Inhaltsübersicht
1. EINLEITUNG 3
2. DIMENSIONEN HORIZONTALER RESIDENZIELLER SEGREGATION 5
2.1. Dimension der Ungleichheit 5
2.2. Dimension des Kontaktes 7
2.3. Dimension der Konzentration 8
2.4. Dimension der Zentralisation 9
3. DIMENSION DER RESIDENZIELLEN STRATIFIKATION 13
4. MULTIDIMENSIONALE SKALIERUNG 19
5. DAS VEKTORMODELL 24
6. FAZIT 29
LITERATUR 31
ANHANG ................................................................................................................................ 35 35
2
1. Einleitung Trotz zahlreicher Veröffentlichungen über vermeintliche Ursachen und Folgen residenzieller
Segregation, der systematischen Sortierung der Wohnstandorte sozialer Gruppen im städti-
schen Raum, und der von einigen Autoren prognostizierten Zunahme der ethnischen und sozi-
alen Segregation in den Städten Deutschlands (Heitmeyer 1997: 645; 1998: 458; Häußermann
1998: 169), mangelt es an einer umfassenden empirischen Bestandsaufnahme über deren
Ausmaß und Entwicklungstrend, die Datenlage zur residenziellen Segregation von Auslän-
dergruppen 1 in Deutschland ist schlicht ungenügend (vgl. Häußermann/Siebel 2001: 36; Deut- scher Bundestag 2001: 6).
Wenn überhaupt empirische Belege für das Ausmaß ethnischer residenzieller Segregation in
deutschen Städten zu finden sind, handelt es sich in der Regel um Indexwerte des so genann-
ten Dissimilaritäts-Index (D-Index), der den Grad der disproportionalen Verteilung zweier
Gruppen über die Teilgebiete einer Stadt misst. Über zwei Jahrzehnte wurde dieser Index, der
von Otis D. Duncan und Beverly Duncan (1955) vorgeschlagen wurde, als das Standardmaß
residenzieller Segregation verwendet, eine Zeit, die Massey und Denton (1988: 281) als „pax
duncana“ bezeichnen. Diese Zeit des ‚Friedens’ endete schließlich Mitte der siebziger Jahre,
als Cortese et al. (1976) auf Schwächen des D-Index aufmerksam machten und in der sich
anschließenden Diskussion wurde eine Reihe schon vergessener Indices wieder ausgegraben
und neue vorgestellt. Um Ordnung in die ausufernde Debatte zu bringen haben Massey und
Denton (1988) schließlich nach einer systematischen Literaturanalyse 20 Segregations-Indices
miteinander verglichen. Sie kamen zu dem Schluss, dass Segregation ein mehrdimensionales
Konstrukt ist und identifizierten fünf Dimensionen ethnischer residenzieller Segregation in
den USA. Mit einem um die US-Zensus-Daten aus dem Jahr 1990 erweiterten Datensatz ha-
ben Massey et al. (1996) die Studie wiederholt und kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Die von
ihnen identifizierten Dimensionen residenzieller Segregation sind:
1. Evenness: Ungleichheit
2. Exposure: Kontakt
3. Concentration: Konzentration
4. Centralization: Zentralisation
1 Gruppen nicht-deutscher Staatsangehöriger werden auch als ‚Ausländergruppen’‚ Minoritätsgruppen’, ‚Minori-
täten’, oder als ‚Zuwanderer’ bezeichnet. Sind deutsche Staatsangehörige eingeschlossen, wird auch der Begriff
‚ethnische Gruppen’ verwendet. Gemeint sind stets Gruppen von Personen, deren Staatsangehörigkeit dem Ein-
trag ins Register des Einwohnermeldeamtes entspricht.
