Inhaltsverzeichnis
Vorwort 3
I. Helmbrechts Haube 4
1. Die Haube im Text 4
1.1 Haubenschilderung 4
1.2 Herkunft der Haube 4
1.3 Die Haube als Zeichen für Helmbrechts Aufstiegswillen 5
1.4 Die Rolle der Haube für das Ende der Dichtung und das Gesamtwerk 5
2. Interpretationsansätze der Forschung 6
2.1 Bildprogramm zur moraldidaktischen Unterstützung 6
2.2 Die Vogelbilder als Schmuck- und Wappenembleme 9
3. Kritische Anmerkungen 10
II. Das Gerichtsverfahren gegen Helmbrecht und seine Hinrichtung 11
1. Helmbrechts Ende 11
1.1 Verhaftung, Prozess und Strafe 11
1.2 Die Rache der Bauern 11
2. Interpretationsansätze der Forschung 12
2.1 Rechtshistorische Deutung 12
2.2 Rechtstheologische Deutung 14
3. Kritische Anmerkungen 16
III. Die Träume des Meiers 17
1. Schilderung der Trauminhalte 17
2. Funktion fiktiver Träume 18
3. Symbolgehalt der Traumbilder 19
4. Kritische Anmerkungen 20
Schlusswort 21
Literaturverzeichnis 22
Vorwort
Das Hauptproblem bei der Interpretation mittelalterlicher Texte stellt zweifelsohne die andersartige Erfahrungswelt dar, die den Menschen früherer Jahr-hunderte zu eigen war.
In diese andere Welt „einzusteigen“, ihre sozialen, religiösen und psychologischen Hintergründe zu erkennen, muss aber der Grundpfeiler jeglicher Versuche sein, literarische Werke des Mittelalters zu verstehen. Dem literaturinteressierten, modernen Rezipienten mögen zwar stilistische Elemente auffallen, die ihm nicht unbekannt sind, eine geistesgeschichtlichim wahrsten Sinne des Wortes - angemessene Interpretation wird er ohne ein fundiertes Vorwissen jedoch kaum erlangen können. Ziel dieser Arbeit soll es sein, einen Teil dieses nötigen Vorwissens im Hinblick a uf Leitmotive und Symbole, die gemeinhin am schwierigsten zu deuten sind, in kompakter Form zu liefern, und somit das Verständnis Wernhers des Gartenære „Helmbrecht“ zu erleichtern. Beginnen werde ich meine Ausführungen ausgehend von der Haube als Leitmotiv, die den Bogen vom Anfang bis zum Schluss spannt. Von dort aus werden die Symbolik und die Hintergründe des Gerichtsverfahrens behandelt. Schließlich möchte ich noch auf die Träume des Meiers eingehen, und ihre Funktion und Symbolik untersuchen.
Die drei Blöcke werden nach dem gleichen Muster angegangen. Nach der textimmanenten Behandlung kommen schließlich verschiedene Ansätze aus der Forschungsliteratur zu Wort, die diskutiert werden sollen.
3
I. Helmbrechts Haube
Selten äußerte sich die Forschung so einmütig wie im Falle der Haube des Bauernburschen Helmbrecht in Wernhers des Gartenære Moraldidaxe, die vermutlich aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts stammt. Das reich verzierte Kleidungsutensil wird durchweg in den Rang eines Leitmotivs erhoben, welches das Heldenschicksal selbst verkörpert und exemplarisch in den Tun-Ergehen-Zusammenhang des aufmüpfigen Meiersohns integriert zu sein scheint.
Wie dieses Leitmotiv nun vom Anfang bis zum Ende das Werk wie ein roter Faden durchzieht, soll im Folgenden dargestellt werden.
1. Die Haube im Text
1.1 Haubenschilderung
Noch bevor die beiden Hauptfiguren - der Meier und dessen Sohn - dem Publikum vorgestellt werden, beginnt der Dichter seine plastische Darstellung der Haube, was sich dann bis v. 103 fortsetzt. Beginnend bei den Vogeldarstellungen, von denen im Proömium vorerst nur die kunstvoll und lebensecht aufgenähten Bilder von tûben und sitechen erwähnt werden, bekräftigt der Dichter die Unangemessenheit der Haube für einen Bauernsohn. Schritt für Schritt erläutert der Autor dem Rezipienten die Abbildungen auf der höfischen Kopfbedeckung, die später noch ausführlicher behandelt werden sollen.
Die Haubenschilderung scheint ganz bewusst an den Anfang des Werkes gesetzt zu sein, denn sie führt leitmotivisch die Problematik des behandelten Themas ein: der Bauernsohn Helmbrecht, der sich mit einem zutiefst höfischen Symbol schmückt, dadurch seinen Aufstiegswillen kundtut und die von Gott gegebene Ständeordnung verletzt.
