Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Wintersemester 2006/07
Philosophische Fakultät
Sozialwissenschaftliches Institut
Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen menschlichen und technischen Aktivitäten -
Die Akteur-Netzwerk-Theorie in der neueren deutschen Techniksoziologie
Zur Erlangung des akademischen Titels „Master of Arts Sozialwissenschaften“
vorgelegt von:
Simone Pohlandt
INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung ... 5
1. Das Symmetrieprinzip der Akteur-Netzwerk-Theorie ... 8
1.1 Die Entstehung des Symmetrieprinzips in der Wissenschaftsforschung ... 8
1.1.1 Die Nachahmung des Sozialkonstruktivismus in der Technikforschung ... 11
1.2 Das generalisierte Symmetrieprinzip ... 12
1.3 Netzwerkbilden als Erklärungsanspruch ... 14
1.3.1 Vom Öffnen und Schließen schwarzer Kisten ... 14
1.3.1.1 Aktanten als Agenten des Netzwerkbildens ... 15
1.3.1.2 Aktanten als Resultat des Netzwerkbildens ... 17
1.3.2 Die Dauerhaftigkeit von Netzwerken ... 18
1.4 Das Scheitern des symmetrischen Anspruchs ... 19
1.4.1 Das Symmetrieprinzip in der Selbstanwendungsfalle ... 20
1.4.2 Eine ungerechtfertigte Symmetrisierung ... 21
1.5 Vom Symmetrieprinzip zu einer Soziologie der Technik? ... 23
2. Agency: Auf dem Weg zu einer Handlungstheorie der Technik ... 25
2.1 Die Soziologie und die Technik ... 25
2.1.1 Überblick über die Genese der Techniksoziologie ... 25
2.1.2 Überblick über techniksoziologische Theorieperspektiven ... 28
2.1.2.1 Technik als Materialität, Medium und in der Praxis ... 29
2.2 Techniksoziologie als Sozialtheorie ... 32
2.2.1 Technik und Gesellschaftstheorie: ein vierter Weg? ... 32
2.2.2 Vorbereitung: Klassifikationen zum Verhältnis von Technik und Handeln ... 33
2.2.2.1 Die Be- und Zuschreibungsperspektive ... 34
2.2.2.2 Die Beobachtungsperspektive ... 36
2.2.3 Erster Schritt: Das Konzept gradualisierten Handelns ... 38
2.2.3.1 Zuschreibung und Beobachtung als Objektivierungen ... 40
2.2.4 Zweiter Schritt: Technik in Aktion als distributed actions ... 41
3. Untersuchungen zur Handlungsbeteiligung von Technik ... 43
3.1 Begrenzung der Handlungsfähigkeit durch Zuschreibung ... 43
3.2 Zuschreibung versus Beobachtung: ein Scheinproblem? ... 47
3.2.1 Eine kritische Begrenzung des Sozialen? ... 47
3.2.2 Deutungspraktiken und technische Handlungsträgerschaft ... 49
3.3 Eingrenzung der Handlungsfähigkeit durch den Kontext ... 51
3.3.1 Softwareagenten: verkörpert und körperlos ... 51
3.3.2 Software im engen Kontext der Teilchenphysik ... 55
3.4 Zwischenfazit: Stufen der Handlungsbeteiligung ... 57
4. Ähnlichkeiten und Unterschiede I: Sachtechnik ... 60
4.1 Ressourcen des Handelns als Dualität von Ressourcen und Routinen ... 60
4.2 Die soziale Bedeutung gegenständlicher Technik ... 63
4.2.1 Das soziale Verhältnis zwischen Experten und Laien ... 63
4.2.2 Analogie zwischen Expertenhandeln und Sachtechnik ... 65
4.3 Über die besondere Mitwirkung der Dinge ... 67
4.4 Fazit: Die Grenzen der Äquivalenz ... 70
5. Ähnlichkeiten und Unterschiede II: Künstliche Intelligenz ... 71
5.1 Die Paradigmen der klassischen KI-Forschung ... 72
5.2 New Artificial Intelligence und die Robotik ... 74
5.2.1 Grundlagen des verhaltensbasierten Ansatzes ... 74
5.2.1.1 Autonomie, Embodiment und Situiertheit ... 76
5.2.2 Koordiniertes Spiel?: Die Architektur der Fußballroboter ... 78
5.3 Distributed Artificial Intelligence und die Sozionik ... 82
5.3.1 Sozionik: An der Schnittstelle von Soziologie und VKI ... 82
5.3.2 Innovation durch Konzepttransfer: Multiagentensysteme ... 83
5.3.2.1 BDI-Architektur und Offene Systeme ... 85
5.4 Fazit: Ähnlichkeit als Konstruktionsprinzip ... 86
Schluss ... 88
Literatur- und Quellenverzeichnis ...