3
5. Clustering: Räumliche Nähe.
Jede dieser Dimensionen bezeichnet einen anderen Aspekt residenzieller Segregation (vgl. auch Iceland et al. 2002: 8). Evenness bezieht sich auf die disproportionale Verteilung ethni- scher (oder anderer sozialer) Gruppen über die geografischen (in der Regel administrativen) Teilgebiete einer Stadt; Exposure misst den potenziellen Kontakt zwischen ethnischen Grup- pen, Concentration den relativen physischen Raum eines städtischen Gebietes, den eine ethni- sche Gruppe besetzt; Centralization zeigt den Grad an, mit dem eine ethnische Gruppe nahe dem Zentrum eines städtischen Gebietes wohnt, und Clustering misst den Grad, mit dem Mit- glieder einer Gruppe in angrenzenden, benachbarten städtischen Teilgebieten leben. Faktoren- analytische Berechnungen ergaben, dass Ungleichheit die wichtigste Dimension ist (mit dem größten Anteil an erklärter Varianz), gefolgt von Kontakt, dann Konzentration und Zentralisa- tion, relativ gering ist die Bedeutung der räumlichen Nähe (vgl. Massey/Denton 1988: 307; Massey et al. 1996: 191-192).
Die von Massey et al. (1996) vorgeschlagenen Indices werden im Folgenden zur Messung des Grades residenzieller Segregation auf vier dieser Dimensionen in Hamburg verwendet. Die Dimension der räumlichen Nähe (Clustering) bleibt unberücksichtigt, weil diese nur geringe Bedeutung hat, zum anderen sind die Indexwerte davon abhängig, welche Einheit der Entfer- nungsmessung von städtischen Teilgebieten zugrunde gelegt wird. Einem Vorschlag von Timberlake (2002) folgend wurde außerdem die residenzielle Stratifikation – als Indikator vertikaler Segregation – gemessen, die Verteilung der Gruppen über die Status-Teilgebiete Hamburgs. Auf der Grundlage der bivariaten D-Indexwerte wird mittels des multivariaten statistischen Verfahrens der ‚multidimensionalen Skalierung’ eine ‚Karte der Segregation’ erstellt, die – modellhaft – das Ausmaß der disproportionalen Verteilung zwischen allen be- rücksichtigten Staatsangehörigkeitsgruppen übersichtlich grafisch darstellt. Schließlich wird ein Vektormodell der residenziellen Segregation vorgestellt, dem eine Vielzahl von Informa- tionen über die mehrdimensionale Struktur multi-ethnischer residenzieller Segregation in Hamburg entnommen werden kann.
4
2. Dimensionen horizontaler residenzieller Segregation
2.1. Dimension der Ungleichheit
Der hierzulande meist ausschließlich verwendete D-Index ist zwar ein wichtiger Index, aber
er misst residenzielle Segregation lediglich auf einer, der Ungleichheits-Dimension. Darüber
hinaus ist er nur einer von mehreren Indices 2 dieser Dimension und er erfüllt auch nicht alle Kriterien, die ein ideales Ungleichheitsmaß residenzieller Segregation erfüllen sollte, nur der
Gini-Index und der Atkinson-Index erfüllen alle vier vorgeschlagenen Kriterien 3 , der D-Index verletzt das ‚Transfer-Prinzip’, der Entropie-Index (auch ‚Informations-Theorie-Index’ ge-
nannt) das Kriterium der ‚Kompositions-Invarianz’ (vgl. Iceland et al. 2002: 119; Kalter
2000: 3f). Wie alle anderen der im Folgenden vorgestellten Indices ist der D-Index darüber
hinaus abhängig von der zugrunde liegenden geografischen Skala. Je feiner diese Skala, je
größer die Zahl der Teilgebiete ist, desto homogener ist die Zusammensetzung der Bevölke-
rung in den Teilgebieten und desto größer sind die Indexwerte. Die daraus resultierenden
Messprobleme werden als ‚Checkerboard-Problem’ und ‚Modifiable-Areal-Unit-Problem’
diskutiert (vgl. Reardon et al. 2004; White 1983; Wong 2004). Zur Vermeidung dieser
Schwierigkeiten wurde u. a. vorgeschlagen, residenzielle Segregation über Schwellenwert-
Modelle (Johnston et al. 2002; Poulsen et al. 2002) oder als Individual-Merkmal (Echeni-
que/Fryer 2005) zu messen. Diese Vorschläge werfen jedoch neue Probleme auf, die hier
nicht weiter diskutiert werden. Eine weitere Schwäche des D-Index, die er - mit Ausnahme
des Entropie-Index in seiner Multi-Gruppen-Form, der aber lediglich einen einzigen Wert für
ein städtisches Gebiet ausweist (vgl. Iceland 2004) - mit anderen Indices der Ungleichheits-
Dimension teilt, ist, dass er lediglich zwei Gruppen berücksichtigt und somit die relative Ver-
teilung mehrerer Gruppen, die ethnische Vielfalt einer Stadt, nicht einfangen kann. Die Vor-
teile des D-Index gegenüber anderen Indices der Ungleichheits-Dimension sind, dass er ein-
fach zu berechnen und sein Wert leicht zu interpretieren ist. Trotz der beschriebenen Unzu-
länglichkeiten empfehlen Massey et al. (1996: 200), den D-Index zur Messung residenzieller
Segregation auf der Ungleichheits-Dimension zu verwenden.
