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Vertrauen in den Abschlussprüfer

Untertitel: Entstehung, Nutzen und Grenzen der Beeinflussbarkeit

Doktorarbeit / Dissertation, 2007, 363 Seiten
Autor: Jan Mauelshagen
Fach: Wirtschaft - Revision, Prüfungswesen

Details

Kategorie: Doktorarbeit / Dissertation
Jahr: 2007
Seiten: 363
Note: 1
Literaturverzeichnis: ~ 472  Einträge
Sprache: Deutsch

Archivnummer: V87672
ISBN (E-Book): 978-3-638-02294-1
ISBN (Buch): 978-3-638-92385-9
Dateigröße: 1388 KB

Zusammenfassung / Abstract

Die Bundesregierung hat verschiedene Maßnahmen ergriffen, durch die das primär aufgrund von Bilanzdelikten erodierte Vertrauen in den Abschlussprüfer wiederhergestellt bzw. gestärkt werden soll. Während auf den ersten Blick jede einzelne Regelung geeignet scheint, dieses Ziel zu erreichen, entbehren diesbezügliche Aussagen jedoch oft einer konkreten Wissensbasis. Sie werden lediglich intuitiv getätigt und Vertrauen wird dabei häufig unreflektiert als vorteilhaft erachtet. Das uneinheitliche, weit gefasste Begriffverständnis ermöglicht es sodann, Vertrauen in seiner Vielschichtigkeit als zentrale Erklärungsvariable und Zielgröße für jedwedes Verhalten heranzuziehen. Hieraus resultiert neben einem wenig dezidierten Umgang mit dem Vertrauensbegriff ferner die Schwierigkeit, die Wirksamkeit von Maßnahmen zur Vertrauensförderung objektiv zu beurteilen. Ziel der Arbeit ist es daher, eine Präzisierung des Vertrauensbegriffs herbeizuführen und den Nutzen bzw. die Notwendigkeit des Vertrauens für Vertrauensgeber und -nehmer herauszustellen. Beeinflussungspotenziale und Grenzen der Vertrauensentstehung werden identifiziert, daraus resultierende Erkenntnisse werden auf Investoren als Vertrauensgeber bzw. Abschlussprüfer als Vertrauensnehmer angewendet und zeigen mögliche Ansatzpunkte für das Entstehen vertrauensvoller Beziehungen zwischen diesen Akteuren auf. Auf Basis des so gewonnenen theoretischen Bezugsrahmens werden dann ausgewählte, von der Bundesregierung verabschiedete Maßnahmen zur Wiederherstellung und Stärkung des Vertrauens in den Abschlussprüfer dahingehend untersucht, ob und inwiefern diese tatsächlich geeignet sind, Vertrauen in den Abschlussprüfer herbeizuführen. Bei den untersuchten Maßnahmen handelt es sich um das Bilanzrechtsreformgesetz (BilReG), das Bilanzkontrollgesetz (BilKoG), das Abschlussprüferaufsichtsgesetz (APAG) und das Berufsaufsichtsreformgesetz (BARefG).


Textauszug (computergeneriert)

Universität Duisburg-Essen - Mercator School of Management

Vertrauen in den Abschlussprüfer

Entstehung, Nutzen und Grenzen der Beeinflussbarkeit

Jan Mauelshagen

 

