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Hoffnung auf einen literaturwissenschaftlichen Thesaurus gleich begraben. Denn es ist zweifelhaft, ob sich die vielen konkurrierenden Richtungen und Schulen der Literaturwissenschaft jemals auf eine Terminologie einigen und festlegen lassen werden. - Und selbst wenn das erreichbar wäre, bestünde dann immer noch die überwiegende Mehrzahl aller Konzepte aus sogenannten "historischen" 8 , deren Bedeutungen sich häufig in jahrhundertlanger Entwicklung verschoben und überlagert haben 9 . Hier helfen selbst Einigkeit und guter Wille nicht. In diesem Synonymendschungel kommt der Literaturwissenschaftler nicht darum herum, die meisten seiner Begriffe jeweils für den Gebrauch festzulegen. - Schließlich könnte man geltend machen, dass gerade ein Thesaurus als Grundlage für eine wenigstens tei1weise Vereinheitlichung unserer Terminologie dienen könnte. Bevor man Ordnung schaffen kann, muss man ein Gebiet überschauen. Und insofern sich die Literaturwissenschaft in ihrem Begriffsschatz spiegelt, ist ein Thesaurus das vorzüglichste Instrument, sie in allen ihren Verzweigungen und Teilaspekten überschaubar zu machen. Denn die existierenden Handbücher bieten ja nur die Begriffe, die in ihr jeweiliges Programm passen. Die Sachwörterbücher hingegen stellen die Begriffe nicht systematisch sondern alphabetisch zusammen.
Die Unterschlagung von bereits existierenden Begriffen, die den Herausgebern unklar oder überflüssig vorkommen, widerspräche geradezu der traditionellen Aufgabe eines Thesaurus. Besonders für ein begrenztes Gebiet wie die L iteraturwissenschaft wäre unbedingt Vollständigkeit anzustreben. Am stärksten abzulehnen ist die Übergehung von Begriffen aus politischen oder weltanschaulichen Gründen 10 . Wer wertenden Tendenzen nachgibt, seien sie politisch oder wissenschaftlich motiviert, beraubt einen Thesaurus gerade seiner Möglichkeit, als Grundlage für den Methoden- und Terminologiestreit zwischen den verschiedenen Schulen zu dienen.
Es fragt sich jedoch, ob es sich noch lohnt, einen Thesaurus der Literaturwissenschaft nur in einer Sprache herzustellen. Der eben erwähnte Methodenstreit wird nämlich zunehmend auf internationaler Ebene 11 , zumindest auf europäischer, ausgetragen; wenn es auch nicht zu leugnen ist, dass die Deutschen sich an theoretischen Auseinandersetzungen mit besonderem Eifer beteiligen. Vergleichende Gesichtspunkte setzen sich immer mehr durch. Maßgebende Werke werden sofort übersetzt. Die nationalen Philologien streifen ihre Provinzialität ab, auch Series No. 14 (March 1987) 326-352.
