Universität Hannover
Seminar für Deutsche Sprache und Literatur
„Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert“:
Zur Repräsentation sexueller Gewalt in der Literatur des 18.Jahrhunderts
Wintersemester 2004/2005
„Sah ein Knab ein Röslein stehn“ -
Die Darstellung von Frauenfiguren in Goethes „Heidenröslein“ und
anderen Texten des 18. und 19.Jahrhunderts im Kontext
zeitgenössischer Diskurse um sexuelle Gewalt“
Vorgelegt von:
Nicole Gerlach
Inhaltverzeichnis
Inhaltverzeichnis 2
1. Einleitung 3
2. Kurze formale Analyse des Gedichts 4
3. Das Heidenröslein als Darstellung einer Vergewaltigung 6
3.1 „ein Knab“ – zeitgenössische Bedeutung und Assoziationen zu dem Begriff 6
3.2 „ein Röslein roth“- zeitgenössischer Symbolgehalt der Blume und der Farbe 7
3.2.1 Der helle Typ Frau als Verkörperung des weiblichen Rollenideals 8
3.2.2 Der dunkle Typ Frau und ihre sexuelle Ausstrahlung 9
3.2.3 Beschreibungen von Frauenfiguren in der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts 12
3.3 „auf der Heiden“ – Natur als Ort der Liebe und der Gefahr 15
3.4 „Rosen brechen“ –Metapher mit spezieller zeitgenössischer Bedeutung 19
3.5 „mußt es eben leiden“ als „Moral von der Geschicht’“ ? 20
3.6 Geschlechterrollen, Liebe und Notzucht im 18. bzw. 19. Jahrhundert 22
4. Schlussfolgerungen 27
Literaturverzeichnis 33
Primärliteratur 33
Sekundärliteratur 34
Internet 35
1. Einleitung
Das Gedicht vom Heidenröslein ist eines der bekanntesten und beliebtesten Werke deutscher Lyrik im In- und Ausland. Verantwortlich dafür dürfte nicht zuletzt sein, dass bis heute über 150 Melodien für die Verse komponiert worden sind. Dadurch hat das Heidenröslein als Liebes- oder Kinderlied Eingang in Volkslied-Sammlungen gefunden.1
Max Kromwell wehrt sich in seiner Interpretation des Gedichts gegen jegliche „amoröse“2 Auslegung des Inhalts.
Ich werde im Folgenden darlegen, dass es sich im Heidenröslein sehr wohl um eine Begegnung der Geschlechter handelt und mich damit der vorherrschenden Meinung der jüngeren Forschungsergebnisse anschließen. Wenn man in die Analyse und Interpretation des Gedichts literarische Tradition und kulturellen Einfluss des 18. Jahrhunderts einfließen lässt, wird deutlich, dass das Geschehen aus heutiger Sicht als die Darstellung sexueller Gewalt gedeutet werden muss, die in ihrer Gestaltung in einer Tradition steht, die weit vor der Entstehungszeit des Heidenrösleins begann und sich auch noch mindestens bis in das 19.Jahrhundert fortgesetzt hat. In diesem Zusammenhang werde ich Werke aus verschiedenen literarischen Genres (Lyrik, Prosa, Drama) und aus verschiedenen Sprachräumen (hauptsächlich englisch und deutsch) auf die Darstellung von Frauenfiguren hin untersuchen und die Ergebnisse miteinander vergleichen, um die besagte Tradition zu skizzieren. Außerdem werde ich die Funde auf Basis der zeitgenössischen real-gesellschaftlichen Geschlechter – und Moralvorstellungen deuten. Der zeitgenössische Liebesdiskurs soll ebenfalls in die Bewertung und Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen einfließen.
