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Einleitung 2
1. Die Begriffe Sprachnorm und Sprachnormierung 3
2. Vorgeschichte Die Grammatiker 3
3. Reforminitiativen im 19 Jahrhundert 6
3. 1 Gründe für das Streben nach Normierung 6
3. 2 Die historische Richtung 8
3. 3 Die phonetische Richtung 10
3. 3 1 Der führende Vertreter der phonetischen Richtung: Rudolf von Raumer 11
4. Staatliche Normierungsbestrebungen 12
4. 1 Normierungsversuche der Schulbehörden einzelner Städte und Staaten 12
4. 2 Normierungsbestrebungen auf Reichsebene 13
4. 2 1 Die I Orthographische Konferenz (1876) 14
4. 2 2 Die preußische Schulorthographie und die Schreibung des BGB 17
4. 2 3 Die II Orthographische Konferenz (1901) 18
5. Die Durchsetzung der deutschen Einheitsorthographie 19
6. Fazit 20
Literaturverzeichnis 21
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Eine weit verbreitete Annahme besteht darin, dass unsere Sprache sich ‚einfach so’ im Laufe der Zeit entwickelt habe. Das mag für die Anfänge von Sprache auch zutreffen, aber im Laufe der Zeit sind eine Vielzahl von Normierungen an der deutschen Sprache vorgenommen worden.
Die romantische sprachtheorie, nach der die sprache ein organisch gewachsenes darstellt, kann mit recht als überholt betrachtet werden. Gerade die Entwicklung der letzten hundert jahre hat gezeigt, dass die sprache – in schrift und lautung – als ein produkt expliziter regulierungsvorgänge anzusehen ist, in deren rahmen varianten auf
dem weg zur standardisierten norm ausgeschieden sind 1 (BRAMMANN 1987, S. 7).
Das 19. Jahrhundert stellt in dieser Entwicklung einen Höhepunkt da – am Anfang des 19. Jahrhunderts steht eine erstmals relativ einheitliche deutsche Rechtschreibung, am Ende die gesetzliche Festlegung derselben. Eine Besonderheit des 19. Jahrhunderts ist es auch, dass sich erstmals die Obrigkeit in Belange der Rechtschreibung einmischte. Sprachnormierung war bis dahin meist durch Vorbild von Schreibenden (Luther, Goethe etc.) entstanden. Im Laufe des
19. Jahrhunderts begannen immer mehr Sprachwissenschaftler, sich mit der
Suche nach der ‚richtigen’ deutschen Orthographie zu beschäftigen und ihre Konzepte in Regelwerken darzulegen. Am Ende des Normierungsprozesses waren es jedoch die Behörden, die sich für die deutsche Einheitsorthographie ein- und sie letztendlich auch durchsetzten.
Dieser Prozess der Entstehung der einheitlichen deutschen Orthographie soll im Folgenden näher untersucht werden. Dabei wird der nahe verwandte Bereich ‚Lautung’ nicht explizit beleuchtet, da sich die ‚richtige’ Aussprache schwerlich per Gesetz regeln lässt und die Diskussion darüber folglich nie so stark geführt wurde. Nichtsdestotrotz ist auch die ‚richtige’ Aussprache ein Bereich, der oft Ziel von Normierungsbestrebungen war – allerdings eher durch subsistente Normen wie gesellschaftliches Ansehen bzw. gesellschaftliche Ächtung eines Dialekts etc. als durch in Form von Gesetzen statuierte Normen.
Eine chronologische Vorgehensweise erscheint mir bei der Beschäftigung mit der Schaffung der deutschen Einheitsorthographie am geeignetsten, da so die verschiedenen Stufen der Entwicklung deutlich werden.
1 Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Buches sah Bramann den Prozess der Reformierung der deutschen Rechtschreibung als keineswegs abgeschlossen an. Darum verfasste er es in gemäßigter Kleinschreibung (vgl. BRAMANN 1987, S. 7).