2 Die von Massey und Denton berücksichtigten vier Maße der Ungleichheits-Dimension sind: Dissimilaritäts- Index, Gini-Index, Entropie-Index, Atkinson-Index.
3 Transfer-Prinzip (transfer principle): der Index sollte auf die Umverteilung (den ‚Transfer’) von Mitgliedern einer Gruppe innerhalb von Teilgebieten mit unter- oder überdurchschnittlichen Gruppenanteilen reagieren (und nicht nur auf die Umverteilung von Teilgebieten mit unter-/überdurchschnittlichen Anteilen auf Gebiete mit über-/unterdurchschnittlichen Anteilen); Kompositions-Invarianz (compositional invariance): die relative Größe der Gruppen sollte den Indexwert nicht beeinflussen; Größen-Invarianz (size invariance): der Indexwert sollte sich nicht verändern, wenn die Anzahl der Mitglieder jeder Gruppe mit einer Konstante multipliziert wird; Or- ganisations-Äquivalenz (organisational equivalence): der Indexwert sollte sich nicht verändern, wenn Teilgebie- te mit identischen Gruppenanteilen aggregiert werden.
5
Der D-Indexwert wird nach folgender, allgemeiner Formel berechnet (vgl. Massey/Denton 1988: 284; die Bedeutung der verwendeten Symbole kann der Tabelle A im Anhang entnom- men werden; das Rechnen mit Summenzeichen wird z.B. bei Diaz-Bone 2006: 270-272 erläu- tert):
−
P p
1)
In diesem Fall wird der Index auch als ‚Segregations-Index’ (IS) bezeichnet (vgl. Ga- schet/Gallo 2005: 4; Simpson 2004: 664f), und die folgende, einfacher zu berechnende For- mel, liefert das gleiche Ergebnis:
−
2)
Aus Formel 2 ergibt sich, dass der Indexwert zwischen zwei Gruppen X und Y (mit X+Y≤T) auch über Formel 3 berechnet werden kann:
x y 1
3)
das nach Formel 3 definierte Maß wird im Folgenden als ‚Dissimilaritäts-Index (D)’ bezeich- net. Der Wertebereich des Index liegt zwischen 0 und 1, der Wert 0 zeigt keine Segregation (oder vollständige Integration) an, ein Wert von 1 entspricht völliger Segregation. Definiti- onsgemäß ist eine Gruppe dann von einer anderen maximal segregiert, wenn beide Gruppen in keinem Teilgebiet zusammen wohnen, zwei Gruppen sind nicht voneinander segregiert, wenn sie in jedem Teilgebiet den gleichen Anteil an der Bevölkerung ausmachen wie in der ganzen Stadt. Der Indexwert gibt den Anteil der Mitglieder der Gruppe X an, der den Wohn- ort (genauer: das städtische Teilgebiet, in dem sich der Wohnort befindet) wechseln müsste, um eine Verteilung zu erreichen, die jener der Mehrheits- oder Referenzgruppe (Y) entspricht
(vgl. Cortese et al. 1976: 634; Duncan/Duncan 1955: 211; Iceland et al. 2002: 8). 4 Die D- Indexwerte zwischen allen berücksichtigten Gruppen können der Tabelle B im Anhang ent- nommen werden, die Anzahl und Bevölkerungsanteile der berücksichtigten Gruppen sind in
4 Vgl. zur Interpretation des Dissimilaritäts-Indexwertes auch Bähr (2004: 43), Blasius (1988: 418f) und Janßen
(2004).
