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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis...................................................................................................................... 1
Abbildungs - und Tabellenverzeichnis 3
1 Einleitung 4
2 Zur geschichtlichen Entwicklung der kognitiven Stresstheorien 6
3 Zum reiz- und reaktionstheoretischen Ansatz in der Stress- und
Bew ältigungsforschung. 11
3.1 Reiztheoretisches Stressmodell 11
3.2 Reaktionstheoretisches Stressmodell. 13
3.3 Kritischer Einwand gegen das reiz- und reaktionsorientierte Stressmodell aus kognitiv-
emotionaler Sicht 15
4 Das transaktionale Stressbewältigungsmodell: Der Ansatz von R. S. Lazarus 16
4.1 Stress als Beziehungskonzept 16
4.2 Der kognitive Bewertungsprozess und das Bewältigungsverhalten 20
4.2.1 Kognitive Bewertung und ihr Einfluß auf das Bewältigungsverhalten 20
4.2.2 Eigenschaften der Situation und Person und ihre Auswirkungen auf das Bewältigungsverhalten 28
4.3 Der Prozess der Stressbewältigung (Coping) und seine Messung 30
4.3.1 Der Stressbewältigungsprozess und Wahl von Bewältigungsstrategien 30
4.3.2 Methode zur Messung der Bewältigung: Zum WCQ-Testverfahren 37
5 Das Modell der Salutogenese: Der Ansatz von A. Antonovsky 40
5.1 Zur salutogenetischen Perspektive bzw. Blickrichtung. 41
5.1.1 Gesundheit-Krankheit-Dichotomie oder Gesundheit-Krankheit-Kontinuum 41
5.1.2 Die salutogenetische Fragestellung 43
5.2 Zum Konstrukt „Kohärenz“ bzw. Kohärenzgefühl (SO)C 44
5.2.1 Das Kohärenzgefühl 44
5.2.2 Einfluß der generalisierten Widerstandsressourcen und - defizite auf das Kohärenzgefühl 51
5.3 Kohärenzgefühl und Gesundheit bzw Stress/Spannungszustand 57
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5.3.1 Spannungszustand und Stressoren. 57
5.3.2 Kohärenzgefühl und seine Bedeutung für die Gesundheit bzw. für Stress/Spannungszustände 59
5.4 Bewertungsprozess, Bewältigungsprozess und Wahl von Bewältigungsstrategien. 61
5.4.1 Der Bewertungs- und Bewältigungsprozess. 61
5.4.2 Wahl von Bewältigungsstrategien. 65
5.5 Methode zur Messung des Kohärenzgefühls: Fragebogen zur Lebensorientierung. 69
6 Zu den Forschungsperspektiven der Patho- und der Salutogenese. 70
7 Vergleichende Analyse des transaktionalen und des salutogenetischen Modells der
Stressbew ältigung. 73
7.1 Zusammenfassende Darstellung einiger Grundaussagen der Modelle anhand zweier
Abbildungen 73
7.2 Vergleichende Analyse der Theorien 76
7.2.1 Unterschiede zwischen den Theorien. 80
7.2.2 Ähnlichkeiten zwischen den Theorien 96
7.2.3 Gemeinsamkeiten zwischen den Theorien 100
7.3 Zusammenfassung einiger Bewertungen aus der vergleichenden Analyse. 112
8 Ableitungen für Forschung und Therapie 118
8.1 Ableitungen für die Forschung 118
8.1.1 Forschungsüberlegungen von Lazarus 118
8.1.2 Forschungsüberlegungen von Antonovsky 119
8.1.3 Zur Erforschung der therapeutischen Haltung in Beratungssituationen. 122
8.2 Ableitungen für die Therapie. 124
9 Schlußbetrachtung 132
Literaturverzeichnis 134
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Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
Abbildung 1: Das Stressverarbeitungsmodell nach Lazarus & Launier, (1981) erstellt nach Ruff
(1990), aus: Winkler und Schumacher, 2001)....................................................................................... 19 Abbildung 2: Klassifikation von Bewältigungsprozessen nach Lazarus & Launier, (1981)................. 31 Abbildung 3: Schema zur kognitiven Bewertung nach Lazarus (aus: Kieselbach, 2001/02)................ 73 Abbildung 4: Vereinfachte Darstellung des salutogenetischen Modells von Antonovsky (aus: Bengel,
2001, S. 36). .......................................................................................................................................... 75 Abbildung 5: Ausgewählte Aspekte der vergleichenden Analyse von Lazarus und Antonovsky:
Unterschiede, Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten ............................................................................. 77 Abbildung 6: „Manische / depressive Zustände“ vs. „Eigener Rhythmus bzw. natürliches Auf und Ab
des Alltagslebens“................................................................................................................................. 88 Abbildung 7: Negative Beanspruchungsfolgen (Rohmert & Rutenfranz). ............................................ 90 Tabelle 1: Dynamischer wechselseitiger Zusammenhang der SOC-Komponenten. ............................. 48 Tabelle 2: Grundlegende Annahmen des pathogenetischen und salutogenetischen Modells, (aus
Noack, 1997, S. 95). .............................................................................................................................. 71
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1 Einleitung
Stress ist ein ständiger Begleiter des Lebens. Im wissenschaftlichen wie alltäglichen Sprachgebrauch wird dieser Begriff schon seit langem verwendet und er dient zur Beschreibung und Erklärung von Situationen bzw. Reaktionen, die mit Anstrengung bzw. Anspannung verbunden sind.
Stress hat eine Schutzfunktion in bedrohlichen Situationen. Diese Schutzfunktion äußert sich darin, dass bei Gefahr Maßnahmen ergriffen werden wie Gegenwehr oder Flucht. Wenn es nicht möglich ist, einem stressenden Ereignis auszuweichen, dann dient die Schutzfunktion bzw. der Mechanismus dazu, dass man gegenüber dem Ereignis unempfindlich reagieren kann. Stress tritt allerdings nicht nur in bedrohlichen, sondern auch in nicht bedrohlichen Situationen auf und zwar immer dann, wenn eine Überforderung des Individuums vorliegt und es sich bestimmten Gegebenheiten (Situationen) nicht gewachsen fühlt. Wenn dadurch eine Dauerüberlastung entsteht, kann dies krankmachende Folgen haben. Stress ist damit im eigentlichen Sinne nicht als etwas Negatives zu verstehen, sondern er bedeutet, dass Änderungen an den Gegebenheiten (Situationen) vorgenommen werden sollten, um nicht krank zu werden.
Im (heutigen) Alltag sind wir Stress in allen Lebensbereichen ausgesetzt, so tritt er bspw. am Arbeitsplatz, in der Schule, im Familienleben, im Straßenverkehr und vielen anderen Situationen auf. Der Begriff Stress wird in vielfältiger Art und Weise verwendet, so z.B. für Beziehungs-, Einkaufs-, Freizeit-, Schulstress usw.usf.
Stress tritt also nicht mehr nur in Verbindung mit Extremsituationen wie Naturkatastrophen, Krieg und anderen gefährlichen Situationen auf, sondern er ist eine Begleiterscheinung, die in allen Situationen des Alltags auftreten kann aufgrund von körperlicher oder geistiger Anstrengung, von Arbeit unter Zeitdruck, eines Reizentzuges, von Mißerfolg oder Mangel an sozialem Kontakt und Zuwendung usw.
Stress als ein von der Natur eingerichteter und einstmals zum Überleben notwendiger Mechanismus hat also in der heutigen Zeit eine ganz andere Bedeutung bekommen. Ereignisse bzw. Situationen, die Stress auslösen, können (so jedenfalls einige Auffassungen)
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eine unterschiedliche Wertigkeit bzw. Entfaltungsstärke besitzen und damit zu ganz unterschiedlichem Erleben von Stress beim einzelnen Individuum führen. Die Symptome von Stress selbst können dabei auf verschiedenen Ebenen auftreten, im Einzelnen sind dies die physiologische Ebene, die Verhaltensebene und die Ebene des Erlebnisses; die Stärke der Entfaltung von Stress ist ebenfalls unterschiedlich, sie kann bspw. reichen von relativ leichten Erregungszuständen, Gefühlen des Unbehagens bis hin zum Entsetzen und zur Panik. Zur Erfassung bzw. Kategorisierung dieses ganz unterschiedlichen Erlebens wird dabei sowohl von „angenehmem“ bzw. „konstruktivem“ Stress (sog. Eustress) als auch von „unangenehmem“ bzw. „destruktivem“ Stress (sog. Distress) gesprochen. Ein Beispiel für „angenehmen“ Stress wäre eine freudige Überraschung, für „unangenehmen“ Stress eine gefährliche Situation (vgl. Nitsch, 1981, S. 15).
