Umwölkung seines Geistes (verursacht durch die sterblichen Dinge) von ihm abfalle, werde er sich wieder auf sich selbst besinnen. Tatsächlich: Als Boethius die Philosophie nun als die Nährerin seiner Jugend wieder erkennt, tritt ein wenig Leben in ihn zurück. Die Philosophie fordert Boethius auf, den Grund seines Leides aufzudecken. Boethius’ Hauptproblem ist, dass er nicht versteht, wie Fortuna (das Schicksal) ihm so übel mitspielen konnte. Zudem fühlt er sich von der Wertschätzung des Volkes verlassen, obwohl er doch nichts verbrochen habe. Alles habe Gott gesetzlich geregelt, nur der Mensch sei wechselhaftem Glück ausgesetzt. Die Philosophie kann nun ihre zweite Diagnose stellen: In seinem Schmerz und Zorn ist Boethius in die äußerste Aufruhr der Leidenschaften verfallen. In diesem Krankheitsstadium kann sie nur leichtere Mittel einsetzen, die schärfere Arzneien vorbereiten sollen. Sie fährt fort, Boethius’ Geisteszustand zu prüfen. Auf ihre Frage, ob die Welt durch Zufall oder durch Lenkung der göttlichen Vernunft geleitet werde, ist Boethius von einer Lenkung durch Gott fest überzeugt. Diese Antwort ist für die Philosophie der Zündstoff seiner Wiederherstellung. Unklar sind ihm aber die Mittel der göttlichen Lenkung und das Endziel der Dinge. Und auch über sich selbst weiß er nicht mehr zu sagen, als dass er ein vernünftiges und sterbliches Lebewesen sei. Um zu genesen, so die erste Diagnose, muss Boethius den Endzweck der Dinge wieder erkennen und sich wieder über sich selbst sicher werden. (Die Forderung nach der Wiedererinnerung lässt an Platon denken).
2. Buch
Nachdem die Philosophie im ersten Buch erste Diagnosen aufstellte, beginnt sie im zweiten Buch damit, Boethius zu verdeutlichen, was ihn bisher täuschte und von der Selbsterkenntnis ablenkte: Sie klärt Boethius über die sich stetig wandelnde Natur der Fortuna (des Schicksals) auf. Dabei möchte die Philosophie die Rhetorik als Stütze ihrer Gebote nutzen, um den Weg für stärkere Medikamente zu bahnen. Redegewandt erklärt die Philosophie dem Boethius, dass er gar nichts verloren habe, indem sich die Fortuna ihm gegenüber gewandelt habe. Gerade die Wandelbarkeit sei doch die Natur der Fortuna und in ihrer Veränderlichkeit liege doch ihre eigentümliche Beständigkeit. Indem Boethius nun das zweideutige Antlitz der blinden Fortuna erkannt habe (nämlich dass sie letztlich mit falscher Glückseligkeit gaukele), sei er einen großen Schritt weiter in Richtung wahrer Glückseligkeit gelangt. Denn ein Glück, dass unstet ist und den Menschen verlässt, kann nicht wertvoll sein. Als Mittel der Rhetorik die Personifikation nutzend, verhandelt die Philosophie ab der zweiten Prosa in der Rolle der Fortuna. Als Fortuna fragt die Philosophie Boethius, welches Unrecht sie ihm denn getan habe. Reichtum, Ehren und dergleichen, die die Fortuna Boethius
großzügig überlassen habe, seien doch immer ihr Eigentum und niemals sein wahrer Besitz gewesen (auch wenn er dies glaubte). Sonst hätte er diese Güter nicht so einfach verlieren können. Außerdem könnten die Gaben der Fortuna ohnehin nie wirklich befriedigen, da die Gier der Menschen umso größer werde, je mehr Fortuna gebe. Gerade Boethius habe doch angesichts seiner edlen Erziehung, der Keuschheit seiner Gatttin und dem Erfolg seiner beiden gesunden Söhne von der Fortuna profitiert. Genauso, wie sein Glück fort ging, könne sich auch sein Unglück wieder wandeln. Er habe sich diesem zudem doch freiwillig unterworfen.
