"Hart, aber smart" statt "dreckig, kahl und hundsgemein"
Die Geschichte der Skinheads 1969-1973
von
Heinz-Philipp Großbach
Inhaltsverzeichnis
1. Die Wurzeln der Skinheads... 4
1.1 Die Situation in Großbritannien Mitte der 1960er Jahre... 4
1.2 It`s a mod world – Die Mods... 7
1.3 Grob und cool – Die Rude Boys... 10
1.4 Fußball und Krawall – Die Boot Boys... 11
2. Der Geist von `69 – Die Skinheads sind geboren... 13
2.1 Boots und Braces – Die Kleidung der Skinheads... 14
2.2 Ska, Reggae, Soul – Tanz und Musik der Skins... 16
2.3 Gewalt und Langeweile – Das Alltagsleben der Skinheads... 18
3. Schlussbetrachtung... 21
4. Literaturverzeichnis... 23
„Hart aber smart“ statt „dreckig, kahl und hundsgemein“
- Die Geschichte der Skinheads in Großbritannien 1969-1972
Sobald der Begriff `Skinheads` in der Öffentlichkeit – in den Medien, in Diskursen, in politischen Debatten oder Berichten ist er am häufigsten anzutreffen – auftaucht, weckt er mehr oder weniger „richtige“ Assoziationen. Der eine denkt an kahlköpfige Schlägertypen mit schweren Stiefeln, der andere an schwarz-weiß-rote Fahnen schwingende NPD-Demonstranten, und wiederum jemandem fallen (vermeintliche) Attribute wie „rechtsradikal“, „Bomberjacke“, „Böhse Onkelz“ oder „Nassrasur“ ein. „Szenekundige“ haben Bilder von deutsch und englisch singenden Jugendlichen mit kurzen Haaren, Boots mit roten oder weißen Schnürsenkeln oder trinkfesten, zu Ska- und Punkmusik tanzenden Männern im Kopf. Zuletzt gibt es Menschen, die beim Wort Skinheads an Arbeitermilieu, jamaikanische Reggae-Musik oder „Skin-Konzerte gegen Rechts“ denken.1 Diese Assoziationenvielfalt ließe sich fortführen und zeigt, wie unterschiedlich und zum Teil gegensätzlich Bilder von Skinheads in der Gesellschaft existieren – und stimmen! Über die negativen Auswüchse der Skinhead-Bewegung ist ausführlich in den Medien und der fachwissenschaftlichen, insbesondere der politikwissenschaftlichen Welt gesprochen worden. Wie genau oder ungenau die Deskriptionen und Deutungen in Bezug auf diese spezielle subkulturelle Szene dabei ausfielen, soll hier nicht diskutiert werden, denn sie repräsentieren größtenteils nur eine Seite der Medaille. Hier soll vielmehr die andere Seite der subkulturellen Skinhead-Bewegung, die auch zunehmend in wissenschaftlichen Kreisen an Interesse gewinnt, in den Blick genommen werden. Publikationen, allesamt jüngeren Datums, lassen Skinheads nicht nur im Sumpf rechtsradikaler Ideologien versinken, sondern schenken auch den „unpolitischen“ Stellvertretern ihre Aufmerksamkeit.2
Dabei soll nicht die Skinhead-Bewegung in ein glanzvolles Licht gerückt und ihre Schattenseite(n) verklärt werden – sie besitzt nämlich nach wie vor typische Negativmerkmale einer Subkultur3 – doch lässt sich erkennen, dass die Szene mehr ist als ein Sammelbecken für abgestumpfte Haudrauf-Nazis. Verständlich, dass für Zeitungs- und Bücherverlage eine reißerische Berichterstattung ertragreicher ist, als sich „objektiv“ mit der Szene auseinanderzusetzen.4 Hier soll nun gezeigt werden, wie, beziehungsweise woraus der Skinhead-Kult entstanden ist und besonders, dass er sich gegenüber dem heutiger „Fascho-Skins“7 unterscheidet. Dafür muss der Blick auf Großbritannien gelenkt werden, dem Mutterland der heute global existierenden Skinhead-Szene. 