Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Demut als genuin christliche Tugend 3
2. Vorspiel: Die antike Lehre von der Hybris 5
3. Die Demutslehre im Christentum 8
3.1. Der Begriff der Demut in der Bibel 8
3.2. Der Demutsbegriff von Augustinus 8
4. Praktische Demut: Die Benediktusregel 12
5. Theoretische Demut: Bernhard von Clairvaux 14
6. Der Demutsbegriff bei Thomas von Aquin 17
7. Fazit 21
Literaturliste 23
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1. Einleitung: Demut als genuin christliche Tugend?
Die Demut erscheint als einer der Schlüsselbegriffe zum Verständnis des christlichen Denkens. Nicht nur ist die Tugend der Demut als zentral für die christliche Ethik und dessen Menschenbild anzusehen: Die Idee, Demut überhaupt als eine positiv besetzte Tugend zu verstehen, scheint sich auch erst mit dem christlichen Denken herausgebildet zu haben. 1 Von einem heutigen Blickpunkt aus gesehen erscheint diese Vorstellung der Demut als positiver Tugend sowohl nahe als auch fern. Liest man beispielsweise antike Texte der Moralphilosophie, so ist man oft befremdet über die eher geringe Rolle, die Haltungen der Demut, der Selbstzurücknahme und des Dienstes an den Mitmenschen hier spielen. In ähnlicher Weise ist man aber wiederum auch gegenüber mittelalterlicher Literatur oft genug befremdet über die geringe Rolle, die dort der einzelne Mensch als für sich wertvolles Individuum spielt. Beides scheint in unmittelbaren Zusammenhang zu dem mittelalterlichen Verständnis der Demut zu stehen.
Aus diesem Grund soll im Folgenden versucht werden, an einigen markanten Beispielen die Bedeutung herauszuarbeiten, die der Begriff der Demut im Denken mittelalterlicher Theologen und Philosophen gespielt hat. Nach einem kurzen Exkurs zu verwandten Vorstellungen in der Antike wird sich die Arbeit dabei vor allem auf vier Quellen stützen. Zum Einen auf Augustinus, der zwar kein systematisches Werk zum Thema der Demut verfasst hat, der aber in seinen Schriften immer wieder auf sie zurückkommt und insgesamt in dem Gegensatz zwischen humilitas und superbia eines der zentralen Merkmale des Christentums sieht.
Als zweiter Text sollen die von Benedikt von Nursia verfassten Mönchsregeln aus dem 6. Jahrhundert herangezogen werden. Die Demut und die mit ihr verbundene Pflicht zum unmittelbaren Gehorsam sollen hierbei einen Einblick in die praktischen Auswirkungen gewähren, die eine in hohem Maße auf Demut zentrierte Kultur besitzt.
Im Gegensatz dazu soll an dem dritten Text herausgearbeitet werden, welche Auswirkungen Demut auch auf die theoretischen Beschäftigungen des Menschen haben kann. Hierzu soll der Text De gradibus humilitatis et superbiae von Bernhard von Clairvaux herangezogen werden. An ihm lässt sich zeigen, wie auch das Erkenntnisstreben im Mittelalter durch Demutsvorstellungen geprägt und auf diese Weise von neuzeitlichen Vorstellungen äußert verschieden war.
1 Vgl. Horst Dietrich Preuß, Demut, in: Theologische Realenzyklopädie, Bd.2 Sp.459-488, S.488f.
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Als letzten wird sich die Arbeit mit Thomas von Aquin beschäftigen, der sich sowohl mit der Demut als praktischer Tugend beschäftigt hat, als auch mit der Frage nach einem guten und einem schlechten Erkenntnisstreben.
Grundlegend sind außerdem natürlich zu Beginn einige Ausführungen über die Behandlung der Demut im Alten und Neuen Testament voranzustellen.
Eine solche chronologische Abhandlung soll nicht implizieren, dass hier die Geschichte eines kontinuierlichen Fortschritts erzählt werden soll. Es soll vielmehr gezeigt werden, dass die Autoren, die sich im Mittelalter mit dem Thema Demut beschäftigt haben, hierbei oft sehr unterschiedliche Aspekte beleuchteten.
Außerdem soll, wie schon angedeutet, das Hauptaugenmerk nicht allein auf der Demut als praktischer Tugend liegen. Die leitende Fragenstellung soll sich zusätzlich auch darauf beziehen, welche Auswirkungen dieser mittelalterliche Tugendbegriff auf das Erkenntnisstreben der Menschen hatte.
Zu fragen wäre dann also, ob die explizite Skepsis, die viele mittelalterliche Autoren gegenüber der Vernunft bekundeten, mit einer auf das Erkenntnisstreben des Menschen bezogenen Demut zusammenhängt, die von vornherein den Glauben, und nicht das Wissen, als die dem Menschen zukommende Erkenntnisweise annimmt. Im Extremfall könnte man in einer solchen Denkrichtung unterstellen, dass schon der Gebrauch der Vernunft den Schatten der Sünde mit sich trägt: Insofern als es ein Akt der superbia darstellt, wenn man die Offenbarung hinterfragt und ihr Vernunftgemäßheit als Kriterium der Glaubhaftigkeit deduzieren möchte. Die Arbeit wird diese Fragestellung nur andeutungsweise berühren können, aber sowohl bei Bernhard von Clairvaux als auch bei Thomas von Aquin lässt sich eine (sehr unterschiedliche) Beschäftigung mit dieser Problematik erkennen.