Damit wurde Boethius verdeutlicht, wie elend doch letztlich die Fortuna und das Glück vergänglicher Dinge sind, da diese niemals beständig sind und somit immer die Angst ihres Verlustes mit sich führen. Die Philosophie stellt Boethius nun eine entscheidende Frage: Nämlich warum er das Glück draußen suche, das doch in ihm selbst liege. Wenn Boethius seiner selbst mächtig wird, wird er besitzen, was er niemals verlieren und auch Fortuna ihm nicht nehmen kann. Das summum bonum (das höchste Glück) kann kein Gut sein, das einem auf irgendeine Weise entrissen werden kann. Noch einmal zeigt die Philosophie dem Boethius, dass die Gaben der Fortuna niemals das Eigene werden können und ihren Wert verlieren, sobald sie durchschaut sind. So ist zum Beispiel unzulässig, sich des Glanzes von Edelsteinen, schöner Kleider oder guter Diener zu rühmen, da diese doch auch unabhängig von einem selbst genauso schön und gut sind und man selbst keinerlei Anteil daran hat. Da diese Dinge also niemals wirklich eigenes Gut werden können, ist auch deren Verlust nicht wirklich schlimm - auch weil sie nicht besser oder glücklicher machen können. Statt den Glanz in äußeren Dingen zu suchen und sich selbst damit unter deren Wert zu ordnen, solle man diesen in sich selbst finden. Gerade dies sei die Grundbedingung der menschlichen Natur: So hoch sie über alle Dinge emporrage, wenn sie sich (kraft der Vernunft) selbst erkenne, so tief sinke sie noch unter die Tiere, wenn sie aufhöre, sich zu erkennen. Fremder Schmuck kann nur Beiwerk sein und die Hülle schmücken, niemals aber das wahre Selbst. Dass Reichtum kein wahres Gut sein kann, zeigt zudem, dass er oft schadet (z.B. indem er Diebe anzieht) und häufig den Schlechten zukommt (vgl. etwa die Mafia). Wie die Reichtümer, so kommt auch das vermeintliche Glück des Ruhmes und der Würden mitunter den größten Schurken zu - was zeigt, dass auch diese nicht aus sich heraus gut sein können. In Anbetracht des Kosmos und der Ewigkeit, so die Philosophie, sei zudem auch der Ruhm einer noch so ausgedehnten Zeit und eines noch so weiten Raumes schlechthin kaum vorhanden. Nachdem die Philosophie dem Boethius die Nichtigkeit von Reichtum und Ruhm dargestellt hat (was sie in dem dritten Buch noch systematischer tun wird), betont sie zum Ende des
zweiten Buches, dass sie keineswegs eine Feindin der Fortuna sei. Denn wenn diese in ihrer Unbeständigkeit ihr wahres Gesicht zeigt und damit in die Gebrechlichkeit ihres vermeintlichen Glückes Einsicht verschafft, verweist sie gleichzeitig auf die wahre Glückseligkeit. So hat die Fortuna zum Beispiel in ihrer Widrigkeit dem Boethius die zuverlässigen und treuen Freunde von den zweideutigen Gefährten gesondert und ihm damit die kostbarste Art irdischer Reichtümer offenbahrt. In diesem und im weiteren Sinne nützt dem Menschen gemäß der Philosophie ein widriges Geschick mehr als ein günstiges, da es zu (Selbst) -erkenntnis führt und den Trug aufdeckt.
3. Buch
Während Boethius bisher nur wenig Besserung seines Zustandes durch die Worte der Philosophie verspürte, fühlt er sich nach der Aufdeckung des Spiels der Fortuna höchst getröstet und bittet selbst um schärfere Heilmittel. Er soll zunächst noch einmal die der wahren Glückseligkeit entgegen gesetzte Seite betrachten, um dann daraus das summum bonum zu erkennen. Der Weg dorthin bedeutet noch ein wenig Arbeit. Die Philosophie hält Boethius eine Art Lehrvortrag: Letztlich haben alle Menschen das gleiche Ziel, nämlich das Erreichen des höchsten Glücks. Von diesem höchsten Glück haben die Menschen nur ein schattenhaftes Abbild, was erneut an die platonische Ideenlehre erinnert. Das höchste Glück muss das höchste Gut sein, in dem alle anderen Güter enthalten sind und das durch deren Vereinigung vollkommen ist. Nacheinander deckt die Philosophie nun auf, wonach die Menschen in Wahrheit suchen, wenn sie nach den vermeintlichen, der Fortuna zugehörigen Gütern Reichtum, Herrschaft, Ehrämtern, Ruhm und Lust streben: Durch Reichtum wird eigentlich Bedürfnislosigkeit (sufficientia) erwünscht, mit Herrschaft Macht oder Eigenverantwortlichkeit (potentia) erstrebt, aus Ämtern soll Ehrwürdigkeit (reverentia) und aus Ruhm Glanz (claritudo) erwachsen und schließlich soll durch Lust Freude (laetitia) erzielt werden.
Nacheinander werden auch die Trugschlüsse aufgedeckt:
So gesteht Boethius ein, dass er trotz seines Reichtums gelegentlich einen Mangel verspürt habe - zum Beispiel die Angst, den Reichtum zu verlieren und die Notwendigkeit des Schutzes. Somit macht Reichtum nicht wirklich bedürfnislos und selbstgenügsam. Die Ämter führen nicht zu Ehrwürdigkeit. Wie zahlreiche Beispiele zeigen, bestimmt letztlich die mitunter falsche Meinung des Volkes und nicht unbedingt Tugendhaftigkeit, wen ein Ehramt bekleidet.
Arbeit zitieren:
Magdalena Dienst, 2007, Boethius: Der Trost der Philosophie (Consolatio Philosophiae), München, GRIN Verlag GmbH
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