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Untertitel: Theoretischer Vergleich und praktische Konzeption in Bezug auf die transatlantische Nato-Entwicklung
Seminararbeit, 2008, 28 Seiten
Autor: David Liebelt
Fach: Politik - Int. Politik - Allgemeines und Theorien
Details
Tags: Neorealismus, Institutionalismus, Liberalismus
Jahr: 2008
Seiten: 28
Note: 2
Literaturverzeichnis: ~ 46 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-02949-0
ISBN (Buch): 978-3-638-92798-7
Dateigröße: 379 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Akademiker und Praktiker differieren in der internationalen Politik insofern, dass für den einen „(…) eher die Methode, für den anderen mehr das Resultat gedanklicher Arbeit ausschlaggebend ist.“ Sicherlich, für den Praktiker gelten Relevanzkriterien, die eine „situationsgerechte Lösung eines praktischen Problems gestatten“ , während das wissenschaftliche Arbeiten die methodische Generierung fundierter Erfahrungen bedingt und weniger ihre politische Operationalisierung. Dennoch sind operative Politik und wissenschaftliche Ideengenerierung zutiefst miteinander verbunden, denn angesichts der Faktenflut und Dynamik des Geschehens obliegen der Theorie vier Primärfunktionen um die Realität zu verarbeiten: „ (…) die Theorie hilft kausal und strukturell relevante Elemente zu erkennen (Selektionsfunktion), diese zu Vorstellungsbildern von der Wirklichkeit zu strukturieren (Gestaltungsfunktion), ihre Wirkungszusammenhänge zu erklären (Deutungs-funktion) und rational begründete Voraussagen hinsichtlich erwartbarer Entwicklungs-tendenzen zu entwerfen (Prognosefunktion).“ Die Theorie wirkt damit als ein Filterungsprozess, der das wechselvolle Kaleidoskop der Abläufe durch den systematischen Vergleich historischer Erfahrungen ordnet und in Analogien relativer Konstanz - zum Zweck der Typisierung und Begriffsbildung - befriedet und in Zusammenhang setzt: „Neben die alten Nationalstaaten sind als Handlungsträger gesellschaftliche Gruppen und wirtschaftliche Verbände getreten. Die politische Interaktionsebene ist eng verschränkt mit sozialen, ökonomischen und technologischen Bereichen. Die internationalen Beziehungen bilden also ein äußerst komplexes Interaktionsmuster, dessen Strukturen nicht immer offen zu Tage treten.“ Vor diesem Hintergrund sollen in der vorliegenden Seminararbeit Ansätze der wissenschaftlichen Bewältigung dieser Komplexität und der methodisch sachgerechten, theoriegestützten Analyse internationaler Politik vorgestellt werden. Die Seminararbeit gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die Unterschiede zwischen den Theorieansätzen Neorealismus, Liberalismus und Institutionalismus umschreiben lassen. Er bildet damit den theoretischen Teil der Seminararbeit. Darauf folgt die praktische Umsetzung der Theoriemasse in ein aktuell politisches Problem: die zukünftige Entwicklung der NATO aus der Sicht der Theorieschulen.
Textauszug (computergeneriert)
Universität Freiburg
Seminar für Wissenschaftliche Politik
HS Internationale Politik: Sicherheitspolitik und globaler Wandel
WS 2007/2008
Theorie und Praxis
Neorealismus - Institutionalismus - Liberalismus
Theoretischer Vergleich und praktische Konzeption in Bezug auf die transatlantische
Nato-Entwicklung
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
S. 1
2.
Neorealismus
S.
2
5
2.1.
Grundprämissen
2.2. Konstellationen
2.3. Interaktionen
3.
Institutionalismus
S.
6
9
3.1. Grundprämissen
3.2. Kooperation
3.3. Wirkung internationaler Institutionen
4.
Liberalismus
S.
9
12
4.1. Grundprämissen
4.2. Akteure
4.3. Präferenzkonstellation
4.4. Liberalismus-Varianten
5. Die transatlantische Nato-Entwicklung im Theorie-Fokus S. 13 18
5.1. Neorealistische Sicht
5.2. Institutionalistische Sicht
5.3. Liberale Sicht
6.
Resümee
S.
