Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 3
2. Der Erzähler. 4
3. Die Wunscherfüllung. 6
4. Die Selbstbestrafung. 8
5. Die oppositionellen Prozesse in der Verwandlung 11
6. Literaturverzeichnis 12
Einleitung
„Es war kein Traum.“ 1 Diese Aussage des Erzählers der Erzählung „Die Verwandlung“ von Franz Kafka macht dem Leser unmissverständlich klar, dass das phantastische Ereignis der Verwandlung Gregor Samsas in ein „ungeheures Ungeziefer“ 2 eine ernstzunehmende Begebenheit für die fiktive Realität des Textes darstellt. Gespannt kann sich der Leser auf ein Leseerlebnis einlassen, in dem phantastische und realistische Momente eine Synthese eingehen. Der Erzähler führt zuverlässig durch Gregors Innen- und Außenwelt ohne je einen Zweifel an dem Ereignis aufkommen zu lassen. Die Selbstverständlichkeit, mit der über den Prozess der Verwandlung berichtet wird, lässt ahnen, dass der Text sich weniger auf die Konstitutionsbedingungen einer möglichen Welt konzentriert, als vielmehr auf Gregors Reaktion sowie den Reaktionen und Veränderungen seines unmittelbaren Umfeldes in Folge seiner Verwandlung.
Diese Untersuchung widmet sich den Fragen nach den Ursachen und Folgen der Metamorphose Gregors. Was hat die plötzliche Gestaltveränderung von Gregor ausgelöst? Und welche Konsequenzen hat sie für ihn und seine Familie? Außerdem sucht sie die Frage zu beantworten, warum Gregor sich gerade in ein Ungeziefer und nicht in einen schönen Schmetterling oder einen freien Vogel verwandelt. Welche Instanz hat hier gerichtet? Und wie wirkt sich die stete Reproduktion des Urteils durch Gregors Umfeld aus, die die Verwandlung dadurch zu einem tödlichen Prozess macht? Das Vorgehen gliedert sich dabei wie folgt: Zuerst wird die Position des Erzählers als die das Geschehen vermittelnde Instanz betrachtet. Welchen Status hat der Erzähler und wie mittelbar wird erzählt? Diese theoretische Reflexion soll belegen, dass die Erzählung aus der Wahrnehmung Gregors heraus erfolgt und deshalb Antworten auf die Frage nach den Gründen nur aus dessen Perspektive beantwortet werden können. So wird uns der Weg in Gregors Gefühlswelt geebnet, um dann im folgenden Kapitel die Hypothese zu stützen, dass die Verwandlung eine Wunscherfüllung Gregors ist, die er unbewusst herbeigeführt hat, um seinem Leben zu entkommen, ohne dabei Verantwortung für die Veränderungen übernehmen zu müssen. Im dritten Kapitel wird der Verlauf der Verwandlung in Beziehung zu den äußeren Verhältnissen gesetzt. Die These, dass sich Gregor durch seine Wunscherfüllung gleichsam selbst bestraft, soll dabei fundiert werden, wobei besonderes Gewicht darauf gelegt wird, dass die Strafe erst durch die Einwirkung seines Umfeldes lebensbedrohliche Formen annimmt. Das letzte Kapitel zeigt die oppositionellen Prozesse, die seit Gregors Verwandlung in Gang gekommen sind und deutet sie als doppelte Verwandlung: einerseits Gregors Verwandlung vom Mensch zum Tier, andererseits Gretes
3
Verwandlung vom „nutzlose[n]“ 3 Mädchen zur Frau, woraufhin eine Neuformation der
2. Der Erzähler
Die narrative Instanz der Erzählung ist bemüht, das Geschehen so unmittelbar wie möglich darzustellen. Es dominieren eine szenische Erzählweise und die Verwendung spezieller stilistischer Mittel, um dies zu erreichen. Der personale Er-Erzähler 4 verwendet entsprechend häufig Formen der erlebten Rede, der Gedankenreferate und -zitate und der direkten Rede. Dadurch erreicht er, dass der Leser sich fühlt als
„befände er sich selbst auf dem Schauplatz des Geschehens oder er betrachte die dargestellte Welt mit den Augen einer Romanfigur, die jedoch nicht erzählt, sondern in deren Bewusstsein sich das Geschehen
gleichsam spiegelt.“ 5
