Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkungen 5
Einleitung 6
Hinf ührung zum Thema 6 / Zur Vorgehensweise dieser Arbeit 9
1. Herleitung des Ansatzes: Wie lassen sich "Geschlecht" und
"Männlichkeit" in der filmischen Darstellung begreifen? 11
1.1 "Geschlecht" und "Männlichkeit" 12
1.1.1 Was ist "Geschlecht" und wie läßt es sich begreifen? -
Grundannahmen. 12
Die Bedeutung des sozialen Geschlechts für Gesellschaftsordnungen 12 / Die
Bedeutung des sozialen Geschlechts für individuelle Identität 13 / Soziales Geschlecht
ist konstruiert 13 / Die Kategorie Geschlecht ist eine Differenzkonstruktion 14 /
Geschlechterkonstruktion erfolgt in Interaktionen unter Verwendung von Zeichen 15 /
Geschlechterkonstruktion ist prozeßhaft und kontextabhängig 16 / Die Kategorie
Geschlecht überlagert sich mit anderen Kategorien / 16
1.1.2 Leitbild und individuelle Identität. 16
1.1.3 Soziales Geschlecht als Habitus 18
Die Dialektik zwischen Struktur und Individuum 18 / Das Habitus-Konzept 19
1.1.4 Habituelle Sicherheit und Krise. 20
Habituelle Sicherheit 20 / Das "fraglos Gegebene" 21 / Krise 22 / Zur Filmanalyse 23
1.1.5 Was ist "Männlichkeit"? - Geschlecht als Machtkategorie. 24
"Differenz / Dominanz" 24 / Männliche Hegemonie - Hegemoniale Männlichkeit 26 /
Die Zustimmung der Marginalsierten 27
1.2 "Männlichkeit" im Film 28
1.2.1 Die Bedeutung von Film für die Konstruktion von kollektiven
Geschlechterarrangements 28
1.2.2 Zu Untersuchung von Geschlechterkonstruktionen im Medium
Film. 31
2. Die Bestie im goldenen Käfig: Patrick Bateman in AMERICAN
PSYCHO 34
2.1 Formale Analyse 34
2.1.1 Handlung und Rahmeninformationen 34
2.1.2 Dramaturgie und Erzählstrategie 35
Eine Dramaturgie des Stillstands 35 / Bateman als unzuverlässiger Erzähler 36 /
Doppelstrategie : Satire und Horror einer Gesellschaft, deren Prototyp Bateman ist 37
2.1.3 Mise-en-Scène 39
Set-Design und Kostüme 39 / Kamera 41
2.2 Interpretation: Männlichkeit in AMERICAN PSYCHO.............................. 43 2.2.1 Batemans Habitus: hegemoniale Männlichkeit in einer männlichen
Hegemonie ........................................................................................ 43
2.2.2 Männlichkeitsnorm und Darstellungsformen des doing gender ......... 50
2.2.3 Batemans habituelle Unsicherheit ..................................................... 56
2.3 Zwischenfazit ....................................................................................... 64
3. Die Angst, ein "Freak" zu sein oder: Das Glück liegt in den kleinen Dingen: Männlichkeitskonstruktionen in AMERICAN BEAUTY 66
3.1 Formale Analyse .................................................................................. 66 3.1.1 Handlung und Rahmeninformationen ................................................ 66 3.1.2 Erzählstrategie................................................................................... 67 3.1.3 Dramaturgie....................................................................................... 68 Sechs Tage und ein Epilog 68 / Tempo 68
3.1.4 Mise-en-Scène .................................................................................. 69
3.2 Interpretation: Formen des männlichen Habitus in AMERICAN
BEAUTY .................................................................................................. 73 3.2.1 Traditionelle Formen des männlichen Habitus................................... 73 3.2.1.1 "Das Image des Erfolgs ausstrahlen, zu jeder Zeit": Carolyn Burnham
und Buddy Kane ...........................................................................................73
Beschreibung der Figur, ihrer Konflikte und ihrer Handlung
3.2.1.2 "Struktur und Disziplin": Colonel Fitts ........................................................81
Beschreibung der Figur, ihrer Konflikte und ihrer Handlung
3.2.1.3 Bewertung der traditionellen Formen des männlichen Habitus durch den
Film...............................................................................................................86
3.2.2 Neuere Formen des männlichen Habitus .......................................... 87
3.2.2.1 "Nichts mehr zu verlieren": Lester Burnham ...............................................87
Beschreibung der Figur, ihrer Konflikte und ihrer Handlung
Ableitung des Habitus 92
3.2.2.2 "Gott in die Augen schauen": Ricky Fitts.....................................................95
Beschreibung der Figur, ihrer Konflikte und ihrer Handlung
3.2.2.3 Bewertung der alternativen Formen des männlichen Habitus durch den
3.2.3 Zwischenfazit................................................................................... 103
4. "Soap, Mayham, Mischief" - Von der Depression zur Weltrevolution: Männlichkeiten in FIGHT CLUB 107
4.1 Formale Analyse ................................................................................ 107 4.1.1 Handlung und Rahmeninformationen .............................................. 107 4.1.2 Erzählstrategie................................................................................. 108 4.1.3 Dramaturgie..................................................................................... 109 Zur Struktur 109 / Das Motiv der Spaltung 110
4.1.4 Mise-en-Scène ................................................................................ 110 Kamera, Schnitt 110 / Täuschungen und deren Entlarvung 112
4.2 Interpretation: Männlichkeiten in FIGHT CLUB .................................. 113 4.2.1 Ausgangssituation: Das "portionierte Leben"................................... 114
4.2.1.1 Beschreibung ..............................................................................................114 Konsum 115 / Arbeit 116 Jacks Krise 117
4.2.1.2 Interpretation: Männliches doing gender in der "Lifestyle-Gesellschaft"
4.2.2 Der "Fight Club" 123
4.2.2.1 Beschreibung 123
Tyler und die Trennung vom materiellen Besitz 123 / Der Fight Club 124 / Schmerzen
125 / "Hausaufgaben" 126 / Sexualität 127
4.2.2.2 Interpretation: Der individuelle "Nullpunkt" als Lösung? 127
Ein neuer Habitus? 129
4.2.3 Das "Projekt Chaos" 130
4.2.3.1 Beschreibung 130
Tylers Utopie 131 / Terroranschläge 131 / Aufbau einer Militärorganisation und
Terroranschl äge 132
4.2.3.2 Interpretation: Der gesellschaftliche "Nullpunkt" als Lösung? 134
Ziel : Umsturz der männlichen Hegemonie 134 / Das Umkippen in den Totalitarismus
auf der individuellen Ebene 135
4.2.4 Das Finale 136
4.2.4.1 Beschreibung 136
Kampf gegen Tyler und Sieg über ihn 136/ Beziehung zu Marla 137
4.2.4.2 Interpretation: Männlichkeit als Kampf mit sich selbst, den "Mann"
k ämpfen muß? 138
4.3 Zwischenfazit 139
Vier Stationen 140 / Gibt es eine Gesamtaussage? 141
5. Fazit 143
6. Literatur 147
6.1 Drehbücher. 147
6.2 Monografien und längere Aufsätze in Sammelwerken 147
6.3 Kürzere Artikel aus Zeitungen, Zeitschriften und Internet 152
6.3.1 Allgemeines 152
6.3.2 Zu AMERICAN PSYCHO. 153
6.3.3 Zu AMERICAN BEAUTY 154
6.3.4 Zu FIGHT CLUB 155
Abbildungsverzeichnis 156
Erkl ärung 157
5
Vorbemerkungen
Vor Beginn der inhaltlichen Erörterungen dieser Arbeit sollen hier einige Bemerkungen zur formalen Gestaltung gemacht werden. Die Arbeit ist in zwei Bände unterteilt, um dem Leser das parallele Nachschlagen der Dokumentation zu den Filmen zu ermöglichen. Filmtitel und Nachnamen von Autoren sind im Unterschied zu fiktiven Personen aus den Filmen in KAPITÄLCHEN gesetzt. Zitate aus Büchern oder Filmen im fortlaufenden Text sind kursiv gekennzeichnet. Längere Zitate sind als einzelner Absatz in kleineren Lettern hervorgehoben. Die Literaturangaben finden sich in den Fußnoten und orientieren sich weitgehend an PREIßNER 1 . Bei der ersten Nennung eines Werkes wird es vollständig genannt, dann nur noch im Format [Verfasser] ([Jahr]), S. [Seite], nachzuschlagen außerdem in der Literaturliste am Ende des ersten Bandes. Zum Verständnis notwendige, vom Verfasser eingefügte Ergänzungen erscheinen in [], Auslassungen als [...]. Texte aus dem Internet sind nach dem Merkblatt "Hinweise zum Zitieren aus dem Internet" des Fachbereichs Sprache und Kommunikation der Universität Lüneburg angegeben.
Um den Text nicht zu "überladen", sind nur wenige Dialogauszüge aus den Filmen im Text zitiert. Stattdessen findet sich nur der Hinweis auf den Anhang. Zitate aus und Hinweise auf Dialoge aus dem Film AMERICAN PSYCHO, die mit "Dialogauszug: [Stun-de]:[Minute]'[Sekunde] gekennzeichnet sind, verweisen auf die Dokumentation der Dialogauszüge im Anhang, sortiert nach Timecode-Zeiten des Films. Hinweise, die nur mit [Stunde]:[Minute]'[Sekunde] gekennzeichnet sind, dienen nur als Angabe des Timecodes im Film. Bei den anderen Filmen, zu denen Szenenprotokolle vorliegen, erfolgt die Angabe "Sz." als Verweis auf die Szene im Szenenprotokoll im Anhang. Zur besseren Orientierung ist teilweise zusätzlich die Timecode-Zeit angegeben. Auslassungen in der Dokumentation der Dialoge sind mit [...] gekennzeichnet.
Die Rechtschreibung und Zeichensetzung erfolgt nach den vor der letzten Rechtschreib-reform gültigen Regeln ("alte Rechtschreibung"). Für den Begriff "Habitus", der in dieser Arbeit häufig verwendet wird, existiert keine Pluralform 2 . Sie muß daher mit Formulierungen wie "Arten des Habitus" o.ä. umschrieben werden. Bei angestrebt, geschlechtsneutrale Begriffe oder beide Kollektivbezeichnungen wird
1 Vgl. PREIßNER, Andreas (1994): Wissenschaftliches Arbeiten, München: Oldenbourg.
6
nungen wird angestrebt, geschlechtsneutrale Begriffe oder beide Bezeichnungen zu verwenden. Dennoch werden bei Abweichungen von diesem Vorhaben beide Geschlechter gebeten, sich angesprochen zu fühlen.
