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Fachbuch, 2007, 35 Seiten
Autor: Gerrit Wegener
Fach: Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Details
Jahr: 2007
Seiten: 35
Literaturverzeichnis: ~ 19 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-84787-2
ISBN (Buch): 978-3-638-84594-6
Dateigröße: 697 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Kirchen sind Orte der Versammlung christlicher Gemeinde. Städte und Dörfer werden geprägt von den sich seit Jahrhunderten zum Himmel streckenden Türmen ihrer Kirchen. Gehen diese Symbole verloren, fehlt ein wichtiges Zeugnis der Geschichte. Das Gedenken an diesen Orten gilt es für die Nachwelt zu bewahren. Kirchen sind äußeres Abbild innerer Handlung. Allein die Form erhebt einen Bau nicht zur besonders ausgezeichneten, sakral genannten Stätte. Erst durch die stattfindende Handlung bildet sich sakraler Raum. An der Bernauer Straße in Berlin-Mitte liegt die heutige Versöhnungskapelle. Nach den Plänen der Architekten Peter Sassenroth und Rudolf Reitermann entstanden, zeichnet sich der kleine Bau durch präzise Schlichtheit aus. Massiver Stampflehm im Inneren ist verbunden mit Holz im Äußeren. Seit dem Jahr 2000 lädt sie ein zu Gottesdienst und Gedenken, zu Gebet und Andacht. Zugleich mahnt sie den Verlust der alten Versöhnungskirche, die einst am Ort der heutigen Kapelle gestanden hatte. 1985, nur vier Jahre vor dem Fall der Mauer, musste die Versöhnungskirche der funktionalen Optimierung der Grenze weichen und wurde gesprengt. Der in die Höhe ragende Turm der Kirche war gefallen und mit ihm ein Teil der Geschichte. Zugleich wurde der Standort der Versöhnungskirche an der Bernauer Straße zu einem Zeugnis der jüngsten deutschen Geschichte. Versöhnung sei im Neubau manifest geworden und rufe auf zur Versöhnung zwischen den Menschen. Der vorliegende Text fragt nach dem Verhältnis kirchlicher Lehre und profanen Alltags heute und in Zukunft und untersucht exemplarisch die auferlegte Prägung der Geschichte für unserer Gegenwart.
Textauszug (computergeneriert)
Die Versöhnungskapelle in Berlin-Mitte
ein Text von Gerrit Wegener
Gliederung
Versöhnung
Der Beginn von Versöhnung
Die Trennung der Gemeinde
Die neue Versöhnung
Der Wunsch der Gemeinde
Das Sakrale
Raum der Einkehr
Der Weg zum neuen Haus
Weg und Raum der Kapelle
Das neue Haus der Gemeinde
Ästhetik und innerer Gehalt
Form als Botschaft
Gedenken und Sakralität
Der Ort des Gedenkens
Eine Zukunft für Versöhnung
Übersicht
Gliederung
Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Versöhnung
Kirchen sind Orte der Versammlung. In ihnen trifft sich die christliche Gemeinde. Städte und Dörfer werden geprägt von den sich seit Jahrhunderten zum Himmel streckenden Türmen ihrer Kirchen. Gehen diese Symbole der Gemeinde verloren, fehlt mit ihnen ein wichtiges Zeugnis der Geschichte am Ort ihres einstigen Bestehens. Das Gedenken an diesen Orten gilt es für die Nachwelt zu bewahren. Jedoch sind die Formen kirchlichen Bauens, zu denen die hohen Türme und reich geschmückten Häuser gehören, ein in langer Traditionsfolge entstandener Typus. Kirchen sind äußeres Abbild innerer Handlung. Allein die Form erhebt einen Bau nicht zur besonders ausgezeichneten, sakral genannten Stätte. Erst durch die in den Kirchen stattfindende Handlung – Gottesdienste und Gedenken, Gebete und Andachten – bildet sich sakraler Raum.