„owê daz ie gebûre / solhe hûben solde tragen / dâ von sô vil ist ze sagen!“ (v. 54ff)
1.2 Herkunft der Haube
In den Versen 107 - 130 gibt Wernher nun eine Antwort auf die Frage, die sich wohl dem mittelalterlichen Zuhörer und dem modernen Leser gleichermaßen
4
aufdrängt: Woher bekommt ein Bauernbursche eine derart kunstvoll gearbeitete und mit höfischen Symbolen geradezu übersäte Haube? Diese Antwort ist ebenso simpel wie bezeichnend für die soziale Perspektive des Dichters: Eine Nonne, die aufgrund ihrer hövescheit (v. 110) ihr Ordensleben aufgegeben hat, und ihren Trieben erlegen ist, aber hierin keineswegs einen Einzelfall darstellt (v. 112-116), fertigt die Kopfbedeckung gegen Auslösung in Naturalien, die sie von Helmbrechts Mutter und Schwester erhält. Die Parallele zu Helmbrecht scheint unübersehbar, und so nennt Ittenbach die Nonnenepisode auch „ein[en] ‚Meier Helmbrecht im Kleinen’“ 1 .
1.3 Die Haube als Zeichen für Helmbrechts Aufstiegswillen
Im Dialog Helmbrechts mit seinem Vater, der über ein Fünftel des Werkes in Anspruch nimmt, und gleichzeitig die didaktischen Grundgedanken enthält, spielt die Haube ihre zweite große Rolle für das Gesamtwerk. Der Vater versucht immer wieder und mit gesteigerter Hartnäckigkeit, seinen Sohn davon zu überzeugen, dass ihm seine Aufstiegsbemühungen nur Unheil einbringen würden. Aber insgesamt drei Mal 2 führt der Sohn seine äußerlichen Adelsattribute - allem voran die Haube - gegen den kohärenten Argumentationsfluss des Vaters ins Feld, um seine Aufstiegsambitionen zu rechtfertigen und sich über seine bäuerliche Herkunft hinwegzusetzen.
1.4 Die Rolle der Haube für das Ende der Dichtung und das Gesamtwerk
Am Ende der Dichtung schließt sich der Kreis. Hier wird offenbar, welch engen Bezug der Autor zwischen Heldenschicksal und Haubenschicksal herstellt. Kommen sowohl Held als auch Haube bei der prozessualen Strafe noch mit dem Leben davon - die Haube scheint überhaupt nicht angetastet zu werden - so sind beide gleichermaßen Gegenstand der Rache der Bauern.
1 Ittenbach 1932, S. 407
2 vgl. v. 271-277; v. 303-324 ; v. 510-515
5
Die Heftigkeit und Gründlichkeit mit der die Bauern die Haube zerstören 3 noch bevor sie ihren Träger hängen, mag man aus ihrer immensen Symbolkraft heraus erklären: sie verletzte durch ihre Unangemessenheit die Ständeordnung und verleitete den Bauernsohn, in den Ritterstand zu streben, dessen ethische Verpflichtungen er wohl weder wahrnehmen konnte noch wollte. Dadurch, und wohl auch durch seine materielle Grundeinstellung, musste er in ein landschädliches Raubrittertum abgleiten.
2. Interpretationsansätze der Forschung
2.1 Bildprogramm zur moraldidaktischen Unterstützung
Dass die Darstellungen auf Helmbrechts Haube nicht zufällig gewählt sind, sondern der Auswahl der Motive ein regelrechtes didaktisches Programm zu Grunde liegt, ist die Hauptthese in Helmut Brackerts Aufsatz „Helmbrechts Haube“ 4 , welcher die Grundlage für diesen Abschnitt sein soll. Er unterteilt die Abbildungen in zwei Lehrkomplexe: zum einen die Lehre der Natur, was die Vogeldarstellungen beinhaltet, und zum anderen die Lehre der Tradition mit Bildern aus den Themenkreisen Illias, Völkerwanderung und Karlssage. Die höfische Tanzszene, die auf der Haubenfront untergebracht ist, steht über alledem, und verdeutlicht das absolute ritterliche Ideal. Gegen eine Zufälligkeit der verwendeten Bilder weisen die beiden Darstellungen aus der Illias:
„Vergleicht man sie mit den zahlreichen Abbildungen solcher Szenen, von denen in der
mittelhochdeutschen Literatur die Rede ist, so fällt auf, dass auf keiner der erhaltenen
Beschreibungen eben jene beiden Szenenmotive zusammenstehen [...] Diese spezifische
Selektion [...] legt bereits die Vermutung nahe, dass die Zusammenstellung gerade
dieser beiden Szenen nach einer bestimmten Absicht vorgenommen ist.“ 5
In jedem dieser Lehrkomplexe sieht Brackert sowohl Warnungen, wie man sich auf keinen Fall verhalten soll, als auch Ermahnungen, wie man sich möglichst verhalten sollte, verwirklicht. Diese Einteilung möchte ich kurz skizzieren.
Der Raub der Helena durch Paris entspräche also einem Negativexempel, einer Warnung, die leicht auf Helmbrecht übertragen werden kann. Der Bauernsohn
3 vgl. v. 1880-1900
4 ZfdA 103 (1974)
5 Brackert (1974), S.167f
6
Arbeit zitieren:
Patrick Müller, 2001, Symbole und Leitmotive im "Helmbrecht" Wernhers des Gartenaere, München, GRIN Verlag GmbH
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