Einleitung
Hinführung zum Thema
Wer die Medienberichte der letzten Monate und Jahre verfolgt, der liest folgende Schlagzeilen: "Das zerbrechliche Geschlecht. Männer und Gesundheit" 3 , "Das benachteiligte Geschlecht - Arme Jungs" 4 , "Das verletzliche Geschlecht [der Männer, J.W.]" 5 , "Männer sind Schweine - arme Schweine" 6 , und "Zeit der Jägerinnen. Der Sex der Single-Frauen" 7 . Männer sind häufiger Täter, aber auch häufiger Opfer von Gewalt 8 , sind im Gymnasium unterrepräsentiert 9 und besetzen nur ein Drittel der neu eingerichteten Stellen in den letzten Jahren 10 . Es fällt außerdem auf, daß die verheerenden Amokläufe und Terroranschläge der jüngsten Zeit, von Littleton über Zug bis zu Jena, von Männern begangen wurden 11 . Wie steht es um das Geschlechterarrangement in den Industrienationen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert? Was bedeutet "Männlichkeit" heute individuell und gesellschaftlich? Gibt es eine "Krise der Männlichkeit"?
Informationen aus der Forschung scheinen zwiespältig. Auf der einen Seite besteht im Geschlechterverhältnis noch immer ein gravierendes Ungleichgewicht zu Gunsten der Männer, und das auch 30 Jahre nach den ersten Forderungen nach Gleichstellung. Der Zugang zu Ressourcen, Arbeit, politischer und wirtschaftlicher Macht ist in Deutsch-
2 NachDuden, Band 1, 17. Auflage, Mannheim/Wien/Zürich: 1973.
3 Titel von Der Spiegel Nr. 36/2001, 2.9.2001.
4 Titel von Focus Nr. 32/2002 (5.8.2002). Die Ausgabe widmet dem Thema ein Dossier von 11 Seiten.
5 LAKOTTA, Beate; PETERMANN, Jürgen: Das Verletzliche Geschlecht, in: Der Spiegel Nr. 36/2001 (3.9.01), S. 90-94).
6 HOLZBERG, Oskar (2001): Männer sind Schweine - arme Schweine, in: Brigitte Nr. 19/2001 (5.9.2001), S. 119-130, Dossier "Die Herren der Erschöpfung".
7 SCHLOEMER, Andrea (2001): Zeit der Jägerinnen. Der Sex der Single-Frauen, in: Max Nr. 23/2001, S. 25-38.
8 Vgl. HOLZBERG, Oskar (2001), S. 123.
9 O. V. (2000): Männer und Frauen. Zahlen, Daten und Fakten aus Deutschland [Original erschienen in: IN-Press Basis-Info 3-2000], http://www.inter-nationes.de/d/frames/presse/basis/d/bi03-2000-d.html (25.8.02), S. 9.
10 ebenda. Die hier genannten Zahlen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern sollen nur einen groben Eindruck der Problemlage vermitteln, die dieser Arbeit zugrunde liegt.
11 Vgl. BRIEGLEB, Till (2001): Extremistische Normalität Die Bedrohung durch Amoklauf, Serienmord und Attentate versteckt sich gern in Biederkeit, in: Die Woche (5.10.2001), S. 36.
7
land und weltweit eindeutig für Frauen schwieriger als für Männer 12 . Je höher wir in den nationalen und globalen Hierarchien blicken, desto mehr Männer sind zu finden. Vor diesem Hintergrund erscheint die (in erster Linie in den Massenmedien formulierte) These von der "Krise der Männlichkeit" als Paradoxon: Wie kann es eine Krise von gesellschaftlich Bevorzugten geben? Denn es sind ja gerade (zumindest einige) "ganz normale", also gesellschaftlich an der Bevorzugung teilhabende Männer, denen "Männlichkeit" offenbar unerwartete Schwierigkeiten bereitet.
Andererseits spielt sich ein Transformationsprozeß ab, der durch eine Reihe von Ereignissen und Faktoren mit fundamentalem Einfluß auf die gesellschaftliche Ordnung und das Leben des Einzelnen verursacht wird. Dazu zählt nicht nur die "Frauenemanzipation" als Folge der "68er-Revolution" und der Erfindung von verläßlichen Verhütungsmethoden. Die dramatischen Entwicklungen bei der Rationalisierung und Automatisierung der Produktion, die mediale Vernetzung und die Globalisierung der Märkte führten zum Wechsel von der "Produktionsgesellschaft" zur "Dienstleistungs-und Informationsgesellschaft". Und die Fortpflanzungsmedizin entwickelt neuartige Befruchtungsmethoden, die den sexuellen Akt überflüssig machen 13 . All das hat auch das Alltagsleben und damit auch das Geschlechterverhältnis in den westlich und industriell geprägten Nationen nachhaltig beeinflußt. Traditionelle Orientierungen ehemals "fraglos Gegebenes" 14 steht jetzt zur verlieren ihre Verbindlichkeit,
Disposition. Es ist die Rede von "Individualisierung" 15 , der "Risikogesellschaft" 16 , der "Single-Gesellschaft" 17 und der "Konsumgesellschaft". Gleichzeitig gibt es in der Ära nach dem kalten Krieg eine Reihe von neuen globalen Kriegen und Krisen 18 .
12 So betrug das durchschnittliche Jahreseinkommen im Jahr 1998 in Deutschland für Männer 71.820 DM, für Frauen aber nur 54.820 DM (vgl. o. V.: Männer und Frauen. Zahlen, Daten und Fakten aus Deutschland, http://www.inter-nationes.de/d/frames/presse/basis/d/bi03-2000-d.html (25.8.02), S. 7).
13 Vgl. TRAUFETTER, Gerald (2002): Zeugung ohne Männer, in: Der Spiegel Nr. 37/2002 (9.9.2002), S. 154-156.
14 MEUSER (1998): Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster, Opladen, S. 174ff. - vgl. dazu weitere Ausführungen im Theorieteil der Arbeit.
15 Vgl. BECK, Ulrich; BECK-GERNSHEIM, Elisabeth (Hgg.) (1994): Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften, Frankfurt a.M.
16 Vgl. ebd.
17 Vgl. HRADIL, Stefan (1995): Die Single-Gesellschaft, München.
18 In diesem Zusammenhang dürfen die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon nicht unerwähnt bleiben (mutmaßliche Anschläge auf das Weiße Haus und Camp David konnten verhindert werden), sowie der folgende "Krieg gegen den Terror" zuerst gegen Afghanistan und nun möglicherweise erneut gegen den Irak.
8
Welche Erkenntnisse hat die Forschung zum Zustand der "normalen Männlichkeit"? Gibt es Zusammenhänge zwischen dem angerissenen Transformationsprozeß, den aktuellen globalen und individuellen Krisen und "Männlichkeit"? Ausgelöst in erster Linie von der oben erwähnten feministischen Kritik existiert seitdem auch in der Wissenschaft ein weit gefaßter Bereich unter Namen wie "Geschlechterforschung" und "Gender Studies". Leider nimmt der Forschungsbereich immer noch nur eine marginale Rolle im Wissenschaftskanon ein - und das, obwohl das Prinzip "Geschlecht" sowohl für die Organisation der Gesellschaft als Ganzes als auch das individuelle Handeln von größtem Einfluß ist 19 . Mit den unterschiedlichsten Ausrichtungen und disziplinären Ansätzen beleuchtet, steht auch heute noch hauptsächlich "die Frau" im Mittelpunkt des Interesses, oder scheint es zumindest zu stehen, was das Image des Forschungsbereichs betrifft. "Männlichkeit" als expliziter Gegenstand der Forschung, besonders von Männern selbst ausgeführt, besteht erst seit wenigen Jahren. Mit quantitativen Methoden die Handlungs- und Organisationslogiken der westlichen Gesellschaften zu erforschen und mit den bestehenden Geschlechterkonstruktionen in Beziehung zu setzen, daran fanden bisher die wenigsten Autoren Interesse 20 . Dabei verspricht ein solches Vorgehen wichtige Erkenntnisse, leben wir doch einer Gesellschaft, die "männliche" Werte bevorzugt.
Versteht man das Geschlechterarrangement als kulturelle Konstruktion, so muß das Augenmerk bei einer solchen Fragestellung unweigerlich auf die Massenmedien, und dabei besonders die audiovisuellen, gerichtet werden. Denn sie sind es, die in einer zunehmend mediatisierten Welt die Kommunikation immer weitreichender bestimmen und denen gleichzeitig immer deutlicher die Aufgabe zugewiesen wird, neue Orientierungen in einer Zeit zu liefern, in der Sinnzusammenhänge sich auflösen. Film greift bestehende Diskurse auf, reproduziert und wertet um - und ist dabei wesentlich an der Produktion von neuer "Wahrheit", gerade einer sexuellen 21 , beteiligt. Gerade die Filmindustrie
19 Alle bestehenden Werke an dieser Stelle als Beleg erwähnen zu wollen, wäre sinnlos, da unmöglich. Beispielhaft soll hier nur ein bemerkenswerter Aufsatz genannt werden: COCKBURN und OMROD zeigen anhand des Planungs-, Produktions-, Marketing-, Verkaufs- und Benutzungsprozesses des Mikrowellenherdes, wie Geschlechterkonstruktionen (re-)produziert werden. Anhand des Beispiels zeigen sie, wie technologische Kompetenz im Gegensatz zu sozialen und anderen Kompetenzen als höherwertig und in einem zweiten Schritt als "männlich" konstruiert wird (vgl. COCKBURN, Cynthia; ORMROD, Susan (1997): Wie Geschlecht und Technologie in der sozialen Praxis "gemacht" werden, in: DÖLLING/KRAIS (1997) (Hgg.), S. 17-47).
20 Vgl. dazu den Theorieteil der Arbeit.
21 Vgl. FOUCAULT, Michel (1976): Sexualität und Wahrheit. Erster Band: Der Wille zum Wissen, Frank- furt a.M.: Suhrkamp, S. 21.
9
der USA 22 zeichnet sich durch eine hohe Reichweite in westlich-industriell geprägten Ländern aus. Die Filme AMERICAN PSYCHO, AMERICAN BEAUTY und FIGHT CLUB sind von besonderem Interesse, weil sie nicht nur (wie auf irgendeine Art fast jeder Film) Geschlechterarrangements, sondern auch explizit die "Krise der Männlichkeit" thematisieren. Alle drei sind in weißen, mittelständischen bis elitären Milieus der USamerikanischen Gesellschaft angelegt, und wurden auf der Schwelle zum 21. Jahrhundert produziert. Dabei ist von besonderem Interesse, wie diese Filme, die speziell zu dieser (möglicherweise Umbruchs-)Zeit und an diesem zentralen Ort der globalen Weltordnung verortet sind, einen Zusammenhang zwischen "Männlichkeit" und "Krise" auf individueller und gesellschaftlicher Ebene herstellen.