An der Bernauer Straße in Berlin-Mitte liegt die heutige Versöhnungskapelle. Nach den Plänen der Architekten Peter Sassenroth und Rudolf Reitermann entstanden, zeichnet sich der kleine Bau durch präzise Schlichtheit aus. Massiver Stampflehm im inneren, umhegenden Raum ist verbunden mit dem Holz unbehandelter Douglas-Fichte in den äußeren, durchlässigen Lamellen der Fassade. Seit dem Jahr 2000 lädt sie ein zu Gottesdienst und Gedenken, zu Gebet und Andacht. Zugleich mahnt sie den Verlust der alten Versöhnungskirche, die einst am Ort der heutigen Kapelle gestanden hatte.
Die Geschichte der Versöhnungsgemeinde reicht bis in das ausgehende 19. Jahrhundert zurück. Bereits 1894 durch Kaiserin Auguste Viktoria gegründet, erlebte die Gemeinde die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der Gemeindestandort war sozialer Brennpunkt der Kaiserzeit in Berlin. Armut, Hunger und Elend prägten das Leben seiner Bewohner. Zwei Weltkriege und Zeiten wirtschaftlicher Schwäche lasteten schwer auf den im Gemeindebezirk wohnenden Menschen. Nach dem zweiten Weltkrieg lag vieles inTrümmern. Rund ein Drittel der Bevölkerung im Gemeindebezirk war von 1933 bis zum Kriegsende um das Leben gekommen.
Nur wenige Jahre später teilte der Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 Stadt und Gemeinde. Seit diesem Geschehen stand die Versöhnungskirche von einem Tag auf den nächsten im Niemandsland der Grenze. Zwischen den zwei Stadthälften gelegen, war der Bau fortan leere Hülle. Die Gemeinde konnte sich nicht mehr in ihrem Haus versammeln. Gemeinsames Handeln war vollkommen ausgeschlossen. Berlin wurde an jenem Sonntag im August des Jahres 1961 zum Schnittpunkt zweier Systeme. Die Versöhnungskirche in Berlins Mitte wurde zum Symbol der Unmenschlichkeit einer geteilten Welt. Über 20 Jahre stand die Versöhnungskirche verlassen in der Stadt. Die Grenze wurde immer weiter zum Todesstreifen ausgebaut. 1985, vier Jahre vor dem befreienden Fall der Mauer, musste die Versöhnungskirche dieser funktionalen Optimierung der Grenze weichen und wurde gesprengt. Der in die Höhe ragende Turm der Kirche war gefallen und mit ihm ein Teil der Geschichte. Zugleich wurde der Standort der Versöhnungskirche an der Bernauer Straße zu einem Zeugnis der jüngsten deutschen Geschichte.
Neben der heutigen Kapelle befindet sich nun die Mauergedenkstätte. Ohne das persönliche Engagement von Pfarrer und Gemeinde würden auch diese wenigen Meter der die Stadt einst trennenden Mauer nicht mehr existieren. Heute erzählt das Dokumentationszentrum Berliner Mauer in der Bernauer Straße 111 von dieser Zeit. Das Haus des Dokumentationszentrums ist das, aus der Nachkriegszeit im westlichen Teil Berlins stammende, Gemeindehaus der Versöhnungsgemeinde. Längst hat die Versöhnungsgemeinde die Schwelle des 21. Jahrhunderts überschritten und erlaubt den Blick in die Zukunft. Über den Fundamenten der alten Versöhnungskirche ist ein individuell erfahrbarer Ort entstanden, der nicht weniger als den Anspruch erhebt, Zuflucht in einer stürmischen Zeit zu bieten. Mit der Kapelle versucht die Versöhnungsgemeinde aus den Erfahrungen ihrer Geschichte heraus zu mahnen und Zeugnis gegen jegliche Unfreiheit und Verachtung der Menschenwürde abzulegen. Nach dem Wunsch der Gemeinde richte die Kapelle ihre Botschaft an jeden Menschen.
Die Versöhnung, die die Gemeinde seit ihrer Gründung als Namen trägt, werde im Bau manifest und rufe auf zur Versöhnung zwischen den Menschen. Zugleich formuliert die Gemeinde die Frage danach, wie kirchliche Lehre und profaner Alltag heute und in Zukunft zueinander im Verhältnis stehen und welche Prägung die Geschichte unserer Gegenwart auferlegt.
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