Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 2
2. Das Verhältnis von Naturwissenschaft und Politik im Italien zu Zeiten Galileis und in den USA
zu Zeiten Oppenheimers. 2
3. Die moralische Entwicklung von Brechts Galilei und Kipphardts Oppenheimer. 5
3.1. Galilei. 5
3.2. Oppenheimer. 10
4. Fazit. 14
5. Literaturverzeichnis. 16
1
1. Einleitung
Ich glaube, solange uns die Sorgfalt bei der Prüfung der Rückwirkungen unserer Erfindungen auf das menschliche Leben nicht ebenso selbstverständlich ist wie die Sorgfalt beim Experimentieren, sind wir zum Leben im technischen Zeitalter nicht reif. 1
Dieses Zitat Carl Friedrich von Weizsäckers könnte als die den Stücken „Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht und „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ von Heinar Kipphardt 2 gemeinsame Moral angesehen werden. In beiden Stücken spielt die Ethik des Naturwissenschaftlers eine große Rolle, wobei sowohl die Figur des Galilei als auch die des Oppenheimer innerhalb des Stücks eine durch politischen Druck beeinflusste Entwicklung ihrer ethischen Ansichten und Handlungsweisen zeigen. Die beiden Figuren stehen in einem Spannungsverhältnis zwischen Anpassung und Wider-stand. In dieser Arbeit soll gezeigt werden, wie und warum sich die Ethik der Wissenschaftler unter politischem Druck entwickelt und inwieweit das durch diesen Druck beeinflusste Verhalten Galileis und Oppenheimers in den beiden Stücken übereinstimmt oder Unterschiede aufweist. Dabei soll zunächst auf die historischen und politischen Umstände, die eine solche Entwicklung bedingen, eingegangen werden.
2. Das Verhältnis von Naturwissenschaft und Politik im Italien zu Zeiten Galileis und in den USA zu Zeiten Oppenheimers
Da die Politik alle Lebensbereiche durchdringt, beeinflusst sie auch immer wieder die Wissenschaft. Besonders deutlich wird das in einer Gesellschaft mit autoritären Tendenzen 3 , in denen Wissenschaftler und deren Erkenntnisse eine starke politische Vereinnahmung erfahren und oft zur Machterhaltung missbraucht oder wegen dieser unterdrückt werden. Sowohl in „Leben des Galilei“ als auch in „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ werden solche autoritäre Tendenzen aufgezeigt.
Galileis Italien war in viele Staaten zerfallen. 4 Durch die fehlende staatliche Einheit gab es innerhalb des Gebietes, das das heutige Italien ausmacht, verschiedene Staatsformen. Für Galilei relevant sind die Freie Republik Venedig mit der Universitätsstadt Padua, das Großherzogtum Toskana mit Florenz und der Universitätsstadt Pisa sowie der römische Kirchenstaat. Galilei ist zu Anfang des Stückes von Brecht „Lehrer der Mathematik zu Padua“ 5 . Das bedeutet, dass er in einer Republik
1 Weizsäcker (1978), S. 15.
2 Für diese Arbeit werden die Berliner Fassung von Brechts „Leben des Galilei“ (1955/56) und die 2., überarbeitete Fassung von Kipphardts „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ (1977) verwendet.
3 Auch in einer Demokratie wie der in den USA kann es autoritäre Tendenzen geben. Vgl. hierzu Charbon (1974), S. 214-216 sowie S. 218-219 (über die Figuren Pash und Robb in Kipphardts Stück).
4 Vgl. zu diesen und den folgenden Ausführungen zu den historischen Hintergründen in „Leben des Galilei“ den Aufsatz von Hans Lucke (1968), S. 67-71.
5 Brecht (1963), S. 7.
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lebt, die zwar aristokratisch regiert wird, aber „die Freiheit der Forschung garantiert“ 6 , dies allerdings nur, solange die durch wissenschaftliche Forschung gewonnenen Erkenntnisse ihren der Republik zugute kommenden praktischen Nutzen haben. 7 Die Jesuiten, die damals in der Kirchenpolitik eine wichtige Rolle spielten 8 , waren 1606 aufgrund eines starken Spannungsverhältnisses aus der Republik Venedig vertrieben worden.