2. Kurze formale Analyse des Gedichts
Das genaue Entstehungsjahr des Gedichts Heidenröslein von Johann Wolfgang von Goethe ist unbekannt. Er veröffentlichte es erstmals 1789 in seinen Schriften. Die Forschung hält im Zusammenhang mit einer Anregung durch Johann Gottfried Herders Beschäftigung mit Volksdichtung 1770 oder 1771 für wahrscheinlich.3
Das Gedicht4 besteht aus drei Strophen bzw. Versen zu 7 Zeilen, von denen jeweils die letzten beiden einen Refrain bzw. Kehrreim bilden. Der Parallelismus in der zweiten Zeile der Strophen bildet eine Art zweiten Refrain, die Wiederholung der Bezeichnung einer der
[...]
beiden Hauptfiguren, des „Röslein auf der Heiden“. Das Versmaß ist durchgängig der Trochäus. Nur in der ersten Strophe taucht eine Assonanz auf („stehn“ und „morgenschön“), nachfolgend ist das Gedicht mit reinen Reimen am Versende gestaltet. In der letzten Strophe wird das übliche Enjambement zwischen der ersten und zweiten Zeile durch den eingeschobenen, verkürzten Artikel „’s“ durchbrochen, was einen kurzen Bruch in dem ansonsten flüssig lesbaren/singbaren Werk hervorruft. Insgesamt überwiegen männliche, einsilbige Versenden die weiblichen, zweisilbigen. Es wird nur eine Farbe genannt: Rot. Das Heidenröslein verweist thematisch und formal auf drei Gattungen: auf die Ballade (szenische Pointierung, Refrain)5, die Pastorale (Geschehen in der Natur, Begegnung der Geschlechter)6 und das Volkslied (einfache, einheitliche Bauart des Gedichts, simple Sprache, Refrain, mehrere Melodien)7. Es wird meist entweder den Kinderliedern8 oder den Liebesliedern zugeordnet. Die bekannteste Melodie komponierte Franz Schubert 1815 dazu. Sie ist insgesamt als harmonisch und ruhig zu beschreiben. Die literarische Epoche in die das Heidenröslein gehört ist der Sturm und Drang, der das Gefühl, die Subjektivität und die Kraft der Natur als maßgeblich ansah. Nicht die Schulbildung sondern die Ausschöpfung des naturgegebenen Potentials war das Ideal, auch wenn dies bedeutete, gegen gesellschaftliche Normen zu verstoßen. Die Natur wird im Sturm und Drang als ursprünglich (also unverfälscht) und göttlich angesehen.9
[....]
1 Vgl. Albrecht, Michael von: Goethe und das Volkslied, Darmstadt 1972.
2 Kromwell, Max: Gedanken über Gedichte, Frankfurt a. M.1985, S.329.
3 Vgl. Jeßing,, Benedikt/Bernd Kutz/ Inge Wied (Hrsg.): Metzler Goethe Lexikon , Stuttgart/Weimar 1999.
4 Zitiert nach: Künzel, Christine: Knabe trifft Röslein auf der Heide, Goethes Heidenröslein im Kontext einer Poetik sexueller Gewalt, in: Wenzel, Cornelia (Hrsg.): „Jungfern im Grünen: Frauen – Gärten – Natur“, n.n. 2001, S. 56-61.
5 Vgl. Hommel, Regine O./Bernd Witte (Hrsg.): Goethe Handbuch: Band 1, „Gedichte“, Stuttgart/Weimar 1996. S.131.
6 Vgl. Gravdal, Kathryn: Camouflaging Rape, the Rhetoric of Sexual Violence in the Medieval Pastourelle, in: “Romanic Review”, Vol LXXVI, Nr. 4, 1985, S.361-373.
7 Vgl. Wikipedia Enzyklopädie: Volkslied, o.J., http://de.wikipedia.org/wiki/Volkslied, 20.03.2005; auch dazu:
Wikipedia Enzyklopädie: Deutsches Volklslied, o.J., http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Volkslied, 20.03.2005.
8 Vgl. Hommel, Regine O./ Bernd Witte (Hrsg.), Goethe Handbuch: Band 1, „Gedichte“, S. 130.
9 Vgl. O.V.: Sturm und Drang (1767-1785), o.J.,
http://www.pohlw.de/literatur/epochen/stdrang.htm, 02.01.2008.
Arbeit zitieren:
Nicole Gerlach, 2005, "Sah ein Knab ein Röslein stehn" , München, GRIN Verlag GmbH
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