2
II
Bei der Diskussion solcher praktischer Strategien kann die Frage nicht umgangen werden, was wir lesen oder lesen sollten. Wer sich einmal die von japanischen Verlagen in Heftform angebotenen und von japanischen Kollegen für japanische Studenten in Häppchenkost zubereitete deutsche Literatur ansieht, merkt sofort, dass ein auf Deutsch veranstaltetes Unterrichtsgespräch nicht erwartet wird. Denn dafür ist diese Literatur fast immer zu schwierig. Erwartet wird nur ein mühseliges, stückweises Übersetzen im Unterricht; und dieses möglichst in vorauszusehender Reihenfolge, sodass sich jeder Student auf "seinen" Abschnitt vorbereiten und den Rest der Zeit verschlafen kann. Unterbrochen werden diese Bemühungen nur durch mehr oder weniger ausführliche Kommentare des Professors, - auf Japanisch natürlich. Und wenn die Klasse außergewöhnlich interessiert ist, stellt gegen Schluss der Sitzung vielleicht ein Student eine bescheidene Frage, die dem Professor zu weiteren Monologen AnIass gibt. - Man braucht sich nicht zu wundern, dass diese monotone Unterrichtspraxis den Studenten die Lust an Literatur für immer nimmt und sie für den Rest ihres Lebens nur noch Zeitungen und Manga lesen.
Nun muss man zugeben, dass es besonders in der deutschen Literatur schwerfällt, Werke zu finden, die etwa folgende idealen Voraussetzungen erfüllen:
a. Sie sollten stilistisch schlicht genug sein, dass japanische Studenten sie ohne allzu große Schwierigkeiten bewältigen können und nicht gleich entmutigt zur Übersetzung greifen. D.h. sie dürfen keine zu langen Sätze enthalten, keine schwierigen Worte, allzu kühnen Metaphern und rhetorischen Figuren etc. Dies schließt die meisten Werke der deutschen Klassik, besonders Schillers, aus. Sie sollten aber zugleich nicht so primitiv sein, dass der Student meint, in einem Kinderbuch zu lesen, und sich deshalb gedemütigt fühlt 2 . Der Lehrer, der seinen Studenten zu schwierige Sprachstrukturen vorlegt, die sie beim besten Willen noch nicht bewältigen können, wird es bald merken. - Gefährlicher ist m.E. das Angebot von inhaltlich und gehaltlich ungeeignetem Lesematerial, dessen Unangemessenheit sich erst am Schluss der Besprechung erweist. Da m.W. davor bisher kaum gewarnt worden ist, möchte ich etwas näher darauf eingehen:
Ich denke hier nicht an sogen. "riskante" (was meistens bedeutet: sexuell zu anschauliche) oder psychologisch hintergründige Literatur - wir sind oft überrascht, wie viel unsere Studenten in
3
dieser Hinsicht bereits verstehen - , sondern an vieldeutige, oder auch zu belanglose 3 . Viele der nach dem letzten Weltkrieg in Deutschland (unter dem Eindruck der nachgeholten Rezeption Kafkas und des absurden Theaters) entstandenen Kurzformen der Prosa sind sprachlich schlicht, inhaltlich jedoch so schwer verständlich, dass ein junger Mensch wenig damit anfangen kann. Solange nun der Lehrer in der Lage ist, einen tieferen Sinn aufzudecken, ist alles gut. Man muss hier zwischen "vielschichtiger" und "vieldeutiger" Literatur unterscheiden, wobei wir nur vor der letzteren warnen. Gerade japanische Studenten scheuen ja bekanntlich die Mühe des Übersetzens von sprachlich anspruchsvoller Literatur nicht, - erwarten aber dann, für ihre Anstrengung mit einer verstehbaren Aussage belohnt zu werden. Und wenn der Lehrer sie in tiefere Schichten des Verstehens einführt, die sie selbst nicht bloßgelegt hätten, sind sie dankbar, - ja, sie erwarten es letztlich von ihm. Er ist ja deshalb der "sensei", weil er ihnen im Wissen voran sein soll. - Wenn sie aber z.B. eine Kafka-Parabel (um gleich die angesehensten Beispiele dieser Art von Literatur zu nennen) übersetzt haben und nun nach dem "Sinn" der vordergründig einfachen Erzählung suchen - und der sensei ist selbst offensichtlich unsicher und sagt etwa: "Den Sinn muss jeder für sich selbst finden", wobei man ihm ansieht, dass er selbst keinen gefunden hat, oder er referiert, soweit er gut genug vorbereitet ist, die widersprüchlichen Deutungen verschiedener Interpreten, - dann fragen die Studenten sich (zu Recht!), warum sie sich so angestrengt haben und warum der sensei diesen Text für sie ausgesucht hat? - Etwa nur deshalb, weil er von einem berühmten Dichter ist? Im Umgang mit vieldeutiger bezw. "dunkler" Literatur müssen wir aufpassen, dass wir nicht vor den Studenten unsere Glaubwürdigkeit verlieren! Junge Menschen haben ein feines Gespür für Erwachsene, die sich von großen Namen und intellektuellen Moden beeindrucken lassen, ohne ihnen die Substanz eigener, wohlbegründeter Überzeugungen entgegensetzen zu können. Wir sollten immer auf die berechtigte Frage vorbereitet sein: Warum lesen wir das? Studenten suchen in Literatur verständlicherweise hauptsächlich nach Aussagen und Aufschlüssen, die für sie selbst sinnvoll sind, bezw. vom Lehrer mit Sinn aufgefüllt werden können. Da japanische Studenten in ihren Universitätsjahren nur so wenig deutsche Literatur lesen können, dürfen sie vom Lehrer erwarten, dass er diese sehr sorgfältig aussucht. Zu viele Kollegen lesen - besonders in ihren Seminaren - was sie selbst interessiert! Wenn wir nicht lesen, was unseren Studenten etwas zu sagen hat, und uns dies für jede Studentengeneration nicht neu Überlegen, wie können wir dann erwarten, dass wir Interesse erwecken, "aktivieren"?
4
Hinsichtlich der Besprechung von Gedichten ist es natürlich verlockend für den Fremdsprachenlehrer, sogen. "konkrete Poesie" anzubieten, weil diese sprachlich auf das Äusserste reduziert ist 4 . Hier gilt jedoch das gleiche: Solange sich aus den Sprachkonstellationen Aussagen herauslesen lassen, die dem Studenten etwas bedeuten (können), lohnt sich deren Erarbeitung. Wenn der Student sich fragen muss "was soll's?", ist mehr verdorben als erreicht. Und viele konkrete Gedichte sind in der Tat recht läppischen Inhalts, worüber uns ihre interessante Gestalt nicht hinwegtäuschen sollte. Hinsichtlich der für uns amüsanten Sprachspielereien, etwa eines Jandl, ist größte Vorsicht geboten. Die Studenten finden das meistens gar nicht komisch, können es auch nicht komisch finden, weil sie die von Deutschen erwarteten Sprachwendungen nicht von den bei Jandl witzig verfremdeten absetzen können. Für Japaner ist jegliche deutsche Sprachstruktur zunächst einmal fremd.
Wegfallen müssen natürlich auch alle Gedichte (ebenso wie Prosa), die auf bestimmte innerdeutsche Zeitumstände (z. B. häufige Zeitungsthemen einer Epoche) anspielen und oft sogar von deutschen Studenten unserer Tage nicht mehr verstanden werden, geschweige denn von japanischen! 5 Natürlich kann der Lehrer diese Anspielungen umständlich erklären. Aber damit ist ihre witzige Wirkung bereits verpufft (eine komische Wirkung kann man nun einmal nicht erzwingen) und es lohnt sich einfach nicht. Alles sollte vermieden werden, was unsere Studenten zur Frage veranlasst, die sie nur aus Höflichkeit nicht verlauten: Weshalb verschwenden wir unsere Zeit auf dergleichen Banalitäten?