Der Erzähler reduziert sich überwiegend auf seine Funktion des bloßen Reflektors von Gregors Innerem und seinem direkten, d.h. in Gregors Wahrnehmungsbereich befindlichen Umfeld. Er verzichtet gewissermaßen auf Kommentierung und Bewertung der Handlung. Gregors Umfeld wird aus dem „erlebten Eindruck“ 6 erzählt oder durch Dialoge, die sich in seinem Wahrnehmungsbereich vollziehen, vermittelt. Allerdings ist Gregors „Wahrnehmungsfähigkeit bis an die Grenzen des Möglichen aus[ge]dehnt.“ 7 Trotzdem lässt sich die Rolle des Erzählers nicht gänzlich auf seine Distanz zur Handlung reduzieren. Eher kommt es zu einem Wechselspiel zwischen Gregor und dem Erzähler. Das zeigt sich zunächst an der häufigen Verwendung der erlebten Rede, denn die erlebte Rede funktioniert mittels einer Verschmelzung von Figur und Erzähler. 8 Im Gegensatz dazu kommt es aber auch zu einem Zwiespalt bzw. einer Divergenz zwischen den Gedankenzitaten Gregors und den Erzählerberichten. Dass der Erzähler allwissend ist und über Gregors Wahrnehmung hinausgehen kann, zeigt vor allem die am Anfang bestehende Diskrepanz zwischen ihm und Gregor. Gregor will zu Beginn der Erzählung seine Verwandlung nicht wahrhaben und versucht noch nach der Reaktion der Familie und dem Prokuristen auf ihn, diese davon zu überzeugen, dass er sich „gleich anziehen, die Kollektion
4
zusammenpacken und wegfahren“ 9 wird. Gregors notorischem Unglauben steht der Erzähler
als allwissender aber neutraler Vermittler gegenüber, denn er stellt fest, dass Gregor,
„ohne daran zu denken, dass er seine gegenwärtigen Fähigkeiten, sich zu bewegen, noch gar nicht kannte, ohne auch daran zu denken, dass seine Rede möglicherweise-, ja wahrscheinlicherweise wieder nicht
verstanden worden war […]“ 10
handelt. So vermittelt der Erzähler zwischen Gregors die Verwandlung verdrängenden Gedanken und den tatsächlichen Verhältnissen. Hier zeigt sich, wie angewiesen der Leser auf die Erzählerberichte ist, denn der Leser spricht hier dem Erzähler eine absolute Zuverlässigkeit zu. Obwohl ihm das Ereignis womöglich irreal erscheint, akzeptiert er die Ereignisse für die Realität im Text. Die Glaubwürdigkeit des unerhörten Ereignisses der Verwandlung erhält der Text nicht zuletzt durch die neutrale, kommentarlose Berichterstattung des Erzählers.
Im letzten Abschnitt 11 ergibt sich das Problem, dass Gregor durch seinen Tod als Fokalisierungszentrum wegfällt, so dass dieser Abschnitt vollständig aus dem nüchternen Bericht des Erzählers besteht. Der Erzähler wechselt von einer dominierenden Innen- zu einer überwiegenden Außenperspektive. Werden die Figuren im Verlauf der Erzählung über ihre Verwandtschaftsbeziehung zu Gregor bezeichnet („Vater“, „Mutter“ und „Schwester“), 12 wechseln diese nach Gregors Tod zu „Herr und Frau Samsa“ 13 und „Grete“ 14 . In diesem Abschnitt finden sich kaum mehr direkte Bezüge zur Wahrnehmung der Figuren oder einer Figur. Aber auch an anderen Stellen verwendet der Erzähler einen zeitraffenden Erzählerbericht, um Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit des Geschehens zu sichern bzw. gerade in der Mitte der Erzählung, um Redundanz zu vermeiden. Nichtsdestotrotz bleibt der Erzähler unbeteiligt und zum Geschehen distanziert.
Die Fokalisierung auf Gregor ermöglicht den direkten Zugang zu seiner Gedanken- und Gefühlswelt, d.h. zu seinem Innenleben. Ist es nicht folglich unabdingbar, die Ursachen für die Verwandlung bei Gregor selbst zu suchen und dementsprechend Gregor den Status der urteilenden Instanz zuzuweisen? Demzufolge ist die Verwandlung in ein Ungeziefer kein generalisierbares gesellschaftliches Phänomen, kein Gleichnis, das jeden treffen kann, sondern ein spezielles Ereignis in einer fiktiven Realität, welches wir nur durch Gregors
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Arbeit zitieren:
Anna Fiege, 2006, Die Verwandlung als Wunscherfüllung und gleichzeitige Selbstbestrafung - Eine phantastische Verkehrung vom Innen ins Außen, München, GRIN Verlag GmbH
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Das Groteske in der Literatur - Franz Kafkas "Die Verwandlung&quo...
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