Zur Vorgehensweise dieser Arbeit
Ziel dieser kulturwissenschaftlichen Arbeit ist es, den Diskurs der dargestellten Problematik in den genannten Filmen, die als "Primärtexte" 23 verstanden werden, zu untersuchen. Dazu sollen zunächst theoretische Basis und Methodik entwickelt werden, die das Phänomen Geschlecht in seinem Zusammenhang von individueller und gesellschaftlicher Ebene begreift, und zwar speziell auf das bezogen, was in westlichen Gesellschaften als das "männliche" Geschlecht besteht 24 . Die soziologischen Ansätze von CON- 25 und MEUSER 26 zum Zusammenhang von "Männlichkeit", Gesellschaftsordnung
NELL
und "Krise" 27 werden dabei als Leitlinien dienen, um ein "Werkzeug" zur Interpretation
22 In diesem Zusammenhang muß auch auf die besondere Rolle hingewiesen werden, die Hollywood für das Bild der USA, westliche Werte im allgemeinen und "Männlichkeit" im besonderen hat. Edward Norton, Hauptdarsteller in FIGHT CLUB, ist sich darüber bewußt, wie er im Interview äußert: "Die Woche: Besitzt das Kino die Kraft zu gesellschaftlichen Veränderungen? Norton: Davon bin ich überzeugt. In einer multikulturellen Welt sind die Mythen verschwunden und von kollektiv erlebten Filmen ersetzt worden." (HUSCHKE, Roland (2001): Das Pin-up der Intelligenz. Hollywoodstar Edward Norton über seine Arbeit mit Marlon Brando und Robert deNiro, Ikea-Scherze und die Frage nach dem Privatleben, in: Die Woche (10.8.2001), S. 35.)
23 HICKETHIER, Knut (1993): Film- und Fernsehanalyse, 2., überarb. Aufl., Stuttgart, S. 28.
24 Der Theorieteil erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit in der Wiedergabe der Ansätze der Ge-schlechterforschung, sondern greift jene Ansätze auf, die m.E. für die Entwicklung eines "Werkzeugs" zur Filmanalyse nützlich sind.
25 Vgl. CONNELL, Robert W. (1999): Der gemachte Mann. Konstruktionen und Krise von Männlichkeiten, Opladen.
26 Vgl. MEUSER, Michael (1998): Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster, Opladen.
27 Ziel dieser Arbeit ist es nicht, das Motiv der Krise in der Literatur über Männlichkeit zu diskutieren. Dieses Projekt hat MEUSER (1998) bereits hinreichend bewältigt.
10
der Filme zu entwickeln 28 .
Danach sollen die genannten Filme in drei Kapiteln formal und inhaltlich untersucht werden. Wie bei der Erörterung im einzelnen deutlich werden wird, zeigt der Film A- MERICAN PSYCHObesonders deutlich eine Problemlage im Zusammenhang von "Männlichkeit" und "Krise" auf, so daß er als Vergleichsreferenz dienen soll. Bei den Filmen AMERICAN BEAUTY und FIGHT CLUB wird dann zu prüfen sein, inwiefern sich die Darstellungen der Problemlage decken, um sie dann auf mögliche Lösungskonzepte hin zu untersuchen. Grundlage der Untersuchung sind dabei aufgrund des beschränkten Umfangs der Arbeit ausschließlich die Filme selbst und nicht ihre Produktions- oder Rezeptionsgeschichte. Für AMERICAN PSYCHO liegt als Basis der Untersuchung eine Zusammenstellung von Dialogauszügen vor, für die anderen beiden Filme Übersichten der dramaturgischen Gliederung und vollständige Szenenprotokolle 29 . Diese Versprachlichung der verschiedenen Zeichensysteme des Films dient dazu, den Gesamtgehalt der aus ihm bewußt oder unbewußt gewonnenen sinnlichen Eindrücke intersubjektiv nachvollziehbar zu machen 30 . Des weiteren liegen Szenenfotos vor, die aus den Filmen gewonnen wurden 31 .
Das Fazit am Schluß der Arbeit soll dann in einem Vergleich der Ergebnisse zu den drei Filmen die Frage beantworten, welche Aussagen aus den Filmen auf der Folie der vorher entwickelten Theoriemodelle über "Männlichkeit" zum Ende des 20. Jahrhunderts abzuleiten sind.
28 Andere Erkenntnisse aus soziologischer Literatur sollen, ebenfalls aus Platzgründen, nur sparsam angeführt werden, wenn sie für die Erklärung der abgeleiteten Handlungsmuster und ihrer Kontextualisierung dienen können. Sie werden nicht im Theorieteil aufgenommen, sondern im Zuge der Interpretationen bei Bedarf herangezogen.
29 Die Szenenprotokolle sind an der Vorgehensweise orientiert, wie sie bei KORTE (vgl. KORTE, Helmut (1999): Einführung in die systematische Filmanalyse, Berlin) und FAULSTICH (vgl. FAULSTICH, Werner ( 4 1994): Einführung in die Filmanalyse, Tübingen) dargelegt sind. Alle genannten Materialien befinden sich im Anhang, des weiteren jeweils eine Zusammenstellung mit Basisinformationen über die Filme.
30 HICKETHIER, Knut (1993): S. 28.
31 Ein Abbildungsverzeichnis befindet sich am Schluß dieses Bandes.
11
1. Herleitung des Ansatzes: Wie lassen sich "Geschlecht" und "Männlichkeit" in der filmischen Darstellung begreifen?
Die Fragestellung dieser Arbeit lautet kurz umrissen: Welche Aussage machen die Filme AMERICAN PSYCHO, AMERICAN BEAUTY und FIGHT CLUB über Zustand und Bedeutung des männlichen Geschlechts zum Ende des 20. Jahrhunderts in den westlichen Gesellschaften? Inwiefern werden sie als krisenhaft beurteilt und welche Konsequenzen ziehen die Filme daraus?
Die Kategorien "Geschlecht" , "Weiblichkeit" und "Männlichkeit" sind Phänomene, die unsere Lebenswelt weitreichend durchdringen. Auf latente Art sind sie als etwas weitgehend "fraglos Gegebenes" 32 überall spürbar und werden von den Mitgliedern der Gesellschaft verstanden. Doch wie kommt man diesen Selbstverständlichkeiten, diesem "intuitiven" Verständnis auf die Spur, ohne die eigene Interpretation wiederum mit dem "Intuitiven" zu begründen? Dazu sollen in diesem Abschnitt Kategorien aus folgenden weiterführenden Fragen entwickelt werden:
- Wie kann man das Phänomen "Geschlecht" zunächst im allgemeinen (also nicht in seiner medialen Darstellung) begreifen?
- Welche Aussagen lassen sich speziell über das Geschlecht "männlich" im ausgehenden 20. Jahrhundert in westlich geprägten Gesellschaften machen?
- In welchem Zusammenhang kann von einer "Krise" gesprochen werden?
- In welchem Zusammenhang steht das "Alltagsphänomen" des individuellen Geschlecht mit der medialen / filmischen Darstellung von Geschlecht?
Im ersten Schritt sollen dafür allgemeinere Grundannahmen formuliert werden. Danach soll auf die sozialwissenschaftlichen Ansätze von MEUSER 33 , GOFFMAN 34 und CON-
32 MEUSER(1998), S. 130. - Eine nähere Erläuterung des Begriffs erfolgt weiter unten.
33 Michael MEUSER ist Professor für Soziologie an der Universität Bremen. Seine Forschungen über Männlichkeit, besonders seine Habilitationsschrift "Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster" (Opladen 1998) kann als eine der wichtigsten Forschungsgrundlagen in diesem Bereich angesehen werden.
34 Erving GOFFMAN (Professor für Soziologie in den USA) ist einer der weltweiten Pioniere im For- schungsbereich "Männlichkeit" und bei der Untersuchung von deren medialer Konstruktion.
12
35 eingegangen werden, um anschließend den Bezug zum Medium Film herzustel- NELL len.
1.1 "Geschlecht" und "Männlichkeit"
1.1.1 Was ist "Geschlecht" und wie läßt es sich begreifen? -Grundannahmen
Die folgenden Grundannahmen 36 über das Phänomen "Geschlecht", die von der Frauen-, Gender- und Männerforschung 37 entwickelt wurden, und als eine Art "Essenz" aus den gesichteten Texten hervorgehen, sollen Basis dieser Arbeit sein. Ziel ist es dabei nicht, einen umfassenden Überblick oder etwa eine Diskussion aller vorhandenen Ansätze zu bieten, sondern geeignete Kategorien und Modelle zu finden, um die Interpretationsaufgabe dieser interdisziplinären Arbeit zu bewältigen. Gleichzeitig sollen die Grundannahmen in der kurzen Abhandlung einen Einstieg in die Problematik bieten.
Die Bedeutung des sozialen Geschlechts für Gesellschaftsordnungen
Die Kategorie "Geschlecht" ist wesentlicher Teil aller (bekannten) Gesellschaftsordnungen 38 . CONNELL erklärt in seinem Werk "Der gemachte Mann. Konstruktionen und Krise von Männlichkeiten":
"Geschlechterbeziehungen, die Beziehungen zwischen Menschen und Gruppen, die durch den Reproduktionsbereich organisiert sind, bilden eine der Hauptstrukturen aller dokumentierten Gesellschaften." 39
35 Robert CONNELL, Professor für Soziologie in Sydney, konzentriert sich in seinem Ansatz zum Verständnis von Männlichkeit, einem Basiswerk, auf deren Verhältnis zur Gesellschaftsordnung und deren Herrschaftsverhältnisse.
36 Diese sind mit Rücksicht auf den Umfang der Arbeit bewußt knapp formuliert, im Wissen, daß die wissenschaftliche Tiefe dabei zu kurz kommen droht. Die Grundannahmen sollen nur als Basis für die danach ausführlicher erläuterten Theoriemodelle dienen, mit denen die Filme verglichen dann werden.
37 Die Begriffe sind nicht hinreichend definiert. Gemeint sind hier jene Publikationen, die sich mit dem Phänomen des sozialen Geschlechts befassen. Dabei spielt es für die vorliegende kulturwissenschaftlich angelegte Arbeit keine Rolle, aus welcher Disziplin (Sozialwissenschaft, Linguistik, Germanistik, Film-/Medienwissenschaften...) sie stammen.