Ziel jeder Stresstheorie ist es, Erklärungen für das Phänomen des Stresses zu generieren und daraus abgeleitet, Mittel zu finden, wie sich ein möglichst gesundes bzw. stressfreies Leben führen läßt. Oder um es anders zu sagen: Die gängigen Stressmodelle bieten die Möglichkeit, Stressbelastungen zu erkennen und sie veranschaulichen unterschiedliche Stressbewältigungsstrategien.
Die Stressforscher R.S. Lazarus und A. Antonovsky haben in bezug auf Stress je einen theoretischen Ansatz entwickelt, in welchem sie Stress, seine Dynamik und die Gesetzmäßigkeit(en) von Anpassungs- bzw. Bewältigungsprozessen (Coping) erklären und Vorschläge zum Umgang mit Stress machen.
In der Arbeit wird im Rahmen einer vergleichenden Analyse dieser beiden Ansätze anhand ausgewählter Aspekte erklärt, worin die Konzepte sich ähneln und unterscheiden bzw. übereinstimmen.
Zur Einführung wird dabei zunächst (Kap. 2) ein geschichtlicher Überblick der Entwicklung von Stresstheorien gegeben, der den Übergang der reiz-/ reaktionstheoretischen Ansätze von Stress zum Zeitpunkt der „kognitiven Wende“ und damit verbunden die Entwicklung komplexerer Stresstheorien aufzeigt, zu denen auch die Theorien von Lazarus und Antonovsky gehören. Sodann werden (Kap. 3) der reiz- und reaktionstheoretische Ansatz als zwei Erklärungsansätze von Stress konkreter dargestellt, um damit die wesentlichen Erweiterungen bzw. Änderungen des Ansatzes von Lazarus gegenüber diesen Ansätzen zu
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verdeutlichen. Hiernach werden die Ansätze von Lazarus (Kap. 4) und Antonovsky (Kap. 5) in ihren Grundzügen dargestellt. Anschließend werden die zwei grundsätzlichen Forschungsperspektiven der Patho- und der Salutogenese behandelt (Kap. 6), die sowohl für das Verständnis der theoretischen Ansätze von Lazarus und Antonovsky als auch damit für die vergleichende Analyse beider Ansätze sowie für die Vorschläge zur Forschung und Therapie von Bedeutung sind. Die vergleichende Analyse (Kap. 7) wird dabei in Form einer Konstruktanalyse vorgenommen unter Berücksichtigung ausgewählter Aspekte beider Ansätze. Aus diesem Vergleich werden dann im abschließenden Teil der Arbeit (Kap. 8) Vorschläge für Forschung und Therapie abgeleitet.
2 Zur geschichtlichen Entwicklung der kognitiven Stresstheorien
Die Geschichte der Kognitiven Psychologie begann gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Daher existiert die Kognitionspsychologie somit kaum länger als 100 Jahre. Fast vierzig Jahre lang wurde sie durch die Ansichten des Behaviorismus verdrängt (vgl. Anderson, 1996, S. 6 ff.). Wichtigste Vertreter des Behaviorismus waren John B. Watson (1878-1958) 1 und Edward Lee Thorndike (1874-1949) 2 . Gegenstand ihrer behavioristischen Ansicht zur Erforschung menschlichen Verhaltens ist es, sich „ausschließlich mit dem äußeren, beobachtbaren Verhalten des Menschen [zu - R. T.] befassen und nicht mit der Analyse der geistigen Vorgänge des Menschen, die diesem Verhalten zugrunde liegen mögen“ (Anderson, 1996, S. 8). Dabei werden alle Begriffe wie Empfindungen, Wahrnehmung, Vorstellung, Wunsch, Absicht, sogar Denken und Gefühl aus dem wissenschaftlichen Vokabular ausgeschlossen, die Verwendung mentaler Konstrukte bei der Verhaltenserklärung wird abgelehnt (vgl. Anderson, 1996, S. 8 f.).
Vor allem geht es im behavioristischen Ansatz darum, den Menschen durch sein sichtbares Verhalten zu beschreiben. Dabei wird jedwedes beobachtbare Verhalten in Bezug zu den Begriffen Reiz und Reaktion beschrieben. Somit arbeitet der klassische Behaviorismus mit einem einfachen Stimulus-Response (S-R) Schema. Dieses Schema gründet auf die Vorarbeiten des Physiologen Iwan Pawlow (1849-1936) 3 , der mit seinen Reflexversuchen an Hunden einfache Reiz-Reaktionen beschreibt. Dabei wird die Kontingenz (Zusammenhang)
1 Vgl. Der Brookhaus in Text und Bild Edition, (2002), CD-ROM.
2 Vgl. Der Brookhaus in Text und Bild Edition, (2002), CD-ROM.
3 Vgl. Der Brookhaus in Text und Bild Edition, (2002), CD-ROM.
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zwischen einem äußeren Reiz (z.B. ein Klingelzeichen) und einer sichtbaren Reaktion (z.B. Speichelfluß) untersucht. Der klassische Behaviorismus hat sich vor allem in Nordamerika etabliert.
Das menschliche Verhalten nun lediglich anhand eines einfachen Stimulus-Response (S-R) Schemas zu beschreiben, brachte zu viele Einschränkungen mit sich. Somit wurde das S-R Schema um eine Organismusvariable zum S-O-R Schema erweitert, wodurch nun neben physiologischen auch kognitiv vermittelnde Prozesse zuglassen ohne jedoch die zentrale behavioristische Grundlage und Methode aufzugeben. Die wichtigsten Vertreter dieser Disziplin waren Clark L. Hull (1884-1952) 4 , Edward C. Tolman (1884-1952) und Burrhus Frederic Skinner (1904-1990) 5 . Ihre Ansichten zählten zum sogenannten Neobehaviorismus, deren Forschungsrichtung vor allem Erkenntnisse im Bereich der Bedingungen der Verhaltensänderungen (Lernen) brachte. Entscheidend sind hier die Bezeichnungen molarer oder auch molekularer Behaviorismus. Mit diesen Begriffen wird eine zergliedernde (elementenhafte) Vorgehensweise der Ansätze beschrieben, die größere Verhaltenseinheiten (z.B. zielorientiertes Handeln) zum Gegenstand hat (vgl. Fröhlich, 2000, S. 91). Durch die Neobehavioristische Sichtweise wurde die sogenannte „kognitive Wende“ in der Psychologie vorbereitet.
In Absetzung zu dieser (neo-)behavioristischen Sichtweise erfolgte ein Einstieg in neuere Theorien der Verhaltensbeschreibung durch ein Werk von Miller, Galanter, Primbram (1960) mit dem Titel „Strategien des Handelns“, indem sie dem vorherrschenden S-R-Modell ein Handlungsmodell mit neuen Aspekten der Verhaltenssteuerung gegenüberstellten, das aus der Kybernetik abgeleitet wurde, welche Regelungs- und Steuerungsmechanismen mittels Rückkopplungen beschreibt. Menschliches Verhalten erklären sie mittels des „Test -Operation - Test - Exit“ - Modells bzw. kurz mit der sogenannten „TOTE - Einheit“. In diesem Modell rückt die Informationsverarbeitung und Handlungssteuerung eines Individuums in den Mittelpunkt und eine Handlung wird (anders als im S-R-Modell) als ein geplantes und strukturiertes Verhalten mit zielgerichteten Operationen gesehen. Dabei werden zur Erklärung des Handelns bzw. Verhaltens die Begriffe Plan und Bild eingeführt: Der Plan ist es, der Schritte aufzeigt, die zur Ausführung der einzelnen Teilschritte notwendig sind, um
4 Vgl. Der Brookhaus in Text und Bild Edition, (2002), CD-ROM.
5 Vgl. Der Brookhaus in Text und Bild Edition, (2002), CD-ROM.
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ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Die Ausrichtung des Verhaltens eines Menschen wird demnach durch introspektive Pläne, Bilder und Vorstellungen gesteuert und somit der Aspekt der aktiven Beteiligung am Geschehen hinzugefügt. Die Ausführung eines Plans gestaltet sich dabei insgesamt gesehen in Form einer Rückkopplungsschleife.
Während einer Test- bzw. Prüfphase findet ein Vergleich eines Ist-Zustandes mit einem Soll-Zustand statt und daraufhin erfolgt dann eine Handlungsphase (Operate), d.h. bei Soll-Ist-Differenzen wird nach einem Plan eine Handlung aktiviert, um die Differenz zu reduzieren. Es kommt dann zu einer erneuten Test- bzw. Prüfphase und bei immer noch bestehender Inkongruenz erfolgt entsprechend eine erneute Handlungsphase. Den Abschluß der Handlung bildet die Exit-Phase (der Abbruch), d.h. für den Fall einer nicht erreichbaren Kongruenz wird die Handlung abgebrochen, weil das (Teil-)Ziel entweder erreicht worden ist oder aufgegeben werden muß (vgl. Städtler, 1998, S. 1106).
