„Wenn man verstehen will, worum es in der Soziologie geht, dann muss man in der Lage sein, in Gedanken sich selbst gegenüberzutreten und seiner selbst als eines Menschen unter vielen gewahr zu werden.“ 1
„Soziologie (im hier verstandenen Sinn dieses sehr vieldeutig gebrauchten Wortes) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will.“ 2
1 Elias, N: Was ist Soziologie?, Juventa Verlag, Weinheim, München, 1996, S. 9.
2 Weber, M: Wirtschaft und Gesellschaft 1. In: Grundriss der Sozialökonomik, III. Abteilung, Mohr Verlag, Tübingen 1947, S.1.
2
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis....................................................................................................................... 3
1 Einleitung 4
2 Gesellschaftskonstruktionen im Vergleich 5
2.1 Norbert Elias: Gesellschaft als Zivilisation 5
2.1.1 Figuration und Prozess 5
2.1.2 Macht und Machtbalancen 7
2.2 Die handlungstheoretische Perspektive Max Webers 8
2.2.1 Soziales Handeln 8
2.2.2 Der Weg zur Theorie: Idealtypenkonstruktion 10
Die Herrschaftssoziologie Max Webers 11
3 Zivilisierung und Individualisierung versus Rationalisierung 12
3.1 Max Webers Position 12
3.1.1 Gesellschaft der Organisation 12
3.1.2 Prozess der Differenzierung als Effekt der Rationalisierung 13
3.2 Norbert Elias’ Gesellschaft der Individuen 14
4 Resümee 16
5 Literaturverzeichnis 19
Internetadressen:................................................................................................................... 20
3
1 Einleitung
Gesellschaftsbegriffe sind bestimmte Vorstellungen von Gesellschaft, die sowohl einen normativen als auch einen empirischen Charakter besitzen können. Gerade in der Moderne trifft man verstärkt auf eine größere Pluralität von Gesellschaftsbegriffen, z.B. Risikogesellschaft, Konsumgesellschaft, Erlebnisgesellschaft, Multioptionsgesellschaft. Die Basis bilden dabei meistens die klassischen soziologischen Theorien über die Gesellschaft. Soziologische Theorien befassen sich mit der gesellschaftlichen Ordnung, die sie über die Relativität sozialen Handelns durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu erklären oder aber aus dem individuellen Handeln zu rekonstruieren versuchen. Im Folgenden möchte ich zwei klassische Ansätze zu Gesellschaftskonstruktionen vorstellen und vergleichen. Anhand der Zivilisations- und Prozesstheorie von Norbert Elias und dem soziologischen und nationalökonomischen Werk von Max Weber möchte ich den Beziehungskomplex von Individuum und Gesellschaft näher betrachten, um einen, wenn im Rahmen dieser Arbeit auch nur sehr begrenzt zu erarbeitenden Überblick über die in der Geschichte der Soziologie unterschiedlich erfassten konstitutiven Bedingungen und normativen Imperative für Individualität in der modernen Gesellschaft zu gewinnen. Zum einen repräsentieren die beiden Autoren unterschiedliche Epochen der deutschsprachigen Soziologiegeschichte. 3 Zum
anderen beleuchten sie vor dem Hintergrund divergierender Theoriekonstruktionen auch ein konstitutives Problem der Soziologie: das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Um dieses Verhältnis zu analysieren, möchte ich in dieser Arbeit drei Koordinaten überprüfen, die mir für die Position des Individuums innerhalb der Gesellschaft von entscheidender Bedeutung zu sein scheinen: Die gesellschaftliche Entwicklung, das Menschenbild und die Modi der gesellschaftlichen Integration.
Den Kern des Werkes von Elias stellt nichts weniger dar als die Konstruktion eines umfassenden Modells der Menschheitsentwicklung. Ein solch großes Ziel ist nur interdisziplinär und als Synthese bereits existierender Arbeiten erreichbar. Elias bezieht sich auf die Klassiker des Fachs.
In dieser Arbeit möchte ich nach Einflussbeziehungen und Entsprechungen, nach genetischen und systematischen „Wahlverwandtschaften“ und Oppositionen zu Max Weber fragen. Aufgrund der Komplexität des Werkes von Max Weber kann eine umfassende Darstellung an
3 Max Weber als einer der Klassiker der Anfänge der Soziologie als Wissenschaft lebte von 1864 bis 1920; Norbert Elias lebte von 1897 bis 1990.
4
dieser Stelle nicht geleistet werden. 4 So beschränke ich mich in dieser Arbeit auf die Klärung der zentralen Grundbegriffe, der dominanten Untersuchungsbereiche und der benutzten Methoden, die für einen Vergleich der Gesellschaftskonzepte relevant sind. Durch die Definition der wichtigsten Begriffe wird der erste Teil meiner Arbeit damit gewissermaßen die Spielregeln des Vergleichs festlegen. Vor diesem Hintergrund kann der anschließende zweite Teil besser erkannt und bewertet werden. Hier steht nun das Thema im Mittelpunkt, bei dem der Unterschied zwischen Elias und Weber am größten ist: das zivilisierte Individuum.
Dabei gilt es zunächst, Webers Position und seine „idée directrice“ 5 der Rationalität hinreichend zu erfassen, um im Anschluss die Konzepte von Individualisierung in einem vergleichenden Überblick zusammenführen zu können. Um den Perspektiven der Autoren gerecht zu werden, orientiert sich die Darstellung vor allem an den für ihr Gesellschaftskonzept relevanten Primärtexten.