38 Untersuchungen über Geschlechterphänomene wird vorgeworfen, die Kategorie "Geschlecht" selbst aufzugreifen und deren Zuschreibungen zu reproduzieren. Will man jedoch Geschlechterkonstruktionen nachvollziehen, wie in der vorliegenden Arbeit, so erscheint doch sinnvoll, den Unterscheidungen zu folgen, die man vorfindet - im Bewußtsein der genannten "Gefahr".
39 CONNELL (1999), S. 92.
13
Das Geschlecht ist damit Teil einer Struktur, die die Lebensbedingungen für Individuen definiert. Sie entscheidet über Verfügbarkeit und Verweigerung von Macht, Ressourcen und Handlungsoptionen im Lebensplan von Individuen 40 .
Die Bedeutung des sozialen Geschlechts für individuelle Identität
Gleichzeitig weist eine Reihe von Autoren auf die große Bedeutung des Geschlechts als Quelle der Selbstidentifikation hin 41 . GOFFMAN stellt fest:
"Insofern, wie [...] das Individuum ein Gefühl dafür, was und wie es ist, durch die Bezugnahme auf seine Geschlechtsklasse entwickelt und sich selbst hinsichtlich der Idealvorstellungen von Männlichkeit (und Weiblichkeit) beurteilt, kann von einer Geschlechtsidentität ('gender identity') gesprochen werden. Anscheinend ist diese Quelle zur Selbstidentifikation eine der wichtigsten, die unsere Gesellschaft zur Verfügung stellt [...]." 42
Offenbar spielt das Geschlecht nicht nur als äußere Kategorie eine Rolle, sondern auch für die Beurteilung des Individuums durch sich selbst. Bei dieser Selbstbeurteilung, die durch das Vergleichen mit "Idealvorstellungen" oder "sozialen Idealbildern" 43 stattfindet, verortet sich das Individuum auch selbst aktiv in der Gesellschaft, wobei es sich Handlungsoptionen und -beschränkungen zuordnet. "Geschlecht" ist also ein Phänomen, das sich zwischen dem Individuum und der sozialen Umwelt, zwischen eigenem Bewer-ten/Handeln und sozialem Idealbild abspielt. Wie läßt dieses Phänomen sich beschreiben?
Soziales Geschlecht ist konstruiert
Der Ansatz der Gender-Studies hat die Bedeutung eines durch "die Natur" eindeutig definierten oder definierbaren Geschlechts bereits verworfen und das soziale Geschlecht vom biologischen abgegrenzt. Neuere Ansätze, wie der von BUTLER 44 , gehen unter dem Eindruck der konstruktivistischen Wahrnehmungstheorie und deren Wirklichkeitskonzept noch weiter. Sie heben jene Unterscheidungen wie etwa die zwischen "Natur" und "Kultur" auf. Alle Ordnungen, auch "biologisch" oder "natürlich" genannte, werden als Deutungen und Zuschreibungen verstanden, die aktiv eine bestimmte unter
40 Vgl. MEUSER (1998), S. 76ff. und 89ff., CONNELL (1999), S. 248.
41 Vgl. BADINTER (1992), BRANDES (2001), u.a. S. 45 u. 118, MEUSER (1998), S. 300f.
42 GOFFMAN, Erving (1994): Interaktion und Geschlecht, Frankfurt a.M. / New York, S. 110.
43 A.a.O., S. 111.
44 Vgl. BUTLER (1988), dies., (1991), dies., (1997).
14
unzähligen möglichen Auslegungen wählen. Damit wird nicht nur die soziale Konsequenz der Zugehörigkeit zu einem biologischen Geschlecht als konstruiert verstanden, sondern das Geschlecht selbst 45 . MEUSER beschreibt diese Sichtweise, die auch das "natürliche" Geschlecht als eine die Gesellschaft aktiv ordnende Kategorie versteht:
"Das Selbstverständliche wird heuristisch in etwas Unwahrscheinliches, höchst voraussetzungsvolles transformiert. [...] die Geschlechterzugehörigkeit selbst wird als soziale Konstruktion verstanden." 46
Hier eröffnet sich eine mikrosystemische Perspektive, die nach der aktiven Sinnkonstruktion in einem Individuum und zwischen den unmittelbaren Teilnehmern an einem Kommunikationsprozeß fragt. Besonders die enthnomethodologische Soziologie konzentriert sich auf den Ansatz des "doing gender" 47 . GARFINKEL verdeutlicht anhand einer transsexuellen Person als Grenzüberschreiterin des (sozialen) Geschlechts, daß Geschlecht nicht "einfach" existiert, sondern aktiv durch bestimmte Handlungen und Verhaltensweisen hergestellt wird. Nicht die körperlichen Geschlechtsorgane entscheiden ihm zufolge über die Geschlechtszugehörigkeit, sondern Praktiken im Alltagshandeln, die erlernt werden müssen und mit denen das soziale Geschlecht in interaktiver Kooperation mit allen Beteiligten hergestellt wird 48 . Unter "doing gender" versteht man also die aktive Darstellung des Geschlechts im Rahmen von Interaktionen (vgl. weitere Ausführungen S. 15). Um die Konstruiertheit des Begriffs "Männlichkeit" zu verdeutlichen, erscheint er in dieser Arbeit häufig in Anführungszeichen.
Die Kategorie Geschlecht ist eine Differenzkonstruktion
Die Kategorie Geschlecht hebt körperliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen hervor, während andere Unterschiede zwischen Menschen tendenziell ausgeglichen werden oder ihnen weniger Bedeutung beigemessen wird, so GOFFMAN 49 . Diesen kör-
45 Dasbedeutet aber nicht, daß Lebensbedingungen, wie sie z.B. der Körper stellt, weniger bindend wären. Butler schreibt dazu, es sei ihr wichtig, "in Erinnerung zu behalten, daß eine Erörterung des Biologischen und des Materiellen als fundierende Kategorien nicht dasselbe ist, wie sie als deskriptive Bereiche oder Gegenstände der Untersuchung nutzlos zu machen" (BUTLER (1997), S. 9f). Für die vorliegende Arbeit bleibt diese Diskussion, wie weit der Einfluß der kulturellen Konstruktionen von Wirklichkeit geht, jedoch ein Randthema. Festzuhalten bleibt, daß sie von großer Bedeutung sind.
46 MEUSER (1998), 63.
47 u.a. MEUSER (1998), S. 64.
48 Vgl. GARFINKEL (1967), S. 116ff.
49 GOFFMAN zieht deshalb den Schluß: "Nicht die sozialen Konsequenzen der angeborenen Geschlechtsunterschiede bedürfen also einer Erklärung, sondern vielmehr wie diese Unterschiede als Garanten für unsere sozialen Arrangements geltend gemacht wurden (und werden) und, mehr noch, wie die institutio-
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perlichen Unterschieden werden soziale Unterschiede zugeordnet. Den Begriffen "männlich" und "weiblich" werden dabei Ausschnitte aus dem gesamten Spektrum der Handlungs- und Ausdrucksmöglichkeiten zugeordnet. CONNELL stellt fest:
"Außerhalb eines Systems von Geschlechterbeziehungen gibt es so etwas wie Männlichkeit überhaupt nicht." 50
Für das Verständnis eines Geschlechts muß demnach das gesamte Arrangement der Geschlechter und die Konstruktionen der als Differenz konstruierten anderen Geschlechter betrachtet werden.
Geschlechterkonstruktion erfolgt in Interaktionen unter Verwendung von Zeichen Nach GOFFMAN ist doing gender ist ein Kommunikationsprozeß 51 . Nicht nur die Wahrnehmung der äußeren Welt im Inneren eines Individuums ist mit einer aktiven Auswahl- und Deutungsleistung verbunden, sondern auch die Mitteilung der eigenen Konstruktion von Welt und der eigenen Stellung darin wieder nach außen 52 . BUTLER, poststrukturalistische Sprachwissenschaftlerin, nennt daher die von der Außenwelt kommenden Wahrnehmungen bzw. die eigenen, ritualhaften Handlungen "performative acts" 53 . Da ihnen bei der Deutung und Benutzung bestimmte Inhalte beigemessen werden, sind sie als Zeichen oder Zeichensysteme zu verstehen. Diese Bedeutungsträger können, je nach Art der kommunikativen Interaktion, aus unterschiedlichen "Sprachen" stammen und in einer komplizierten Kombination unterschiedlicher Kommunikations-
systeme stattfinden, die auf allen beteiligten Sinneskanälen stattfinden 54 . Die Projektionsfläche und das Medium des doing gender ist (fast) immer der Körper 55 und seine
nellen Mechanismen der Gesellschaft sicherstellen konnten, daß uns diese Erklärungen stichhaltig erscheinen." (GOFFMAN (1994), S. 107.)
50 CONNELL (1999), S. 91.
51 Vgl. GOFFMAN (1994), S. 51ff.
52 Vgl. JANSEN, Stefan (1999): Erkenntnis - Konstruktivismus - Systemtheorie. Einführung in die Philosophie der konstruktivistischen Wissenschaft, Opladen, S. 161.
53 Vgl. BUTLER (1988).
54 Dazu zählen z. B. gesprochene Sprache in Text und Performanz, Gestik, Mimik, Kleidung, Make-up usw.
55 So setzt beispielsweise MÜHLEN-ACHS (1998) in ihrer Untersuchung "Geschlecht bewußt gemacht. Körpersprachliche Inszenierungen" bei der Körpersprache an, um dem alltäglichen doing gender auf die Spur zu kommen.
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"Peripherie", also dessen Ausstattung mit materiellen Dingen als Kommunikationsträger, wie etwa Accesoires und Mode 56 .
Geschlechterkonstruktion ist prozeßhaft und kontextabhängig.
Wird Geschlecht als durch Handlung von Individuen im Rahmen von Kommunikationsprozessen Konstruiertes verstanden, so hat dies Konsequenzen für die makrosystemische Perspektive, d.h. die Analyse von gesellschaftlichen Strukturen, die aufgrund von Geschlecht existieren: Sie stehen unter dem Einfluß der Dynamik von Kommunikationsprozessen. Diese kommt zum einen durch die Möglichkeit des Individuums zu-stande, aktiv Zeichen zu verwenden und zu deuten und so Einfluß auf die Bedeutung der Zeichen zu nehmen. Zum anderen wirkt sich aus, da? unweigerlich kleinere oder größere Unterschiede im Verständnis der benutzten Zeichen zwischen dem sich Äußernden und dem Rezipierenden bestehen 57 . Damit sind Geschlecht und Geschlechterarrangement einem geschichtlichen Entstehungs- und Wandlungsprozeß unterworfen, d.h. prozeßhaft und kontextabhängig. Sie haben sich unter den Bedingungen einer bestimmten Vergangenheit entwickelt und sind in der Zukunft veränderbar 58 .