Zur Beschreibung dieses Vorgangs wählten Miller et. al. (1960) das Beispiel „Nagel-Einschlagen“: Test = „Nagel nicht (ganz) im Holz“; Operation = „mit dem Hammer auf den Nagel schlagen“; erneuter Test: wenn das Ergebnis wie zuvor oder nicht ausreichend, dann wiederhole die Operation „mit dem Hammer auf den Nagel schlagen“, ansonsten Ende, d.h. nächste „TOTE-Einheit“ wählen (vgl. Miller, 1991, S. 40). Der Plan (wie im Bsp. Nagel-Einschlagen) ist somit die entscheidende Grundlage: er beschreibt das Verhalten als strukturiertes Gefüge von zielgerichteten Operationen. Unser Verhalten wird damit nicht einfach nur durch Reize aus der Umwelt ausgelöst (wie in behavioristischen Modellen angenommen), sondern die Reize zeigen uns die Kongruenz bzw. Inkongruenz von Situation sowie Zielzustand und werden mit dieser Absicht aufgesucht und verarbeitet.
Bei diesem handlungstheoretischen Ansatz, der sich „… vorrangig mit Prozessen der Informationsverarbeitung, mit Bewertungen, Erwartungen, mit Strukturen, in denen erworbenes Wissen gefaßt und verfügbar gehalten sein könnte, sowie mit den Wegen der Handlungsplanung und -steuerung ..." (Fröhlich, 2000, S. 260) befaßt, handelt es sich also um einen Ansatz aus dem Bereich der kognitiven Psychologie, der bestimmte Verhaltensschemata mit kognitiven Elementen voraussetzt bzw. zur Erklärung des Verhaltens mit einbezieht.
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Das Ziel ist dabei gewesen, eine Synthese zwischen Behaviorismus und kognitiven Konzepten zu bilden (die „kognitive Wende“). In diesem Zusammenhang merkte Galanter bereits im Jahre 1956 an, dass der Versuch, diese Synthese herzustellen, während der behavioristischen Revolution aus der „Mode“ gekommen war, da die meisten Psychologen entweder eine S-R-Theorie oder eine Kognitionstheorie vertraten. Die Schwierigkeit bestand auch und vor allem darin, Plan sowie Verhalten auseinander zu halten und sie miteinander zu vergleichen (vgl. Galanter, in Miller, 1991, S. 206).
Die „kognitive Wende“ von Miller et. al. (1991) stellt also vorrangig auf die Rolle der Pläne und ihrer Beschreibung ab; zugleich stellen diese Pläne in ihrer Sicht das einzige Bindeglied dar, um die zwei Konzeptionen, die S-R-Theorie und die Kognitionstheorie, die beide notwendig, jedoch ihrer Meinung nach unvereinbar sind, zu vereinigen. Für diese Synthese haben sie den Begriff „subjektiver Behaviorismus“ geprägt (vgl. Miller, 1991, S. 206). Die Quintessenz jedenfalls ist, dass die Beschreibung des Verhaltens und damit die Entwicklung neuer stresstheoretischer Ansätze die Berücksichtigung beider Ansätze, die der S-R-Theorie und der Kognitionstheorie voraussetzt.
Nach der „kognitiven Wende“ wird in den kognitiven Stresstheorien jedenfalls einheitlich davon ausgegangen, „dass subjektive Bewertungsprozesse in der Auseinandersetzung mit belastenden Ereignissen bedeutsamer sind als objektive Faktoren“ (Beutel, 1989, zit. nach Bengel, 2001, S. 60).
Der theoretische Ansatz von R.S. Lazarus 6 gehört dieser neueren kognitiven Richtung an und ist damit zugleich also komplexer gestaltet als einfache S-R Theorien; genauer spezifiziert, zählt dieses Konzept zum Interaktionismus.
Der Interaktionismus bezeichnet die psychologische Theorienbildung, „die von der wechselseitigen Bedingtheit der geistig-verstandesmäßigen und körperlichen Erscheinungen
6 Einige Ausführungen zur Person von R.S. Lazarus:
Richard S. Lazarus wurde durch die Zeitung „American Psychologist“ als einer der einflußreichsten
Psychologen in der Geschichte der Psychologie genannt. Er war Professor der Psychologie an der Universität
Kalifornien, Berkley und starb am 24. November 2002 in Walnut Creek, Kalifornien.
1991 begab Lazarus sich in den Ruhestand. In dieser Zeit schrieb er noch fünf Werke, insgesamt verfaßte er
13 Bücher. Noch kurz vor seinem Tod schrieb er eine Abhandlung über das Gefühl der Dankbarkeit, ein
Thema welches sehr selten in der Psychologie behandelt wurde (vgl. Universität of California, 2004 ;
Universität Berkeley, 2003).
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ausgeht“ (Fröhlich, 2000, S. 245). Außerdem werden nun in die Erlebens und Verhaltensbeschreibungen die Abhängigkeiten der Auseinandersetzung von Person und Umwelt mit einbezogen. Hierzu zählen sozial relevante Gegenstände (Personen und Situationen) bzw. Einstellungen, Meinungen und Wertbezüge (vgl. Fröhlich, 2000, S. 245). Nach dem Konzept von Lazarus werden - kurz zusammengefaßt - Wechselwirkungsprozesse mit vier Basisaxiomen angenommen:
Das aktuelle Verhalten ist eine Funktion vielfach gerichteter (multifaktorieller) Interaktionen. Das Individuum ist in diesem Prozess ein aktiv Handelnder. Kognitive und motivationale Faktoren determinieren das Verhalten auf der Personenseite. Auf der Situationsseite ist die psychologische Bedeutung der Situationen der entscheidende Faktor. (Vgl. Kieselbach, 2003.) Während Lazarus seine Theorie gegenüber reiz- / reaktionstheoretischen Ansätzen erweiterte, entwickelte Antonovsky 7 seinen Ansatz in Anlehnung an Lazarus, zugleich ging er aber über diesen Ansatz hinaus und prägte damit vor dem Hintergrund anderer Grundannahmen auch eine neue Forschungsprämisse, nämlich die der salutogenetischen Perspektive, „... in dem Stressoren nicht mehr als grundsätzlich krankmachend gesehen wurden, sondern als Stimuli, die einen Zustand der Anspannung auslösen, ohne dass dies unbedingt zu Stress führen muß. Damit vollzog sich auch der Wechsel von den sozialepidemiologischen Forschungsinteressen Antonovskys hin zu einer psychologischen Fragestellung nach individuellen Verarbeitungsmustern angesichts von Anspannungszuständen. In diesem Zusammenhang hatte Antonovsky die Vorstellung einer spezifischen Wirkung von Stressoren verworfen und vertrat die Auffassung, dass die Art der Erkrankung von einer individuellen dispositionellen Vulnerabilität (überdauernde Verletzlichkeit) bestimmt wird und nicht von dem Profil der belastenden Einflüsse“ (Bengel, 2001, S. 20).
Antonovsky vertritt vor allem durch dieses Konzept der Salutogenese eine gegensätzliche Blickrichtung zur traditionellen Denk- und Forschungsperspektive der Pathogenese. Zu dieser Perspektive der Pathogenese kann allerdings das Konzept von Lazarus gezählt werden. Auf die Forschungsperspektiven der Patho- und der Salutogenese wird in Kap. 6 noch eingegangen.
7 Einige Ausführungen zur Person von Aaron Antonovsky:
Antonovsky wurde 1923 in Brooklyn, N.Y., USA geboren und er starb 1994 in Jerusalem.
Einflußreiche Bücher: “Health, Stress and coping”, San Francisco, California, 1979, Unraveling the mystery
of health, San Francisco, California, 1987 (vgl. F. Lamprecht/ R. Johnen, 1997, S. 77).
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Im folgenden Abschnitt geht es nun um die Darstellung von Theorien der Stress- und Bewältigungsforschung, um damit die wesentlichen Erweiterungen des Ansatzes von Lazarus gegenüber reiz- und reaktionstheoretischen Ansätzen behavioristischer Prägung zu verdeutlichen. Hier bezieht sich Lazarus im Speziellen auf die Stimulus-Response (S-R) -Theorien von Selye (1956; 1976) und Holmes & Rahe (1967) (vgl. Lazarus & Launier, in: Nitsch, 1981, S. 220 ff.).
3 Zum reiz- und reaktionstheoretischen Ansatz in der Stress- und
Bewältigungsforschung
Die Gemeinsamkeit der behavioristischen S-R als auch der kognitiven Stressmodelle besteht in der Annahme, dass „Stress“ von Außen kommt, auf die Individuen belastend wirkt, schädlich ist und eine Reaktion auf zu viele Anforderungen darstellt: Somit wird die Auffassung vertreten, dass Stress durch die Auseinandersetzung einer Person mit ihrer Umwelt entsteht.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen behavioristischen S-R- und kognitiven Stressmodellen besteht in der Beantwortung der Frage, was genau innerhalb dieser Person-Umwelt-Beziehung geschieht und damit als Stress zu bezeichnen ist, d.h. zur Beantwortung dieser Frage bieten beide Modellrichtungen unterschiedliche Erklärungsmuster an. Bei den S-R - Modellen lassen sich zwei Richtungen unterscheiden: Die reiztheoretischen Stressmodelle fokussieren auf die Reizseite, die reaktionstheoretischen auf die Reaktionsseite des Stressgeschehens.