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wo sie weiterhin regionale Phänomene untersuchen. - Ich habe an anderer Stelle 12 zu zeigen versucht, mit welchen Schwierigkeiten die Komparatistik rechnen muss, sobald sie über den "westlichen" (europäisch-amerikanischen) Bereich hinausschaut. Innerha1b der europäischen Literaturwissenschaft ist jedoch ein Vergleich und eine a llmähliche Angleichung der Terminologien nicht nur wünschenswert, sondern auch im Prinzip möglich. 13 Die praktische Gestaltung eines europäischen Literaturthesaurus ist jedoch eine andere Frage. Es scheint unmöglich zu sein, einen sorgfältig gearbeiteten Thesaurus mehrsprachig in einem Band anzulegen, etwa nach Art unseres Nomenclator Das notwendige Verweisungssystem von jedem Begriff auf die entsprechenden der anderen Sprachen müsste zu kompliziert ausfallen, als dass ein solches Buch noch praktisch wäre. - In ihrer deutschen Fassung von Rogets Thesaurus 14 sind Wehrle/Eggers so eng wie möglich dessen Gliederung gefolgt, um u. a. einen Vergleich des Wortschatzes der beiden Sprachen zu ermöglichen. Sie haben damit eine noch bei weitem nicht ausgeschöpfte Fundgrube für die vergleichende Linguistik geschaffen. Denn diese interessiert sich bekanntlich u. a. dafür, für welche Lebensbereiche verschiedene Sprachen ein besonders differenziertes Vokabular entwickelt haben - und wie dieses jeweils im Einzelnen beschaffen ist. - Damit wäre auch für einen Literaturthesaurus eine Möglichkeit internationaler Begriffsverarbeitung angedeutet: jeweils verschiedene nationale Teams bearbeiten getrennte Thesauri, denen jedoch ein einheitliches Eintei1ungsschema zugrundegelegt wird, welches sie vergleichbar macht. Dieses muss deshalb so undogmatisch und flexibel wie möglich sein, damit es von anderen nationalen Literaturthesauri übernommen werden kann. Es ist noch nicht einmal notwendig, dass die Numerierung der Begriffsgruppen nachgeahmt wird, obwohl das die vergleichende Analyse sehr erleichtern würde. Wenn zumindest das System zugrundegelegt würde, könnte der Interessierte leicht die entsprechenden Gruppen finden und damit die Terminologien bis in einzelne Begriffskomplexe hinein vergleichen.
Alle echten Thesauri bestehen aus zwei Teilen: dem systematischen, in dem Begriffe in Wortkomplexen oder -feldern angeordnet werden, und dem Index, in dem sie nochmals in alphabetischer Reihenfolge erscheinen, die mehrsinnigen in ihre Bedeutungsschattierungen (mit entsprechenden Gruppennummern) aufgefächert. Der systematische Teil dient also (in Dornseiffs Worten) der "Bezeichnislehre", der alphabetische der "Bedeutungslehre“.
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Definitionen und Erläuterungen kann jedoch ein Thesaurus nicht geben. Dafür ist kein Platz. -Jedoch wäre zu überlegen, ob nicht durch ein abgekürztes Verweisungssystem auf die entsprechenden Artikel in den gängigsten- Literaturlexika (letzte Auflage) hingewiesen werden könnte. Das Mitarbeiterteam müsste also gleich zu Arbeitsbeginn eine Liste der ergiebigsten Nachschlagewerke erstellen und sich auf Abkürzungen einigen (je öfter das Werk zitiert wird, desto kürzer sollte möglichst die Sigle sein), die nach jedem Begriff zusammen mit der Seitenzahl aufgeführt werden. Für häufig gebrauchte Begriffe ("Novelle" oder "Sonett") sind diese Hinweise fast entbehrlich, es sei denn, man wolle mit ihnen auf besonders gute Definitionen aufmerksam machen. Für weniger bekannte aber (wie „Innere Form"oder "Schachzabelbuch") sind sie äußerst nützlich. Sie machen diesen Thesaurus zugleich zu einem "Wörterbuch der Wörterbücher" (Bisher gab es nur eine "Bibliographie der Bibliographien"). Unser Handbuch müsste also folgendes zugleich sein: 1. ein echter Thesaurus, d. h. nicht nur ein Synonymenlexikon, sondern ein Werk, das erstmalig einen vollständigen Überb1ick über den gesamten Begriffsschatz der deutschen Literaturwissenschaft ermöglicht; 2. das bisher umfassendste Literaturwörterbuch 15 , welches in seinem Index zugleich ein Homonymenlexikon der Literaturwissenschaft bietet; 3. das erste "Lexikon der Lexika", dessen Siglen-Verweise nach jedem Begriff auf die besten Definitionen verweisen.