Die Kategorie Geschlecht überlagert sich mit anderen Kategorien
Wird die Kategorie "Geschlecht" als sozialwissenschaftliche Unterscheidungskategorie verwendet, so müssen weitere Faktoren wie Alter, Milieu, Bildung, geographische Herkunft und Hautfarbe mit berücksichtigt werden. Erst in ihrer Kombination lassen sich Geschlechterkonstruktionen erfassen.
1.1.2 Leitbild und individuelle Identität
Zusammenfassend läßt sich auf der Basis der dargelegten Positionen feststellen, daß individuelles "Alltags-doing gender" einerseits mannigfaltig und vieldeutig ist. Ande-
56 MENTGES U.A. (2000)untersuchen die Verwendung von materiellen Dingen für das doing gender. Auch Lifestyle- und Trenduntersuchungen, die den Konsumstil von bestimmten Personengruppen in Hinblick auf deren Verwendung als Bedeutungsträger untersuchen, verwenden diesen Ansatz.
57 WITTGENSTEIN hat gezeigt, daß es unmöglich ist, "hinter" die Bedeutung der Sprache zu schauen, d. h. die Bedeutung von Zeichen so weit zurückzuverfolgen, daß man absolut sicher sein kann, daß zwei Kommunizierende wirklich das Selbe meinen (Vgl. WITTGENSTEIN (1968)).
58 Vgl. CONNELL (1999), S. 92-93.
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rerseits scheint es bestimmte intersubjektive, normative Vorstellungen zu geben, die die Wahrnehmung des Individuums von sich und anderen deutlich strukturieren und die für seine Identitätsbildung von Bedeutung sind. BÜRMANN 59 und GOFFMAN schlagen für diesen Komplex ein Modell mit drei Dimensionen vor. BÜRMANN spricht zum einen von einer "sozialen Identität" (GOFFMAN: "soziale Idealbilder" 60 ), die "normative Erwartungen an Erscheinungsbild, Verhalten und Charakter" 61 umfaßt und die Interaktionsteilnehmer wechselseitig antizipieren bzw. erwarten. Hier läßt sich hinzufügen, daß diese Leitbilder auch in materialisierter Form als Macht- und Organisationsstrukturen und Institutionen existieren. Zum zweiten sprechen sie von der "persönlichen Identität" 62 , einer Kategorie der Außensicht auf das Individuum. Darunter verstehen sie die wiedererkennbare Kombinationen von Eigenschaften, die eine Unterscheidbarkeit eines Individuums für andere ermöglichen. Zum dritten sprechen sie von der "Ich-Identität" 63 als das subjektive Erleben von Situationen und eigener Kontinuität. Entscheidend sei dabei die Fähigkeit, Distanz und Abgrenzung zum Außen und zu äußeren Erwartungen herzustellen. BÜRMANN erläutert:
"Diese Ich-Identität ist der Freiheitsraum des Individuums, das Gestaltungspotential jenseits antizipierender Rollenerwartungen, das die Möglichkeit der Distanzierung von gesellschaftlichen Normen als Konstituens in sich trägt." 64
Dabei bestehe ein permanenter Konflikt zwischen Konformität und Abgrenzung, bei dem die eigenen Ansprüche mit den Außenerwartungen (die verinnerlicht wurden) ausbalanciert werden müssten. Ob dieses Ausbalancieren dem Individuum glückt, hängt nicht nur von ihm ab, sondern auch von der Freiheit, die ihm das Leitbild 65 einräume.
Hier finden wir einen ersten Hinweis auf die Bedeutung, die z.B. Film für "Geschlecht" hat: Technische Massenmedien wie der Film spielen eine wesentliche Rolle bei der Konstruktion von normativen Leitbildern 66 . Eine Filminterpretation verspricht daher, Aufschluß über Leitbilder zu geben. In der filmischen Darstellung werden Geschlech- 59 Vgl.BÜRMANN (2000), S. 141ff.
60 GOFFMAN (1994), S. 111.
61 BÜRMANN (2000), S. 142.
62 Ebd.
63 Ebd.
64 Ebd.
65 Diese Leitbilder können auch Aussagen über das Verhältnis von Leitbild und individueller Abgrenzung von ihm machen: Wenn das Individualität als Leitbild konstruiert ist, fordert das Leitbild die permanente Abgrenzung von sich etablierenden Leitbildern.
66 Vgl. GOFFMAN (1981), ZURSTIEGE (1998), S. 36.
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terkonstruktionen und -arrangements (re-)konstruiert und dabei bewertet. Leitbilder werden von verworfenen Konzepten abgegrenzt. Vor der Suche nach Untersuchungsansätzen für Film soll aber zunächst auf das Verhältnis von Struktur und Individuum detaillierter eingegangen werden.
1.1.3 Soziales Geschlecht als Habitus
Die Dialektik zwischen Struktur und Individuum
Doing gender entsteht unter Wechselwirkung und im Spannungsverhältnis von Individuum und dem Leitbild der sozialen Umwelt. Geschlecht entsteht durch individuelles Handeln (das auch medienvermittelt sein kann), ist aber gleichzeitig eine bindende strukturelle Bedingung der sozialen Umwelt in Gesellschaften. Das individuelle Handeln steht einerseits unter makro-, andererseits unter mikrosozialen Einflußfaktoren 67 . Sozialstrukturelle Lebenswelt, kulturelle Tradition und die Bedingungen des Körpers stehen der individuellen, aktiv vorgenommenen Konstruktion einer "Weltsicht" und deren Kommunikation gegenüber. Die beiden Seiten stehen in dialektischem Verhältnis: Der Einzelne lebt unter den Bedingungen der gesellschaftlichen Strukturen und Leitbilder. Andererseits existieren diese nur durch individuelle Reproduktion, und der Einzelne kann durch ein doing gender, bei dem er Vorgefundenes zitiert und gleichzeitig etwas abwandelt, Einfluß auf die Strukturen und Vorgaben nehmen. Die verwendeten kulturellen und sprachlichen Codes (performative acts) rekurrieren einerseits auf den strukturellen Vorgaben und kollektiven Orientierungen, andererseits reproduzieren bzw. verändern sie sie. Der Körper stellt einerseits bestimmte Lebensbedingungen, andererseits wird er zum Ort der Inszenierung. Das Individuum hat einerseits bestimmte Zwänge zu verarbeiten und andererseits Handlungsspielräume zur Umdeutung der kollektiven Orientierungen und zur Umgestaltung der Lebenswelt.
67 Vgl. MEUSER (1998), S. 107.
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Das Habitus-Konzept
Um dieses komplexe System zu begreifen, schlägt MEUSER das Konzept des "Habitus" aus BOUDIEUS 68 Werk "Die feinen Unterschiede" vor. MEUSER überträgt den Ansatz, den BOURDIEU ursprünglich für die Untersuchung der Beschaffenheit und Zusammensetzung von Gesellschaften im allgemeinen verwendet hat, auf die Untersuchung des sozialen Geschlechts 69 . BOURDIEU bezeichnet mit dem "Habitus" eine bestimmte "Handlungs-, Wahrnehmungs- und Denkmatrix" 70 , die gesellschaftliche Gruppen auszeichnet und "typische Muster der Problembewältigung generiert" 71 . Basis für diese kollektiven Orientierungen ist eine bestimmte gemeinsame Soziallage, die sich durch eine bestimmte Konfiguration von ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital auszeichnet 72 . Manifest werde der Habitus schließlich in "distinkten Lebensstilen" 73 .
MEUSER ordnet den Ansatz des doing gender nun in das Habitusmodell ein: Der Habitus sei das übergeordnete Handlungsprinzip des doing gender. Doing gender realisiert, was im Geschlechtshabitus festgelegt ist.
"Der geschlechtliche Habitus ist Basis von 'doing gender', garantiert als 'modus operandi' dessen Geordnetheit. Für das Individuum bedeutet das: Im Habitus hat es ein Geschlecht [...], indem es ein Geschlecht tut [...]. Insofern als dieses Tun nicht voluntaristisch beliebig ist, sondern im Rahmen des Habitus geschieht, ist Geschlecht - obwohl dem Individuum als Merkmal zugeschrieben - keine individuelle Eigenschaft. Andererseits reproduziert sich der Habitus nur im Handeln, so daß Geschlecht nicht etwas dem Handeln der Akteure Externes ist." 74
MEUSER drückt hier die Wechselwirkung von individuellem Handeln und gesellschaftlicher Vorgabe aus: Einerseits könnten gesellschaftlich bestehende Geschlechterkonstruktionen nur durch individuelle Handlungen existieren. Sie müssten permanent reproduziert werden, da sie ihren Status als "Wahrheit" erst durch die fortwährende, ritualisierte Wiederholung bekommen. Andererseits sei das individuelle Handeln im doing dender nicht frei gewählt, sondern kontextabhängig und muß sich auf das Vorgefundene bezie-
68 Vgl.BOURDIEU, Pierre (1987): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a. M., S. 277-354 und BOURDIEU (1979): Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, Frankfurt a.M., S. 166ff.
69 Vgl. MEUSER (1998), S. 112ff.
70 BOURDIEU (1979), S. 169.
71 BOURDIEU (1987), S. 728.
72 Vgl. MEUSER (1998), S. 109.
73 Ebd.
74 A.a.O., S. 113.
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hen, sonst könnte es an dessen Bedeutungen nicht teilhaben und würde nicht als doing gender verstanden.
Im Unterschied zu GOFFMANs Konzept der geschlechtlichen Identität ist beim Habitus-Konzept wenig Differenzierung zwischen individueller Identität und gesellschaftlicher Vorgabe zu erkennen. Wie die Abgrenzung des Individuums vom Außen erfolgt, die für die Existenz einer persönlichen Identität notwendig ist, läßt sich mit dem Habitus-Konzept nicht erkennen. Der nächste Abschnitt wird aber deutlich machen, wie mit ihm das Problem lösbar wird, von individuellem doing gender, daß per Medium Film vemittelt wird, auf die Konstruktion und Bewertung von gesellschaftlichen Leitbildern im Film zu schließen.
1.1.4 Habituelle Sicherheit und Krise
Habituelle Sicherheit
MEUSER erweitert das Habitus-Konzept um den Begriff der "habituellen Sicherheit" und macht damit das Phänomen der "Krise" begreifbar, wie in diesem Abschnitt deutlich werden wird. Er meint mit "habitueller Sicherheit" eine Verhaltenssicherheit, die sich daraus ergibt, daß der individuelle Habitus den Leitbildern und Strukturen der Umwelt angepaßt ist.