3.1 Reiztheoretisches Stressmodell
Dieses Stressmodell vertritt die Auffassung, dass Reize unser Leben bestimmen und als Stress Störungen hervorrufen; d.h. Stress entsteht als Reaktion auf bestimmte Reize. Es wird Bezug auf ein Geschehen in der Außenwelt genommen, das eine Störung bzw. reaktive Veränderungen hervorruft, d.h. Stress oder ein Stressor „... beziehen sich (…) im Sinne eines Reizes eindeutig auf ein Geschehen in der Außenwelt, das mit einer Störreaktion beantwortet wird. In diesem Sinne ist Stress ein Ereignis, das eine Störungsreaktion induziert (verursacht)“ (Lazarus & Launier, in: Nitsch, 1981, S. 220).
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Eine exemplarische Aufzählung der (Lebens-)Ereignisse zeigt die unterschiedliche Herkunft und Natur solcher Stressoren, die Veränderungen (Störreaktionen) hervorrufen können: Lebensereignisse Katastrophen Scheidung Hochwasser H e i r a t F e u e r Trauerfall Erdbeben Beförderung Epidemien Misserfolg Alltägliche.Stressoren Gefängnishaft Isolation Straßenverkehr Krankheit Einkauf Dinge verlegen oder verlieren Systemstressoren Chronische.Stressoren K r i e g Hungersnot soziale Konflikte rascher sozialer Wandel ungünstige Arbeitsbedingungen Überbevölkerung Fehlen von Aufgaben Städtische Anonymität Fehlen von sozialen Kontakten. (vgl. Kieselbach, 2001/02).
In reizorientierten Modellen wird also insgesamt gesehen die Auffassung von Stress als Gesamtheit zufälliger äußerer Lebensereignisse vertreten. 8 Die Problematik dieser Stressdefinition 9 zeigt sich nach Lazarus in Folgendem: „Eine noch immer in dieser Forschung vertretene Annahme liegt darin, dass eine Summation solcher Veränderungen in einer bestimmten Periode die Wahrscheinlichkeit sowohl von somatischen Erkrankungen als auch von Verhaltensstörungen erhöht, unabhängig davon, ob die Lebensveränderung positiv (z. B. Urlaub, Beförderung, Heirat) oder negativ (Verlust des Arbeitsplatzes, Tod einer geliebten Person, Scheidung) war, und ohne
8 Lazarus bezieht sich hier auf eine Studie von Holmes & Rahe. Ein Überblick findet sich in Holmes & Masuda
(1974); Lazarus & Launier, in: Nitsch 1981, S. 221).
9 Zur Problematik dieser Stressdefinition, Vgl. auch Lazarus, 1966; Mechanic, 1974.
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Berücksichtigung dessen, wie der Einzelne das Geschehen bewertet oder wie gut er es bewältigt“ (Lazarus & Launier, in: Nitsch, 1981, S. 221).
Lazarus kritisiert die behavioristische S-R-Tradition also dahingehend, dass innere Motive, Gedanken und Gefühle, die eine Bewertung äußerer Lebensereignisse und deren Auswirkung beeinflussen können, unberücksichtigt bleiben. Abgesehen von Ausnahmesituationen wie bspw. Katastrophen, in der ein Individuum vom Stressor plötzlich überwältigt und so also Handeln unmöglich wird, ist denn auch von der aktiven Beteiligung des Individuums am Stressgeschehen und von Auswirkungen dieser Beteiligung auszugehen. Die zweite Richtung der S-R - Modelle fokussiert auf die Reaktionsseite des Stressgeschehens.
3.2 Reaktionstheoretisches Stressmodell
Der österreichisch-kanadische Biochemiker Hans Selye (1907-1982) prägte im Jahre 1936 erstmals den aus dem englischen stammenden Begriff „Stress“ (vgl. Duden, 2001, CD-ROM): „Stress“ bedeutet Anspannung bzw. Anstrengung (vgl. Müller-Limmroth, 1993, S. 170). Seyle beschreibt mit einem physiologischen Konzept „Stress“ als Anpassungsreaktion eines Organismus auf endogene und exogene Stressoren. Diese Stressoren werden von ihm in positive (Eustress) und negative (Distress) Stressoren unterteilt. Beim Auftreten von zuviel Stress entsteht Hyperstress und bei zuwenig Stress kommt es zum Hypostress. Außerdem wird die Annahme vertreten, dass nicht nur negative, sondern auch positive äußere Stressoren im Individuum eine Stressreaktion hervorrufen können. Diese Stressreaktion wird von Seyle als „Allgemeines Adaptionssyndrom“ (AAS) beschrieben. In der Entwicklung dieses allgemeinen Adaptionssyndroms unterscheidet er drei Stadien, die sich deutlich voneinander abgrenzen lassen, nämlich das Stadium der Alarmreaktion, des Widerstandes und der Erschöpfung (vgl. Seyle, 1957): 10 Die Alarmreaktion zeichnet sich durch eine Schockrektion aus, in der sich physiologische Funktionsänderungen durch das vegetative, sympathische Nervensystem zeigen. Der Körper wird im Zusammenhang mit neuroendokrinen Systemen in Angriffsbereitschaft versetzt.
10 Vgl. auch Seyle, 1981.
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Wenn das Individuum diese erste Schockreaktion überwunden hat, dann wird durch eine entgegengesetzte Funktionsänderung der Körper durch das parasympathische Nervensystem stabilisiert (Stadium des Widerstandes): Diese Stabilisierung führt dann zu einer Adaption an den Stressor bzw. es kommt zum (motorischen) Kampf gegen den Stressor, um ihn zu beseitigen.
Wenn der Stressor nicht beseitigt werden kann, d.h. wenn dieser bestehen bleibt, dann verliert das Individuum die Anpassungsfähigkeit an den Stressor und es tritt das Stadium der Erschöpfung mit anschließender Resignation ein.
Zur Symptombildung der Stressreaktion gehört bspw. die Erhöhung des Herzschlages, Schweißabsonderung, Muskelanspannung, schnellere Atmung, sowie die Empfindung von Furcht und Anspannung. Folgen dieser Reaktion sind dann bspw. Konzentrationsmangel, Gedächtnisirrtümer, Fehlleistungen und Leistungsbeeinträchtigung. Diese unterschiedlichen Reaktionen müssen vom Organismus reguliert werden. Gelingt dies nicht, kommt es in Folge zu verschiedenen sogenannten Regulationserkrankungen.
Das Modell von Selye hat sich - insgesamt gesehen - durchaus für die Analyse von Regulationserkrankungen bewährt. In bezug auf Stressreaktionen allerdings kann es in nur wenig befriedigender Weise inter- und intraindividuelle Unterschiede erklären. Dies hängt auch damit zusammen, dass die Stressreaktion nicht in Abhängigkeit von den Stressoren gesehen wird, sondern als unspezifische Stressreaktion des Individuums auf jegliche Art von Stressoren, d.h. die Wirkung von Stress als organismische Reaktion auf unspezifische Verursachungen.
Diese Annahme einer unspezifischen Verursachung führt zu einer Globalisierung des Stressbegriffs, der in seiner Gesamtheit alles umfassen kann und daher ist die Ableitung gezielter Präventivmaßnahmen aus diesem Modell nicht gegeben (vgl. Richter & Hacker, 1996, S. 26 f.).
Im folgenden Punkt geht es zum Abschluß der Diskussion der reiz- und reaktions-theoretischen Sichtweise um eine Zusammenfassung der Kritik an diesen Modellen aus kognitiv-emotionaler Sicht.
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3.3 Kritischer Einwand gegen das reiz- und reaktionsorientierte Stressmodell aus kognitiv-
emotionaler Sicht
In der bisherigen Diskussion der reiz- und reaktionstheoretischen Sichtweise hat sichzusammenfassend - vor allem gezeigt, dass den Erklärungen des Stressgeschehens die Annahme situativer Faktoren zugrunde liegt, d.h., dass „Stress“ vor allem durch die Auseinandersetzung der Person mit der Umwelt entsteht. Personenmerkmale, d.h. interaktive Aspekte werden bei diesen Erklärungen nicht berücksichtigt, m.a.W.: im behavioristischen wie im physiologischen Konzept wird auf innere Motive, Gedanken und Gefühle des Individuums und dessen Beteiligung am Stressgeschehen nicht eingegangen. Die reiz- und reaktionsorientierten Modelle können damit zwar die Bedingungen von Stresszuständen beschreiben, aber keine kausal-konditionalen Aussagen über diese Stresszustände (Ereignisse) selbst machen.