Einleitung
„Die Künstliche-Intelligenz-Forschung (KI) als Teilgebiet der Informatik hat es in ihrer knapp fünfzigjährigen Geschichte immer wieder verstanden, für ihre Projekte und Produkte die gewünschte Aufmerksamkeit zu mobilisieren. Das Versprechen, in naher Zukunft einen alten Menschheitstraum zu verwirklichen, nämlich technische Systeme herstellen zu können, die intelligentes Verhalten zeigen, sorgte nicht nur innerhalb der Wissenschaft immer wieder für nachhaltige Irritationen, sondern auch ebenso häufig für Schlagzeilen in der Tagespresse.“1
Es sind Robotertechnologien, die aus den KI-Laboren kommend seit einiger Zeit das öffentliche Interesse erregen. Ihre neuen Fähigkeiten bestehen darin, sich selbstständig fortzubewegen. Prototypische Roboter lernen das Laufen: entweder auf acht Beinen, wie ein Skorpion, oder auf zwei Beinen, wie der von Honda entwickelte Asimo, der die Größe eines Kindes hat, oder Johnnie von der Technischen Universität München, dessen Größe einem Erwachsenen gleicht. Die Besonderheit von Johnnie ist es, in die Richtung zu schauen, in die er geht: ein – im wahrsten Sinne des Wortes – Schritt zu mehr Autonomie.2
Vom Laufen, so scheint es, ist es nicht mehr weit bis zum Fußball spielen. Seit 1997 findet jährlich der RoboCup statt, dessen ehrgeiziges Ziel es ist, im Jahre 2050 eine humanoide Robotermannschaft gegen eine menschliche Mannschaft Fußball spielen zu lassen.3 Publikumsmagnet ist seit 2001 vor allem die Liga, in der eine Gruppe von vier Roboterhunden vom Typ Aibo auftritt.4 Seit 1999 wird der von Sony als Haustier entwickelte Hund verkauft und erfreut sich eines regelrechten Kultstatus’ unter den Technikbegeisterten.5 Allerdings wird damit gerechnet, dass Sony die Produktion bald einstellen wird.6 Neueren Datums ist auch die Liga der Humanoiden, wie folgendes Beispiel illustriert:
„Langsam bewegt sich Jupp in Position hinter den Ball. Wie in Zeitlupe setzt er einen Fuß vor den anderen, dreht langsam den Körper, holt schließlich mit dem Bein aus. Jupp ist Fußballroboter – und er will ein Tor schießen. Leise surren die Elektromotoren in seinen 19 Gelenken. ‚Die Hüfte neigt sich, das Fußgelenk wird angewinkelt, außerdem müssen die Arme das Gleichgewicht halten’, kommentiert Michael Schreiber, der den Roboter konstruiert hat. Schließlich schießt Jupp, der Ball kullert los. Tor!“7
Über das Fußballspielen hinaus sollen Roboter aber auch dem Menschen dienlich sein und Serviceleistungen übernehmen. So wird am deutschen Frauenhofer-Institut an Pflegerobotern, wie den Prototypen Careobot II, geforscht, der alten Menschen die häusliche Selbständigkeit ermöglichen soll.8 All dies sind Beispiele für einen neuen Typ von Technik. Im Gegensatz zu den fest stehenden Maschinen der Industrieanlagen soll er sich in der menschlichen Umgebung frei bewegen. Zudem ist seine Gestalt dem Menschen oder anderen Lebewesen nachempfunden. Diese Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz haben auch in der Soziologie ihren Widerhall gefunden, die seit jeher ein gespaltenes Verhältnis zur Technik besaß:
„Die wechselvolle Geschichte des Verhältnisses von Technik und Sozialtheorie läßt sich vielleicht durch das Wirken zweier gegensätzlicher Dynamiken erklären: der Herausbildung der Soziologie als einer eigenständigen Disziplin und der Herausforderung der Sozialtheorie durch rasante und riskante Technisierungsschübe.“9