Rogets erster Thesaurus wurde erst dadurch ermöglicht, dass es dem Verfasser gelang, den gesamten englischen Wortschatz seiner Zeit in sechs großen Gruppen unterzubringen und ihn innerhalb dieser in 1000 Untergruppen wiederum so zu verteilen, dass die Benutzer seines Werkes nach kürzester Zeit die gewünschten Begriffsfelder ohne die Hilfe des Index finden konnten. Das bedeutet, dass sein viel bewundertes Schema zugleich logisch und einfach genug war, um von Durchschnittsmenschen verstanden zu werden. Je weniger Schubfächer der Benutzer angeboten bekommt, umso schneller wird er lernen, sofort das richtige zu öffnen. -Lässt sich ein solches System für die Literaturwissenschaft finden? - Und wo schauen wir nach Vorbildern? - Es ist klar, dass ein Thesaurus, der besonders für Gelehrte und Studenten gedacht ist, zuerst auf seine innere Konsistenz und "Logik" geprüft werden wird. Das Einteilungssystem muss deshalb vom Mitarbeiterstab sorgfältig diskutiert werden. Denn wenn es einmal etabliert worden ist, muss sich jeder daran halten. - Eine vergleichende Prüfung der Inhaltsverzeichnisse von Handbüchern und Einführungen 16 , aus denen man ein solches Einteilungssystem des Fachgebiets entnehmen möchte, ergibt bald, dass alle Darstellungen
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jeweils etwas andere Gliederungen entwerfen, ohne dass der Inhalt der einzelnen Abschnitte durch diese zunächst beeinflusst wird. Es ist ebenso denkbar, dass zwei Literaturwissenschaftler mit ganz verschiedener Einstellung und Methode eine ähnliche Stoffanordnung wählen, wie dass zwei andere, die sich im "approach" vollkommen einig sind, ihre Darstellungen verschieden anordnen. Es kommt also mehr auf praktische Gesichtspunkte für das Ordnungsschema an, die uns erlauben, alle vorhandenen Begriffe übersichtlich unterzubringen. Und auf diese wird sich auch jeder Mitarbeiterstab leichter einigen können. Um allen theoretischen Problemen aus dem Wege zu gehen und ein möglichst flexibles und zugleich einfaches System zu erstellen, schlage ich ein „Koordinatensystem" ergiebiger Einteilungskategorien vor, die zu mannigfachen Gruppen kombiniert werden können. Es bestünde einerseits aus zwei Hauptaspekten allgemeinster Art (I. dem allgemeinen oder theoretischen und II. dem speziellen oder historischen). Diese schneiden sich mit höchstens zwanzig Interessenrichtungen und den ihnen entsprechenden Methoden, etwa A. Literaturtheorie bezw. Poetik, B. Literaturphilosophie, C. Literaturmethodologie bezw. Methodologie literaturwissenschaftlicher Forschung, wozu auch Fachterminologie und Fachrichtungen gehören, D. Literaturdidaktik, E. Literaturgeschichte, wozu auch die Epochenbegriffe, Schulen etc. gehören, F. Literaturproduktion, G. Literaturrezeption, H. Literaturvermittlung, I. Literatursoziologie und Soziologie der Literatur, J. Literaturpsychologie, K. Literatur und Folklore, L. Biographik, M. Philologie im engeren Sinn als Quellenforschung, Textgeschichte etc., N. Gattung, 0. Stil/Rhetorik/Struktur, P. Metrik, Q. Stoff und Motiv, R. Gehalt/Ideen/Probleme/Weltanschauung. Allenfalls könnte noch eine zeitliche Einteilung folgen; am besten schlicht nach Jahrhunderten, um der Problematik der Epochenbegriffe aus dem Wege zu gehen.