In Absetzung zur reiz- und reaktionsorientierten Sichtweise verweist Lazarus darauf, dass neben den situationsspezifischen Faktoren gerade diese interaktiven Aspekte der Person (Personenmerkmale), also die inneren Motive, die Gedanken und Gefühle mit einzubeziehen sind in die Beschreibung sowie Erklärung von Stress und damit für die Entwicklung von Präventivmaßnahmen. Der wesentliche Unterschied zwischen der reiz-/reaktionstheoretischen Blickrichtung und der Theorie von Lazarus liegt also vor allem in Lazarus´ Beachtung kognitiver Prozesse, die seiner Ansicht nach einen wesentlichen Einfluß auf den Verlauf des Stressgeschehens ausüben. So gesehen ist Stress nicht mehr eine unveränderliche Einflußgröße, sondern verändert sich im Zuge der Informationsverarbeitung der Person, aber auch durch situationsbezogene Faktoren (vgl. Bengel, 2001, S. 60). Die Gemeinsamkeit der reiz-/reaktionsorientierten Sichtweise mit dem Ansatz von Lazarus liegt in der Auffassung begründet, dass Stress krankmachend sei. Diese Auffassung wiederum kritisiert Antonovsky, indem er zwar ein in Teilen durchaus ähnliches Stresskonzept wie Lazarus vertritt, aber zugleich darauf abstellt, dass Stressoren nicht als grundsätzlich krankmachend anzusehen sind, sondern als Stimuli, die einen Zustand der Anspannung auslösen, der zwar bewältigt werden muß, aber nicht unbedingt die Auswirkung von Stress zur Folge hat (vgl. Bengel, 2001, S. 20), m.a.W.: in dieser Sicht führt erst die erfolglose Spannungsbewältigung zu Stress und damit zu krankmachenden Folgen.
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Nach der „kognitiven Wende“ wird in der Psychologie jedenfalls davon ausgegangen, dass die Berücksichtigung von Prozessen im Rahmen subjektiver Bewertungen vor dem Hintergrund von belastenden Ereignissen wichtiger ist als die Berücksichtigung objektiver Faktoren (vgl. Bengel, 2001, S. 60).
Dieser Perspektivenwechsel von der (objektiven) Belastungsseite hin zu (subjektiven) Bewertungs- und Bewältigungsprozessen liegt auch dem schon kurz erwähnten transaktionalen Stressmodell von Lazarus zugrunde, das im weiteren nun ausführlicher dargestellt wird.
4 Das transaktionale Stressbewältigungsmodell: Der Ansatz von R. S.
Lazarus
Vor dem Hintergrund der „kognitiven Wende“ bzw. des Perspektivenwechsels in der Psychologie entwickelte Richard S. Lazarus sein transaktionales Stressmodell im Jahre 1966 unter dem Gesichtspunkt kognitiver Bewertungsprozesse. Sie wurde von ihm in den darauffolgenden Jahren laufend verändert und ist eine der einflußreichsten Stressbewältigungstheorien (vgl. Jerusalem, 1990, S. 7). 11
Lazarus versteht unter Stressbewältigung ein Beziehungsgeschehen. Auf diese Sicht wird im Folgenden eingegangen und im Anschluß daran geht es um den Bewertungsprozess sowie danach um den Bewältigungsprozess.
4.1 Stress als Beziehungskonzept
Unter Stress(-bewältigung) wird nun (anders als bei den reiz- und reaktionstheoretischen Ansätzen) ein Beziehungsgeschehen eines Individuums in seiner Auseinandersetzung mit der Umwelt verstanden, d.h. Stress wird hier in Form eines Beziehungskonzeptes unter Einbezug interaktiver Aspekte beschrieben, da diese Faktoren maßgeblich die Auswirkungen von Stress mitbestimmen.
Stress ist damit als ein Ereignis definiert, „in dem äußere oder innere Anforderungen (oder beide) die Anpassungsfähigkeit eines Individuums, eines sozialen oder organischen Systems
11 Vgl. auch Lazarus, 1966, 1987; Lazarus & Launier, 1978; Lazarus & Folkman, 1984, 1987.
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beanspruchen oder übersteigen, ...“ (Lazarus & Launier, in: Nitsch, 1981, S. 226, Herv. im Original).
Die Kernaussage dieser Definition besagt, dass die wichtigsten Kriterien zur Analyse von Stress in der Erfüllung der Merkmale „beanspruchen“ und „übersteigen“ liegt. „Beanspruchung bedeutet in Anspruch nehmen oder irgendeinen Aufwand erforderlich machen, ob dieser Aufwand nun groß oder klein ist oder in welcher Form auch immer er auftritt. Stress schließt somit eine Transaktion ein, in der Fähigkeiten mobilisiert werden müssen; je größer die Mobilisierung ist, desto größer ist der Aufwand und desto fraglicher wird das Ergebnis“ (Lazarus & Launier, in: Nitsch, 1981, S. 226). Wenn die Mobilisierung der Fähigkeiten und Fertigkeiten eines Individuums als Antwort auf eine Anforderung nicht ausreichen, dann ist das zweite Merkmal „übersteigen“ erfüllt und es entsteht Stress.
Ein zentraler Gesichtspunkt bei der Erfüllung der Merkmale „beanspruchen“ bzw. „übersteigen“ ist also die Mobilisierung von Fähigkeiten und Fertigkeiten (Ressourcen), um den Anforderungen (demands) begegnen zu können:
„Umweltbedingte Anforderungen sind externe Ereignisse, welche eine Anpassung erforderlich machen und im Falle des Mißerfolgs einer entsprechenden Handlung zu negativen Konsequenzen führen. Interne Anforderungen beziehen sich auf erstrebenswerte Ziele, Werte, Wertungsdispositionen, Programme oder Aufgaben, die einem Individuum, einem sozialen oder einem organischen System immanent sind oder von ihnen erworben wurden und deren Vereitelung oder Aufschub negative Folgen oder Begleiterscheinungen haben würde. Die Anpassungsfähigkeit umfaßt alle Eigenschaften des Systems, die es potentiell in die Lage versetzen, den Anforderungen zu begegnen, und dementsprechend die negativen Folgen, die ein Scheitern einer entsprechenden Handlung nach sich ziehen würde, zu verhindern“ (Lazarus & Launier, in: Nitsch, 1981, S. 227). Es ist nun vor allem das gegenläufige Gleichgewicht der Kräfte „Anforderung“ und „Fähigkeit“, welches bestimmt, ob eine Situation bzw. Transaktion stressend oder nicht stressend wirkt (vgl. Lazarus & Launier, in: Nitsch, 1981, S. 227).
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Das ausschlaggebende Merkmal einer stressenden Situation ist dabei die Feststellung, „... dass die Transaktion ein Risiko (Bedrohung), Schädigung/Verlust oder eine Gelegenheit beinhaltet, die Probleme zu überwinden und sich weiterzuentwickeln (Herausforderung), indem mehr als die normalen Fähigkeiten aktiviert werden. Wenn eine Anforderung die Fähigkeiten übersteigt, fühlt sich das Individuum sozusagen überwältigt (Trauma) und besiegt. Der Schweregrad hängt dabei von dem ab, was auf dem Spiel stand (z.B. der Wertungsdisposition). Die Folge könnten Erschöpfung, Zusammenbruch, Regression oder Dekompensation sein ...“ (Lazarus & Launier, in: Nitsch, 1981, S. 226). Während des gesamten zeitlichen Verlaufs der Stresssituation finden immer wieder erneute kognitive Einschätzungen statt, die sich auf alle Veränderungen der Situation und der eigenen Kompetenzen beziehen. Die Stresswahrnehmung und Stressverarbeitung ist somit ein Informationsverarbeitungsprozess, der Bewertungen, Handlungen und Gefühle zur Folge hat. Die kognitiven Bewertungen (appraisals) werden als ständig wiederkehrende Überprüfungen der Umwelt in ihrer Bedeutung für das eigene Wohlbefinden verstanden. Die Aufgabe der Handlungen (coping) dient der Wiederherstellung bzw. Stabilisierung des Wohlbefindens (vgl. Jerusalem, 1990, S. 7).
Inhaltlich konzipiert Lazarus damit vor allem eine Theorie kognitiver Einschätzungen (Bewertungen); in den späteren Ausarbeitungen stellte er dann hauptsächlich auf die Bewältigungsprozesse ab (vgl. Jerusalem, 1990, S. 7). 12 Des Weiteren wurden Gefühle (emotions) zunächst als Begleit- und Folgeerscheinungen der kognitiven Bewertungen angesehen, im Zuge der weiteren Ausarbeitungen dann rückten sie verstärkt in den Blickpunkt.