Das Großherzogtum Toskana, in das Galilei aufgrund finanzieller Vorteile geht, wird regiert durch die Kaufmannsfamilie der Medici und zeichnet sich durch eine starke Abhängigkeit von Rom und damit auch von der Inquisition aus. 9
Im römischen Kirchenstaat, wo der Papst sowohl geistlicher als auch weltlicher Herrscher ist, hat die erst 1542 gegründete römische Inquisition ihren Sitz. Sie ist für die „Reinhaltung der Glaubens-und Sittenlehre“ sowie für die Bücherzensur verantwortlich. 10 Galilei ist im Stück zweimal in Rom, um seine Lehre zu verteidigen. 11 Im Jahr 1600 war Giordano Bruno als Verfechter der kopernikanischen Lehre auf Befehl der römischen Inquisition verbrannt worden. Schon vorher hatte Kopernikus gezögert, sein Werk „De revolutionibus orbium coelestium libri VI“, das das neue Weltbild enthielt, zu publizieren. Es wurde 1543 erst nach seinem Tod veröffentlicht, zusätzlich mit einem von einem Nürnberger Mathematiker gefälschten Vorwort, das die Lehre als hypothetisch darstellte und somit ihrer Schärfe beraubte. Fleckenstein ist der Meinung, dass Galilei nicht hätte widerrufen müssen, wenn er sich nur wie ein Jesuit verhalten, d.h. nach der Maxime „omnia ad ma-jorem gloriam Dei“ seine neuen Entdeckungen ebenfalls nur als hypothetisch propagiert hätte, sodass sie die damalige Weltsicht nicht beeinträchtigt hätten. 12 Einen überzeugten Kopernikaner konnte die Kirche jedoch nicht akzeptieren, „da der Nachweis eines einzigen Fehlers bei Aristoteles [und somit also auch eines Fehlers im ptolemäischen Weltbild] auch das gesamte christliche Gedankengebäude ins Wanken bringen“ 13 konnte. Die Kirche hatte das wenig veränderliche Gedankengebäude des Aristoteles übernommen und in ihre christliche Lehre integriert. Bei einer Änderung der Weltsicht musste sie mit einem Verlust ihrer Macht rechnen, was laut Lucke umso schlimmer war, da in die Zeit Galileis beispielsweise der Dreißigjährige Krieg ragt und die katholische Kirche noch
7 Galilei kritisiert im Stück diesen marktwirtschaftlichen Umgang mit der Wissenschaft: „Und was nützt freie Forschung ohne freie Zeit zu forschen?“, fragt er den Kurator. Vgl. Brecht (1963), S. 18.
8 Vgl. Fleckenstein (1965), S. 34-53. Fleckenstein erwähnt z.B., dass einige Mitglieder der Inquisition, so z.B. der im Stück eine wichtige Rolle spielende Kardinal Bellarmin, Jesuiten waren (S. 41).
9 Galileis Freund Sagredo will den Physiker in Brechts Stück davon abhalten, nach Florenz zu gehen, da „die Mönche dort herrschen“ und er Galilei schon „auf brennenden Scheiten stehen“ sieht. Vgl. Brecht (1963), S. 38-39.
10 Lucke (1968), S. 68.
11 Dargestellt in der 6. bis 8. Szene des Stückes.
12 Fleckenstein (1965), S. 34 und S. 42. „Es sei deshalb nötig, von der Erdbewegung nur als Voraussetzung „e suppositione“ zu sprechen, womit er [Kardinal Bellarmin] Galilei einen wohlgemeinten Rat gab.“ (S. 42).
13 Lucke (1968), S. 69.
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aufgrund der Reformation geschwächt war. 14 Um einer weiteren Schwächung zu entgehen, stützte sich die Kirche oft (z.B. im Großherzogtum Toskana) auf die weltlichen Herrscher, wie Ludovico im Stück einer ist. Umgekehrt wurde die Herrschaft der Aristokraten dadurch aufrechterhalten, dass die Kirche eine Weltsicht propagierte, die dieses Herrschaftssystem stützte und mit einem Sinn versah.