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Um über Sprachnormierung schreiben zu können, muss zunächst einmal festgelegt werden, was unter dem Begriff ‚Sprachnormierung’ bzw. ‚Sprachnorm’ verstanden wird.
Dafür ist es wichtig zu wissen, dass Sprache sich nicht einfach auf natürliche Art und Weise entwickelt bzw. ‚wächst’, sondern dass sie bestimmten Normen unterworfen ist. Dabei gibt es zwei Arten von Normen: subsistente und statuierte Normen. Subsistente Normen existieren in jedem Individuum und müssen nicht besonders erlernt oder bewusst gemacht werden; man erwirbt sie mit dem Sozialisationsprozess im alltäglichen Leben. Zu dieser Art zählen die meisten Sprachnormen, die einfach festlegen, wie man sich sprachlich in welcher Situation angemessen verhält. Diese Art von Normen soll hier jedoch nicht untersucht werden, da es ja um Rechtschreibung geht. Diese fällt in den Bereich der sogenannten statuierten oder auch präskriptiven Normen, hiermit sind Sprachnormen gemeint, die von Institutionen in Form von Vorschriften und Gesetzen festgelegt werden. Den Prozess, diese statuierten Normen auszuarbeiten und einzuführen, beschreibt man mit dem Tätigkeitsbegriff ‚Sprachnormierung’. Für Sprache bedeutet das natürlich, dass bestimmte Varianten und Ausdruckformen bewusst zugunsten von anderen gestrichen werden (vgl. POLENZ 1999, S. 229-231). Mit dieser Sprachnormierung, die im 19. Jahrhundert erstmals eine wirkliche Rolle spielte, ihren Ursachen und ihrer Form beschäftigt sich die vorliegende Arbeit.
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Bereits zur Jahrhundertwende 18./19. Jahrhundert existierte eine relativ einheitliche deutsche Orthographie.
Maßgeblichen Anteil an der Verbreitung orthographischer Anweisungen hatten die in
zahlreichen Auflagen erschienenen Schulgrammatiken (NERIUS 1989, S. 241).
Die einflussreichsten Grammatiker Anfang des 19. Jahrhunderts waren Heyse und Becker, und beide lehnten sich in ihren Orthographien stark an die Arbeiten des Grammatikers Adelung an (vgl. ebd.).
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Adelung gab 1788 erstmalig seine ‚Vollständige Anweisung zur deutschen
Orthographie’ heraus, die bis 1835 fünf mal neu aufgelegt wurde (vgl.
NERIUS/MÖLLER 2000, S. 118). Diese Adelungsche Orthographie stellte „ein
umfangreiches Werk für die Normierung der Schreibung“ dar, für das Adelung „die
orthographischen Prinzipien, die sich im Laufe eines langen
Entwicklungsprozesses herauskristallisiert hatten, sowie die am meisten
verbreiteten Orthogramme erfasste, relativ systematisch beschrieb und
zielgerichtet [...] verbreitete“ (ebd.). Dabei orientierte sich Adelung stark an der
Schreibung zeitgenössischer Literatur und erhob diese zur Norm (vgl. BRAMANN
1987, S. 38). Weiterhin galten für ihn und die anderen Grammatiker folgende
Prinzipien:
1. Schreibung nach der Aussprache,
2. Schreibung nach der Abstammung,
2 (NERIUS/MÖLLER 2000, S. 120).
3. Schreibung nach dem Schreibgebrauch Das erste Prinzip verlangt eine Schreibung nach der ‚richtigen’ Aussprache, was
aufgrund der zahlreichen Dialekte zu Problemen führte. Das zweite Prinzip
verlangt eine entsprechende Schreibung verwandter Wörter, was auch nicht
unproblematisch war, da auch über deren Schreibung oft keine Einigkeit
herrschte. Aus dem gleichen Grund war auch die Umsetzung des dritten Prinzips
sehr schwierig. Deshalb blieb es auf die Fälle beschränkt, bei denen die beiden
ersten Prinzipien nicht weiterhalfen (vgl. NERIUS 1989, S. 241f.).