Dementsprechend liegt in den späteren Ausarbeitungen nach Lazarus der Schwerpunkt nicht mehr in der Beschreibung der Bewertung und Bewältigung von Stresssituationen, sondern er wird als kognitiv-relationale Theorie der Emotion und Bewältigung konzipiert (vgl. Jerusalem, 1990, S. 7). 13 „Im Rahmen dieser Arbeit liegt der Schwerpunkt des Interesses im Bereich der “kognitiv-relationalen Theorie“ und damit bei kognitiven Bewertungsprozessen als den zentralen Stressindikatoren sowie deren zeitlichem Verlauf in stressrelevanten Situationen“ (Jerusalem, 1990, S. 7, Herv. im Original).
12 Vgl. auch Folkman & Lazarus, 1980; Lazarus & Folkman, 1984.
13 Vgl. auch Lazarus & Folkman, 1987.
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Das folgende Schaubild verdeutlicht zusammenfassend den Ablauf der transaktionalen Auseinandersetzung des Individuums in seiner Umwelt:
Abbildung 1: Das Stressverarbeitungsmodell nach Lazarus & Launier, (1981) erstellt nach Ruff (1990), aus: Winkler und Schumacher, 2001).
Im Rahmen der weiteren Ausführungen geht es in einem ersten Schritt um die im Schaubild (Abb. 1) schematisch dargestellten kognitiven Bewertungsprozesse und in diesem Zusammenhang auch um das Bewältigungsverhalten. In einem zweiten Schritt geht es dann um den im Schaubild (Abb. 1) schematisch dargestellten Bewältigungsprozess (Coping) und in diesem Zusammenhang auch um seine Messung.
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4.2 Der kognitive Bewertungsprozess und das Bewältigungsverhalten
4.2.1 Kognitive Bewertung und ihr Einfluß auf das Bewältigungsverhalten
Mit dem Begriff „Bewertungsprozess“ wird ein kognitiver (mentaler) Vorgang beschrieben, der sich über eine gewisse Zeit erstreckt und der dabei einer ständigen Veränderung unterliegt mit zugleich stabilen und sich verändernden Merkmalen. Lazarus vertritt damit die Auffassung, dass es sich bei der Bewertung um einen Prozess sich ständig ändernder Beurteilungen über die Bedeutung eines laufendes Geschehens für das Wohlbefinden einer Person handelt (vgl. Lazarus & Launier, in: Nitsch, 1981, S. 233). Die unterschiedlichen kognitiven Bewertungsprozesse (Beurteilungen) werden dabei vor allem durch individuelle Dispositionen bestimmt, also bspw. durch das Ausmaß der Engagiertheit einer Person, durch den Bedeutungsgehalt der Situation, den sie ihm beimißt. Diese Beurteilungen finden immer statt und dienen der adaptiven Auseinandersetzung mit der Umwelt (vgl. Jerusalem, (1990, S. 14 ff.).
Die kognitive Bewertung als ein mentaler Vorgang beruht darauf, dass jedes Ereignis in eine Reihe von Bewertungskategorien eingeordnet wird, die sich entweder auf die Bedeutung des Ereignisses für das Wohlbefinden (primäre Bewertung) oder auf die verfügbaren Bewältigungsfähigkeiten und -möglichkeiten (sekundäre Bewertung) einer Person beziehen (vgl. Lazarus & Launier, in: Nitsch, 1981, S. 233); des Weiteren kann es zu einem Prozess der Neubewertung bspw. dann kommen, wenn ein Individuum neue Informationen z.B. über Eigenschaften der Situation erhält.
Im Folgenden geht es um diese Dreiteilung des Bewertungsprozesses. Im Rahmen dieser Ausführungen wird (auch) deutlich werden, dass diese kognitiven Bewertungsprozesse (neben anderen Faktoren) einen Einfluß auf das Bewältigungsverhalten (Stresserleben) bzw. auf den Stressbewältigungsprozess haben. 4.2.1.1 Primäre Bewertungen (primary appraisals)
Die primäre Bewertung ist eine der Einschätzungen einer stressenden Situation, die für das Wohlbefinden eines Individuums positive oder negative Folgen haben kann. Lazarus & Launier unterscheiden hier drei grundlegende Gesichtspunkte: Die Situation kann durch die Person als irrelevant, günstig/positiv oder stressend betrachtet werden (vgl. Lazarus &
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Launier, in: Nitsch, 1981, S. 233).
Die Einschätzung „irrelevant“ wird vorgenommen, wenn das Ereignis keine Bedeutung oder die Auswirkung weder Gefahr noch Belohnung zur Folge hat. Wenn sich ein Individuum in einer Situation sowohl sicher als auch wohl fühlt und es keiner Anpassungs- und Bewältigungsbemühungen bedarf, dann wertet es das Ereignis als günstig/positiv, kann sich entspannen und erlebt vielleicht Freude, Liebe oder Heiterkeit. Es geht hier vor allem um Situationen, in denen Gefühle des Wohlbefindens erlebt werden, weil kein aktuelles Problem vorliegt. Die Gemeinsamkeit beider Einschätzungen liegt in der subjektiven Bewertung, dass das eigene Wohlbefinden nicht gefährdet ist und keine anstrengenden Bewältigungsstrategien erforderlich sind.
Einen günstig/positiven Zustand zu erhalten, kann eine Anstrengung bedeuten, wodurch diese Gegebenheit sich mit der Einschätzung der Bedrohung färbt. Dies ist sodann der Zeitpunkt subjektiver Stressrelevanz und die Bewältigung einer Situation ist damit von entscheidender Bedeutung. Das eigene Wohlbefinden kann in bezug auf individuelle Wertvorstellungen, Kompetenzen sowie Gesundheit, sozialer Anerkennung oder beruflichen Erfolgsaussichten gefährdet sein. Das Verhältnis zwischen Individuum und Situation ist dabei tendenziell für das Individuum unklar und ungünstig, und wenn nun seitens des Individuums keine Abwehrmaßnahmen erfolgen, kann das Wohlbefinden gefährdet sein.
Die subjektive Stressrelevanz ist somit die eigentliche erlebnispsychologische Akzentuierung von Stress. In dieser Form der kognitiven Bewertung werden konkretere Einschätzungen des Individuums mit Bezug auf Aspekte der Schädigung (harm) und des Verlustes (loss), der Bedrohung (threat) oder Herausforderung (challenge) vorgenommen. Diese Einschätzungen faßt Jerusalem unter dem Begriff „stressbezogene Kognitionen“ zusammen, die sich im besonderen auf das Wohlergehen eines Individuums richten (vgl. Jerusalem, 1990, S. 8). „Schädigung/Verlust (harm/loss) bezieht sich auf eine bereits eingetretene Schädigung, z.B. eine fortwährend unrealisierbare kurz- oder langfristige Wertungsdisposition, ein erschüttertes Selbst- und Weltbild, eine Störung des Selbstwertgefühls oder der sozialen Anerkennung, einen zwischenmenschlichen Verlust oder eine beeinträchtigende Verletzung usw.“ (Lazarus & Launier, in: Nitsch, 1981, S. 235).
Die Bewältigung einer solchen Situation dient vor allem der Minimierung negativer Folgen
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oder der Wiedergutmachung. D.h., sie richtet sich nicht auf die Vermeidung eines (noch nicht entstandenen) Schadens oder Verlustes, da dieser ja bereits eingetreten ist. Somit werden alle körperlichen Verletzungen oder auch der Verlust von Bedürfnisbefriedigung bzw. Minderung des Selbstwertgefühls der Kategorie des Schadens bzw. Verlustes zugeordnet. Begleiterscheinungen solcher schädigender Ereignisse können Gefühle der Trauer oder des Schmerzes bei Verlust einer geliebten Person sein oder bei körperlichen Verletzungen, aber auch Resignation oder Ärgerreaktionen bei Minderung des Selbstwertgefühls oder des Verlustes des Arbeitsplatzes. Die Auswirkungen solcher schädigenden Ereignisse und das damit verbundene Erleben liegen vor allem in der subjektiven Bewertung „Schaden-Verlust“ und sind unabhängig von den objektiven Tatsachen. Schaden-Verlust-Einschätzungen beziehen sich in der Regel auf Begebenheiten der Vergangenheit oder Gegenwart (vgl. Jerusalem, 1990, S. 8).
Die Einschätzung „Bedrohung“ zeichnet ein anderes Bild: „Bedrohung (treat) betrifft eine Schädigung oder einen Verlust, die/der noch nicht eingetreten ist, sondern antizipiert werden“ (Lazarus & Launier, in: Nitsch, 1981, S. 235). Das Individuum zweifelt daran, zukünftige Probleme bewältigen zu können. Die Einschätzung „Bedrohung“ ist somit eine kognitive Vorwegnahme oder auch die Befürchtung eines möglicherweise zukünftig eintretenden Schadens bzw. Verlustes.