6
Tabelle C im Anhang aufgeführt. 5 Der Tabelle B lässt sich entnehmen, dass Staatsangehörige aus Mazedonien das größte Ausmaß an disproportionaler Verteilung gegenüber Deutschen aufweisen (D=.549), Österreicher das geringste (D=.206).
2.2. Dimension des Kontaktes
Maße der Kontaktdimension sind der Interaktions-Index, der den durchschnittlichen Anteil einer Vergleichsgruppe (Y) in den von einer Gruppe X bewohnten Teilgebieten ausweist, und der Isolations-Index, der den durchschnittlichen Anteil der eigenen Gruppe X angibt. Die In- dexwerte können interpretiert werden als die Wahrscheinlichkeit einer Interaktion oder eines Kontaktes zwischen den Gruppen (vgl. Johnston et al. 2002: 246). Im Gegensatz zu Ungleich- heits-Indices hängt der Wert von Kontakt-Indices von der relativen Größe der Gruppen ab. Mitglieder einer ethnischen Minderheit können gleichmäßig über die Stadt verstreut wohnen und gleichzeitig wenig potenziellen Kontakt zu Mitgliedern der Mehrheitsgruppe haben, wenn ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung groß ist. Analog können Angehörige ethnischer Minori- täten starken potenziellen Kontakt zu Mitgliedern der Mehrheitsgruppe haben, wenn ihr An- teil an der Gesamtbevölkerung klein ist, unabhängig davon, wie sie sich über die Stadt vertei- len. Der Wertebereich beider Indices liegt zwischen 0 und 1.
Tabelle 1
5 Alle Daten wurden vom Statistischen Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein (Statistikamt Nord) zur Ver-
fügung gestellt und beziehen sich jeweils auf den 31. 12. 2004. Grundlage der Berechnungen sind die 178 be-
wohnten Hamburger Ortsteile mit durchschnittlich ca. 9600 Bewohnern.
7
Der Interaktions-Index wird nach Formel 4 berechnet: 6
y x
n
i i
∑
=
der Isolations-Index nach Formel 5:
x x
n
i i
∑
Der Interaktions-Index ist ein asymmetrisches Maß, weil x P* y nur dann gleich y P* x ist, wenn beide Gruppen X und Y den gleichen Anteil an der Bevölkerung haben.
Tabelle 1 zeigt die Indexwerte der berücksichtigten Gruppen in Hamburg für das Jahr 2004. Weil die meisten Isolations-Indexwerte sehr klein sind, wurden alle Indexwerte mit 100 mul- tipliziert und geben den durchschnittlichen Anteil Deutscher an der Bevölkerung in den von der Gruppe X bewohnten Ortsteilen an (Interaktions-Index) bzw. den entsprechenden Anteil der eigenen Gruppe (Isolations-Index). Mazedonier weisen die geringste, kasachische Staats- angehörige die größte Wahrscheinlichkeit eines Kontakts zu Deutschen auf. Aus dem Isolati-
ons-Indexwert für Deutsche ( x P *
x =85,9) ergibt sich, dass der durchschnittliche Anteil nicht- deutscher Staatsangehöriger in von Deutschen bewohnten Ortsteilen 14,1% beträgt.
2.3. Dimension der Konzentration
Konzentration bezieht sich auf die relative Fläche, die eine Gruppe in einer Stadt besetzt. Gruppen, die nur in einem kleinen Teil des städtischen Gebietes wohnen, sind stärker kon- zentriert als Gruppen, die einen größeren Teil der Fläche besetzen. Zwei Gruppen können gleichmäßig über die Stadt verteilt sein, äquivalente Werte bei Ungleichheits-Maßen aufwei- sen, aber unterschiedlich große Flächen einer Stadt bewohnen. Massey et al. (1996: 192) emp- fehlen, das Ausmaß der Konzentration mit dem Delta-Index (DEL; auch ‚Hoover-Index’ ge- nannt) zu messen. Dieser Index wird nach Formel 6 berechnet.
6 Die Schreibweise von Massey und Denton für die Symbole der Indices wurde übernommen.
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Arbeit zitieren:
Diplom-Soziologe Werner Grabowski, 2007, Mehrdimensionale residenzielle Segregation ethnischer Gruppen in Hamburg, München, GRIN Verlag GmbH
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