Inhaltsverzeichnis


1 Einleitung ... 1

1.1 Hintergrund ... 1
1.2 Problemstellung und Vorgehensweise ... 2

2 Vertrauen ... 6

2.1 Begriffsabgrenzung ... 6
    2.1.1 Multidimensionalität ... 6
    2.1.2 Charakteristika ... 8
        2.1.2.1 Grundlagen ... 8
        2.1.2.2 Vertrauen als Verhaltenstypus oder Disposition ... 12
    2.1.3 Misstrauen ... 15
    2.1.4 Verwandte Begriffe ... 17
2.2 Abschlussprüfer ... 19
    2.2.1 Abschlussprüfer als Vertrauensnehmer ... 19
        2.2.1.1 Grundlagen ... 19
        2.2.1.2 Kompetenz ... 26
        2.2.1.3 Motivationale Disposition ... 28
        2.2.1.4 Erwartungslücke ... 31
        2.2.1.5 Prüfungsqualität ... 36
    2.2.2 Vertrauensgeber ... 39
        2.2.2.1 Investorenfokus ... 39
        2.2.2.2 Kleinaktionäre ... 40
        2.2.2.3 Großaktionäre ... 41
        2.2.2.4 Aufsichtsratsmitglieder ... 42
    2.2.3 Vertrauensobjekte ... 42
        2.2.3.1 Personen ... 42
        2.2.3.2 Organisationen ... 43
        2.2.3.3 Systeme ... 47

3 Nutzenaspekte von Vertrauen in den Abschlussprüfer ... 53

3.1 Begrenzte Rationalität ... 53
3.2 Komplexitätsreduktion ... 55
    3.2.1 Schaffung von Handlungsfähigkeit ... 55
    3.2.2 Schaffung von Handlungssicherheit ... 57
        3.2.2.1 Beziehungsrisiko ... 57
            3.2.2.1.1 Opportunismus ... 57
            3.2.2.1.2 Konkrete Beziehungsrisiken ... 59
        3.2.2.2 Reduzierung des Beziehungsrisikos ... 60
            3.2.2.2.1 Vermeidung ... 60
            3.2.2.2.2 Integration ... 61
            3.2.2.2.3 Beziehungsabhängige Konstrukte auf Vertrauensbasis ... 62
            3.2.2.2.4 Verträge ... 62
                3.2.2.2.4.1 Gesetzlich verpflichtende Verträge ... 62
                3.2.2.2.4.2 Beziehungsabhängige implizite Verträge und Vereinbarungen ... 63
                3.2.2.2.4.3 Beziehung von Vertrag und Vertrauen ... 65
                    3.2.2.2.4.3.1 Komplementarität von Vertrag und Vertrauen ... 65
                    3.2.2.2.4.3.2 Substituierbarkeit von Vertrag und Vertrauen ... 67
            3.2.2.2.5 Netzwerkstrukturen ... 68
            3.2.2.2.6 Intermediäre ... 69
    3.2.3 Blindes Vertrauen ... 71
3.3 Effizienzsteigerung ... 74
3.4 Intrinsischer Wert ... 77
3.5 Theoretische Erklärungsansätze zur ökonomischen Vorteilhaftigkeit von Vertrauen ... 78
    3.5.1 Entscheidungstheoretischer Ansatz ... 78
    3.5.2 Spieltheorie ... 82
        3.5.2.1 Klassische Spieltheorie ... 82
        3.5.2.2 Evolutionäre Spieltheorie ... 86
    3.5.3 Neue Institutionenökonomik ... 89
        3.5.3.1 Transaktionskostentheorie ... 89
        3.5.3.2 Prinzipal-Agententheorie ... 94

4 Entscheidungskalkül des Vertrauensnehmers ... 99

4.1 Motivationstypen ... 99
4.2 Egoismus ... 102
    4.2.1 Zwang und Selbstinteresse ... 102
    4.2.2 Institutionelle Rahmenbedingungen und Verträge ... 102
    4.2.3 Selbstdurchsetzende Vereinbarungen ... 104
        4.2.3.1 Beziehungsabhängigkeit ... 104
        4.2.3.2 Spezifische Investitionen ... 105
        4.2.3.3 Vertrauen als Vermögensgegenstand ... 107
        4.2.3.4 Generierung von Sozialkapital ... 108
        4.2.3.5 Reputationsmechanismen ... 109
        4.2.3.6 Sicherheiten ... 112
        4.2.3.7 Anreizstrukturen ... 113
4.3 Altruismus ... 114
    4.3.1 Grundlegende Möglichkeit uneigennützigen Verhaltens ... 114
    4.3.2 Gemeinschaftliche Werte und soziale Normen ... 116
    4.3.3 Beziehungsabhängige Gründe ... 118
4.4 Reziprozität ... 119