Der Unterschied zur Einschätzung „Schaden-Verlust“ liegt aber in der Aussicht präventiver Bewältigungshandlungen, um die Bedrohung abzuwenden oder damit fertig werden zu können. Die Aussicht präventiver Handlungen wird bei der Einschätzung der Bedrohung häufig so stark in Frage gestellt, dass der Glaube einer möglichen Bewältigung der Situation tendenziell unvorstellbar erscheint. So kann die Befürchtung, eine Situation nicht bestehen oder auch einen Schaden nicht verhindern zu können, Bedrohungsgefühle der Furcht, Angst und Besorgnis hervorrufen. Die Einschätzung der Bedrohung wird also im Hinblick auf Zukünftige Ereignisse vorgenommen (vgl. Jerusalem, 1990, S. 9). Eine Situation als „Herausforderung“ (challenge) zu bewerten, gründet in der subjektiven Einstellung eines Individuums, mit seinen Fähigkeiten den Umweltgegebenheiten begegnen und etwas dazu lernen zu können, d.h. es kommt zu einer Einschätzung, dass der Schwierigkeitsgrad der Anforderung mit den eigenen Kompetenzen übereinstimmt bzw. dieser nur geringfügig stärker eingestuft wird.
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Eine Situation als Herausforderung einzustufen hat dabei genau wie bei der Bedrohung Zukunftscharakter, die Handlungen zur Bewältigung erforderlich macht. Die kognitive Einschätzung der Bedrohung liegt vor allem in einer Mißerfolgserwartung, während die Herausforderung eine mögliche erfolgreiche Bewältigung der Situation in Aussicht stellt. Damit verbunden sind die antizipierte Hoffnung eines Kompetenzgewinns und die Möglichkeit einer persönlichen Reifung durch die gelungene Bewältigung der Aufgabenstellung. Dies wiederum führt überwiegend zu Empfindungen wie Zuversicht, Interesse, Neugier oder Hoffnung auf freudige Erlebnisse.
Herausforderung und Bedrohung lassen sich somit auf der kognitiven Ebene, d.h. im Hinblick auf Erfolg bzw. Mißerfolg und auf der affektiven Ebene, d.h. im Hinblick auf positive bzw. negative Gefühle, unterscheiden:
“Mit der Einführung des Konzepts der Herausforderung (Lazarus & Launier, 1978) wird die Einschränkung des Stresserlebens auf Bedrohlichkeitswahrnehmungen und unlustbetonte Gefühle aufgehoben. Stress kann auch mit positiven Erwartungen und Emotionen verknüpft sein. Voraussetzung dafür ist, dass die Situation zwar subjektiv stressrelevant ist, aber nicht als so schwierig eingeschätzt werden darf, dass ein Erfolg von vornherein unmöglich erscheint. Das Individuum muß sich vielmehr herausgefordert fühlen, durch Einsatz von Anstrengung die Qualität der eigenen Kompetenzen unter Beweis zu stellen“ (Jerusalem, 1990, S. 9).
Selye konzipierte - wie aufgezeigt - ähnliche Überlegungen, indem er Eustress (konstruktiver Stress bzw. Herausforderung) von Distress (destruktiver Stress bzw. Bedrohung, Verlust) unterschieden hat (vgl. Jerusalem, 1990, S. 9). 14
Lazarus & Folkman (1987) heben noch weitere Einschätzqualitäten hervor, die sich auf den Nutzen und den Gewinn (benefit) beziehen, den ein Individuum durch die Bewältigung einer Situation erreichen kann. Damit wird der primären Bewertung als Standardeinschätzung eine zusätzliche Kategorie „Nutzen-Gewinn“ (benefit) innerhalb einer übergreifenden Emotionstheorie hinzugefügt (vgl. Jerusalem, 1990, S. 10). 15 Auf diese wird hier nicht weiter
14 Vgl. auch Holroyd & Lazarus, 1982.
15 Eine weitere Form wird als „Information“ bezeichnet, mit der Attributionsprozesse, die sich auf die Ursachen
und die Entstehung von Umweltereignissen beziehen, beschrieben werden. Attributionen sind eigenständige
kognitive Einschätzungen (vgl. Jerusalem, 1990, S. 10).
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eingegangen.
Insgesamt gesehen sind diese stressbezogene Kognitionen „… nicht unabhängig voneinander zu sehen in dem Sinne, dass immer nur eine dieser Einschätzungen im Bewußtsein der Person alleine und eindeutig vorhanden ist. Herausforderung, Bedrohung und Verlust sind keine distinkten Kognitionsmengen. Situationen sind oft mehrdeutig und voller Ambiguität, so dass nicht klar entscheidbar ist, welche konkreten Anforderungen auf einen zukommen. Solche Unsicherheiten führen im subjektiven Erleben zu Mischungen von Einschätzungsprozessen und emotionalen Befindlichkeiten“ (Jerusalem, 1990, S. 10). 16 Diese Einschätzungen bzw. Einschätzungsprozesse „… der Herausforderung, der Bedrohung, des Verlustes und Empfindungen von Hoffnung, Angst, Ärger oder Niedergeschlagenheit können zu verschiedenen Zeitpunkten in unterschiedlicher Intensität vorherrschen und sich auch gegenseitig überlappen. Es geht nicht um die Frage, welche der Einschätzungen vorliegt, sondern um die Frage nach einem Mehr oder Weniger bzw. danach, welche der kognitiven Bewertungen gerade dominiert und welche weniger intensiv ausgeprägt sind“ (Jerusalem, 1990, S. 10).
Die primäre Bewertung erfolgt somit auf zwei Ebenen: Im Hinblick auf das individuelle Wohlbefinden trifft ein Individuum die Entscheidung, ob eine Begebenheit irrelevant, angenehm-positiv oder stressrelevant ist. Im Falle der Stressrelevanz trifft es dann weitere kognitive Einschätzungen mit Bezug auf Schaden/Verlust, Bedrohung oder Herausforderung. Während sich Schaden bzw. Verlust auf gegenwärtige und vergangene Ereignisse bezieht, wobei die Schädigung des subjektiven Wohlbefindens bereits eingetreten ist, liegt die Einschätzung der Bedrohung und der Herausforderung in der Antizipation zukunftsbezogener Kognitionen mit Blick auf Erfolgszuversicht bzw. Mißerfolgserwartung. Stressbezogene Kognitionen sind also „… eng verknüpft mit entsprechenden emotionalen Befindlichkeiten. Die qualitativ unterscheidbaren Bewertungen und emotionalen Befindlichkeiten treten nicht nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip auf, sondern oft gleichzeitig in Form von Mischzuständen mit unterschiedlicher Intensität“ (Jerusalem, 1990, S. 10). Lazarus versucht damit, im Rahmen seines Konzeptes der kognitiven Bewertungen die
16 Vgl. auch Folkman & Lazarus, 1985; Peacock, Wong & Reker, 1986; Stone & Neale, 1984.
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Unterschiede in der Art, Intensität und Dauer von Emotionen zu erklären, die unterschiedliche Individuen unter gleichen Bedingungen erleben.
Es sei hier noch angemerkt, dass Lazarus eine Disposition des Individuums in Form einer besseren Lebensmoral gegenüber bedrohlichen und herausfordernden Situationen vermutet, die es ihm ermöglicht, im Unglück gelassener reagieren zu können (vgl. Lazarus & Launier, in Nitsch, 1981, S. 237).
4.2.1.2 Sekundäre Bewertungen (secondary appraisals)
Durch primäre Bewertungen einer stressrelevanten Situation als Herausforderung, Bedrohung oder Schädigung geht es um subjektive Einschätzungen des Wohlbefindens. Wenn dieser Prozess abgelaufen ist, dann folgt eine Überlegung mit Bezug auf die subjektiven Ressourcen, die eine erfolgreiche Bewältigung in Aussicht stellen. Der wesentliche Unterschied der sekundären zur primären Bewertung liegt im Bewertungsinhalt. Die primäre Bewertung bezieht sich auf das Wohlbefinden (primary appraisals). Die sekundäre Bewertung bezieht sich auf die zur Verfügung stehenden Bewältigungsmöglichkeiten, die als sekundäre Einschätzungsprozesse („secondary appraisals“) bezeichnet werden. Die sekundäre Bewertung (secondary appraisal) bezieht sich also auf Bewältigungsfähigkeiten und -möglichkeiten (coping resources and options). Die Fragestellung lautet: Was kann ich tun bzw. welche Möglichkeiten und Ressourcen habe ich, einer stressreichen Situation zu begegnen? (vgl. Jerusalem, 1990, S. 11). „Lazarus und Folkman (...) definieren sekundäre Bewertungen als einen komplexen Bewertungsprozess, der die verfügbaren Bewältigungsmöglichkeiten, deren verschiedene Erfolgswahrscheinlichkeiten und die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst bestimmte Strategien wirksam einsetzen kann, berücksichtigt“ (Jerusalem, 1990, S. 11, Herv. im Original).