Zunächst aber soll hier kurz untersucht werden, welche Aspekte der mittelalterlichen Demutslehre möglicherweise schon in der Antike angelegt sind.
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2. Vorspiel: Die antike Lehre von der Hybris
Der Gedanke der Demut als einer positiv besetzten Tugend ist in der Antike nicht nachweisbar. 2 Das Wortfeld humilis bzw. ταπειυ×σζ hat in der Antike fast ausschließlich die negativ konnotierte Bedeutung: niedrig, von knechtischer Gesinnung.
Der Akt der Selbsterniedrigung, wie er von einem Christen gefordert wird, erscheint dem antiken Denken als unwürdiges Verhalten, das einem freien Menschen nicht angemessen ist. Der Gedanke aber, dass der Mensch sich seiner Grenzen bewusst sein muss, ist auch in der Antike vorhanden. Seinen stärksten Ausdruck findet dieser Gedanke in dem Negativbegriff der Hybris.
Die Hybris als verfehlte Selbstüberhebung des Menschen ist sowohl in der antiken Literatur als auch in der Philosophie ein oftmals wiederkehrendes Thema. Insbesondere die antike Tragödie beschäftigt sich immer wieder mit der Verbindung von Hybris und der notwendig darauf folgenden göttlichen Nemesis.
Ein frühes Beispiel hierfür ist die Tragödie Die Perser von Aischylos, in der dieser Gedanke explizit formuliert wird:
„Dass übers Maß der Mensch nicht heben soll den Sinn,
Ein weiteres klassisches Beispiel, das immer wieder in diesem Sinne als das Aufeinanderfolgen von unzulässiger Selbstüberhebung des Menschen und dessen folgerichtige Bestrafung durch die Götter gelesen wird, ist der Oidipus Rex von Sophokles. Im Folgenden soll stattdessen aber ein weiteres Werk Sophokles’ als Beispiel herangezogen werden, weil sich an ihm die Thematik möglicherweise noch deutlicher herausarbeiten lässt. Es handelt sich hierbei um die Tragödie Aias, die deshalb von Interesse ist, weil in ihr nicht nur die Hybris dargestellt wird, sondern auch dessen positiver Gegenpart, nämlich die von Odysseus verkörperte Sophrosyne (Besonnenheit).
Bevor die Handlung bei Sophokles einsetzt, hatten sich Aias und Odysseus über die von Achilles hinterlassenen Waffen gestritten. Diese Waffen waren schließlich Odysseus zugesprochen worden, aber Aias war nicht bereit gewesen, sich in dieses Schicksal zu fügen. Im Zorn möchte er Odysseus und seine Gefährten töten.
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Vgl. W. Schütz, Demut, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd.3 Sp.57-59, S.57.
3 Aischylos, Die Perser, Frankfurt 2001, Verse 817-823.
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Athene aber belegt ihn mit einem Wahn, so dass er stattdessen ein Blutbad unter den Tierherden seiner Feinde anrichtet, und einige der Tiere als seine Gefangene in sein Zelt führt. Zu Beginn der Tragödie führt Athene Odysseus vor das Zelt von Aias. Sie ruft Aias heraus und der berichtet ihr, wie er alle seine Feinde getötet habe, und dass Odysseus als Gefangener in seinem Zelt sei und er ihn jetzt töten werde. Während der gesamten Zeit steht Odysseus direkt vor ihm, aber in seinem Wahn nimmt er ihn nicht wahr.
Wegen seines Hochmuts also ist Aias auf tiefste gedemütigt und der Lächerlichkeit preisgegeben. 4 All dies würde Odysseus guten Anlass zum Spott geben, aber der widersteht dieser Versuchung. Nachdem er alles mitangehört hat, sagt er zu Athene:
“ (...) bedauern muss ich ihn,
Und Athene antwortet ihm:
„Da du dies einsiehst, sprich du selbst nur
Die Besonnenheit von Odysseus zeigt sich noch einmal am Ende des Stückes. Nachdem sich Aias aus Scham über sein Handeln selbst getötet hatte, möchten Menelaos und Agamemnon ihm die Bestattung verweigern. An dieser Stelle erscheint wiederum Odysseus, der den Streit schlichtet indem er argumentiert, dass man mit einer solchen Tat nicht mehr Aias strafen würde, sondern vielmehr die göttlichen Gesetze übertreten und somit die Götter selbst beleidigen würde.
4 Dass sich Aias den Zorn von Athene wirkich durch seinen Hochmut zugezogen hat, kommt noch deutlicher in
der Rede des Boten in einer späteren Stelle zum Ausdruck, vgl. Verse 748-795.
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Arbeit zitieren:
Benjamin Möckel, 2007, Demut als praktische und theoretische Handlungsanweisung im christlichen Mittelalter, München, GRIN Verlag GmbH
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