"Mit habitueller Sicherheit ist eine Sicherheit gemeint, die ein Handeln betrifft, das unter den Geltungsbereich eines bestimmten Habitus und in den Rahmen einer bestimmten So-zialordnung fällt, hier derjenigen der Zweigeschlechtlichkeit." 75
Habituelle Sicherheit sei...
"umso eher möglich, je stabiler die Ordnung ist und je vollständiger die Dispositionen der Akteure, d.h. ihr Habitus, die Strukturen der Ordnung reproduzieren." 76
Habituelle Sicherheit impliziere eine "selbstbewußte Zustimmung zum habituellen Schicksal" 77 , sei also "positiv angenommener Zwang" 78 , der zu einer Verwurzelung in den Strukturen führe. Sie bestehe in folgenden Dimensionen:
75 A.a.O., S. 119.
76 A.a.O., S. 120.
77 A.a.O., S. 119.
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"- als Sicherheit über die Position in der eigenen Familie;
- als Sicherheit hinsichtlich dessen, was in Interaktionen zwischen Männern und Frauen erlaubt ist, und erst recht darüber, was ein angemessenes Verhalten gegenüber Männern ist;
- als Sicherheit hinsichtlich der Strategien und Formen der Selbstrepräsentation." 79
Die Beherrschung adäquater Verhaltensweisen in den angegebenen Dimensionen sorge für "ontologische Sicherheit" 80 :
"Ontologische Sicherheit meint eine Art Urvertrauen sowohl in die Kontinuität von Selbstidentität als auch in die Konstanz der Strukturen der umgebenden Sozialwelt." 81
Damit sei die habituelle Sicherheit, so MEUSER, eine lebenswichtige Bedingung dafür, selbstständig entscheiden und als Individuum mit der sozialen Umgebung in Kontakt treten zu können.
Das "fraglos Gegebene"
MEUSER sieht als Bedingung dafür, daß eine habituelle Positionierung in der Gesellschaft funktioniert, daß das Individuum über den Habitus als "fraglos Gegebenes" 82 verfügt. Damit meint er, daß die Berufung auf die entsprechenden Strukturen unbewußt stattfinden muß. Er führt hier eine Unterscheidung zwischen einer expliziten Äußerung im Rahmen eines Diskurses einerseits und der "vorreflexiven Routinepraxis" 83 andererseits ein. Der Habitus müsse gewissermaßen "in Fleisch und Blut übergegangen" sein, also quasi-natürlich durch das Individuum beherrscht werden, damit andere ihn erkennen und akzeptieren 84 . Denn seine Bedeutung bekomme der (geschlechtliche) Habitus dadurch, daß sein Konstruiertsein nicht wahrgenommen, sondern daß er als natürlich gegeben erachtet wird. Der Körper fungiere dabei nicht nur als Ort der Inszenierung der doing gender, sondern auch als "fleischliches Gedächtnis" 85 , in das der Habitus eingeschrieben sei.
78 Ebd.
79 MEUSER (1998), S. 296.
80 A.a.O., S. 119.
81 Ebd.
82 MEUSER (1998), S. 174ff.
83 A.a.O., S. 119 und S. 119 Fn. 120.
84 Am Beispiel der Situation eines Transsexuellen wird der Zusammenhang deutlich: Sie müssen sich den Habitus des angestrebten Geschlechts zuerst "in mühsamen Lernprozessen intentional aneignen und dann als Angeeignetes wieder vergessen" ( MEUSER (1998), S. 115).
85 HIRSCHAUER (1993), S. 60.
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Krise
Ebenso schwer zu begreifen wie Identität, individuelles doing gender und gesellschaftliche Geschlechtsleitbilder sind individuelle und gesellschaftliche Krisen, die aus Konflikten im Zusammenhang von Geschlecht und Identität entstehen. Auch hier soll auf MEUSER zurückgegriffen werden. Er sieht dann die Gefahr von solchen Krisen, wenn die aktuellen Anwendungsbedingungen für geschlechtlichen Habitus nicht mehr denjenigen entsprechen, die "- historisch-genetisch - der Entwicklung des männlichen Geschlechtshabitus zugrundeliegen" 86 . Gerade zum Ausgang des 20. Jahrhunderts sei die Geschlechterordnung zunehmend von Instabilität geprägt 87 , so daß die Bedingungen sich möglicherweise zu weitgehend ändern, als daß Individuen ihren Habitus schnell genug anpassen können.
MEUSER sieht Abstufungen im Grad der Krisengefahr. Wenn diejenigen strukturellen Lebensbedingungen sich verändern, auf die die Konstruktion von Männlichkeit basiert, ist das gewohnte und gelernte doing gender in den betroffenen Lebensbereichen nicht mehr möglich. So kann z.B. Arbeitslosigkeit als Folge des industriellen Strukturwandels die Konstruktion vom Mann als Familienernährer unmöglich machen. Um den gelernten Habitus weiterhin anzuwenden, muß ein Individuum sein doing gender auf Lebensbereiche verlagern, die nicht von Beeinträchtigungen betroffen sind. "Gefährlicher" ist es, wenn etwa durch gesellschaftlichen Wertewandel die bestehenden Geschlechterkonstruktionen selbst als "fraglos Gegebenes" 88 diskursiviert werden und sie so ihre Legitimation verlieren, wie im nächsten Abschnitt ausgeführt werden wird 89 . Die Infragestellung der Gesellschaftsordnung kann in diesem Fall eine Gefährdung der individuellen Geschlechteridentität von Männern bedeuten, so daß die betroffenen Männer dann mit großen Widerständen ihrer sozialen Umwelt rechnen müssen, wenn sie ihr doing gender auf herkömmliche Weise konzipieren 90 . Den höchsten Grad der Verunsicherung sieht MEUSER in einem dritten Fall bestehen, nämlich wenn die Hinterfragung und Be-
86 Ebd.
87 MEUSER (1998), S. 120.
88 A.a.O., S. 130.
89 Krisenhaft kann dies insbesondere dann sein, wenn Männlichkeit als eine bestimmte Stellung in der Gesellschaft konstruiert ist, wie im nächsten Abschnitt erläutert werden wird.
90 CONNELL untersucht deshalb unter anderem Männer in der Umweltschutzbewegung. Diese stehen unter besonderem Druck von feministisch eingestellten Frauen, die ihre Männlichkeitskonstruktion angreifen. Er fragt dann, mit welcher neuen Geschlechterkonstruktion die betroffenen Männer reagieren. (CONNELL (1999), S. 143-161.)
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zweiflung von männlichem Habitus und doing gender internalisiert werden und innerhalb des Individuum stattfinden 91 . Denn hier würde ein durch das Individuum selbst blockiertes doing gender gegen die Bedingungen einer Außenwelt stehen, in der doing gender immer noch "tendentiell omnirelevant" 92 ist. In diesem Fall drohe dem Individuum eine Krise, sich auf alle Lebensbereiche auswirken könne, weil keine "ontologische Sicherheit" mehr bestehe:
"Den verunsicherten Männern wird die eigene Biografie nicht nur retrospektiv zum Problem, auch prospektiv gerät sie in Gefahr, zum Anlaß von Sorgen und Unwägbarkeiten zu werden." 93
BRANDES sieht daher geschlechtshabituelle Unsicherheit als eine der wichtigsten Ursachen für psychische Störungen, insbesondere Angstleiden 94 .
Zur Filmanalyse
Auch wenn die These, daß sich größte Verhaltenssicherheit bei größter Konformität einstellt, zu kritisieren ist, so erlaubt MEUSERS Konzept doch eine wichtige Schlußfolgerung, nämlich, daß sich an habituell sicheren Individuen das aktuelle kollektive Leitbild ablesen läßt. MEUSER wendet diesen Grundsatz bei der Untersuchung von Individuen an. Er ist aber auf die filmische Darstellung übertragbar: Nimmt man an, daß Verhaltenssicherheit positiver bewertet wird als Verhaltensunsicherheit, dann kann davon ausgehen, daß in einem Habitus, der mit habitueller Sicherheit inszeniert wird, ein Leitbild konstruiert wird.
Die Filme AMERICAN PSYCHO, AMERICAN BEAUTY und FIGHT CLUB enthalten Aussagen über Krisen in Verbindung mit Geschlechteridentitäten und bieten Lösungskonzepte an. Analog zu Meusers Untersuchungen am "Alltags-doing gender" 95 läßt sich anhand der ausgeführten Kategorien und Abstufungen ermessen,
91 Dieses wird durch die Veranlagung der abendländischen Männlichkeitskonstruktion begünstigt: BRAN- DES stelltfest, daß Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle zentrale Regulationsmechanismen der männlichen Sexualität seien (vgl. BRANDES (2001), S. 105).
92 MEUSER (1998), S. 300.
93 A.a.O., S. 300.
94 BRANDES weist dies mit seiner praktischen Erfahrung als Psychotherapeut für Männer nach. Vgl. BRANDES (2001), S. 45.
95 MEUSERS zentrale Fragestellungen zielen darauf ab, in welchen Milieus und Generationen, und dort in welchen Lebensbereichen eine Veränderung der strukturellen "Anwendungsbedingungen" für männliches
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- worin die Krise dort gesehen wird
- welche Ursachen sie dort hat (veränderte Umstände? falscher Habitus?),
- für wie bedrohlich sie gehalten wird
- welche Strategien als Lösungskonzepte angeboten werden.
1.1.5 Was ist "Männlichkeit"? - Geschlecht als Machtkategorie
"Differenz / Dominanz"
Geschlecht ist kontextabhängig. Allgemeine Aussagen über "Männlichkeit" sind demnach nicht zulässig. Möglich ist aber, Aussagen über "Männlichkeit" in westlichen Industriegesellschaften zu machen. Dabei geht es nicht um individuelle Eigenschaften von einzelnen darin lebenden Männern, sondern um ein ideologisches, "kulturelles Modell mit Breitenwirkung" 96 . Dabei ist die Kategorie Geschlecht nicht nur als Differenz, sondern auch als Wertung konstruiert. Nach umfangreicher Untersuchung historischer und aktueller Konzepte von Geschlecht und Männlichkeit kommt MEUSER zu folgendem Schluß:
"In den vorliegenden soziologischen Versuchen von Simmel bis Connel wird allemal deutlich, daß 'doing gender' 'doing difference' ist und daß die Herstellung der Differenz sich der gesellschaftlichen Semantik sozialer Ungleichheit bedient." 97
Die in den ersten Grundannahmen erwähnte Differenz wird hier nicht wertfrei gedacht, sondern bedeutet eine implizite Hierarchisierung von Dualismen wie z.B. Natur - Kultur, Körper - Geist, Emotionalität - Rationalität. Für die Konstruktion von "Männlichkeit" gilt dabei, daß mit ihr konnotierte Werte eine Übereinstimmung mit denjenigen Werten aufweisen, die historisch in westlichen Gesellschaften als hochwertig konstruiert wurden, während Weiblichkeit mit dem "Gegenteil" von "Männlichkeit" belegt und geringer bewertet ist 98 . Das Prinzip eines solchen Geschlechterarrangements be-
doinggender auftritt und mit welchen Strategien die Akteure reagieren, um habituelle Sicherheit aufrechtzuerhalten (Vgl. MEUSER (1998), S. 120).