c. Unsere Lektüre sollte nicht fragmentarisch sein (etwa ein Romankapitel), weil sonst der Student nur ein unbefriedigtes Gefühl zurückbehält. Würden wir selbst uns die Mühe machen, ein Stück Prosa sorgfältig zu lesen, wenn wir weder seinen Anfang kennen noch sein Ende erfahren? Wir dürfen nie vergessen, dass junge Menschen ausschließlich "auf Inhalt lesen", nicht auf Stil. Und wir machen uns Illusionen, wenn wir etwa hoffen, dass der Durchschnittsstudent sich ein Werk ausleihen und zu Ende lesen wird. - Ebenso schlecht ist es natürlich, wenn eine Klasse anfängt ein größeres Werk (etwa eine Novelle) zu lesen, und damit bis zum Semesterschluss nicht fertig wird. Es muss dem Studenten das befriedigende Erlebnis verschafft werden, dass er ein abgeschlossenes Werk der deutschen Literatur durchgelesen und verstanden hat. Damit ist unsere Auswahl praktisch auf Kurzgeschichten, Erzählungen und gewisse Dramen einfachen Stils sowie Gedichte eingeschränkt.
5
d. Die Werke sollten genügend Bezüge zur Lebensthematik und zum Interessenhorizont eines japanischen Studenten haben, um diesen auch emotional zu fesseln. Wenn der Leser sich von Anfang an langweilt, kann man von ihm kaum die Anstrengung sorgfältigen Lesens und Übersetzens erwarten. - Diese Forderung scheint im Widerspruch zu einer anderen zu stehen: dass man möglichst auch den kulturellen Horizont des Studenten erweitern und ihn mit der deutschen Kultur bekannt machen soll. Der Widerspruch ist jedoch nur ein scheinbarer: Neues und Vertrautes schließen einander nicht aus. Neues auf einer Ebene wird durch Vertrautes auf einer anderen assimilierbar gemacht. In einer Erzählung über eine Studentenliebe wird das andersartige kulturelle "setting" gerade deshalb mit Interesse studiert, weil sich in ihm ein Gefühl abspielt, das jedem japanischen Studenten vertraut ist. Wenn junge Japanerinnen die Geschichte Der Strohhalm von Marie Louise Kaschnitz lesen, kann der Lehrer sie ruhig darauf hinweisen, dass sie höchstwahrscheinlich das Zentralthema (Eifersucht und Vertrauenskrise) einmal selbst erleben werden, auch wenn es hier von einer Deutschen und in einer deutschen Ehe geschildert wird.
e. Die Werke sollten zugleich aber auch als Literatur bedeutend und exemplarisch sein. Man kann nicht immer nur Zeitungsartikel und dergleichen lesen. Irgendwann muss der Student erfahren, wie deutsche "Literatur" aussehen kann. Exemplarisch kann ein Werk für eine Gattung sein, oder für die Erlebensweise eines bedeutenden Autoren oder einer ganzen Epoche. Die Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert oder von Heinrich Bö11 sind in diesem Sinne häufig exemplarisch für das Erleben der deutschen Nachkriegsgeneration ("Trümmerliteratur") und zugleich für die moderne Form der Kurzgeschichte 6 .
Kaum ein Werk der deutschen Literatur wird allen diesen Ansprüchen gleichermaßen genügen, am wenigsten die Werke der sogen. "klassischen" Literatur. Ob und in welcher Form diese den japanischen Studenten vorgestellt werden sollen, muss an jeder Universität - je nach dem Niveau der Studenten und den Zielvorstellungen der Abteilung - individuell diskutiert und entschieden werden. Sinnlos scheinen mir jedoch jene "Übersichtsvorlesungen" zu sein, die völlig über das Auffassungsvermögen der Studenten gehen. Dann ist es ehrlicher, sich mit einer japanisch geschriebenen Geschichte der deutschen Literatur zu behelfen und nur einige, besonders geeignete Pröbchen in der hier skizzierten Weise durchzunehmen. Welche Texte sich aber (nach den oben aufgeführten Kriterien oder anderen noch zu erarbeitenden) eignen, d.h. die Aufstellung eines wohldurchdachten Kanons von Möglichkeiten, scheint mir ein
6
Hauptproblem des deutschen Literaturunterrichts in Japan zu sein. Und es ist aufschlussreich, dass die hier tätigen Lektoren bei DAAD-Symposien zwar gern über ihre Probleme klagen, sich bisher aber noch nicht die Mühe gemacht haben, den ersten praktischen Schritt zu deren Abhilfe zu tun. Wer sich im Rahmen unserer Arbeitsbedingungen und Aufgaben nur als "Wissenschaftler" fühlt und gebärdet, handelt im Grunde egozentrisch, weil unsere Studenten davon gewiss nicht profitieren. Und für diese sind wir hauptsächlich hier. Die gelegentlichen Hilfen, die wir japanischen Kollegen geben, sollten als Zusatzleistung gesehen werden.
