HUMBOLDT-UNIVERSITÄT ZU BERLIN
Institut für deutsche Literatur / Philosophische Fakultät II
HS: Das Unbewusste, Sommersemester 2007
8. Semester
Die Bedeutung des Unbewussten in Arthur Schnitzlers Leutnant Gustl
von
Barbara Schilling
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung... 3
2 Die Wiener Moderne... 3
2.1 Jung-Wien... 4
2.2 Die „Kaffeehaus-Literaten“... 5
3 Das Unbewusste um 1900... 8
3.1 Sigmund Freud und Arthur Schnitzler... 8
3.2 Psychologisierung der Literatur und Literarisierung der Psychologie... 10
4 Innerlichkeit als literarisches Konzept... 10
4.1 Leutnant Gustl, formal und inhaltlich – eine Novelle?... 11
4.2 Innerer Monolog... 13
4.3 Persönlichkeitskonzept im Wandel... 15
4.4. Das Ich... 16
5 Unbewusstes beim Leutnant... 18
6 Schlussbemerkung... 22
Literaturverzeichnis... 24
„Ich bin ja überhaupt nicht mehr auf der Welt … es ist ja aus mit mir … Ehre verloren, alles verloren!“1
1 Einleitung
Der Erstabdruck der Novelle Leutnant Gustl von Arthur Schnitzler erfolgt am 25.12.1900. Sie wird also im gleichen Jahr wie Sigmund Freuds epochales wissenschaftliches Buch Die Traumdeutung publiziert, das - wenn auch oft ambivalent beurteilt - einen Meilenstein für Medizin, Gesellschaft und Kultur darstellt und das folgende Jahrhundert in vielen Bereichen, auch im literarischen, nachhaltig prägt. Hinzu kommen zahlreiche persönliche Erfahrungen Schnitzlers als Nervenarzt in der medizinischen Praxis, die sicherlich ebenso wie die Stimmung im Wien des Fin de Siècle mehr oder weniger stark auf seine frühe Erzählung Einfluss genommen hat.
2 Die Wiener Moderne
Die Wiener Moderne kennzeichnet eine Gesellschaft zwischen Modernität und Dekadenz. Die Bürger sind geprägt vom politisch-ökonomischen Aufschwung, schließlich ernüchtert durch die vor allem wirtschaftlichen und politischen Krisen, die diesen Zeitraum erschüttern. Ein zum Teil stark wissenschaftsgläubiges Bildungsbürgertum erlebt die Krise des Liberalismus hautnah und sieht sich immer wieder mit den stärker werdenden Problemen der Habsburg- Monarchie, aus Österreich, Ungarn und zahlreichen verschiedenen Ethnien bestehend, gegenüber. Fortschrittsglaube und Aufbruchswillen auf der einen und Frustration auf der anderen Seite sind die ambivalenten Pole jener Gesellschaftsstruktur. Die Abkehr von der Gründerzeit steht bei den jungen Menschen hoch im Kurs: Es bildet sich eine „passive“ Gegenbewegung zur Vätergeneration, die sich in der Gesellschaft hochgearbeitet und am Adel orientiert hatte. Die meisten jungen Männer suchen neue Orientierungspunkte in einer immer schneller werdenden und durch Industrialisierung und Modernisierung unsicher gewordenen Welt. Die Mitglieder des Jungen Wien haben ähnliche Hintergründe. Sie verfügen über ein „standesgemäßes“, aber eher bescheidenes Einkommen und haben meist eine klassische Bildung genossen, sind sowohl mit der Antike als auch oftmals mit neuen europäischen Sprachen vertraut.
Die Künstler interessieren einerseits moralisch-wissenschaftliche, andererseits ästhetische Aspekte; im Ganzen wird aber der Drang, das (eigene) Innere zu erforschen, zunehmend deutlicher: Die Wendung nach Innen, der auch der Ästhetizismus Hugo von Hofmannsthals folgt, wird programmatisch für die Literatur der Wiener Moderne. Das Selbstverständnis heißt: „Leben als Kunst“. Ornamentierte, detailbewusste und die Maskierung der Realität aufzeigende Kunstwerke werden geschaffen. Ab 1890 gilt Schnitzler gemeinsam mit seinen Freunden Hugo von Hofmannsthal und Richard Beer-Hofmann als einer der Hauptvertreter des Jungen Wien, der literarischen Wiener Moderne.
2.1 Jung-Wien
Die „Jung-Wiener“ fokussieren ihre Arbeit vornehmlich auf das Ich; die eigene innere (Wahrnehmungs-)Welt, die Nerven werden zum häufig zitierten Thema: „‚Nervös’ im Sinne einer als psycho-physisches Leiden empfundenen gesteigerten Sensibilität waren die Jung-Wiener allemal. […] Empfehlungen, wie man derartigen Zuständen abhelfen könne, bzw. welche Ärzte zu konsultieren waren, kursierten im Freundeskreis ebenso, wie die psychologischen Klassiker des 19. Jahrhunderts. […] Daß solche Nerven-Hypochondrie sich keineswegs im individuellen Leiden erschöpfte, sondern zugleich Ausdruck eines umfassenderen Leidens an der Moderne selbst war.“2 Dies zeigt sich in zahlreichen literarischen Arbeiten jener Epoche, unter anderem im Leutnant Gustl. Die jungen Menschen schwanken um die Jahrhundertwende zwischen Endzeitstimmung und Aufbruchswillen. Sie sind auf der Suche. Die bürgerliche Identität ist erschüttert, revolutionäre Ideen – unter anderem von Nietzsche, Wagner, Darwin, Marx – sollen neue Werte schaffen.
Die Zersplitterung der politisch-historischen Makrostrukturen im Allgemeinen (Zerfall der Donau-Monarchie, Krieg, Börsenkrach) finden ihr Pendant vor allem in den Künstlerkreisen im Auflösen des Ichs in verschiedene Stimmungen. Viele Autoren entscheiden sich „gegen Politik und Gesellschaft zugunsten der Seele“, was sich in vielen Werken von Schnitzler, Hofmannsthal und anderen widerspiegelt. Der Naturalismus scheint von dieser Autorengeneration überwunden: Statt Roman und Drama herrschen die Formen der Novelle, Prosastücke und Einakter vor, die der Diskontinuität und dem Episodischen des damaligen Lebensgefühles entsprechen. Trotz der Hoffnung und Faszination, die den neuen Ideen und Wissenschaftsphänomenen entgegengebracht wird, beschränken sich die Literaten hauptsächlich auf das Menschlich-Individuelle, so beschreibt Hofmannsthal in seinen Werken zum Beispiel vielfach die Flucht aus dem alltäglichen Leben und analysiert das Seelen-Leben. Hermann Bahr, der „Begründer“ des Jung-Wiener Kreises, hält seine Gedanken in seinem „Moderne“-Aufsatz (1890) fest: „Wir haben kein anderes Gesetz als die Wahrheit, wie jeder sie empfindet. […] Alles Außen [ist] ganz Innen geworden.“3 Die Überwindung des Naturalismus, der formal-realistischen Literatur lässt keine Verbindung mehr zur Vormoderne zu.
2.2 Die „Kaffeehaus-Literaten“
[...]
1 Schnitzler, Arthur: Leutnant Gustl, S. 195
2 Wiener Moderne, S. 89
3 Wiener Moderne, S. 38
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Barbara Schilling, 2007, Die Bedeutung des Unbewussten in Arthur Schnitzlers Leutnant Gustl, München, GRIN Verlag GmbH
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