20
7. Literaturverzeichnis
S. 21 23
2
1. Einleitung
Akademiker und Praktiker differieren in der internationalen Politik insofern, dass für den
einen ,,(...)
eher die Methode, für den anderen mehr das Resultat gedanklicher Arbeit
ausschlaggebend ist.
"1 Sicherlich, für den Praktiker gelten Relevanzkriterien, die eine
,,
situationsgerechte Lösung eines praktischen Problems gestatten
"2, während das
wissenschaftliche Arbeiten die methodische Generierung fundierter Erfahrungen bedingt und
weniger ihre politische Operationalisierung. Dennoch sind operative Politik und
wissenschaftliche Ideengenerierung zutiefst miteinander verbunden, denn angesichts der
Faktenflut und Dynamik des Geschehens obliegen der Theorie vier Primärfunktionen um die
Realität zu verarbeiten: ,, (...)
die Theorie hilft kausal und strukturell relevante Elemente zu
erkennen (Selektionsfunktion), diese zu Vorstellungsbildern von der Wirklichkeit zu
strukturieren (Gestaltungsfunktion), ihre Wirkungszusammenhänge zu erklären (Deutungs-
funktion) und rational begründete Voraussagen hinsichtlich erwartbarer Entwicklungs-
tendenzen zu entwerfen (Prognosefunktion
)."3 Die Theorie wirkt damit als ein Filterungs-
prozess, der das wechselvolle Kaleidoskop der Abläufe durch den systematischen Vergleich
historischer Erfahrungen ordnet und in Analogien relativer Konstanz - zum Zweck der
Typisierung und Begriffsbildung - befriedet und in Zusammenhang setzt: ,,
Neben die alten
Nationalstaaten sind als Handlungsträger gesellschaftliche Gruppen und wirtschaftliche
Verbände getreten. Die politische Interaktionsebene ist eng verschränkt mit sozialen,
ökonomischen und technologischen Bereichen. Die internationalen Beziehungen bilden also
ein äußerst komplexes Interaktionsmuster, dessen Strukturen nicht immer offen zu Tage
treten
."4 Vor diesem Hintergrund sollen in der vorliegenden Seminararbeit Ansätze der
wissenschaftlichen Bewältigung dieser Komplexität und der methodisch sachgerechten,
theoriegestützten Analyse internationaler Politik vorgestellt werden. Die Seminararbeit
gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die
Unterschiede zwischen den Theorieansätzen Neorealismus, Liberalismus und Institutio-
nalismus umschreiben lassen. Er bildet damit den theoretischen Teil der Seminararbeit.
Darauf folgt die praktische Umsetzung der Theoriemasse in ein aktuell politisches Problem:
die zukünftige Entwicklung der NATO aus der Sicht der Theorieschulen.
1 Nerlich, U.: Zur Wissenschaft und Praxis der Internationalen Beziehungen. In: Ders. (Hrsg.): Krieg und
Frieden im industriellen Zeitalter. Gütersloh 1966. S. 10
2 Siehe ebda.
3 Siehe ebda. S.12.
4 Siehe Haftendorn, H.: Theorie der internationalen Politik. Gegenstand und Methode der internationalen
Beziehungen. Hamburg. 1975. S. 9.
3
2. Neorealismus
2.1. Grundprämissen
Ein passendes Einstiegszitat in den Neorealismus stammt von einem der bedeutendsten
Vertreter der Theorie selber, John Mearsheimer: ,,
Realism paints a rather grim picture of
world politics. The international system is portrayed as a brutal arena where states look for
opportunities to take advantage of each other, and therefore have little reason to trust each
other
."5 Entstanden ist der Neorealismus in einer der Hochphasen des Kalten Krieges, denn
nach dem Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan und der wirtschaftlichen Schwächung
der USA durch die steigenden Erdölpreise war ein möglicher Verlust der amerikanischen
Vormachtstellung denkbar. Und es war diese Frage nach den Gründen des Niedergangs, die
Politologen wie Mearsheimer oder Kenneth Waltz interessierte.6 Anders als der normativ
geprägte Realismus sollte der neorealistische Ansatz auf szientistischen Methoden beruhen.7
Dabei sind allgemeine deduktiv gewonnene Erklärungsmuster angestrebt, die auf wenigen
zentralen Annahmen beruhen und das strukturalistisch begründete Machtstreben einzelner in
den Mittelpunkt stellen, sowie den Staat als den entscheidenden Akteur herauskristallisieren.8
Die Prämissen der neorealistischen Theorie lassen sich von der Definition des internationalen
Systems ableiten, das aus Struktur und interagierenden Einheiten
(
units
), besteht9: "A
domestic political structure is thus defined, first, according to the principle by which it is
ordered; second, by specification of the functions of formally differentiated units; and third,
by the distribution of capabilities across those units
."10 Im Anschluss überträgt Waltz diese
drei Merkmale auf die Ebene der internationalen Politik.
