0.0 Einleitung
Im Beisein des damaligen niedersächsischen Ministers für Wissenschaft und Kultur Thomas Oppermann wurde am 16. August 1999 an der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen das Projekt der Digitalisierung des Göttinger Exemplars der Gutenberg-Bibel offiziell gestartet. Die Göttinger Gutenberg-Bibel ist frei im Internet zugänglich. Gutenberg digital 1 nennt sich dieses Projekt. Seit dem 23. Juni 2000 ist die gesamte Göttinger Gutenberg-Bibel im Internet abrufbar. Dies ist nur eines der zahlreichen Projekte, die sich der Digitalisierung von Büchern und ihrer Verbreitung über das Internet annehmen.
Bücher gab es schon lange vor der Etablierung des Buchdrucks. Im 15. Jahrhundert erfand Gutenberg den Druck mit beweglichen Lettern und schuf somit das Massenmedium Buch. Oft wird das Buch gar nicht als Medium begriffen, obwohl es doch über Jahrhunderte hinweg als wichtiges Kulturmedium seine Bedeutung hatte, ja sogar das 'kulturelle Leitmedium' darstellte. In dieser Arbeit werde ich mich mit dem Buch als Medium unserer Gesellschaft beschäftigen und die Entwicklung der Buchkultur über die Jahrhunderte darstellen. Einen Hauptteil wird die aktuelle Erscheinung von digitalen Buchformaten einnehmen. Auf dem E-Book und seinem Einfluss auf den konventionellen Buchmarkt wird das Hauptaugenmerk liegen. Im Vordergrund sollen dabei die Entwicklung und mögliche Durchsetzung vom Buch zum E-Book stehen. Der Buchhandel muss sich zeitgemäß weiterentwickeln, da sich die Strukturen des Buchmarktes und auch der allgemeinen Buchkultur stetig ändern. Aber wie stark ist die Konkurrenz für das herkömmliche Buch durch elektronische Formate und durch das Internet wirklich? Schon Anfang der 90er Jahre stellte man die Entwicklung der Gesellschaft hin zur Informationsgesellschaft fest: es zählt die schnelle Information. Bücher gehören so gesehen zu den langsamen Medien: Wo es Anfang der 90er noch Zeitungen und Zeitschriften oder neue Medien, wie das wachsende Angebot der Rundfunk- und TV-Sender, waren, die dem Buch Konkurrenz machten, und die zu Lasten des Buchmarktes gingen, ist es heute wohl das Internet und die damit verbundenen neuen Möglichkeiten, wie vielleicht das E-Book. Macht sich das Buch vielleicht selbst Konkurrenz? Nur in anderer Gestalt? Um diese Frage wird sich die vorliegende Arbeit drehen. Sie wird sich um die Entwicklungen, Chancen, mögliche Etablierung und das Durchsetzungsvermögen des E-Book und hierbei natürlich auch um das Thema Volltexte im Internet drehen. Es werden zunehmend neue elektronische
1 http://www.gutenbergdigital.de/gudi/start.htm
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Formen von Büchern entwickelt und die herkömmlichen gedruckten Bücher gescannt. Einige Bücher werden sogar direkt elektronisch veröffentlicht. Somit werden sie online für die breite Masse zugängig gemacht. Ohne das Buch ist unsere westliche Kultur nicht vorstellbar, denn Schrift und Buch haben sie maßgeblich geprägt. Inzwischen jedoch haben die neuen Informationstechnologien eine fundamentale Umstrukturierung mit sich gebracht. Ziel dieser Arbeit ist es also, herauszufinden, wie es um das Buch wirklich steht. Wie sind seine Perspektiven? Hierzu werde ich eine Prognose wagen und einen Blick in die mögliche Zukunft des Mediums Buch werfen. Da dies ein äußerst komplexes Thema ist, musste ich viele Abstriche bei der Auswahl meiner Schwerpunkte machen und somit erhebt diese Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
0.1 Eine kleine Geschichte der Medien
Medien nehmen in unserer Gesellschaft unbestritten eine Schlüsselrolle ein. Besonders Massenmedien bestimmen zunehmend die Wirklichkeitswahrnehmung des Menschen. Medien sind Kommunikationsmittel der Menschen, Vermittlungsträger von Informationen. 2 Die moderne Gesellschaft wird als „Mediengesellschaft“ oder „Informationsgesellschaft“ bezeichnet. Oftmals aber wird die Realität durch Medien nicht bloß abgebildet, sondern künstlich erzeugt. Schon Anfang der 1960er Jahre hat der Medientheoretiker Marshall McLuhan 3 in seinen Studien darauf hingewiesen, dass Medien die Wahrnehmungsformen und Denkweisen des Menschen beeinflussen. McLuhan sieht die Denkstrukturen der westlichen Gesellschaften als Folge der Schrift-und Buchkultur, der Gutenberg- Galaxis. Zentrale Einschnitte innerhalb der Geschichte der Medien sind wohl die Entwicklung des Mediums Buch von der Rolle, über den Kodex bis hin zu den ersten Drucken Gutenbergs 4 . Aber auch der Aufstieg der Presse, die Entstehung und Weiterentwicklung neuer technischer Medien im 19. Jahrhundert, sowie der erfolgreiche Einzug von Rundfunk und Fernsehen im 20. Jahrhundert, waren bedeutende Stufen in der historischen Entwicklung der Medien. Seit einigen Jahren nun können wir selbst die fortschreitende Verbreitung und Weiterentwicklung elektronsicher Netzwerke, zuerst des Internet 1.0 nun hin zum Web 2.0, beobachten.
