1. Einleitung
In dieser Arbeit soll dargestellt werden, wie sich die Moral, bzw. das Moralbewusstsein und die Fähigkeit zu moralischen Urteilen bei einem Menschen entwickelt, wie ein Kind Regeln erlernt und schließlich moralische Bewertungsmaßstäbe für das eigene und für fremdes Handeln anlegen kann. Hierbei sollen ausschließlich die Modelle der Moralentwicklung nach Jean Piaget und das darauf aufbauende bzw. erweiternde Modell nach Lawrence Kohlberg berücksichtigt werden. Zuerst wird, ausgehend von dem Murmelspiel, das Stufenmodell von Piaget dargestellt, um danach das Modell von Kohlberg zu skizzieren. Abschließend werden drei Ansätze zur Werte- und Moralerziehung vorgestellt, wobei der Ansatz von Kohlberg in Abgrenzung zu den beiden anderen verstanden wird.
2. Piaget
2.1 Piaget: Was ist Moral?
Jean Piaget geht bei der Untersuchung der moralischen Entwicklung von folgender Erklärung des Moralbegriffs aus:
„Jede Moral ist ein System von Regeln, und das Wesen jeder Sittlichkeit besteht in der Achtung, welche das Individuum für diese Regeln empfindet“ 1 .
Dabei soll diese Erklärung nicht als Definition verstanden werden. Moral ist nur eines von vielen Regelsystemen, das die Mitglieder einer Gesellschaft beachten. Diese Regeln wurden von Piaget jedoch nicht näher definiert. „Als moralisch kann man jede Regel (oder Normen) bezeichnen, die wir zugrunde legen, wenn wir unter Absehung subjektiver und rein egoistischer Ziele menschliche Handlungen (fremde wie eigene) bewerten“ 2 .
2.2 Das Murmelspiel
Für Piaget besteht die Schwierigkeit bei der Untersuchung der Moral bei Kindern darin, dass diese in ihrem alltäglichen Leben mit den Regeln der Erwachsenen konfrontiert werden. Die Regeln der Erwachsenen sind dem jeweiligen Entwicklungsstand der Kinder jedoch nicht angepasst und nehmen auch keine Rücksicht auf ihre Bedürfnisse. Es ist schwierig zu klären, inwiefern die Kinder die Regeln verstanden und verinnerlicht haben, und ob sie sich an sie
1 Piaget, Das moralische Urteil beim Kinde, S. 23.
2 Kesselring, Jean Piaget, S. 167.
1
halten, da sie die Verhaltensvorgaben für richtig empfinden, oder ob sie sich einfach der elterlichen Autorität fügen. Piaget wählte als Gegenstand zur Analyse der Moral des Kindes das Murmelspiel. Dabei geht er von einer Schweizer Variante des Spiels aus, wobei die Murmeln in ein Viereck gelegt werden. Man kann diese gewinnen indem man sie mit einer größeren besonderen Murmel hinaus stößt. Geworfen wird zunächst von einer Ausgangslinie parallel zu einer Seite des Vierecks mit ein bis zwei Meter Abstand. Piaget arbeitet mit einer psychoanalytischen Befragungstechnik. Die ca. 100 Schweizer Kinder, die zwischen vier und ca. zwölf Jahre alt waren, wurden beim Murmelspiel beobachtet, wobei Piaget und seine Mitarbeiter sich die Regeln von den Kindern erklären ließen. Schwerpunkt der Untersuchungen waren die Einstellung der Kinder und die Änderung oder Entwicklung dieser zu den Spielregeln in Hinblick auf deren Ursprung, sowie mögliche Neugestaltung und Anerkennung der Regeln.
Auch wurden den Kindern Geschichten erzählt, in denen objektiv gegen moralische Standards verstoßen wurde 3 .
Die Untersuchung der kindlichen Moral anhand des Murmelspiels hatte für Piaget zwei Vorteile. Zum einen war der Einfluss der Erwachsenen relativ gering, zum anderen konnte Piaget mit der Analyse des Spiels die Praxis der Einhaltung der Regeln, aber auch das Bewusstsein der Regeln erforschen 4 .
2.3 Stufen der praktischen Anwendung von Regeln
Bei der Anwendung der Regeln unterscheidet Piaget vier verschiedene Stadien. In Bezug auf die Altersangaben mahnt Piaget zur Vorsicht, da diese keine genauen Zuordnungen darstellen, sondern nur grobe Hinweise 5 .
2.3.1 Stufe: Individuelles bloß motorisches Spiel
Die Kinder, die hier während des Murmelspielens beobachtet und befragt wurden, waren zwischen null und drei Jahren alt. Die Kinder spielten, ohne auf die Regeln zu achten. Sie spielten nach ihren eigenen Vorstellungen und gemäß ihren motorischen Fähigkeiten mit der
3 Kesselring, Jean Piaget, S. 169.
4 Heidbrink, Einführung in die Moralpsychologie, S. 45.
5 Ebd., S. 47.
2
Murmel. Es ist kein anderes Kind anwesend oder auch wenn ein anderes anwesend ist, spielt das Kind nur mit sich selbst.