96 MEUSER, (1998), S. 103.
97 A.a.O., S. 117.
98 Dies zeigt eine lange Reihe von Autoren. Beispielsweise: vgl. HONEGGER (1991), MEUSER (2001), S.
223. Zur historischen Genese dieser Ordnung vgl. LAQUEUR, Thomas (1992): Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud, Frankfurt a.M./New York.
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zeichnet MEUSER mit "Differenz/Dominanz" 99 . Auch auf der materiellen und strukturellen Ebene läßt sich feststellen, daß die Kategorie Geschlecht eine wesentliche Dimension der sozialen Ungleichheit ist. So ist die Verteilung von Macht- und Ressourcen unausgewogen, zu Gunsten einer nach westlicher Tradition geprägten weißen, heterosexuelle Männlichkeit aus den Industrienationen mit der Beziehungsstruktur Ehe/Kleinfamilie und homosozialen, männerbündischen Zusammenschlüssen. CONNELL stellt fest, daß sich diese die Ordnung im Zuge der Kolonialisierung und dann der kulturellen und wirtschaftlichen Globalisierung gegenüber lokalen anderen Geschlechterverhältnissen und -ordnungen weltweit durchgesetzt hat 100 .
Das gängige Beschreibungsmodell für diesen Sachverhalt ist das Konzept der hegemonialen Männlichkeit von CONNELL 101 , auf das üblicherweise zurückgegriffen wird. CONNELL bezeichnet damit eine Gesellschaftsordnung, in der die Macht einerseits zwischen den Geschlechtern, und andererseits zwischen verschiedenen Männlichkeiten ungleich verteilt sei. Die Ungleichverteilung der Macht werde dabei von den unterge-ordneten Gruppen befürwortet 102 . CONNELL stellt fest, daß bei den Beziehungen zwischen Frauen und Männern und auch unter Männern die hierarchischen Prinzipien Dominanz, Unterordnung und Marginalisierung gelten würden 103 . Die dominante, sog. hegemoniale Männlichkeit, eine gesellschaftliche Elite, zeichne sich also Folge dieser Prinzipien dadurch aus, daß sie
- in westlich geprägten Industrieländern lebt oder von deren Lebensstil geprägt sei,
- die weiße Hautfarbe hätte,
- wirtschaftlich erfolgreich sei,
- hierarchische Strukturen aufweise und befürworte,
- Frauen schlechter bewerte als Männer,
- andere Männlichkeiten (wie Homosexualität, andere Hautfarben) schlechter bewerte als die hegemoniale Männlichkeit,
99 MEUSER (1998), S. 117.
100 "Die Mannigfaltigkeit der Geschlechterordnungen wird nun ersetzt durch eine zunehmend gleichgeschaltete und sichtbar werdende globale Geschlechterordnung. Westliche Geschlechterarangements sind in diesem System hegemonial." (CONNELL (1999), S. 220.)
101 Vgl. CONNELL (1999).
102 CONNELL hat den Hegemoniebegriff von GRAMSCI übernommen (vgl. GRAMSCI, Antonio (1987): Gedanken zur Kultur, Köln.).
103 CONNELL (1999), S. 94ff.
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- Homophobie das zentrale Beziehungsmuster zwischen Männern sei. 104
Männliche Hegemonie - Hegemoniale Männlichkeit
MEUSER führt nun den von ihm spezifizierten Begriff des "männlichen Habitus" und CONNELLS Hegemoniekonzept zusammen. Sinn und Zweck der bestehenden Konstruktion von Männlichkeit sei es, die männliche Hegemonie aufrechtzuerhalten. Umgedreht definiere sich das Individuum als Mann durch ihre Stellung in der Hierarchie. Männliche Hegemonie (gesellschaftliche Ebene) und hegemoniale Männlichkeit (individuelle Ebene) ergänzen und bedingen sich gegenseitig.
"Hegemoniale Maskulinität ist der Kern des männlichen Habitus, ist das Erzeugungsprinzip eines vom männlichen Habitus generierten doing gender bzw. 'doing masculinity' [...]." 105
Das bedeutet auch, daß von Seiten der Außenwelt eine Erwartungshaltung an das individuelle Handeln besteht:
"Hegemoniale Maskulinität ist zudem der Maßstab, der an das Handeln eines Mannes von anderen Männern herangetragen wird (und oft auch von Frauen)." 106
Damit ist der "männliche Habitus" von permanenter Konkurrenz geprägt. Wer sich dem zu entziehen oder verweigern versuche, werde erinnert, sanktioniert und ggf. marginalisiert.
Die Position eines Individuums in diesem Komplex ist aufgrund seiner Dynamik selten eindeutig, sondern Unterordnung unter Strukturen und Nutznießen (CONNELL spricht von "patriarchaler Dividende" 107 ) von ihnen überlagern und verschränken sich. KALTE- NEGGER/TILLNER erläuterndas Konzept: Daran lasse sich ...
"erahnen, wie kompliziert und facettenreich der Zusammenhang von struktureller und praktizierter Macht ist - daß sich die Macht niemals vollständig personifiziert, daß es den "totalen Herren" nicht gibt, daß die Geschlechterherrschaft vielmehr durch ihre Träger hindurchgeht und sie in der Ermächtigung auch unterwirft." 108
104 Eine Aufstellung in dieser Kürze findet ich bei DÖGE, Peter (1999): Abschied vom mächtigen Mann, in: Freitag, 3.12.1999.
105 MEUSER (1998), S. 118.
106 A.a.O., S. 119.
107 CONNELL (1999), S. 100.
108 TILLNER/KALTENEGGER (1995), S. 2.
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Individuen lassen sich nicht eindeutig zu untergeordneten oder begünstigten Gruppen zuordnen, sondern mehrere Lebenszusammenhänge überlagern sich. Das Leiden an geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen kann neben Dominanz über andere stehen.
Die Zustimmung der Marginalsierten
Auf gesellschaftlicher Ebene ist die männliche Hegemonie darauf angewiesen, daß die dominierten gesellschaftlichen Gruppen ihre Zustimmung geben. MEUSER und CON- NELL sehenals unerläßliche Bedingung dafür, daß die bestehende Ordnung unhinterfragt als "quasi-natürlich" fortbestehe. Sie benötige dazu einen allgemein verbindlichen und anerkannten Wertekonsens, der sich mit ihren Ansprüchen und ihren Legitimationen deckt. In der Herstellung dieses Wertesystems sieht GRAMSCI, Verfasser des Konzepts der Hegemonie im allgemeinen Sinne, die Aufgabe der Kultur. Denn Infragestellung der Hegemonie bringe die Gefahr der Demontage, weil sie das "fraglos Gegebene" bewußt mache und hinterfrage. Gelinge es nicht, die herrschende Ordnung erneut zu etablieren, so komme es möglicherweise nicht mehr zur Zustimmung der nichthegemonialen gesellschaftlichen Gruppen zum Machtanspruch der hegemonialen Gruppen 109 .
Die Filme AMERICAN PSYCHO, AMERICAN BEAUTY und FIGHT CLUB behandeln die Geschichten von Männern, die Teilhaber an der männlichen Hegemonie sind. Offenbar spielt für die Krisen dieser Männer gerade die Konzeption ihrer Männlichkeit als hegemoniale eine wichtige Rolle. Worin dieser Zusammenhang besteht, wird anhand der filmischen Darstellung zu untersuchen sein. Des weiteren stellt sich die Frage, ob die Filme alternative Geschlechterarrangements aufweisen.
109 CONNELL merkt an, daß eine Erschütterung der Legitimation nicht zwangsläufig zur Änderung der Herrschaftsverhältnisse führen muß. Sie kann auch eine Reaktion der herrschenden Gruppe provozieren, die die Verhältnisse stabiler etabliert. (CONNELL (1999), S. 105.)
Verweigerung der Zustimmung erkenne man andererseits an der Existenz von gewalttätigen Auseinander- setzungen (vgl. CONNELL (1999), S. 104f.).
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1.2 "Männlichkeit" im Film
1.2.1 Die Bedeutung von Film für die Konstruktion von kollektiven Geschlechterarrangements
Massenmediale Vermittlung von "Wirklichkeit" spielt eine große Rolle für die individuelle Identität 110 . Häufig implizit, werden Geschlechterkonstruktionen und -arrangements formuliert und kollektiv rezipiert. Gerade Bildmedien bieten hervorragende Möglichkeiten für Geschlechterkonstruktion, weil sie Körperlichkeit darstellen können. ANGERER fragt daher nach dem Zusammenhang zwischen der medialen Vermittlung und und dem alltäglichen doing gender:
"Welcher Zusammenhang besteht zwischen den geschlechtsspezifischen Identifikationsstrategien, die dem Text (TV-Inhalte, Programme, Bilder) eingeschrieben werden, und der Herstellung einer Geschlechteridentität im Prozeß der medialen Konsumption?" 111
MULVEY 112 und TILLNER/KALTENEGGER 113 sehen im Kino, besonders dem des klassischen Hollywood-Erzählkinos, einen Apparat zur Erhaltung der männlichen Hegemonie. KALTENEGGER und TILLNER gehen von den selben Voraussetzungen der hegemonialen Männlichkeit aus wie MEUSER mit BOURDIEU und CONNELL: Die Kategorie "Geschlecht" wird als gesellschaftsordnend wahrgenommen. Ihre Ordnung wird als eine Möglichkeit unter vielen verstanden und deshalb nach den spezifischen Entstehungsbedingungen dieser Ordnung gefragt. Auch sie gehen weiterhin davon aus, daß die männliche Hegemonie darauf angewiesen ist, von allen Beteiligten als natürliche Ordnung anerkannt zu werden. Gerade an der rituellen, performativen Herstellung der Geschlech-
110 V.BRAUN formuliert daher die These, daß ein enger Zusammenhang zwischen der Veränderung der Geschlechterordnung und derjenigen der medialen Rahmenbedingungen bestehe. Dies belegt sie, indem sie die historische Genese der Medientechnologien über die Zeitalter hinweg (so z.B. von der Entdeckung der Zentralperspektive über die audiovisuellen Medien bis hin zur virtuellen Realität) mit der Entwicklung der erkenntnistheoretischen Konzepte in Beziehung setzt und auf dieser Basis auch einen Zusammenhang mit der Entwicklung von Geschlechterarrangements vermutet (vgl. V. BRAUN (2000), S. 300/301).
