Freie Universität Berlin Otto-Suhr-Institut Fachbereich Politikwissenschaft PS : Theorien über Rassismus Sommersemester 2002
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A. Fehmel
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Seite 3
Seite 4 2.1. ‚Zigeuner‘ Seite 4 2.2. Sinti und Roma Seite 5 2.3. Antiziganismus Seite 6
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Seite 6
3.1. ‚fremd‘ - die ethnische Komponente Seite 6
3.2. ‚faul‘ - die soziale Komponente Seite 7
3.3. ‚frei‘ - die romantische Komponente Seite 8
Seite 9
4.1. Art und Weise der Berichterstattung Seite 9
4.2. „Zigeuner griffen deutsche Nachbarn an“ - Antiziganismus im Umfeld von Rostock-Lichtenhagen August 1992 Seite 11
4.3. „Die Roma müssen weg“ - Berichterstattung der Rheinischen Post Sommer 2002 Seite 13
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Seite 18
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Seite 19
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Seit Jahrhunderten bestimmen Stereotype und Vorurteile das Sinti- bzw. Romabild der Deutschen: Auf der einen Seite steht das Exotische, das romantisch-abenteuerliche Nomadentum, die heißblütige Esmeralda 1 , die vor den Flammen des Lagerfeuers tanzt. Auf der anderen Seite lauert der kriminelle Vagabund, der gerissene Bettler, der arbeitsscheue Dieb. Romane, Gedichte, Lieder, Filme bedien(t)en diese Klischees (oft auch in Mischungsverhältnissen) ausgiebig.
Die menschenverachtende NS-Diktatur kostete mehr als 500.000 Sinti und Roma das Leben, dennoch setzen sich Diskriminierung und Hetze bis in die heutige Zeit nahezu ungebrochen fort.
Diffamierende Stereotype werden auch noch immer herangezogen, wenn es um die mediale Darstellung von Sinti und/oder Roma geht. Angesichts der Aufgabe der Medien 2 , am Meinungsbildungsprozeß der Bevölkerung mitzuwirken, erscheint dies besonders besorgniserregend.
In der Hausarbeit soll nun untersucht werden, welche stereotypen „ Zigeunerbilder“ in der bundesdeutschen Presse transportiert werden und in welchem (gesellschaftlichen/politischen) Kontext das geschieht. Den zeitlichen Rahmen setzen einerseits die rassistischen Berichte im Zusammenhang mit den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992, andererseits die Berichterstattung über die Roma-Proteste angesichts drohender Abschiebung nach Ex-Jugoslawien 2002, wobei beide (Presse-)Ereignisse jeweils genauer untersucht werden. Ausgehend vom „ Zigeunerbild“ der Deutschen (‚positiver‘ Rassismus / ‚negativer‘ Rassismus) soll dabei auch betrachtet werden, inwieweit eine Wechselwirkung zwischen den diskriminierenden Alltagsstereotypen und den durch die Presse vermittelten Bildern besteht (u.a. mit welchen rassistischen Kategorien argumentiert wird [ethnisch, sozial etc.]), in welchem Zusammenhang auf das ‚Zigeuner-Sein‘ hingewiesen und was damit (bewußt oder unbewußt) bezweckt/erreicht wird. Zudem soll aufgezeigt werden, welchen Zugang Minderheiten wie Sinti bzw. Roma selbst zur Presse haben.
1 vgl. u.a.: Kurosch Sadjadi-Nasab: Rassismus in Disneyland. Esmeralda und die Vermarktung des Zigeunerstereotyps; in: Wulf D. Hund (Hg.): Zigeunerbilder. Schnittmuster rassistischer Ideologie; Duisburg 2000
2 vgl.: Hermann Meyn: Die politischen Funktionen der Massenmedien in der Demokratie; in: ders.: Massenmedien in Deutschland; Konstanz 1999
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Viele Begriffe werden im Alltags- und auch im Mediensprachgebrauch zum Teil unreflektiert verwendet, ohne daß sich die Nutzer ihrer, wie im Falle des Begriffes ‚Zigeuner‘ beispielweise der rassistischen Bedeutung im Klaren sind oder sein wollen. Andere Begriffe des hier bearbeiteten Themenbereiches, wie zum Beispiel der des Antiziganismus selbst, sind, anders als beispielsweise der des Antisemitismus, - auch in der Bildungsbürgerschicht - kaum bekannt 3 und bedürfen oft ausführlicher Erläuterungen.