(a) Das Ordnungsprinzip ist die Hauptkennzeichnung einer politischen Struktur. Während
jedoch der Staat eine Hierarchie besitzt, sind die natürlichen Attribute des internationalen
Systems - aufgrund des Fehlens einer übergeordneten sanktionsfähigen Autorität - Anarchie
5 Siehe Mearsheimer, J.: The False Promise of International Institutions. In: International Security. 19. S. 5-49.
S.9. 1994. Als Vater der Theorie gilt jedoch seit der Veröffentlichung von "Theory of International Politics"
1979 Kenneth Waltz. Vgl. dazu Schörnig, N.: Neorealismus. In: Theorien der Internationalen Beziehungen.
Hrsg. von Siegfried Schieder und Manuela Spindler. Opladen 2003. S. 61-87. S. 61.
6 Vgl. Siedschlag, A.: Neorealismus in der Theorie internationaler Politik. In: Innsbruck Forum on International
Relations. 2004. http://www.ifir.at/pdf/Tutorial/Siedschlag_Neorealismus.pdf (Stand: 07.05.2006). S. 2. Und
vgl. Schörnig: 62f.. Und auch Menzel, U.: Zwischen Idealismus und Realismus: Die Lehre von den
Internationalen Beziehungen. F/M 2001. S. 162.
7 Vgl. Krell, G.: Weltbilder und Weltordnung. Einführung in die Theorie der Internationalen Beziehungen.
Baden-Baden 2004. 161f..
8 Vgl. Waltz (1979): S. 18 und Siedschlag: S. 2f.. Die Verschiebung von der Individual- zur Systemebene macht
auch den großen Unterschied zum Realismus aus. Das Erkenntnisinteresse gilt also der ,,
Identifizierung und
Erklärung systemischer Effekte."
Zitiert nach Siedschlag: S. 4.
9 Vgl. Waltz (1979): S. 78-99.
10 Siehe ebda.: S. 82.
4
und Dezentralismus11: "
Among men as among states, anarchy, or the absence of government,
is associated with the occurrence of violence
."12
(b) Die
units
sind die Staaten, welche zwar nicht die einzigen, jedoch die einzig maßgebenden
Akteure darstellen: "
States are not and never have been the only international actors. But
then structures are defined not by all of the actors that flourish within them but by the major
ones
. (...)
States are the units whose interactions form the structure of international-political
systems
."13 Der Staat als solches aber wird als
black box
gesehen in der innerstaatliche
Vorgänge oder politische Systeme als irrelevant abgetan werden, um einheitliche und rational
handelnde Akteure im Sinne der Nutzenmaximierung (mit der Priorität der Souveränitäts-
sicherung im Sinne der nationalen Sicherheit) herauszudestillieren.14 Dadurch erfüllt jeder
Staat dieselben Aufgaben, denn in einem System, in dem es keine Sanktionsinstanz gibt,
bringt Abhängigkeit, wie sie durch Aufgabenteilung entsteht, schnell Sicherheitsgefahren im
nationalen Sektor.
(c) Die Machtrelation/Stärkeverhältnisse als politische, ökonomische und militärische Macht-
mittel jedoch sind variabel und definieren die Machtposition eines jeweiligen Staates.15
2.2. Konstellationen
Aus den Grundannahmen kann man nun verschiedene Ordnungen des internationalen Systems
ableiten. Je nachdem, ob das internationale System bipolar von zwei Großmächten, bzw.