5 Vertrauensentstehung ... 122

5.1 Grundsätzliche Vertrauensbereitschaft ... 122
    5.1.1 Persönlichkeitsorientierte Vertrauensforschung ... 122
    5.1.2 Entwicklungspsychologische Konzeption des Urvertrauens ... 123
    5.1.3 Vertrauen als Erwartungshaltung ... 125
5.2 Vertrauensentstehung in sozialen Systemen ... 129
    5.2.1 Emergenz ... 129
    5.2.2 Soziale Komplexitätsreduktion ... 131
    5.2.3 Gesellschaftlicher Verhaltensstandard ... 133
    5.2.4 Moderne Gesellschaftsformen ... 135
5.3 Beurteilung der Vertrauenswürdigkeit ... 137
    5.3.1 Spezifische Vertrauenserwartung ... 137
    5.3.2 Wahrnehmung der Vertrauenswürdigkeit ... 143
        5.3.2.1 Wahrnehmbarkeit der Leistung ... 143
        5.3.2.2 Berücksichtigung von eigenen und fremden Erfahrungen ... 147
        5.3.2.3 Beobachtungsebenen ... 149
        5.3.2.4 Indikatoren für Vertrauenswürdigkeit ... 152
            5.3.2.4.1 Direkte Wahrnehmung der Vertrauenswürdigkeit ... 152
            5.3.2.4.2 Erfahrungsquellen für die Abschlussprüferleistung ... 155
            5.3.2.4.3 Indikatoren für Leistungspotenzial ... 161
            5.3.2.4.4 Indikatoren für Leistungsbereitschaft ... 167
                5.3.2.4.4.1 Intrinsische und extrinsische Dimension ... 167
                5.3.2.4.4.2 Unabhängigkeit ... 170
                5.3.2.4.4.3 Sanktionierung ... 173
                    5.3.2.4.4.3.1 Grundlagen ... 173
                    5.3.2.4.4.3.2 Berufsaufsicht ... 175
                    5.3.2.4.4.3.3 Zivilrechtliche Haftung ... 178
                    5.3.2.4.4.3.4 Externe Qualitätskontrollen ... 180
    5.3.3 Wahrnehmungs-/Erwartungsvergleich ... 181
        5.3.3.1 Kognitiver Vergleichsprozess ... 181
        5.3.3.2 Kognitive Dissonanz ... 185
    5.3.4 Erwartungsenttäuschungen ... 188
5.4 Vertrauensgewährung im weiten Sinn ... 190
    5.4.1 Kalkulation und Vertrauen ... 190
    5.4.2 Systemisches Vertrauen ... 193
    5.4.3 Grenzen kalkulierten Vertrauens ... 194
        5.4.3.1 Abwesenheit von Toleranzschwellen ... 194
        5.4.3.2 Zulässigkeit des kalkulierten Vertrauensbegriffs ... 195
5.5 Vertrauensgewährung im engen Sinn ... 198
    5.5.1 Eingrenzung ... 198
    5.5.2 Interaktionsbezug ... 199
    5.5.3 Affektivität ... 200
        5.5.3.1 Selbstkonzept ... 200
        5.5.3.2 Kognition und Emotion ... 201
        5.5.3.3 Wahrnehmung von Emotionen und Wohlverhalten ... 207
    5.5.4 Symmetrische Abhängigkeit ... 212
    5.5.5 Prozess der Vertrauensbildung im engen Sinn ... 215
        5.5.5.1 Zeitbezug ... 215
        5.5.5.2 Zusammenhang von Vertrauen im engen und weiten Sinn ... 216
            5.5.5.2.1 Stufenmodell des Vertrauens ... 216
            5.5.5.2.2 Wechselwirkungen ... 222
    5.5.6 Potenzieller Nutzen ... 226
        5.5.6.1 Individual- und Gesellschaftsebene ... 226
        5.5.6.2 Belastbarkeit der Beziehung ... 229
    5.5.7 Grenzen engen Vertrauens ... 232