111 ANGERER (1994), S. 10.
112 Laura MULVEY nähert sich dem klassischen Hollywood-Erzählkino aus feministischer Perspektive mit Hilfe der Psychoanalyse (vgl. MULVEY (1993)).
113 Vgl. KALTENECKER, Siegfried (1996): Spiegelformen. Männlichkeit und Differenz im Kino und TILL- NER, Georg;KALTENECKER, Siegfried (1995): Offensichtlich männlich. Zur aktuellen Kritik der heterose- xuellen Männlichkeit.
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terverhältnisse werde aber ihr Konstruiertsein deutlich 114 . Im Kino sehen sie eine "technology of gender" 115 , mit der unter Ausnutzung der medialen Darstellungsmöglichkeiten 116 die Fiktion einer bestimmten Geschlechterordnung und einer bestimmten Männlichkeit erschaffen wird:
"Über einen streng geregelten Kanon geschlechtsspezifischer Darstellungsformen werden die FilmzuschauerInnen zu ganz bestimmten Männlichkeits- und Weiblichkeitsdarstellungen verführt und gewissermaßen als 'ganze' Männer und Frauen aus dem Kino entlassen." 117
"Reale" Männer und Frauen gehen also ins Kino, um sich dort für ihr doing gender zu orientieren, und ihre Männlichkeit bzw. Weiblichkeit besteht in der Nachahmung der Fiktion: "Das reale Verhalten von Männern ist die Aufführung der Fiktion Männlichkeit." 118 Diese Fiktion von ("natürlichen") geschlechtlichen Identitäten könnten real existierende Männer aber niemals erreichen. Gerade diese Unerreichbarkeit der Fiktion sei der Motor für das permanente streben nach ihr:
"'Der 'Patriarch' ist kein lebendiger Mann, er ist jenseits der realen Erfahrungen von Männern: als Phantom der Vollständigkeit konfrontiert er diese vielmehr mit ihrer eigenen Mangelhaftigkeit und ihrem In-Differenz-Sein. Gerade darin liegt aber die zentrale Funktion dieser Fiktion: das zwangsläufige Scheitern jeder vollständigen Identifikation mit dem Idealbild des Patriarchen liefert die Motivation, ihm beharrlich nachzueifern." 119
Dennoch, so kann man einwenden, sind auch die Fiktionen von Männlichkeit im Kino nicht ungebrochen. KALTENEGGER antwortet, indem er die Krise als Bedingung für den Fortbestand der Hegemonie in sein Konzept einbringt. So sei die Männlichkeit von realen Individuen, da Konstruktion, krisenanfällig, so wie es auch MEUSER zeigt 120 . Dem begegne das Hollywoodkino als Medium der männlichen Hegemonie, indem es Männlichkeiten gebrochen und uneindeutig darstelle, dann aber die Widersprüche umdeutet
114 Vgl. TILLNER/KALTENECKER (1995), S. 5.
115 KALTENECKER (1997), S. 2.
116 MULVEY sieht die Macht des Mediums Kino in der Identifikation: Sein spezifisches Mittel sei die unmerkliche Definitionsmacht über den Blick, die dem Zuschauer eine bestimmte Sichtweise präsentiere, ohne daß er sich ausreichend distanzieren und eigene Positionen einnehmen könne. (Vgl. MULVEY (1993), S. 14-28.) KALTENECKER schließt daran an. So sei die Position der klassisch-männlichen Heldenfigur seit langem unverändert: "Im Besitz des allwissenden Blicks, als handlungsmächtiger Träger der Erzählung und als herrschaftlicher Maßstab lustvoller Identifikation blieb sie im unhinterfragten Zentrum kinematografischen Geschehens." (KALTENECKER (1997), S. 2.)
117 KALTENECKER (1997), S. 2.
118 TILLNER/KALTENECKER (1995), S. 4.
119 Ebd.
120 Daß auch "reale" Menschen Krisen in Form von habituellen Verunsicherungen haben, zeigt deren Konstruiertsein: Ein "wirklich natürliches" Individuum könnte keine Krisen haben, da sie das Problem der Nicht-Übereinstimmung mit einem gesellschaftlichen Idealbild nicht hätte.
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und doch immer wieder in die gewünschte Ordnung bringt. So sei die "Krise entscheidendes Merkmal dominant-fiktionaler Männlichkeitsrepräsentationen" 121 . (Selbstgestellte) Aufgabe des Kinos sei es dann, die Krise zu lösen:
"Einen überaus flexiblen Kanon an bild- und erzähldramaturgischen Elementen zu immer wieder neuen Darstellungsformen verdichtend, scheint das Erzählkino um nichts mehr bemüht, als die von ihm aufgeworfenen Widersprüche einer möglichst eindeutigen Lösung zuzuführen." 122
Mit den Begrifflichkeiten von MEUSER und CONNELL formuliert, würde KALTENECKERS These lauten: Das Kino begegnet den Legitimationskrisen der hegemonialen Männlichkeit und stellt durch seine Leitbildkonstruktionen habituelle Sicherheit unter ständig sich verändernden Strukturbedingungen wieder her.
Die Filme AMERICAN PSYCHO, AMERICAN BEAUTY und FIGHT CLUB greifen solche Problematiken auf, wie sie von MEUSER und CONNELL thematisiert werden. Es geht um Männer aus der amerikanischen Mittel- bis Oberschicht weißer Hautfarbe, die mit guter Ausbildung und Zugang zu materiellen Ressourcen Teilhaber an der männlichen Hegemonie sind. Und doch wird anhand ihrer individuellen Lebensgeschichten gezeigt, wie habituelle Sicherheit durch Veränderungen der Lebensbedingungen und Zweifel an Legitimation und Sinn der Lebenskonzepte ins Wanken geraten und neue Entwicklungen hervorbringen. Schon die Existenz von Filmen mit solchem Sujet verweist auf gesellschaftliche Entwicklungen, die speziell zum Ende des 20. Jahrhunderts stattfinden. Gilt die These über Kino als Bewahrer der männlichen Hegemonie auch für diese Filme? Wie zwingend ist die Verknüpfung von Männlichkeitskonstruktion und Macht? Geht es hier um "die Macht", die nur eine Gruppe haben kann, oder ist eine Art "demokratische" Geschlechterordnung vorstellbar? Muß habituelle Sicherheit zwingend eine Beibehaltung einseitiger Machtverhältnisse bedeuteten, oder kann sie unter veränderten Bedingungen entstehen, die für beide Geschlechter positive Effekte haben 124 ?
121 KALTENECKER (1996), S. 276.
122 KALTENECKER (1997), S. 3.
124 Eine der Leitthesen der BAUSTEINEMÄNNER, einer Gruppe kritischer Männerforscher, ist der Zweifel an der Nützlichkeit von männlicher Hegemonie für Männer selbst (Vgl. BAUSTEINEMÄNNER (1996), S. 397f.)
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1.2.2 Zu Untersuchung von Geschlechterkonstruktionen im Medium Film
Wie läßt sich das Medium Film in diesem Kontext analysieren, und wie sind filmische Männlichkeitskonstruktionen und deren Bewertung durch den Film im Film identifizierbar? Der fiktionale Film als kulturelles Produkt steht - auch allgemein, also nicht im Kontext einer Geschlechterfrage - in einem vergleichbaren Zusammenhang aus struktureller Vorgabe und aktiver Reproduktion, aus Tradition und Innovation, wie er für das individuelle doing gender hergeleitet wurde: Um verstanden zu werden, muß er sich zum einen auf kollektive Orientierungen, also bestehende und dem Publikum bekannte Sinnzusammenhänge beziehen. Das heißt auch, daß er unter Umständen deren Geltung und "Wahrheitsgehalt" reproduzieren würde. Zum anderen präsentiert er im Rahmen eines Spielraums Neues, hat ein "Anliegen", wandelt um, wertet neu - sonst wäre er nicht "spannend" und würde nicht rezipiert. Dieses kann in neuen Zusammenhängen, Ordnungen, Konzepten und Lösungen für Probleme und Konflikte sein, die in der Story aus einer realen Lebenswelt aufgenommen wurden. Eine Filmindustrie wie diejenige aus Hollywood hat eine ungleich höhere Reichweite, als individuelles doing gender ohne technisch-mediale Vermittlung jemals haben kann. Dadurch gehen von ihren Inhalten, ob Innovation oder Tradition, viel stärkere Impulse für den kulturellen Diskurs aus.
MEUSER ist den möglichen Formen des männlichen Habitus auf der Spur, indem er real existierende Männer in Gruppengesprächen befragt und deren Äußerungen abstrahiert. Die Tatsache, daß er Männer befragt, läßt ihn darauf schließen, daß deren Habitus ein "männlicher" ist 125 . Die Filminterpretation ist nicht so einfach. Die Geschlechterkonstruktionen eines Filmes lassen sich zwar nachzeichnen 126 . Ebenso wichtig sind aber deren Bewertungen durch den Film. Nur weil ein Film gängige Arrangements reproduziert, muß er sie noch nicht gut heißen. Die Innovation des Films kann in einer Neubewertung bestehen, die vom Zuschauer (- wahrscheinlich, wenn der Film gut ist -) "intuitiv" verstanden wird. Eine als "Mann" identifizierbare Person muß nicht unbedingt das kulturelle Ideal bzw. die hier vom Film vorgenommene, als erstrebenswert konstruierte
125 Daran könnte man kritisieren, daß MEUSER mit dieser Vorgehensweise nicht über die Kategorie "Männlichkeit" hinauszublicken vermag.
126 Dieses versuchen eine Reihe von Arbeiten, wie etwa WENGER (2000), HACKL/PROMMER/SCHERER (1996), MÜHLEN ACHS (1998).
Arbeit zitieren:
Jörn Wendt, 2002, Männlicher Habitus und Krise im Hollywoodfilm der 90er Jahre: AMERICAN PSYCHO, AMERICAN BEAUTY und FIGHT CLUB. Eine medien- und kulturwissenschaftliche Analyse, München, GRIN Verlag GmbH
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