Um keine Zweifel über die Abgrenzung des gebotenen Begriffsschatzes aufkommen zu lassen, würde ich bereits im Vorwort verwandte Disziplinen und Nachbargebiete identifizieren, deren Begriffsschatz nicht im Einzelnen aufgenommen werden soll, wie etwa die Linguistik, Sprachpsychologie etc., aber auch die philosophischen Richtungen, die sich in der Literatur auswirken (wie Idealismus, Positivismus, Marxismus etc.).
Somit haben wir diesem Schema gemäß bei der Einordnung eines jeden Konzeptes zuerst zu fragen: Handelt es sich um einen Begriff, der auf alle Epochen anwendbar ist (z. B. "Gestalt", "Transparenz" etc.) oder um einen zeitlich und/oder regional begrenzten, selbst wenn er in
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mehreren Ländern und über viele Jahrhunderte hin angewendet wird (wie z. B. "Sonett").- In die erste Gruppe fallen die meisten Konzepte der neueren Literaturtheorie, jedoch auch die der sogen. "systematischen Poetik“ früherer Jahrhunderte (z. B. "Grundbegriffe" und ähnliche Einteilungskategorien), ebenso die Namen für alle Fachrichtungen und Spezialgebiete innerhalb der Literaturwissenschaft, nicht aber notwendigerweise deren Begriffe selbst. - In die zweite Gruppe fallen die sogen. "historischen Gattungen", d. h. alle Literaturformen, die sich zu einer bestimmten Zeit (auch über viele Jahrhunderte hin) und in einer bestimmten Region (auch in mehreren Ländern) entwicke1t haben und nicht nach logischen Gesichtspunkten entworfen sind. Aber auch deren Stil- und Strukturmerkmale, sowie solche der Metrik und Rhetorik, gehören i n diese Gruppe, insofern sie sich nur auf bestimmte Sprachen und Literaturen (zumeist unsere westlichen) beziehen und anwenden lassen. Aus den gleichen Gründen gehören hierher die Perioden- und Epochenbegriffe, sowie alle literarischen "Schulen", Moden und "Ismen". Aber auch Begriffe der sogen. "historischen Poetik", d. h. der Theorie einzelner historischer Gattungen, fallen in die zweite Gruppe.
Auf eine hierarchische Anordnung der wichtigsten Interessenrichtungen und Methoden muss wegen deren vielfachen Überschneidungen verzichtet werden. Jede von ihnen kann außerdem sowohl vom theoretischen wie vom historischen Aspekt gesehen werden. Nachdem sie aber einmal festgelegt worden sind, lassen sich ihre Kombinationen mit den beiden Aspekten leicht bezeichnen. Man könnte sich darauf einigen, dass (wie bei Wortverbindungen) die speziellere Komponente zuerst bezeichnet werden soll (also z. B. N = Gattung, NA = Gattungstheorie oder Gattungspoetik, NE = Gattungsgeschichte etc.).
Begriffsfelder, die sich nur schwer voneinander trennen lassen (wie "Literatursoziologie" und "Soziologie der Literatur"), sollte man zusammenfassen. Denn mit einer forcierten Trennung ist nichts gewonnen. Der theoretisch weniger versierte Benutzer des Buches muss sonst an zwei Orten suchen, anstatt nur an einem. Ähnliches gilt auch für Literaturtheorie und Poetik sowie für die vielen Begriffe, die zugleich Stil- und Strukturmerkmale oder rhetorische Figuren bezeichnen.
Viele "Randbegriffe" der Literaturwissenschaft, die man an anderer Stelle nur schwer findet, können jetzt in der Gruppe "Literaturvermittlung“ untergebracht werden, z. B. solche der Buchproduktion und des Verlagswesens ("Taschenbuch" „Paperback") oder der Textbeschaffenheit bezw. des Manuskriptzustands („Sammelhandschriften") oder der
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Dr. Wolfgang Ruttkowski, 1987, Ein (digitalisierter) Thesaurus der Literaturwissenschaft?, München, GRIN Verlag GmbH
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Heinrich der Löwe und der Wendenkreuzzug 1147
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