Die Überprüfung der verfügbaren Bewältigungsmöglichkeiten durch ein Individuum erfolgt dabei mit Blick auf körperliche, psychologische, soziale und materielle Ressourcen und im Hinblick darauf, ob diese Ressourcen zur Bewältigung der Anforderungen ausreichen bzw. eingesetzt werden können: Bei den körperlichen und psychologischen Ressourcen geht es um die Gesundheit und um das Selbstvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit. Zu den sozialen
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Ressourcen zählen z.B. Beratungsstellen oder auch Freunde und Familienangehörige, bei denen man Hilfe und Unterstützung suchen kann. Auf der materiellen Ebene liegt der Bezug auf technische Mittel, Besitz und Geld.
Mit diesem Prozess der Überprüfung der verfügbaren Bewältigungsmöglichkeiten verbunden ist auch eine Überprüfung der Konsequenzen für andere interne und externe Anforderungen, die gleichzeitig Aufmerksamkeit fordern. Welcher stressrelevanten Situation sich ein Individuum dabei zuerst zuwendet, liegt vor allem in der Wichtigkeit und Auswirkung bzw. in den Konsequenzen für das Individuum bzw. seiner Wertvorstellungen begründet (vgl. Jerusalem, 1990, S. 11).
In Bezug nun auf die Unterscheidung von Einschätzungen primärer und sekundärer Art ist anzumerken, dass sie nicht im Sinne einer zeitlichen Abfolge zu verstehen ist. Die unglückliche Wahl der Begrifflichkeiten (die dazu führen kann, dass die Unterscheidung im Sinne einer zeitlichen Abfolge zu verstehen sei) haben Lazarus & Launier selber bemängelt, indem sie darauf verweisen, dass eventuell die Begriffe „Bewertung des Wohlbefindens“ und „Bewertung der Bewältigungsfähigkeiten“ zum Verständnis besser gewesen wären (vgl. Lazarus & Launier, in: Nitsch, 1981, S. 238). 17
Denn es besteht die Möglichkeit, dass beide Prozesse sich zeitlich überschneiden, gemeinsam auftreten oder es können sekundäre Einschätzungen auch zuerst vorliegen: „Auf jeden Fall können (…) schon vor der primären Bewertung einer Bedrohung oder einer Schädigung bzw. eines Verlustes Kognitionen über Bewältigungsmöglichkeiten und -fähigkeiten gebildet und im Gedächtnis gespeichert werden“ (Lazarus & Launier, in: Nitsch, 1981, S. 238). Neben dieser zeitlichen Verflechtung sind „… primäre und sekundäre Einschätzungsprozesse in einem transaktionalen Sinne miteinander verbunden. Die Frage nach der situativen Stressrelevanz und die nach den subjektiven Bewältigungsmöglichkeiten sind nicht unabhängig voneinander zu beantworten. Personen, die sich selbst hohe Kompetenzen zuschreiben, werden vergleichbare Situationen als eher herausfordernd und weniger bedrohlich beurteilen als solche, die sich selbst wenig zutrauen. Einschätzungen von Stressrelevanz und Bewältigungskompetenz sind wechselseitig aufeinander bezogene Informationsverarbeitungsprozesse, die gemeinsam in einer Person-Umwelt-Transaktion die
17 Da aber die ürsprünglichen Begrifflichkeiten schon sehr oft verwendet worden sind, wurden sie beibehalten.
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Qualität des individuellen Stresserlebens ausmachen“ (Jerusalem, 1990, S. 12 f.). Der wichtige Punkt ist damit, dass „…sekundäre Bewertung sowohl für die Gestaltung der Bewältigungsmaßnahmen der unter psychologischem Stress stehenden Person bedeutsam ist als auch für die Ausformung der primären Bewertungsprozesse selbst“ (Lazarus & Launier, in: Nitsch, 1981, S. 238).
Die sekundäre Bewertung hat demnach direkte Auswirkungen auf die primäre Bewertung. Das bedeutet, dass die einzelnen Teilbereiche der durch das Individuum in Beziehung gesetzten Situations- und Selbsteinschätzungen äußerst umfangreich sind. Alle Person-Umwelt-Konfrontationen ergeben ein immer wieder neu zu überprüfendes, transaktionales Stresserleben in bezug auf alle beteiligten Faktoren.
„Über diese transaktionalen Person-Situation-Einschätzungen hinaus wird unter dem Begriff der Transaktion auch die zeitliche Dynamik der Einschätzungsprozesse gefaßt, womit sogenannte Neueinschätzungen bzw. “reappraisals“ angesprochen sind“ (Jerusalem, 1990, S. 13, Herv. im Original). 4.2.1.3 Neubewertungen (reappraisals)
Neubewertungen unterscheiden sich nicht grundsätzlich von den primären und sekundären Bewertungsprozessen, sondern sie treten im Bewertungsprozess nur später auf, so dass sie im Verlauf der Person-Umwelt-Transaktion Wiederholungen der kognitiven Bewertung verdeutlichen (vgl. Jerusalem, 1990, S. 13).
Wenn ein Individuum neue Informationen über die Eigenschaften der Situation und von sich selbst erhält, so beginnt ein Neubewertungsprozess. Denn es hat sich damit die Problemlage, aber auch die individuelle Problemlösungsstrategie durch Nachdenken verändert, und d.h. zugleich, dass das Kräfteverhältnis zwischen Individuum und Umwelt eine andere Gewichtung bekommen hat und es beginnen dadurch neue transaktionale Einschätzungsprozesse. Der Anlaß solcher Neubewertungen sind Rückmeldungen bereits ausgeführter Handlungen, die wiederum zu veränderten Verhaltensstrategien führen. Es entstehen also sogenannte Rückmeldungsschleifen, die an der Veränderung des Stresserlebens aktiv beteiligt sind (vgl. Jerusalem, 1990, S. 13 f.).
Als Beispiel lässt sich der Fall des Lernens für eine Führerscheinprüfung anführen: Dieses
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Lernen läßt sich als Prozess primärer sowie sekundärer Bewertung und als Neubewertung beschreiben, nämlich zu Beginn mit anfänglichen Ängsten vor der ersten Fahrstunde bis hin zum automatischen Handeln und Bedienen der Schaltung, Kupplung, Bremse und des Gaspedals beim Autofahren. Das Problem besteht wie schon gesagt in der Angst noch nicht Auto fahren zu können. Die Situation Autofahren zu lernen und die Umsetzung, wird auf die von Lazarus beschriebenen Bewertungsinhalte der (primären Bewertung) irrelevant / günstig, Schaden / Verlust, Bedrohung und Herausforderung geprüft und in dem Zusammenhang werden in bezug auf die (sekundäre Bewertung), die noch mangelnde Fähigkeit der Umsetzung des in den Fahrstunden gelernten mit den eigenen Fähigkeiten abgeglichen. Letztendlich stellt sich der Prüfling der Herausforderung und kommt durch mehrmaligen Versuchens zur (Neubewertung) „Auto fahren zu können“, wobei er dann die (neue) Lebenserfahrung macht.
Diese (dargestellte) Dreiteilung des Ablaufes eines Bewertungsprozesses im Rahmen von Stresssituationen wird - seitdem Lazarus seine Stresstheorie 1966 veröffentlicht hat - im Grunde von Lazarus in allen weiteren stresstheoretischen Ansätzen, wenn auch zum Teil mit Modifikationen, verwendet (vgl. Jerusalem, 1990, S. 7).
Die beschriebenen kognitiven Bewertungsprozesse haben also zugleich einen Einfluss auf das Bewältigungsverhalten bzw. auf den Stressbewältigungsprozess. Neben diesen kognitiven Bewertungsprozessen haben auch andere Faktoren einen Einfluß auf das Bewältigungsverhalten, nämlich Eigenschaften von Situation und Person, die im folgenden Abschnitt thematisiert werden.
4.2.2 Eigenschaften der Situation und Person und ihre Auswirkungen auf das Bewältigungsverhalten
Das Bewältigungsverhalten wird (neben den kognitiven Prozessen) von Einflußfaktoren bestimmt, die in den Eigenschaften der Situation und des Individuums begründet liegen. Der Einfluß situativer Faktoren auf das Stresserleben wird von Lazarus anhand formaler und inhaltlicher Eigenschaften der Situation verdeutlicht.
Die formalen Eigenschaften einer Situation liegen vor allem in der Stärke, Dauer sowie Eintrittswahrscheinlichkeit und im -zeitpunkt einer Gefahr begründet. Die Bewertungen
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Diplom-Psychologe Rainer Tameling, 2004, Das kognitiv-phänomenologische Konzept der Stressbewältigung von Richard S. Lazarus und das Gesundheitskonzept der Salutogenese von Aaron Antonovsky, München, GRIN Verlag GmbH
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