6 Schaffung von Vertrauen in den Abschlussprüfer durch den Staat ... 236

6.1 Grundsätzliche Möglichkeit der Vertrauensproduktion ... 236
6.2 Ausgewählte Maßnahmen der Bundesregierung ... 241
    6.2.1 Entwicklung im internationalen Kontext ... 241
    6.2.2 Bilanzrechtsreformgesetz ... 246
        6.2.2.1 Regelungsinhalt und Zielsetzung ... 246
        6.2.2.2 Auswirkungen auf Vertrauen in den Abschlussprüfer ... 251
    6.2.3 Bilanzkontrollgesetz ... 257
        6.2.3.1 Regelungsinhalt und Zielsetzung ... 257
        6.2.3.2 Auswirkungen auf Vertrauen in den Abschlussprüfer ... 260
    6.2.4 Abschlussprüferaufsichtsgesetz ... 262
        6.2.4.1 Regelungsinhalt und Zielsetzung ... 262
        6.2.4.2 Auswirkungen auf Vertrauen in den Abschlussprüfer ... 264
    6.2.5 Berufsaufsichtsreformgesetz ... 267
        6.2.5.1 Regelungsinhalt und Zielsetzung ... 267
        6.2.5.2 Auswirkungen auf Vertrauen in den Abschlussprüfer ... 273
6.3 Zusammenfassende Beurteilung der Gesetzesinitiativen ... 278

7 Fazit ... 282


Verzeichnis der Gesetze, Verordnungen, Richtlinien und sonstiger Verlautbarungen ... 293

Rechtsprechungsverzeichnis ... 297

Literaturverzeichnis ... 298

 

 

1 Einleitung


1.1 Hintergrund

Zahlreiche Bilanzdelikte im In- und Ausland haben das Vertrauen in den Kapitalmarkt erschüttert.1 Aufgrund der Notwendigkeit eines funktionierenden Kapitalmarktes als Allokationsmechanismus und wesentlichem Merkmal der gesellschaftlichen Ordnung in Marktwirtschaften sah sich der deutsche Gesetzgeber veranlasst, Maßnahmen zu ergreifen, die das Vertrauen der Öffentlichkeit und hier insbesondere der Anleger in den Markt wiederherstellen bzw. stärken sollen.2 Aufgrund der herausragenden Bedeutung und dem immanenten Fehler- und Manipulationspotenzial des Jahresabschlusses als primärem Rechenschafts- und Informationsinstrument stellt die Sicherstellung der Verlässlichkeit von Jahresabschlussdaten ein zentrales Moment innerhalb der von der Bundesregierung beschlossenen Regelungen dar.3 Hiervon ist auch der Abschlussprüfer betroffen.4 Diesem bzw. dem gesamten Berufsstand wurde wiederholt vorgeworfen, die Aufgabe der Jahresabschlussprüfung nur unzureichend zu erfüllen und somit eine Mitverantwortung an Unternehmenskrisen und -zusammenbrüchen aufgrund von nicht aufgedeckten Bilanzierungsfehlern zu tragen.5 Dem daraus resultierenden Vertrauensverlust in den Abschlussprüfer versucht der Gesetzgeber mit verschiedenen Maßnahmen entgegenzutreten, um so durch die Wiederherstellung bzw. Stärkung des Vertrauens in den Abschlussprüfer letztlich auch das Vertrauen in den Kapitalmarkt zu festigen.6


1.2 Problemstellung und Vorgehensweise

Es ist auffällig, dass die Notwendigkeit bzw. Vorteilhaftigkeit von Vertrauen in den Abschlussprüfer weitgehend intuitiv anerkannt wird. Das liegt zum einen daran, dass Vertrauen im Allgemeinen nahezu unreflektiert und undifferenziert als wünschenswert und vorteilhaft erachtet wird.7 Zum anderen führt die uneinheitliche und breit gefächerte Auslegung des Vertrauensbegriffs dazu, dass sich nahezu alle Verhaltensweisen in irgendeiner Art mit dem Vertrauens- bzw. Misstrauenskonstrukt in Verbindung setzen lassen, so dass Vertrauen in seiner Vielschichtigkeit als zentrale Erklärungsvariable und Zielgröße für jedwedes Verhalten herangezogen werden kann. Hierin ist auch ein wesentliches Problem zur objektiven Beurteilung der Wirksamkeit von Maßnahmen zur Vertrauensförderung zu sehen.