In diesem ersten Stadium entwickelt das Kind noch keine Regeln des Zusammenspiels, da es ausschließlich alleine spielt.
Vielmehr handelt es sich um rein motorische Regeln und nicht um Kollektivregeln. Die Kinder legen die Murmeln zum Beispiel in die Vertiefung und wiederholen diesen Vorgang am nächsten Tag oder beim nächsten Spielen 6 .
2.3.2 Stufe: Egozentrisches Spielen
Die Kinder, die zwischen zwei und sechs Jahren alt sind, versuchen in diesem Stadium die Regeln der Anderen nachzuahmen, sie erhalten das Beispiel der festgelegten Regeln also von außen. Es ist jedoch festzustellen, dass die Kinder trotz dieses Zusammenspiels mit Anderen noch alleine für sich spielen. Bei dem Zusammenspiel kann jedes Kind noch nach seiner eigenen Auslegung der Regeln spielen. So versuchen die Kinder noch nicht die Anderen zu besiegen. Die Beobachtung, dass die kleineren Kinder die Regeln nachahmen und dass sie individuell, anwenden wird von Piaget als Egozentrismus bezeichnet.
2.3.3 Stufe: Stadium der beginnenden Zusammenarbeit
Die Kinder in diesem Stadium sind zwischen sieben und zehn Jahren alt und beginnen nun ihr Hauptziel bei dem Spiel darin zu sehen, die anderen Mitspieler zu besiegen. Daher ist nun die gegenseitige Kontrolle wichtig. Demzufolge wird es nötig, dass die Regeln normiert werden und eine Einigung über ihre Auslegungen vorherrscht. Jedoch wurde durch Befragungen festgestellt, dass die einzelnen Kinder trotz Einigung auf gemeinsame Spielregeln noch verschiedene Regelvorstellungen hatten. So gaben sie noch recht widersprüchliche Antworten in Bezug auf die Regeln des Murmelspiels 7 .
In diesem Stadium ist das Kind noch nicht in der Lage „formal zu denken, d.h. mit den Regeln der Vernunft derart vertraut zu werden, dass es sie auf jeden beliebigen Fall, einschließlich der rein hypothetischen Fälle, anwenden kann“ 8 . Aufgrund dieser Tatsache, muss der Versuch, die Regeln gemeinsam festzulegen, scheitern.
6 Ebd.
7 Garz, Sozialpsychologische Entwicklungstheorien : von Mead, Piaget und Kohlberg bis zur Gegenwart, S. 91.
8 Piaget, Das moralische Urteil beim Kinde, S. 61.
3
2.3.4 Stufe: Kodifikation der Regeln
In diesem Stadium befinden sich die Kinder ab elf Jahren. Gekennzeichnet ist diese Stufe der Anwendung der Regeln durch die peinlichgenaue Einhaltung der von allen gemeinsam festgelegten Regeln. Die ganze Gemeinschaft der Spieler kennt die Gesamtheit der zu befolgenden Regeln. Hier gibt es daher kaum noch eigene Auslegungen von Regeln oder widersprüchliche Auskünfte bei der Befragung der Kinder, es kommt stattdessen zu erstaunlich übereinstimmenden Antworten auf die Frage nach den Spielregeln 9 . Alle kennen die Regeln und oberstes Ziel ist es, sie zu verfolgen. In diesem Stadium haben die Kinder nun die Fähigkeiten zu formalem und hypothetischem Denken entwickelt. Zu beobachten ist nun ein Interesse der Kinder, sich über die Spielregeln auszutauschen, um die Gesamtheit der Regeln zu begreifen 10 .
2.4 Die Regelbewusstsein-Entwicklung in drei Stufen
Piaget unterscheidet bei dem Regelbewusstsein drei unterschiedliche Stufen, wobei diese jedoch nur zum Teil altersmäßig den Stufen des der Regelpraxis zugeordnet werden können.
2.4.1 Stufe: Individuelle Regeln
Diese erste Stufe des Regelbewusstseins entspricht in etwa der individuellen Stufe der Spielpraxis. Piaget konnte nicht feststellen, ob es sich bei den motorischen Riten des Kindes um selbst erfundene Rituale handelt, oder ob das Kind schon beginnt auf Anweisungen seiner Umwelt zu reagieren. Oft kommt es eher zu einer unbewussten Übernahme der Regeln bei dem Kind. Die Regeln werden dabei so aufgenommen, wie sie von außen „vorgelebt“ werden, oder wie sie durch „soziale Interaktion vermittelt“ 11 werden. Eine Befolgung von Regeln in diesem Stadium gibt es nur in sehr begrenzter Form, wobei es meistens zu einer Ritualisierung von Verhaltensweisen kommt. Das Kind hält sich nur an diese Regeln, da es Gefallen an der Wiederholung hat und nicht, weil es sich ihnen verpflichtet fühlt.
9 Ebd.
10 Ebd.
11 Garz, Sozialpsychologische Entwicklungstheorien : von Mead, Piaget und Kohlberg bis zur Gegenwart, S. 95.
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Arbeit zitieren:
Karsten Grause, 2006, Moralentwicklung nach Piaget und Kohlberg, München, GRIN Verlag GmbH
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