Die Zuschauerkonzeption der
feministischen Filmtheorie
Freie Universität Berlin
Institut für Theaterwissenschaft
Seminar für Filmwissenschaft
Sommersemester 2007
Hausarbeit im
Proseminar Einführung in die Theorie und Ästhetik des Films
vorgelegt von
Theresa Hartig
2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ... 3
2
Der männliche Zuschauer... 4
2.1
Der männliche Blick... 4
2.2
Die Frau als Ware... 5
2.3
Befriedigung der männlichen Triebe... 6
2.3.1 Skopophilie... 7
2.3.2 Fetischismus ... 7
2.3.3 Narzissmuss... 9
3
Die weibliche Zuschauerin... 10
3.1
Narzissmuss und Überidentifikation ... 11
3.2
Transvestismus und Maskerade ... 12
3.3
Der weibliche Blick als Bedrohung für den männlichen Blick... 12
4
Aktivität und Passivität der Zuschauer... 13
5 Schlusswort ... 14
6 Literaturverzeichnis... 16
3
1
Einleitung
Die feministische Filmtheorie geht davon aus, dass der konventionelle Film sowohl
unbewusst als auch von vielen unbemerkt durch die patriarchalische Gesellschaft strukturiert
ist und deren Werte und Ansichten widerspiegelt sowie vermittelt. Sie setzt sich insbesondere
mit konventionellen Filmen, wie z.B. den Hollywood Filmen der 30er und 40er Jahre, sowie
dem klassischen Hollywood Stil auseinander. Der feministischen Filmtheorie nach
reflektieren diese herkömmlichen Film die gesellschaftlich etablierten
Geschlechterunterschiede. Die Theorie basiert auf der von Freud begründeten Psychoanalyse
und veranschaulicht ihre Thesen mit deren Mitteln. Sie kritisiert den klassischen Filmstil und
hat zum Ziel, durch dessen Entlarvung neuen Arten des Filmemachens Wege zu eröffnen. Ihre
langfristige Absicht ist es, eine Theorie und Praxis zu entwickeln, die gegen den
patriarchalisch strukturierten Film vorgehen.
Diese Arbeit untersucht die Zuschauerkonzeption der feministischen Filmtheorie in Bezug auf
den konventionellen Film. Die Grundthese dieser Konzeption ist, dass der Film für den Mann
produziert wird und dessen Triebe befriedigt, indem er die Frau als Schauobjekt einsetzt.
In dieser Arbeit wird zuerst auf das vorrangig behandelte Konzept des männlichen Zuschauers
eingegangen und analysiert, wie im herkömmlichen Kino die Frau unter dem Blick des
Mannes zum Objekt wird. Des Weiteren wird aufgezeigt, durch welche psychoanalytischen
Theorien sich die Position des männlichen Zuschauers erläutern lässt. Anschließend wird die
Situation der weiblichen Zuschauerin betrachtet und dargelegt, welche abnormalen Positionen
sie im konventionellen Kino einnehmen muss. Außerdem wird erforscht, warum der
weibliche Blick eine Bedrohung für den Mann darstellt und wie dieser versucht, ihn zu
unterdrücken. Letztendlich wird untersucht, inwiefern die Zuschauerkonzeption der
feministischen Filmtheorie folglich aktiv oder passiv ist.
Als Materialgrundlage für diese Arbeit dienten insbesondere zentrale Texte zur
Zuschauerkonzeption der feministischen Filmtheorie, z.B. von den Filmwissenschaftlerinnen
Mulvey und Doane, im Weiteren auch Veröffentlichungen der Psychoanalytiker Freud und
Lacan.
4
2
Der männliche Zuschauer
2.1
Der männliche Blick
,,Der Blick auf einen Menschen impliziert immer Macht über ihn, indem der Angeblickte
durch ihn zum Objekt wird; der Schauende setzt sich korrelativ dazu automatisch als
machthabendes Subjekt
." [Hervorhebungen T.H.]
1
Die feministische Filmtheorie stellt die Dominanz des männlichen Blickes und die
Vorherrschaft des maskulinen Zuschauers im konventionellen Kino fest. ,,Der bestimmende
männliche Blick projiziert seine Phantasie auf die weibliche Gestalt, die dementsprechend
geformt wird."
2
Die Situation des männlichen Zuschauers im herkömmlichen Kino ist somit
klar definiert: Er ist das betrachtende Subjekt, die Frau dagegen stellt das betrachtete Objekt
dar. Die Frau ist unter dem Blick des Mannes, wie auch in der patriarchalischen Gesellschaft
abhängig von diesem; der Mann dagegen ist selbstständig, unabhängig und hat das Gefühl der
Macht über die betrachtete Frau.
3
Die Frau ist folglich das Schauobjekt des männlichen Blickes und hat keinerlei Relevanz für
den tatsächlichen Handlungsstrang und dessen Verlauf. In der Handlung ist nicht von
Bedeutung, wer die Frau ist und wie sie sich verhält, sondern ausschließlich, welche Gefühle
und Verhaltensweisen sie beim Mann auslöst.
4
,,Sie [die Frau, T.H.] war erotisches Objekt für den Betrachter im Zuschauerraum, wobei die
Spannung zwischen den Blicken auf beiden Seiten der Leinwand wechselte".
5
Dies sind
einerseits der Blick des männlichen Protagonisten und andererseits der Blick des männlichen
Zuschauers. Der Mann also, der selbst niemals zum Sexualobjekt gemacht wird, ,,kontrolliert
die Phantasie des Films und tritt so in einem weiteren Sinne als Repräsentant der Macht
hervor: als Träger des Blickes des Zuschauers"
6
. Der männliche Protagonist als leitende
Hauptfigur lenkt den Blick und die Wahrnehmung des Zuschauers und wird infolgedessen zur
Identifikationsfigur für den maskulinen Betrachter. Der Protagonist und somit auch der
Zuschauer haben folglich das Gefühl, einerseits die Macht über das Geschehene und
andererseits die Macht über den erotischen Blick und damit über die Frau zu haben; es
entsteht für sie ein ,,Omnipotenz-Gefühl"
7
. In der Darstellung des Mannes ist daher ein großer
Realismus von Bedeutung, z.B. durch die Betonung des dreidimensionalen Raums durch
1
Riecke 1998, S. 54f.
2
Mulvey 1975, S. 55.
3
Vgl. Riecke 1998, S. 55f.
4
Die folgenden Darlegungen zum männlichen Blick stützen sich auf Mulvey 1975, S. 55ff.
5
Mulvey 1975, S. 56.
6
Mulvey 1975, S. 56.
7
Mulvey 1975, S. 57.
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