Aufgrund der oben dargestellten Problematik soll das Ziel der Arbeit daher sein, eine Präzisierung des Vertrauensbegriffs herbeizuführen und den Nutzen bzw. die Notwendigkeit des Vertrauens für Vertrauensgeber und -nehmer herauszustellen. Es gilt, Beeinflussungspotenziale und Grenzen der Vertrauensentstehung zu identifizieren. Daraus resultierende Erkenntnisse sollen auf den Investor als Vertrauensgeber bzw. Abschlussprüfer als Vertrauensnehmer angewendet werden und so mögliche Ansatzpunkte für das Entstehen einer vertrauensvollen Beziehung zwischen diesen Akteuren aufzeigen. Dem schließt sich das zweite, jedoch nicht untergeordnete Ziel dieser Arbeit, die einen positiven Forschungsansatz verfolgt, an. Auf Basis des gewonnenen theoretischen Bezugsrahmens werden ausgewählte, von der Bundesregierung verabschiedete Maßnahmen zur Wiederherstellung und Stärkung des Vertrauens in den Abschlussprüfer dahingehend untersucht, ob und inwiefern diese tatsächlich geeignet sind, Vertrauen in den Abschlussprüfer herbeizuführen.

Im zweiten Kapitel erfolgt zunächst eine Annäherung an das Vertrauenskonstrukt und eine Eingrenzung des Vertrauensbegriffs, wobei eine eindeutige, widerspruchsfreie Definition aufgrund der Multidimensionalität und verschiedener disziplinärer Zugangswege weder möglich noch zielführend scheint. Allerdings ist grundsätzlich zwischen Vertrauen im weiten und engen Sinn zu unterscheiden. Vertrauen im engen Sinn stellt auf eine geringe Opportunismusneigung des Vertrauensnehmers ab und kommt daher weitgehend ohne explizite Sicherungsstrategien aus. Vertrauen im weiten Sinn hingegen wird gewährt, wenn keine Anreize für opportunistisches Verhaltens bestehen bzw. diese so weit verringert werden, dass das Beziehungsrisiko als ausreichend gering erachtet wird. Außerdem kann Vertrauen zum einen als bewusstes Wahlverhalten verstanden werden, das durch zahlreiche situative Variablen zu beeinflussen ist und zum anderen als Verhaltensdisposition, die sich bspw. auf die grundsätzliche, in der Kindheit geprägte Vertrauensbereitschaft zurückführen lässt.

Im weiteren Verlauf des zweiten Kapitels ist zu untersuchen, von welchen Faktoren die wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit des Abschlussprüfers im Wesentlichen determiniert wird. Bei der damit verbundenen Frage, wer im Kontext der Abschlussprüfung Vertrauensgeber sein kann, kommen zahlreiche Stakeholder in Betracht. Zur Eingrenzung des Untersuchungsbereichs erfolgt bei den möglichen Vertrauensgebern eine Beschränkung auf Investorenebene, wobei hier eine Unterscheidung nach Klein- und Großaktionären, sowie Anteilseignern, die zudem aufgrund ihres maßgeblichen Einflusses im Aufsichtsrat vertreten sind, erfolgt. Diese Trennung ist notwendig, da das Vertrauensobjekt Abschlussprüfer je nach Blickwinkel der Investoren variiert. (Potenzielle) Kleinaktionäre werden im Normalfall lediglich in der Lage sein, abstraktes Systemvertrauen bzw. institutionelles Vertrauen in den Abschlussprüfer aufzubauen, während informierte institutionelle Investoren zumindest in der Lage sein werden, auch eine Beurteilung der jeweiligen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, sprich organisationalen Vertrauenswürdigkeit, vorzunehmen. Ein enges, beziehungsabhängiges Vertrauensverhältnis, das sich auf persönliche Interaktion zurückführen lässt, wird zumeist nur von den Aktionären gewährt werden können, die zugleich Mitglieder des Aufsichtsrats sind und daher über direkte Berührungspunkte mit dem Abschlussprüfer verfügen.