Ein weiterer Grund ist in dem Dualismus zwischen Gesellschaft bzw. menschlichem Handeln und Technik bzw. technischem Funktionieren begründet. Dieser Dualismus besagt auf der einen Seite, dass ein freies und selbständiges Handeln allein dem Menschen vorbehalten ist: viel Autonomie hier. Das Postulat der Handlungsfreiheit sollte das Subjekt vor Fremdbestimmung, vor Determinismus schützen. Auf der anderen Seite bildete die Technik stets einen Gegenpol zu allem Humanen oder Sozialen, da Maschinen immer nur in gleicher Weise operieren: wenig Autonomie hier. Die Determiniertheit des Objekts, sein rein instrumenteller Gebrauch als Werkzeug, bewahrten es vor einem Mehr an Eigendynamik. Die Vorstellung von autonomen Techniken ging stets mit dem Szenario eines Kontrollverlustes einher.10
Mittlerweile wird dieser Dualismus zunehmend in Frage gestellt und sein illusorischer Charakter betont: die Soziologie habe beispielsweise gezeigt, dass individuelles Handeln in die Sozialstruktur der Gesellschaft eingebettet ist. Zudem seien die oben besprochenen Technologien mit Handlungsqualitäten ausgestattet, die den Fokus auf bloßes Funktionieren hinfällig machten. An die Stelle der Dichotomie Gesellschaft/Technik tritt die Forderung nach einer nicht-dualistischen Auffassung.11 Eine solche gelangte seit den achtziger Jahren zu größerer Bekanntheit. Sie wird von dem Soziologen Bruno Latour in radikaler Weise vertreten – dergestalt, dass er jeder Technik Handlungseigenschaften zugesteht. Schlüssel, Schlüsselanhänger, Autositzgurte oder Türschließer sind seine Beispiele.12
[....]
1 Christaller, Thomas/Josef Wehner (2003): Autonomie der Maschinen. In: Ders. (Hrsg.), Autonome Maschinen. Westdeutscher Verlag: Wiesbaden, S. 9.
2 Vgl. Lenzen, Monika: Wenn Roboter laufen lernen; Egal ob mit zwei oder gleich acht Beinen – für High-Tech-Geräte bleibt es eine Herausforderung, sich fortzubewegen. In: Frankfurter Rundschau vom 11.07.2003.
3 Vgl. Rojas, Raul (k. A.): The Challenge of Robotic Soccer. Im Internet unter:
http://robocup.mi.fuberlin.de/buch/chap1/01robocup-history.pdf [09.11.06].
4 Vgl. Kohlmann, Torsten: Die nächste große Herausforderung. In: Handling – Automation, Handhabungstechnik und Logistik vom 06.06.2005, H. 6.
5 Vgl. Koller, Christine: IFA 2001, Programmierte Pfoten. In: Focus Magazin vom 20.08.01, Nr. 34, S. 124-125.
6 Vgl. (Autor unbekannt): Abschied von vier Pfoten: Aibos Weg in die Kabine – Zweibeiner als Nachfolger. Im Internet unter:
http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/29/0,3672,3945021,00.html [26.10.06].
7 Stillich, Sven: Auf Sieg programmiert; Warum bringen Forscher Robotern das Fußballspielen bei? Nicht nur, um beim Robocup-WM in Bremen zu siegen. Es geht um unsere Zukunft. In: Stern vom 27.04.06, Nr. 18, S. 189.
8 Vgl. Bröhm, Alexandra: „Haben Sie ihre Tabletten schon genommen?“. In: Sonntags-Zeitung vom 28.03.04, S. 97.
9 Rammert, Werner (1998): Technikvergessenheit der Soziologie? Eine Erinnerung als Einleitung. In: Ders. (Hrsg.): Technik und Sozialtheorie. Campus: Frankfurt/New York, S. 10.
10 Vgl. Rammert, Werner (2003): Technik in Aktion: Verteiltes Handeln in soziotechnischen Konstellationen. Im Internet unter:
http://www.tu-berlin.de/~soziologie/Tuts/Wp/TUTS_WP_2_2003.pdf [25.09.06], S. 12f.
11 Vgl. Rammert (2003): 3f. sowie 12f.
12 Vgl. Latour, Bruno (1996 [1993]): Der Berliner Schlüssel. Erkundungen eines Liebhabers der Wissenschaften. Berlin: Akademie-Verlag.
Arbeit zitieren:
Master of Arts Simone Pohlandt, 2006, Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen menschlichen und technischen Aktivitäten, München, GRIN Verlag GmbH
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