1969 geisterte das Wort Skinhead zum ersten Mal durch die Medien.5 Mitte der 70er Jahre verlor die Szene ihre politische Unschuld an die rechtsgerichtete Organisation „National Front“ und fand im gleichen Zeitraum Nachahmer in Deutschland und im übrigen Europa. Wo noch am Anfang der Slogan „hart aber smart“6 die Bewegung hätte kennzeichnen können, wandelte sich ihr Charakter in „dreckig, kahl und hundsgemein“, wie es die rechte Musikband Störkraft in ihrem gleichnamigen Lied treffend besang.7 Damit ist der deutlichste Unterschied zwischen der Ur-Bewegung und ihrer späteren rechtsgerichteten Schwester vorweggenommen: die Szene war Ende der 60er Jahre unpolitisch.8 Woraus sich die Skinhead-Bewegung entwickelte, wie ihr Charakter war und wodurch sie sich von der heutigen Szene unterschied, soll Gegenstand dieser Arbeit sein.
1. Die Wurzeln der Skinheads
Wenn man nach den historischen Wurzeln der Skinheads fragt, stößt man unweigerlich auf das Jahr 1969. Für die meisten Anhänger der Szene gilt dieses Datum als das Ursprungsjahr der Bewegung, dessen Geist noch heute in zahlreichen Liedern und (Szene-)Büchern beschworen wird.9 Alles nahm seinen Anfang in Großbritannien, hauptsächlich in den Arbeitervierteln der großen Industriestädte wie London, Manchester oder Liverpool. Auch wenn es Ende der 1960er Jahre noch keine einheitliche Bezeichnung für diese Jugendlichen mit Kurzhaarfrisuren gab, die sich zu Gangs zusammenschlossen, gemeinsam an Wochenenden tanzten, Bier tranken und sich mit anderen Jugendgangs prügelten, so registrierte doch jeder, das eine neue Art von Jugendszene entstanden war, deren Stil zum einen „counter-revolution“10 repräsentierte, und zum anderen aus einer „Tradition früherer Jugendbewegungen“11 entstammte. Im Folgenden wird einerseits der gesellschaftliche Hintergrund, zum anderen Transformationen schon vorhandener Jugendbewegungen der 1960er Jahre aufgezeigt, die als Ursache für die Entstehung der Skinheadbewegung eine Rolle spielten.
1.1 Die Situation in Großbritannien Mitte der 1960er Jahre
[...]
1) Vgl. Menhorn, Christian: Skinheads. Portrait einer Subkultur. Baden-Baden 2001, S. 59ff.
2) Vgl. Baacke 1999; Farin 2001, 2002; Mehnhorn 2001
3) Vgl. Baacke, Dieter: Jugend und Subkultur. München 1972
4) Vgl. Farin, Klaus(Hrsg.): Die Skins. Mythos und Realität. Neuauflage Berlin 2001, S. 7f.
5) Vgl. Marshall, George: Spirit of `69. Eine Skinhead Bibel. Dunoon 1999, S. 14
6) Vgl. Menhorn, S. 14
7) „Hosenträger, die Boots bis zu den Knien, die Glatze ist blankpoliert ./ Du bist dreckig, kahl und hundsgemein, von oben bis unten tätowiert. / …“
8) Klaus Farin, u.a. vertreten in ihren Untersuchungen nicht diese Meinung, Vgl. Mehnhorn
10) Knight, Nick: Skinhead. London 1982, S. 8
11) Farin 2001, S. 11
Arbeit zitieren:
Heinz-Philipp Großbach, 2007, "Hart, aber smart" statt "dreckig, kahl und hundsgemein", München, GRIN Verlag GmbH
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