2 Medium [lat.: das in der Mitte Befindliche], allgemein Mittel, vermittelndes Element, insbesondere Mittel zur Weitergabe und Verbreitung von Information durch Sprache, Gestik, Schrift und Bild Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Band 15, Mannheim 1975
3 Marshall McLuhan (1911-1980): McLuhan, M. (1968). Die Gutenberg- Galaxis: Das Ende des Buchzeitalters. Düsseldorf, Wien.
4 Johannes Gutenberg (1400-1468)
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Umgangssprachlich werden mit dem Begriff „Medien“ zuerst Massenmedien wie Fernsehen, Zeitung, Rundfunk und Internet verbunden. Das Buch, als wohl eines der bedeutendsten, wenn nicht als das kulturelle Leitmedium in der Geschichte der Medien und somit auch der Geschichte der Menschheit, wird oft aber gar nicht als Medium begriffen. Mit jedem neu etablierten Massenmedium verstärkt sich die Konkurrenz zwischen denselben. Dennoch kam es seit Gutenberg kaum zu einer gänzlichen Verdrängung alter Medien, man kann vielmehr einen Funktionswandel feststellen. So hat auch das Buch - welches wohl nicht erst seit Gutenberg das wichtigste „Übermittlungsmedium“ von Wissen ist - durch neue Medien, wie Rundfunk und Fernsehen, besonders aktuell aber durch das Internet, Konkurrenz erhalten. Das Buch wurde von seiner einstigen Monopolstellung abgelöst, zumindest ist heute ein Nebeneinander von Medienmonopolen zu erkennen.
0.2 Das Medium Buch
Im Kulturleben der Menschheit ist das Buch eine der bedeutungsvollsten Erscheinungen und wohl auch eines der wichtigsten Medien - von Beginn der Menschheit bis heute. Die Definition des Wortes „Buch“ wird oft doppeldeutig beschrieben: Zum einen als "Gefäß, Träger von Wort und Geist" zum anderen als "Handelsobjekt, Ware" 5 .
Definition:
Buch ist ein geschriebenes oder gedrucktes Werk, das aus mehreren zu einer Ganzheit verbundenen Blättern oder Bogen besteht. Der Begriff Buch stammt von Buche, auf deren Rinde in Germanien zunächst geschrieben wurde. Im weiteren Sinne wird er auch auf die in der Antike verwendeten Schriftrollen angewandt. 6
Das Buch ist und war immer ein fundamentales Leitmedium und zugleich Ausdruck von Kultur. Das Buch an sich ist Überlieferungsträger und Vermittler geistiger Inhalte, es hat den wissenschaftlichen Fortschritt über Jahrhunderte hinweg vorangetrieben. Schon Cicero hatte ein sehr persönliches Verhältnis zu Büchern, besonders zu seinen Werken: er vermenschlicht sie und nennt sie seine alten Freunde, denen er Rechenschaft schuldig ist. Häufig werden die Begriffe Buch und Literatur gleich gesetzt, obwohl
5 Störig, H. Joachim (2003): Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Frankfurt am Main..
6 Definition aus: Microsoft® Encarta® Enzyklopädie 2002.
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literarische Bücher nur einen Bruchteil ausmachen. Der größte Teil der heute veröffentlichten Bücher sind Fach- und Sachbücher. Dies führt zu einer oberflächlichen Unterscheidung zwischen ‚Buch zur Unterhaltung’ und ‚Buch zur Weiterbildung’. So gesehen haben sich Bücher an die Anforderungen des Alltags angepasst: Bücher waren zunächst vor allem Abschriften der Bibel, Texte der Kirchenväter oder juristische Schriften. Heute gibt es Literatur zur Aus- und Weiterbildung, für den Beruf und zur Unterhaltung in der Freizeit. Die Umsätze und Auflagen auf dem deutschen Printmedienmarkt sind trotz des Vordringens der elektronischen Medien gestiegen. Das Medium der so genannten schönen Literatur ist offensichtlich begehrter als je zuvor. Seit einigen Jahren gibt es Buchtexte auch in elektronisch gespeicherter Form, diese werden als digitale Bücher (englisch: E-Book) bezeichnet. Auf diese neue Gestalt des Buches werde ich im zweiten Teil dieser Arbeit noch ausführlich eingehen.