Die sogenannten Schulgrammatiken können zusammenfassend als Handbücher
gewertet werden, die einerseits den Schreibgebrauch ihrer Zeit widerspiegeln,
andererseits diesen aber auch nach Maßgabe des erreichten Erkenntnisstandes der
Sprachwissenschaft zu beeinflussen suchten (NERIUS/MÖLLER 2000, S. 121). Obwohl die Werke der Grammatiker großen Einfluss auf die Rechtschreibung im
18. Jahrhundert und frühen 19. Jahrhundert hatten und noch lange nachwirkten,
konnten sie doch nicht alle Probleme lösen.
Es gab noch zahlreiche Schwankungen, was verschiedene Gründe hatte:
• Es gab keine ausreichenden Begründungen für die Schreibungen, die empfohlen wurden, da die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Sprache
noch nicht weit genug fortgeschritten war.
2 In der Literatur finden sich widersprüchliche Angaben darüber, ob diese Prinzipien von den
Grammatikern als gleichrangig betrachtet wurden oder ob die Nummerierung gleichzeitig eine
Wertigkeit ausdrückt.
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• Die Regeln, die vorgegeben wurden, waren nicht konsequent, bezogen sich nur auf einige Bereiche der Orthographie oder waren sogar in sich
widersprüchlich.
• Zahlreiche Einzelwortschreibungen waren völlig ungeklärt.
• Es gab weder verbindliche noch in allen Punkten übereinstimmende Regelbücher.
• Dialekte bestimmten noch sehr stark die Schreibung (vgl. NERIUS 1989, S. 239).
• Es gab kein sprachliches Zentrum, das Impulse hätte geben können, wie etwa London oder Paris.
• Die Achtung vor Sprachverschiedenheit und Varianten war teilweise recht hoch, sodass Normierungsbestrebungen auf Ablehnung stießen und als
Einschränkung der Freiheit gesehen wurden (vgl. POLENZ 1999, S. 234).
Diese Uneinheitlichkeiten beeinträchtigten zwar nicht die Verständlichkeit, sorgten aber für viel Verwirrung in Schulen, Druckereien, bei Schriftstellern etc.
So kam es vor, dass in ein und demselben Buch die verschiedensten Schreibweisen auftraten, so z.B. der Tod – der Tot – der Totfeind – tot –
todschlagen – töten – tödtlich oder hantiren – hofiren – studiren – regiren –
hausieren – stolzieren in Gustav Freytags ‚Die Geschwister (Ahnen)’, gedruckt 1878 in der Druckerei S. Hirzel in Leipzig. Ähnlich sah es überall aus; es gab
sogar Wörter, die fünf oder sechs verschiedene Schreibweisen aufwiesen (z. B.
Ernte – Ernde – Erndte – Ärnte – Ärnde – Ärndte). Insgesamt gab es bei ca. 900-
1000 gebräuchlichen Wörtern derartige Schwankungen (vgl. WELLS 1990, S. 372f.).
Besonders häufig kamen Schwankungen bei der graphischen Kennzeichnung von
langen Vokalen (wol – wohl, Har – Haar), beim Gebrauch von 〈i〉, 〈ü〉 oder 〈y〉 (flistern – flüstern, beyde – beide), bei der Schreibung von s-Lauten (Ereigniß –
Ereignis), bei den Worttrennungsregelungen (hak-ken – ha-cken, Karp-fen – Kar- pfen, La-sten – Las-ten, Stä-dte – Städ-te, set-zen – se-tzen), bei der Groß- und
Kleinschreibung von Wörtern im Übergangsbereich von Substantiven und
Nichtsubstantiven (morgens – Morgens), bei der Getrennt- und
Zusammenschreibung (wieder sehen – wiedersehen, Preis geben – preisgeben, statt finden – stattfinden) und bei den Interpunktionsregeln; hier war besonders die
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Arbeit zitieren:
Mirja Schnoor, 2002, Die Normierung der deutschen Rechtschreibung im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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