Im dritten Kapitel wird Vertrauen, insbesondere in den Abschlussprüfer, hinsichtlich seiner grundlegenden Funktion und des damit einhergehenden Nutzens untersucht. Während Vertrauen im Falle vollständiger Rationalität unnötig ist, dient es bei begrenzter Rationalität der Komplexitätsreduktion und ermöglicht Transaktionen. Vertrauen stellt einen Mechanismus zur Stabilisierung unsicherer Erwartungen dar und schafft Handlungsfähigkeit und -sicherheit. Zudem können aus Vertrauen im Vergleich zu anderen Mechanismen der Verringerung des Beziehungsrisikos ggf. Kosten- und Zeitvorteile resultieren. Zur Verdeutlichung der ökonomischen Vorteilhaftigkeit von Vertrauen wird auf den entscheidungstheoretischen Ansatz, die Spieltheorie sowie die Neue Institutionenökonomik Bezug genommen und kritisch hinterfragt.

Im vierten Kapitel erfolgt eine Auseinandersetzung mit dem Entscheidungskalkül des Vertrauensnehmers. Unter der Annahme, dass Vertrauenserwiderung bei unterstelltem Egoismus zweckrational sein und den eigenen Nutzen mehren kann, wird sich ein Vertrauensnehmer nur dann vertrauenswürdig verhalten, wenn es der Befriedigung materiellen Selbstinteresses dient oder ein Zwang von gesetzlichen Regelungen ausgeht.8 Vertrauensvolles Verhalten erfolgt also nur, wenn kein Anreiz oder Raum für opportunistisches Verhalten vorhanden ist. Über diese Sichtweise hinaus besteht aber auch die Möglichkeit, dass sich der Vertrauensnehmer altruistisch verhält und aufkommende Verhaltensspielräume zu Gunsten des Vertrauensgebers nutzt.

Im fünften Kapitel wird der Frage nachgegangen, wie der Vertrauensgeber letzten Endes bewusst kalkuliert oder auch unbewusst entscheidet, ob er vertraut und wie eine vertrauensvolle Beziehung entsteht. Die Bereitschaft, sich auf eine vertrauensvolle Beziehung einzulassen, ist neben situationsspezifischen Faktoren von der grundsätzlichen, generellen Vertrauensbereitschaft abhängig. Diese wird in der persönlichkeitsorientierten Vertrauensforschung im Sinne einer generellen Prädisposition als zentrale Entstehungsbedingung für Vertrauen aufgefasst. Darüber hinaus lässt sich Vertrauen aus einer soziologischen Perspektive auch als emergentes soziales Phänomen charakterisieren. Im Anschluss daran ist zu untersuchen, wie sich Erwartungen gegenüber dem Abschlussprüfer konstituieren und wie der Vertrauensgeber diese mit der wahrgenommenen Leistung bzw. Indikatoren vertrauenswürdigen Verhaltens abgleicht und letztlich Vertrauenswürdigkeit attribuiert. Dem schließt sich das eigentliche Moment bzw. der Prozess der Vertrauensgewährung an. Hierbei ist explizit zwischen Vertrauen im weiten und engen Sinn zu unterscheiden, die auf unterschiedliche Weise entstehen bzw. wirken und sich gegenseitig beeinflussen können. Zudem gilt es, Potenziale und Grenzen der jeweiligen Vertrauensarten zu identifizieren.