Galilei konnte seine Forschungen noch mit relativ einfachen und damit kostengünstigen Mitteln betreiben. 15 Das ist im 20. Jahrhundert anders, Wissenschaftler sind oft auf staatliche Zuschüsse angewiesen und die Regierung der USA ist zu Oppenheimers Zeiten, „[a]ls sich nun herausstellte, daß Wissenschaft und Technik kriegsentscheidende Bedeutung zukam“, gern zu solchen Zuschüssen bereit. 16 Wie Rémy Charbon weiter schreibt, hatten dabei in den USA die
meisten Wissenschaftler [...] keinerlei Bedenken, das großzügige Anerbieten anzunehmen. In jenen Tagen verstärkter Kriegsgefahr, als die Sicherheit der demokratischen Staaten aufs äußerste gefährdet war, schienen wissenschaftliche Bedürfnisse und moralische Forderungen sich zu decken. [...] Kaum einer der vielen tausend Gelehrten, die schließlich an militärischen Projekten arbeiteten oder indirekt von der neuerschlossenen Geldquelle profitierten, machte sich Gedanken über die Konsequenzen dieser staatlichen Intervention. 17 Auch Oppenheimer war einer dieser Wissenschaftler, die erst mit der Anwendung ihrer Forschungen - also dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima - begannen, sich Gedanken über ihre Zusammenarbeit mit dem Staat zu machen. Dann jedoch verweigerte er die direkte Mitarbeit an der H-Bombe, was schließlich dazu führte, dass er sich 1954 vor einem Untersuchungsausschuss ver-antworten musste. Es wurde bezweifelt, dass man ihm noch die Sicherheitsgarantie erteilen konnte. Dieser Zweifel hängt mit einer regelrechten Kommunistenparanoia - ausgelöst durch das Wettrüsten mit der Sowjetunion im Kalten Krieg 18 - in den USA der 50er Jahre zusammen. Durch diesen Antikommunismus wurden die „Freiheit der Wissenschaftler, die Ansprüche, die sie an ihre Auftraggeber stellen durften, ihre persönliche Bewegungsfreiheit und die Freiheit der Kommunikation wurden weiter eingeschränkt.“ 19 Eine bestimmte politische Gruppe bzw. Individuen, denen man Verbindungen zum Kommunismus nachsagte, wurden zum Sündenbock für das Versagen des Staates im Bereich der Rüstungsforschung gemacht. Letztendlich ging es so auch im Oppenheimer-Hearing hauptsächlich um dessen kommunistische Bekanntschaften und Neigungen. 20 Die Sicherheitsgarantie wurde dem „Vater der Atombombe“ nicht mehr erteilt. 21 Grund dafür waren neben der Ver-
14Lucke (1968), S. 69 und 71.
15 Zum Wandel der finanziellen Bedingungen von wissenschaftlicher Forschung vgl. Charbon (1974), S. 38-39.
16 Charbon (1974), S. 39.
17 Charbon (1974), S. 39.
18 Vgl. Charbon (1974), S. 196-197. Charbon betont die Bedeutung der Entwicklung der ersten H-Bombe durch die Sowjetunion, wodurch in den USA Hysterie entstand.
19 Charbon (1974), S. 143. Charbon erwähnt die damalige Parole „Sprich nicht, schreib nicht, rühr dich nicht!“.
20 Vgl. Charbon (1974), S. 194.
21 Vgl. Charbon (1974), S. 193.
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Arbeit zitieren:
Katja Stöckigt, 2006, Zwischen Anpassung und Widerstand – Ethik des Naturwissenschaftlers unter politischem Druck in Bertolt Brechts „Leben des Galilei“ und Heinar Kipphardts „In der Sache J. Robert Oppenheimer“, München, GRIN Verlag GmbH
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Kipphardt, Heinar - In der Sache J. Robert Oppenheimer
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