Blöcken, unipolar von einer Großmacht oder multipolar von mehr als zwei Großmächten be-
stimmt wird, variiert das Verhalten der Staaten.16
(a) In der Multipolarität herrscht aufgrund instabiler und unklarer Verhältnisse ein hohes
Unsicherheitsgefühl.17 Darum auch gibt es eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von Konflikten
und Präventivschlägen, denn
"
(...)
the actions of any of them
[states]
may threaten the
security
of others.18"
In dieser Konstellation gilt es den Machtvorteil anderer zu verhindern
bevor er entsteht und gleichzeitig situativ flexible Allianzen zu bilden, um eventuelle
11 Vgl. ebda.: S. 88-89.
12 Siehe ebda.: S. 102.
13 Siehe ebda.: S. 93-95. Andererseits können internationale Institutionen an Bedeutung gewinnen, wenn sie von
den Großmächten instrumentalisiert werden. Vgl. dazu Waltz (2000): S. 24.
14 Vgl. Schörnig: S. 67 und Waltz (1979): S. 93. In manchen Theorien wird davon ausgegangen, dass die
Außenpolitik eines Staates nur die Fortsetzung seiner Innenpolitik ist (z.B. Lenin).
15 Vgl. Waltz (1979): 130f..
16 Vgl.ebda.: S. 129.
17 Vgl. ebda.: S. 165.
18 Siehe ebda.: S. 169.
5
Nachteile auszugleichen: ,,
In a multipolar world dangers are diffused, responsabilities
unclear, and definitions of vital interests easily obscured
."19
(b) Die Bipolarität ist laut Waltz die stabilste Ordnungsform, wiewohl er nach zwei
Unterarten differenziert:20 Mächtepolarität und Blockpolarität.
Am eindeutigsten sei die Bipolarität zweier Großmächte, da sicherheitspolitische Fehlein-
schätzungen - aufgrund fehlender militärischer Interdependenzen - selten seien:
,,Internal
balancing is more reliable and
precise than external balancing."21
Aufgrund des komplexen
Allianzmanagements, in einer Situation, in der sich zwei gleichstarke Blöcke
gegenüberstehen, sei die Gefahr militärischer Fehleinschätzungen zwar ungleich höher,
jedoch nach Kosten-Nutzen-Kalkül vertretbar.22
(c) In der Unipolarität existiert ein Hegemon, wobei es stets zum Versuch einer Gegenmacht-
bildung seitens der anderen Staaten käme, was wiederum den Hegemon zu wirtschaftlich-
militärischen Reaktionen reize und die Gefahr von Konflikten und Kriegen im Vergleich zur
Bipolarität drastisch erhöhe.23
2.3. Interaktionen
Das anarchische internationale System determiniert nicht nur die verschiedenen
Machtkonstellationen, sondern auch in Folge das Verhalten der Akteure. Dieses ist, wie
bereits erwähnt, in erster Linie auf das eigene Sicherheitsinteresse abgestellt, was nur durch
eine Machtakkumulation erreicht werden kann.24 Da die Machtakkumulation des einzelnen
grundsätzlich das Sicherheitsbedürfnis aller anderen gefährdet, entsteht ein Sicherheits-
dilemma, auf das verschiedenartig reagiert werden kann. Wird ein Staat bedroht, so hat er
zwei Möglichkeiten darauf zu reagieren: Entweder er schließt sich der größten Macht, also
der Bedrohung selbst an (
bandwagoning
) oder - empirisch häufiger belegt - er verbündet sich
mit dessen Gegnern, um so einen eventuellen Angriff der stärksten Macht abwehren zu
können, beziehungsweise den Angriff (durch das entstandene Machtgleichgewicht)
unattraktiv zu machen (
Balancing)
.25 Im Vergleich ist
Balancing
sicherlich
die attraktivere
19 Siehe ebda.: S. 171.
20 Vgl. ebda.: S. 162 und S. 173-175.
21 Siehe ebda.: S. 168.
22 Vgl. ebda.: S. 172.
23 Stephen Walt geht davon aus, dass diese Gegenmachtbildung langsamer erfolgt, wenn der Hegemon friedlich
ist, bzw. nicht als bedrohlich wahrgenommen wird. Die
balance of threat
bildet sich jedoch schneller aus wenn
der Grad der Bedrohung höher ist: ,,(...)
the greater the threat, the greater the probability that the vulnerable
state will seek an alliance
." Zitiert nach Walt (1987): S. 17.
24 Dabei ist festzuhalten, dass die Macht für Waltz das Mittel und nicht das Ziel ist.
25 Vgl. Walt (1987): S. 17 und S. 147-161. Außerdem Waltz (1979): S. 126f..
6
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