III
In welcher Form können wir die von uns sorgfältig ausgewählten Werke im Unterricht behandeln?
Die grundlegende Herausforderung für uns als Literaturlehrer im Ausland ist die Notwendigkeit, jederzeit im Unterricht simpelstes Deutsch zu sprechen. Das ist jüngeren Akademikern oft unmöglich und verlangt selbst erfahrenen Auslandslehrern die größte Konzentration ab. Anfangs, bis sich eine gewisse Routine eingestellt hat, müssen wir praktisch bei jedem Satz überlegen, ob wir ihn so sagen können, ob er in dieser Formulierung verstanden werden kann. Zugleich müssen wir fortwährend Augenkontakt mit den Studenten halten ("scanning"), um sicher zu stellen, dass wir verstanden wurden. Wenn wir ratlose Mienen wahrnehmen, müssen wir sofort das zuletzt Gesagte umformulieren, solange, bis wir von der Mehrheit verstanden werden. Denn ein Monologisieren ohne Schülerresonanz ist vollkommen sinnlos. Es i st nicht nur eine Zeitverschwendung für Schüler und Lehrer; es hat auch verderbliche Wirkungen: Die Studenten resignieren und "schalten ab". - Und man sollte nicht sich selbst gegenüber die faule Ausrede gebrauchen, die Studenten wurden sich schon allmählich "hineinhören", sie müssten sich an anspruchsvolleres Deutsch gewöhnen. Wie sollen sie das, wenn sie bereits "abgeschaltet" haben? Nur durch langsame Steigerung des Sprachniveaus können wir das erreichen.
Wenn ich - nach über dreißigjähriger Lehrtätigkeit im Ausland - gefragt würde, welcher Teil meiner Arbeit der mühsamste ist, müsste ich antworten: die Notwendigkeit, mich jederzeit auf das Sprachniveau meiner Studenten einzustellen, ohne dabei den Unterricht allzu primitiv ausfallen zu lassen. - Zugleich aber dürfen wir unsere Spontaneität und menschliche Wärme
Arbeit zitieren:
Dr. Wolfgang Ruttkowski, 1988, Strategien zur Aktivierung japanischer Studenten im Literaturunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zweite Moderne oder Postmoderne?
Ein Architektur–Diskurs
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Fachbuch, 77 Seiten
Karl August Lingner - Leben und Werk eines sächsischen Großindustriell...
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Forschungsarbeit, 125 Seiten
Limitations of Experimental Channel Characterisation
Doktorarbeit / Dissertation, 275 Seiten
Die Befreiung des Menschen vom Künstler
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Doktorarbeit / Dissertation, 123 Seiten
Troia bei Homer und in der historischen Realität
Gab es das Troia der Ilias wir...
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Forschungsarbeit, 22 Seiten
Niedersächsisches Ausführungsgesetz zum Sozialgerichtsgesetz (Nds. AG ...
Kommentar
Jura - Öffentliches Recht / Sonstiges
Fachbuch, 24 Seiten
Business Prozess Reengineering
Eine praxisorientierte Sicht
Informatik - Angewandte Informatik
Fachbuch, 120 Seiten
Die Sache selbst in Hegels System
Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts
Doktorarbeit / Dissertation, 167 Seiten
Personalentscheidungen - Warum das Bauchgefühl ein guter Ratgeber sein...
BWL - Personal und Organisation
Fachbuch, 103 Seiten
Wolfgang Ruttkowski's Text Strategien zur Aktivierung japanischer Studenten im Literaturunterricht ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Wolfgang Ruttkowski hat den Text Strategien zur Aktivierung japanischer Studenten im Literaturunterricht veröffentlicht
Wolfgang Ruttkowski hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare