Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1. Vom Kaiserreich zum Nationalsozialismus- die Entwicklungen unter
Kaiser Wilhelm und in der Weimarer Republik 5
2. Die wesentlichen Merkmale der Reformpädagogik 7
3. Erziehung im Nationalsozialismus 10
3.1 „Erziehungsgrundsätze des völkischen Staates“ - Hitlers Gedanken zur
Erziehung in „Mein Kampf“ 10
3.2 Was ist Erziehung? Die neue Sichtweise im Nationalsozialismus 13
3.3 Die Abwertung der Schule und die Funktion der Hitlerjugend als
ideologische Strategie 14
3.4 Die Schule als vormilitärische Institution und die Herabsetzung des Intellekts
- Auswirkungen des Nationalsozialismus auf den schulischen Alltag, den
Unterricht und dessen Lerninhalte 18
3.4.1 Leibeserziehung 22
3.4.2 Mathematikunterricht 24
3.4.3 Physikunterricht 26
3.4.4 Biologieunterricht 26
3.4.5 Geschichtsunterricht 28
3.4.6 Kurzresümee 29
4. Auszug aus den Gesetzmäßigkeiten zur “Arisierung“ des Unterrichts 30
Zusammenfassung 32
Literaturverzeichnis / Internetquellen 34
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Einleitung
Während meiner Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dessen Auswirkungen, stellte sich für mich häufig die Frage, wie es eigentlich so weit kommen konnte. Wie war es möglich, dass ein Regime geprägt von Terror, Tyrannei, Menschenverachtung und uneingeschränkter Bereitschaft zur Menschenvernichtung die Oberhand über einen Staat und der in ihr lebenden Gesellschaft gewinnen konnte?
Zahlreiche bereits vor 1933 entwickelte Ansätze und Ideen wurden von den Nationalsozialisten übernommen und bis ins letzte brutale Detail umgesetzt. Der Antisemitismus beispielsweise hat, wenn auch in deformierter Form, seine Wurzeln in den christlichen Kirchen und reicht zurück bis in das Mittelalter in die Zeit der Kreuzzüge. Ebenso wurden rassistische Wertungsskalen der verschiedenen Völker bereits im Kolonialismus aufgestellt und schon im 18. und 19. Jahrhundert sprachen beispielsweise Boulainvilliers und Gobineau von Ungleichheit und Wertunterschied der Rassen. Das NS-Regime machte sich diese und weitere Thesen zu Eigen und leitete daraus die angebliche Überlegenheit der nordischen Rasse ab. Dennoch muss es zahlreiche gesellschaftspolitische Veränderungen gegeben haben, um letztlich die fanatische Ideologie umsetzen zu können. Ein Teil des gesellschaftspolitischen Systems war das Schul- und Bildungswesen bzw. die Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Mit dem obigen Zitat wird Hitlers Vorstellung zu dieser Thematik sehr deutlich. Sein Ziel war es, eine charakterfeste und vor Kraft strotzende Jugend auszubilden. Die von ihm geforderte körperliche Ertüchtigung, die im Übrigen oft mit der Wehrertüchtigung verbunden war, stand eindeutig über der Ausbildung intellektueller Fähigkeiten. Dabei nahm für
3
ihn die Jugend einen ganz besonderen Stellenwert ein, denn Jugend bedeutete für ihn Zukunft. In die neue Generation setzte er all seine “Hoffnungen“. Hitler hatte ebenso wie seine Anhänger die Vorstellung von einer totalen, lebenslangen Erziehung zur nationalsozialistischen Weltanschauung. Dies sollte unter anderem durch eine Veränderung des Bildungswesens erfolgen. Einerseits wurde das traditionelle Schulsystem durch neue Lehrpläne, Unterrichtsinhalte und -fächer und die Einführung neuer Schultypen umstrukturiert. Andererseits wurden außerschulische NS-Organisationen wie z.B. die HJ aufgebaut, die die Schule und die dortige Wissensvermittlung in Frage stellten, das Erlernen von umfangreichem Fachwissen als unwichtig erachteten und so in Konkurrenz zu den traditionellen “Erziehungseinrichtungen“ wie Schule und Elternhaus standen. Das Thema der Rassenhygiene wurde schnell zum alles bestimmenden Thema im Unterricht und bereits lange vor Kriegsbeginn mussten sich SchülerInnen mit der Germanisierung, die auf Grund eines angeblichen Raumgewinns des europäischen Festlandes durchgeführt wurde, beschäftigen. Sowohl die Schule selbst, als auch die in ihr unterrichteten SchülerInnen wurden als Instrument der Macht und Gewalt missbraucht bzw. manipuliert.
Diese Hausarbeit versucht, einen Überblick über Erziehung im „Dritten Reich“ zu gewähren. Hierbei findet sowohl die Schule selbst Beachtung (wobei ich nicht auf den Unterricht geordnet nach speziellen Schultypen eingehen werde), als auch die außerschulische Organisation HJ.
Um darzulegen, dass die jeweilige staatliche Gesinnung nicht erst seit 1933 Einfluss auf den Bereich von Erziehung und Bildung hat, beginne ich meine Ausführungen mit einem Exkurs in das Kaiserreich, die Weimarer Republik und die Reformpädagogik. Im Anschluss daran wende ich mich der Erziehung im Nationalsozialismus zu und versuche darzulegen, welche Ziele das Regime konkret verfolgte und welche Rolle schulische und außerschulische Einrichtungen bei deren Erreichung spielten. Des Weiteren sollen konkrete Beispiele für die Umstrukturierung des Schulalltags aufgezeigt werden.
4
1 Vom Kaiserreich zum Nationalsozialismus- die Entwicklungen unter Kaiser Wilhelm und in der Weimarer Republik
Die Antwort auf die Frage seit wann ein Staat versucht, seine Ideologie bzw. seine Gesinnung in die Schule zu tragen, ist nicht mit dem Jahr 1933 gegeben. Vielmehr wurde bereits in der Weimarer Republik bis zurück in das Kaiserreich der Grundstein für das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern und der damit verbundene Umgang mit der Politik und später mit dem Nationalsozialismus gelegt 1 . Schon immer hat ein Staat bzw. sein jeweiliges Regierungsoberhaupt versucht, in den so genannten “Gesinnungsfächern“ wie Deutsch und Geschichte die jeweils neue politische Richtung in den Unterricht einfließen zu lassen und zu verankern. So erhielt beispielsweise eine Gießener Realschule 1874 zur Zeit der Kaiserreichsgründung die Anweisung, dass von nun an die deutsche Geschichte bei allen Abschlussprüfungen ein Prüfungsthema zu sein hatte. 2 Das den staatlichen Forderungen nach einer Erziehung im patriotischen Sinne auch entsprochen wurde, spiegelt sich unter anderem in der Wahl der Aufsatzthemen zu dieser Zeit wieder. Diese lauteten beispielsweise „Warum soll man sein Vaterland lieben“ (1871), „Deutschlands Wiedergeburt im Jahre 1871“ (1897) oder „Die Entstehung der deutschen Einheit“ (1900). 3 Doch nicht nur im Kaiserreich war der Einfluss der jeweils neuen politischen Identität in den Unterricht erwünscht. Auch in der Weimarer Republik wurden die Schulen um 1918 dazu aufgerufen, ihre Arbeit „mit einem neuen Geist der Freiheit zu durchdringen“ 4 und schließlich im Jahr 1933 erfolgte die Anordnung, die „Bedeutung und Größe des historischen Geschehens der nationalen Revolution“ 5 zu thematisieren und damit auch zu würdigen. In der Zeit des Kaiserreichs wurde der staatliche Anspruch an die Schulen eine Erziehung im Sinne des “Vaterlandes“ durchzuführen in der Rede Wilhelms II. im Rahmen der preußischen Schulkonferenz im Jahr 1890 besonders deutlich. Hier fordert er „als Grundlage für das Gymnasium das Deutsche“ 6 zu nehmen, denn „wir sollten junge Deutsche erziehen und nicht junge Griechen und Römer“ 7 .
1 vgl. Krautheim, 1991, S.96
2 vgl. ebd.
3 vgl. Krautheim, 1991, S.97
4 vgl. ebd.
5 vgl. Krautheim, 1991, S.96
6 Schulthess` Europäischer Geschichtskalender, 1891, S.176 f.
7 Schulthess` Europäischer Geschichtskalender, 1891, S.176 f.
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Die Wirkung dieser Rede und damit auch ihre Auswirkungen auf den Unterricht spiegelten sich ebenfalls in den damaligen Aufsätzen wieder. Immer häufiger wurde beispielsweise Krieg verharmlost und als der Weg zur Einigung dargestellt. In
diesem Zusammenhang wurde das Streben nach Macht und Größe legitimiert und Taten “großer Männer“ als Vorankommen in der geschichtlichen Entwicklung gerühmt. 1
Nach der Entstehung der Weimarer Republik wurde das traditionelle Bildungssystem der Kaiserzeit zunächst beibehalten. Jedoch wurden politische Themen offener, kontroverser und weitaus konfliktreicher zwischen Lehrern und Schülern ausgetragen. 2 Erst um 1923/24 gab es zahlreiche Neuerungen was den Umgang mit Politik in der Schule betraf. So wurde in diesen Jahren das Fach Staatsbürgerkunde neu in der Schule eingeführt. Dessen Aufgabe war es, den Schülern die Grundlagen der Demokratie, sowie die neue Verfassung und neue staatliche Institutionen näher zu bringen. Des Weiteren wurden 1924/25 sämtliche Geschichtsbücher ausgetauscht. Die neuen Bücher waren didaktisch völlig neu konzipiert. So gab es unter anderem Aufgabenstellungen, die zum selbständigen und kritischen Denken anregen sollten und Lösungsvorschläge, die nicht mehr die eine historische “Wahrheit“ anpriesen, sondern die den Schülern vielmehr zu einem komplexen Lernprozess mit Unterstützung des Lehrers verhelfen sollten 3 . Darüber hinaus spielten Kriege nur noch eine untergeordnete Rolle. Stattdessen wurde viel Wert auf die Geschichte der Verfassung, Verwaltung und Wirtschaft gelegt. Ebenso wurde der aus der Kaiserzeit bekannte übersteigerte Nationalstolz und das Hervorheben einzelner großer Taten von “Nationalhelden“ stark eingeschränkt. 4 Das neue Ideal von Demokratie bestimmte von nun an den Unterricht und spiegelte sich auch hier, wie bereits in der Kaiserzeit, unter anderem in der Themenwahl von Schüleraufsätzen wieder. Themen waren nun vorwiegend im literarischen (Goethe, Schiller, Kleist) und im allgemeinmenschlichen Bereich zu finden („Was brauch der Mensch, um glücklich zu sein?“). Politische Themen setzten sich vor allem mit der aktuellen Situation im Land auseinander und stellten unter anderem die Frage „Warum ist die Weimarer Verfassung eine demokratische?“ 5 .
1 vgl. Krautheim 1991, S.98
2 vgl. Krautheim 1991, S.99
3 vgl. Krautheim 1991, S.110
4 vgl. ebd.
5 vgl. Krautheim 1991, S.112-114
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2 Reformpädagogik
Um 1900 entstand in einigen europäischen Ländern und in Nordamerika eine breite reformpädagogische Bewegung. Sie strebte die Einführung der Kunsterziehung an, betonte den Stellenwert gemeinsamer Arbeit, plädierte für nicht konfessions-gebundene Einheitsschulen und für die Erziehung in Landheimen. Grundlage für diese Reform bildete unter anderem das von der schwedischen Lehrerin E. Key in den USA veröffentlichte Buch “Das Jahrhundert des Kindes“. In diesem stützte sie sich auf Rousseaus Erziehungsprinzip der freien Persönlichkeitsentwicklung. Den Kern “ihres“ Erziehungsideals bildete die pädagogische Orientierung an den Bedürfnissen und Fähigkeiten des Kindes. 1 So hatten beispielsweise Lehrer und Gesellschaft die Aufgabe, das Kind ernst zu nehmen, sich ihm zu widmen und es in seiner Entwicklung zu unterstützen 2 . Es ging um die Akzeptanz und Anerkennung des Kindes und um die Wahrung der kindlichen Rechte, statt um Staat oder Gesellschaft 3 . Das Kind wurde als etwas Unschuldiges gesehen, dessen sorglose Persönlichkeit geschützt werden musste. Auch in Deutschland entstanden Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche, sich unabhängig voneinander entwickelnde Reformen wie z.B. die Landerziehungsheim- oder die Arbeitsschulbewegung oder Montessori. Trotz ihrer Vielfältigkeit hatten alle Reformen eines gemeinsam. Sie betonten das Recht und die Persönlichkeit des Kindes in der Gesellschaft besonders stark. 4 Auffällig bei der Betrachtung der Reformpädagogik ist, dass bereits präfaschistische Ansätze erkennbar waren. Dies spiegelt sich z.B. in der Aussage, Technisierung, Modernisierung und Industrialisierung seien ein Verlust des deutschen Wesens, wieder 5 . In diesem Zusammenhang sind vor allem Paul de Lagarde und J. Langbehn zu nennen, die eine „pessimistische Verfallstheorie der Gesellschaft als Reaktion auf die unvergleichlich beschleunigte Industrialisierung mit ihren bekannten Begleiterscheinungen“ 6 mitentwickelten. Diese Theorie war geprägt durch eine tiefe Abneigung gegenüber der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technik, durch Antiliberalismus und Antisemitismus, sowie dem Wunsch nach heroischen Zeiten und Führung 7 , denn „nur eines Mannes großer, fester, reiner Wille kann uns helfen,
1 vgl. Key, 1903, S. 113
2 vgl. Spannaus, 1982, S. 191
3 ebd.
4 ebd.
5 vgl. Spannaus, 1982, S. 192
6 ebd.
7 ebd.
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Arbeit zitieren:
Nancy Kannberg, 2005, Erziehung unterm Hakenkreuz - Die Ideologie des Nationalsozialismus und deren Einfluss auf die schulische und außerschulische Erziehung, München, GRIN Verlag GmbH
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