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Die Bezeichnung ‚Zigeuner‘ ist eine diskriminierende, rassistisch konstruierte Fremdbezeichnung. Mit ihr werden all die negativen und positiven Klischees verbunden, die eingangs bereits aufgezählt wurden. Oft wird, stereotypen Vorurteilen folgend, unterstellt, im Deutschen hätte das Wort die Bedeutung ‚ziehende Gauner‘ 4 .
Der Begriff unterstellt desweiteren eine Homogenität (‚GLH Zigeuner‘), die es so nicht gibt. Im Zuge der Bürgerrechtsbewegungen Ende der 1970er bzw. Anfang der 80er Jahre setzte sich zwar die Selbstbezeichnung ‚Roma‘ bzw. ‚Sinti‘ zunehmend in der Öffentlichkeit und vermehrt auch in den Medien durch, doch mit der kurz nach dem ‚Mauerfall‘ verstärkt einsetzenden Zuwanderung rumänischer Staatsbürger wuchs „ die Furcht vor einer unkontrollierten Einwanderung von "Zigeunern". Die Medien gaben bereits zu Beginn dieser Migration an, wie hoch der Anteil der Roma unter den Flüchtlingen sei“ 5 . Zeitgleich setzte auch eine vermehrte Rückentwicklung im Sprachgebrauch der Medien ein 6 , die Boulevard-, aber auch für die konservative bürgerliche Presse 7 verwandte erneut vermehrt den diskriminierenden ‚Zigeuner‘-Begriff 8 und verband ihn mit althergebrachten Stereotypen..
3 Persönliche Gespräche über Studieninhalte und Hausarbeitsthemen mit Bekannten, KommilitonInnen, FreundInnen ergaben z.B. eine - natürlich völlig unrepräsentative - Unkenntnis des Begriffs.
4 vgl.: Wulf D. Hund: Nennt uns nicht Zigeuner; im Internet unter: http://www.dir-info.de/literatur/begreifen/r44.html (zuletzt am 19.08.2002); vgl. auch: Maria Meuser: Vagabunden und Arbeitsscheue. Der Zigeunerbegriff der Polizei als soziale Kategorie; in: Wulf D. Hund (Hg.): Zigeuner. Geschichte und Struktur einer rassistischen Konstruktion; Duisburg 1996; S. 107
5 in: Brigitte Mihok, Peter Widmann: Sinti und Roma als Feindbilder; in: Vorurteile - Stereotype - Feindbilder. Informationen zur politischen Bildung. Nr. 271, 2. Quartal 2001; S. 45 f.
6 vgl.: Brigitte Mihok, Peter Widmann: Sinti und Roma als Feindbilder; in: Vorurteile - Stereotype - Feindbilder. Informationen zur politischen Bildung; a.a.O.; S. 46
7 z.B. 'HU 6SLHJHO („ In der Aversion gegen Zigeuner einig“ ; 19.11.1990), :HOW DP 6RQQWDJ („ Überfallene
Zigeuner reisten nachn Polen ab“ , 02.08.1992)
8 Gegebenenfalls wurde darauf verwiesen, daß die als ‚Zigeuner‘ bezeichneten dieses Wort angeblich im eigenen Sprachgebrauch führen bzw. auf dessen Gebrauch bestehen und ihn nicht als diskriminierend verstehen würden,
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Auch mehr als zehn Jahre später ist der „ Zigeuner“ 9 nicht aus der Presselandschaft verschwunden.
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‚Sinti‘ bzw. ‚Roma‘ sind im Gegensatz zur von außen aufgedrückten stereotypen Kategorie ‚Zigeuner‘ Selbstbezeichnungen. Roma leben vor allem in osteuropäischen Ländern und wanderten zumeist erst im 19. Jahrhundert ein, während Sinti oft schon seit Jahrhunderten im deutschsprachigen Raum heimisch und deutsche Staatsbürger sind 10 . Schwierigkeiten scheinen nicht nur Politiker 11 und Normalbürger 12 mit den Singular- und Pluralformen (Rom-Roma [m.] und Romni-Romnija [w.] bzw. Sinto-Sinti [m.] und Sintiza-Sintiza [w.]) zu haben, auch die Presse 13 tut sich schwer. Häufig liegt die Vermutung nahe, daß der Begriff ‚Sinti und Roma‘ in vielen Fällen nicht „ als Eigenname(...)“ 14 verstanden wird, sondern lediglich die in der Singular- wie Pluralform identische „ alte Kategorie ‚Zigeuner‘“ 15 in der Funktion als Sammelbegriff abgelöst hat.