Wie zu zeigen sein wird, liegen Ansatzpunkte zur Stärkung des Vertrauens in den Abschlussprüfer in der positiven Beeinflussung der wahrgenommenen Kompetenz, der Integrität und des Wohlwollens. Bei den im sechsten Kapitel vorgestellten Maßnahmen der Bundesregierung zur Stärkung des Vertrauens in den Abschlussprüfer handelt es sich im Wesentlichen um Regelungen, die im Einklang mit internationalen und hier insbesondere europäischen Entwicklungen und Vorgaben stehen. Hierzu zählen das Bilanzrechtsreformgesetz (BilReG), das Bilanzkontrollgesetz (BilKoG), das Abschlussprüferaufsichtsgesetz (APAG) und das Berufsaufsichtsreformgesetz (BARefG). Nach Darstellung des Regelungsbereichs und der Zielsetzung der jeweiligen Maßnahmen erfolgt eine Beurteilung der Wirksamkeit im Hinblick auf das Potenzial, Vertrauen in den Abschlussprüfer herbeizuführen, bevor die Arbeit im siebten Kapitel mit einem zusammenfassenden Fazit schließt.

 

[...]


1 Vgl. für alle Marten, K.-U. (2006), S. 1121.
2 Vgl. Deutscher Bundestag (Hrsg.) (2004c), S. 1, 11; Ballwieser, W./Dobler, M. (2003), S. 449; Böcking, H.-J./Dutzi, A. (2006), S. 1; Schruff, W. (2005), S. 207; Baetge, J./Thiele, S./Matena, S. (2004), S. 201 f.; Hennrichs, J. (2004), S. 384; Gelhausen, H. F./Hönsch, H. (2005), S. 511; Lenz, H. (2004a), S. 219 f.; Schütte, S. (2004), S. 122; Schmidt, S. (2003), S. 779.
3 Vgl. Deutscher Bundestag (Hrsg.) (2004c), S. 11; Köhler, A. G./Meyer, S./Mauelshagen, J. (2004), S. 2623. Der Jahresabschluss entfaltet seinen Nutzen für Kapitalgeber erst dann, wenn die in ihm enthaltenen Informationen nicht nur Relevanz im Sinne von Entscheidungsnützlichkeit aufweisen, sondern gleichzeitig auch verlässlich sind. Vgl. Marten, K.-U. (2006), S. 1121.
4 Erst die Überprüfung der Jahresabschlüsse durch sachverständige und unabhängige Dritte verleiht der externen Rechnungslegung ein nach außen dokumentierbares Siegel der Objektivität und gewinnt so an Glaubwürdigkeit. Vgl. Marten, K.-U. (2006), S. 1121.
5 Vgl. Marten, K.-U. (1995), S. 704; Schildbach, T. (1996), S. 1; Lenz, H. (2004b), S. 707; Röhricht, V. (2001), S. 80. Auch wenn die Wirtschaftsprüferkammer im Rahmen der Berufsaufsicht zu dem Ergebnis kommt, dass die Arbeit der Prüfer fast ausnahmslos fachlich korrekt ist, so erachtet auch diese eine Vertrauensstärkung für notwendig. Vgl. KPMG (Hrsg.) (2002), S. 5.
6 Vgl. Deutscher Bundestag (Hrsg.) (2004a), S. 1; Deutscher Bundestag (Hrsg.) (2004b), S. 2; Deutscher Bundestag (Hrsg.) (2006), S. 30; Baetge, J./Lienau, A. (2004), S. 2277; Ballwieser, W./Dobler, M. (2003), S. 453 f.; Heininger, K./Bertram, K. (2004), S. 1737 f.; Niehus, R. J. (2004), S. 885. Ob es tatsächlich zu einem Vertrauensverlust gekommen ist, kann nicht zweifelsfrei belegt werden. Der Gesetzgeber erachtet Vertrauen jedoch als notwendig und zielt mit den Maßnahmen explizit auf eine Stärkung des vermeintlich geschwächten Vertrauens ab.
7 Vgl. Nooteboom, B. (2002), S. 1 f.
8 Einem Akteur kann demnach nicht vertraut werden, wenn der Nutzen eines Vertrauensbruchs die damit verbundenen Kosten übersteigt. Vgl. Doney, P. M./Cannon, J. P./Mullen, M. R. (1998), S. 605.


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