Zitat aus dem Mittelalter: "Libri culina gloriae, vitae piper"
1.0 Geschichte und Entwicklung -Die Vorläufer des Buches: Rolle und Kodex
Bücher gab es bekanntlich schon lange vor Gutenberg. Die Schrift nimmt in der Geschichte der Menschheit eine besondere Rolle ein und die im 15. Jahrhundert eingeführte Drucktechnik hat eine jahrhundertealte Vorgeschichte. Neben einigen Sonderformen des Buches, wie "Bücher" aus Metallblech, aus Holz, aus Blättern und aus Bast, sowie die Leinenbücher der alten Römer, waren die wichtigsten Formen des antiken Buches in der griechisch-römischen Antike die Rolle und der Kodex. Bis zur Erfindung des Buchdrucks waren Handschriften die einzige Form schriftlicher Überlieferung. Im engeren Sinne versteht man darunter mit Tinte und ähnlichen Farben auf Pergament oder Papyrus gebrachte Werke, nicht z. B. Tontafeln oder in Stein gemeißelte Inschriften.
1.1 Die Buchrolle
Im Vergleich zum Kodex ist die Rolle die ältere Buchform und galt über Jahrhunderte hinweg als das Buch schlechthin.
Im Altertum war die Kodexform des Buches also noch unbekannt. Bücher wurden als Rolle geschrieben, gelesen und aufbewahrt. Es wurden Kolumnen, entsprechend unseren heutigen Seiten, nebeneinander statt nacheinander geordnet. Sie wurden seitlich abgerollt, statt umgeblättert. Die Papyrus- und Pergamentrollen der alten Ägypter, Griechen und Römer stellen einen der ersten wichtigen Schritte innerhalb der Entwicklung des Buches dar. Papyrusrollen bestanden aus einem Bogen, der um einen Holz- oder Elfenbeinstab gewickelt war. Der einseitig beschriebene Bogen wurde beim Lesen Stück für Stück aufgerollt. Die längste erhaltene Papyrusrolle mit einer Länge von 40,5 Metern lagert im Britischen Museum in London. Wegen der mangelnden Haltbarkeit der Papyrusrollen ging ein Großteil der Literatur dieser Zeit verloren. Im 3. und 4. Jahrhundert setzte sich das Pergament als Beschreibstoff durch, da es wesentlich haltbarer war.
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1.2 Der Kodex (auch Codex 7 )
Die Papyrusrolle blieb bis ins 2. Jahrhundert n. Chr. die vorherrschende Buchform. Daneben gab es bereits seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. in Griechenland Frühformen des Kodex. Sie bestanden aus zusammengehefteten Holztäfelchen. Aus diesen Holztafelkodizes entwickelte sich die zwischen zwei Deckel geheftete Form des Kodex, welche die Buchrolle bis zur Spätantike als Standardform des Buches ablöste. Die Konstruktion ähnelte der uns heute bekannten Schulhefte: Mehrere Papyrusbögen werden in der Mitte einmal gefaltet und wieder geöffnet übereinander gelegt. In der Pfalzlinie wird der Packen dann mit einem Faden vernäht. Die Größe der Seiten variierte, viele hatten eine ungefähre Größe von 35x40 cm aber es gab auch „Miniformate“. Im Gegensatz zur außen ungeschützten Buchrolle, besitzt ein Kodex einen festen Einband: Ziegen- oder Schafsleder bildeten das Äußere des Einbands. Diese Konstruktion verbesserte sich über die Jahrhunderte und war schließlich ab der Spätantike nicht mehr viel anders, als die des mittelalterlichen und neuzeitlichen Buches. Der Begriff Kodex bezeichnet also das Buch in der Form, wie sie auch heute noch üblich ist. Der spätantike Kodex ist somit direkter und buchähnlichster Vorfahre des mittelalterlichen, neuzeitlichen und modernen Buches.
1.3 Buchrolle und Kodex im Vergleich
Im 3. Jahrhundert beginnt der Kodex die Buchrolle zu verdrängen, ab dem 4. Jahrhundert war der Wechsel von Rolle zum Schreibmedium Buch als neues gesellschaftlich dominantes Medium abgeschlossen. Es gibt die verschiedensten Hypothesen über den Grund. Ausschlaggebend hierbei waren sicherlich die vielen Vorteile, die der Kodex mit sich brachte: die Möglichkeit, beim Kodex wesentlich mehr Text unterzubringen, als bei der bis dahin verwendeten Rolle war einer dieser Vorzüge. Außerdem war der Kodex weniger anfällig gegenüber Beschädigungen aufgrund der Kompaktheit des Buchblockes und der Festigkeit des Einbands. Hinzu kommt die Wendung weg vom empfindlichen Papyrus, hin zum haltbaren Pergament. Praktischster Vorzug aber war die Art der Benutzung: der Kodex brauchte nicht nach jedem Lesen zurück gerollt werden, wie einst die Rolle. Somit erleichterte der Kodex es dem Leser,
7 Aus dem Lateinischen: codex = Baumstamm
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Arbeit zitieren:
Katharina Muders, 2007, Buchkultur im Wandel - Von den ersten Büchern bis zum E- Book, München, GRIN Verlag GmbH
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