so wie „ (d)er bärtige Vesko“ (BILD vom 19.09.1991), ein „ jugoslawischer Landfahrer“ , für den die Bezeichnung „ ‚erst dann zum Schimpfwort (wird), wenn jemand dreckiger Zigeuner sagt‘“ , und dem die ‚Zeitung‘ einen vor offenen Antiziganismus nur so strotzenden Artikel widmet. vgl.: Autorenkollektiv (Hg.): Nazi-Terror von Hoyerswerda bis Düsseldorf. Nazis, Staat und Medien - ein Braunbuch; Offenbach 2000; S. 78
9 z.B. in: Roma in Ost Europa; in: %HUOLQHU .XULHU vom 27.07.1999 bzw. Das Leben der Zigeuner; in: %HUOLQHU .XULHU vom 29.06.2000 bzw. sogar in der sich antirassistisch gebenden Wochenzeitung -XQJOH :RUOG: Dietrich Kuhlbrodt: Der Clan der Klausenburger; in: -XQJOH:RUOG vom 27.05.1998 oder auch in der WD]: Christian Rath: Völlig außer Grenzkontrolle; in: GLH WDJHV]HLWXQJ (WD]) vom 07.12.2001 bzw.: Jan Feddersen: Eine schrecklich normale Familie; in: GLHWDJHV]HLWXQJ (WD]) vom 22.02.2002
10 vgl.: Die Verfolgung der Roma und Sinti; *UDVZXU]HOUHYROXWLRQ 256, Februar 2001; vgl. auch: Brigitte Mihok,
Peter Widmann: Sinti und Roma als Feindbilder; in: Vorurteile - Stereotype - Feindbilder. Informationen zur politischen Bildung; a.a.O.; Seite 43
11 vgl.: Mamo Baran: Vom Nomadenvolk zur ethnischen Minderheit. Das Zigeunerstereotyp in den Debatten des Landtages von Schleswig-Holstein; in: Wulf D. Hund (Hg.): Zigeunerbilder. Schnittmuster rassistischer Ideologie; Duisburg 2000; S. 70f.
12 Selbst die Vorsitzende des Flüchtlingsrates NRW benutzt die Pluralform ‚Roma‘, wo grammatikalisch die Singularform ‚Rom‘ gefordert wäre: „ Wenn ein Roma nachweisen kann (...)“ . in: David Schraven: Aufstand im
Iglu-Zelt; 6GGHXWVFKH=HLWXQJ (6=)/NRW-Teil vom 25.05.2002
13 Z.B. läßt die 1HXH 5XKU =HLWXQJ (15=) in einem Bericht zum Essener Roma-Protest eine Frau, die „ selber Roma“ sei, „ allerdings aus Polen“ , zu den Aktionen Stellung nehmen, während die 6GGHXWVFKH =HLWXQJ (6=)
über Dzoni Sichelschmidt, Sprecher der Roma-Union, schreibt, er sei „ als Roma Pazifist“ . Auch die Autoren der
libertären Monatszeitung *UDVZXU]HOUHYROXWLRQ („ ein flüchtender Sinti“ ) scheitern an der Grammatik. vgl.: Jan Jessen: Keine weiteren Roma erwartet; Neue Ruhr Zeitung (15=)/RNDOWHLO (VVHQ vom 16.05.2002 bzw. vgl.: Yvonne Dierkes: Überall im Abseits; 6GGHXWVFKH =HLWXQJ (6=)/NRW-Teil vom 14.08.2002 bzw. vgl.: Die Verfolgung der Roma und Sinti; *UDVZXU]HOUHYROXWLRQ 256, Februar 2001
14 in: Mamo Baran: Vom Nomadenvolk zur ethnischen Minderheit. Das Zigeunerstereotyp in den Debatten des Landtages von Schleswig-Holstein; in: Wulf D. Hund (Hg.): Zigeunerbilder. Schnittmuster rassistischer Ideologie; a.a.O.; S. 70
15 ebenda; vgl. auch: Ulrich Wolff: Die Roma-Frage. Presseberichterstattung und Zigeunerstereotyp; in: Wulf D. Hund: Zigeunerbilder. Schnittmuster rassistischer Ideologie; a.a.O.; S. 84
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Anna Fehmel, 2002, Antiziganismus in den Printmedien der Bundesrepublik Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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