen des Streiks vom November und Dezember 1928 in der
Bananenregion Kolumbiens aufgezeigt, der letztlich in dem Massaker von Ciénaga
mündet (3.3). Streikende wurden in der Stadt durch die Armee, welche die Regierung
auf Drängen der UFC entsandt hatte, erschossen. Punkt 3.4 zeigt sowohl die
1
Fuentes, Carlos: ,,García Márquez : Das zweite Lesen `Hundert Jahre Einsamkeit.'", in: Ansichten zu Gabriel
García Márquez und Einmischungen des Autors. (Dokumentation) Berlin 1989. S. 42.
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politischen, als auch die gewerkschaftlichen und persönlichen Konsequenzen des
Vorfalls.
In 4. wird diesen historischen Fakten dann die Fiktion Gabriel García Márquez
gegenübergestellt. Die Darstellung des Streiks in seinem Roman Hundert Jahre
Einsamkeit wird mit der historischen Realität verglichen. Große Bedeutung findet dabei
zunächst die Perzeption des Buches (4.1) in Lateinamerika und der Welt. Mit dem
Erscheinen des Werkes waren viele Menschen in Lateinamerika bereit, die literarische
Vorgabe Márquez' als historisch gesichert anzunehmen. Und tatsächlich hält sich der
Autor bei der Darstellung sehr eng an den historischen Ereignissen von 1928. Gerade
die Gründe, die Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen und mit der Behandlung
seitens der United Fruit, und die Forderungen der Arbeiter im Roman entsprechen den
wahren Ursachen und Petitionen der Bananenarbeiter von Magdalena. Im Folgenden
werden das Massaker von Macondo (4.4.1), dem Ort des Geschehens im Roman, und
die von Márquez angegebenen Opferzahlen untersucht und an den wahren Ereignissen
gemessen. Insbesondere die Zahl der Opfer durch die Aktion der Armee in Hundert
Jahre Einsamkeit sind es mehr als 3.000 erregte seit Erscheinen des Buches die
Gemüter und unterteilt Autoren zu dem Thema in zwei Lager: jene, die die Opferzahlen
des Romans als historisch korrekt halten und jene, die sie als unhistorisch, weil
fiktional, zurückweisen. In 4.4.2 sollen beide Parteien dargestellt werden und es soll
dargelegt werden, dass die Opferzahlen in dem Buch nicht der Wahrheit entsprechen.
Punkt 4.5 befasst sich mit den Konsequenzen des Massakers und stellt die
Andersartigkeit der Darstellung gegenüber der geschichtlichen Entwicklung nach dem
6.12.1928 dar.
Am Ende (5.) werden die Punkte noch einmal kurz zusammengefasst und ich will
aufzeigen, dass die Besonderheit von Cien años de soledad nicht nur in der teilweise
sehr genauen Darstellung der Ereignisse von 1928 allein liegt. Zweifellos ist das Werk
an vielen Stellen mit einer großen Reihe von historisch korrekten Begebenheiten
gespickt, denen aber an anderer Stelle die reine Fiktion weicht. Stattdessen liegt ein
weiterer großer Verdienst des Buches darin, dass sich mit seinem Erscheinen Historiker
und Philologen gleichermaßen, mit dem Handeln der United Fruit Company in
Kolumbien und den Ereignissen des Arbeiteraufstandes von 1928 beschäftigt haben.
Somit wurde das Auftreten der amerikanischen Bananengesellschaft und ihr Verhalten
gegenüber kolumbianischen Arbeitern und dem Staat, bzw. ihre Verantwortung an dem
Ausgang des Streiks, zum Thema internationaler Studien. Márquez trug mit seinem
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Roman dazu bei, dass sich die Menschen kritisch mit diesem Kapitel der
kolumbianischen Geschichte auseinander setzten.
2. Die United Fruit Company in Kolumbien
2.1 Anfänge
Am 30. März 1899 schlossen sich die von Lorenzo Dow Baker und Andrew Preston
gegründete Boston Fruit und die Tropical Trading and Transport Company von Minor C.
Keith zusammen und gründeten die United Fruit Company (UFC). 1899 begann die UFC ihre
Unternehmungen in Kolumbien. Mit dem Ende des Tausendtägigen Krieges (1899-1902), der
zwischen den beiden verstrittenen Parteien des Landes Konservativen und Liberalen
ausgefochten wurde, kamen für die nächsten 30 Jahre die Konservativen an die Macht. 1904
wurde General Rafael Reyes zum Präsidenten Kolumbiens ernannt. Dieser versuchte die nach
dem Krieg darniederliegende kolumbianische Wirtschaft anzukurbeln, indem er ausländische
Investoren, insbesondere für den Bananenanbau in der Magdalena Region im Nordwesten des
Landes, suchte. Davon profitierte v.a. die UFC.
Reyes und die konservative Regierung Kolumbiens bewilligten der nordamerikanischen
Firma bis 1929 Steuerbefreiungen auf den Bananenexport. Von den großzügigen
Landverschenkungen profitierte die UFC ebenso sehr wie von der 1909 vereinbarten
Steuerbefreiung für die Santa Marta Eisenbahn, die zunächst auf 20 Jahre begrenzt werden
sollte. Dadurch waren die beiden wichtigsten Interessen der Fruit Company saturiert: Land für
den Anbau von Bananen und Transportmöglichkeiten für eine schnelle Umverteilung. Wie
auch in den anderen Ländern Lateinamerikas in denen die UFC ansässig war, bemühte sich
die Firma um eine ,,vertikale Integration", d.h. die United Fruit Company war zunächst
sowohl für die Produktion im Land, als auch für den Export und den Verkauf in den
jeweiligen Abnahmeländern selbst verantwortlich. Die Bananenproduktion in Kolumbien
expandierte rasant und schnell entwickelten sich kleine Städte in der Magdalena-Region, wie
etwa Aracataca und Ciénaga, zu urbanen Zentren. Die steigende Produktion und somit immer
höhere Exportzahlen für Bananen aus Kolumbien, die von 1910 bis zum Arbeiteraufstand von
1928 fast kontinuierlich anhielten, bewirkte eine immer größer werdende Nachfrage nach
Arbeitskräften. Folglich war eine Großzahl von Kolumbianern an der Bananenproduktion
beteiligt.
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