Ziel dieser Arbeit ist ein gesellschaftstheoretischer und inhaltlicher Vergleich der beiden ausgewählten Konzepte der Kultursoziologie, nicht dagegen die Analyse der Thematisierung eines soziologischen Konzeptes als solches, etwa in einer wissenssoziologischen Perspektive. Im letzten Teil möchte ich ein Resümee ziehen und einen abschließenden Überblick über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Gesellschaftskonzepte geben.
2 Gesellschaftskonstruktionen im Vergleich
2.1 Norbert Elias: Gesellschaft als Zivilisation
2.1.1 Figuration und Prozess
Norbert Elias, einer der einflussreichsten Soziologen des 20. Jahrhunderts, entwickelt in
seinem Hauptwerk „Über den Prozess der Zivilisation“ 6 die Grundlinien der Prozess- und Figurationstheorie. Sie stellt eine allgemeine menschenwissenschaftliche Theorie dar, die zur Erklärung gesellschaftlicher Phänomene jeglicher Art angewendet werden kann und die die Realitätsadäquatheit der begrifflichen Instrumentarien und theoretischen Modelle überprüfen soll.
4 „Sich auf das Werk Max Webers einzulassen ist ein Wagnis.“ Hennis, W.: Max Webers Fragestellung. Studien zur Biographie des Werks, Mohr Verlag, Tübingen, 1987, S. 3.
5 Siehe hierzu: Hennis, W.: Max Webers Fragestellung, S. 7.
6 Im Mittelpunkt steht der Zivilisation- und Staatsbildungsprozess in Mitteleuropa vom 9. bis zum 19. Jahrhundert. Dieser Übergangsprozess ist gekennzeichnet durch zwei Schritte: dem Wandel der Figurationsstrukturen und dem Wandel individueller Strukturen. Siehe hierzu: Elias, N.: Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Erster Band, Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1997, S. 12.
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Dabei dient Elias der Begriff der Figuration dazu, „ein einfaches begriffliches Werkzeug zu schaffen, mit dessen Hilfe man den gesellschaftlichen Zwang, so zu sprechen und zu denken, als ob Individuum und Gesellschaft zwei verschiedene und überdies auch noch antagonistische Figuren seien, zu lockern“. 7 Elias versteht die Gesellschaft als Figuration, d.h.
als interdependente Individuen oder Geflechte wechselseitig hergestellter Beziehungen und Kräftefelder mit unterschiedlich begründeten Ausrichtungen, Abhängigkeiten, Zwängen und Machtbalancen. 8 Der Gesellschaftsbegriff bei Elias ist der Oberbegriff für eine Menge
ineinander verschachtelter Unterfigurationen. Gesellschaft bildet dabei die höchste Stufe an Integration und an organisierter Macht. Jedoch darf die Gesellschaft nicht ausgehend vom Individuum rein mechanisch konzipiert werden, als scheinbar klar abgegrenzte mechanische Einheiten. 9 Die Figurationen werden mit der wachsenden gegenseitigen Abhängigkeit der Menschen untereinander immer komplexer. 10 Die Mitglieder einer Figuration sind durch viele
solche gegenseitige Abhängigkeiten - sogenannter Interdependenzketten - aneinander gebunden. 11 Die Angewiesenheit der Mitmenschen kann bestimmt sein durch
sozialstrukturelle Bedingungen wie Arbeitsteilung und Macht, durch Werte, Affekte, Triebstrukturen und durch räumliche Verbindungen. 12 Interdependenzbeziehungen fügen sich
zu sich permanent bewegenden Interdependenzketten, welche wiederum die Figurationen, auch Verflechtungszusammenhänge genannt, ergeben. Figurationen verweisen also auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. 13
Interdependenzen geben dem Einzelnen die Ziele seines Handelns vor und gleichzeitig die entsprechenden Handlungsmöglichkeiten und -restriktionen. Die Figurationen, in die der Einzelne eingebunden ist, legen damit den Spielraum für seine individuellen Handlungsentscheidungen fest. 14 Figurationen sind soziale Prozessmodelle, die sich in langfristiger historischer Perspektive verändern. 15 Für Elias bestimmt diese fundamentale
7 Elias, N.: Was ist Soziologie?, S. 141.
8 Ebd., S. 143.
9 Ich, Familie, Schule, Industrie, Staat. Siehe hierzu: Elias, N.: Was ist Soziologie?, S. 10.
10 Aufgrund ihrer vielfältigen Parallelität stellen Figurationen labile Machtbalancen dar. Siehe hierzu: Elias, N.: Was ist Soziologie?, S. 12.
11 Siehe hierzu: Elias, N.: Was ist Soziologie?, S. 144.
12 Daraus ergibt sich das Mehrebenenmodell der Interdependenzbeziehungen. Siehe hierzu: Elias, N.: Was ist Soziologie?, S. 146 - 159.
13 Siehe hierzu: Elias, N.: Die Gesellschaft der Individuen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1987, S. 34.
14 Ebd., S. 55. Der Begriff Figuration dient als eine Art „Antithese“ zum Systembegriff, um die aktive Rolle der Person zu unterstreichen. Von Elias initiiert, wird die Meinung vertreten, dass die Verwendung des Systembegriffs die konstruktive Rolle der Person in der Gestaltung des Sozialen ausschalten würde. Im Gegensatz zu Regeln oder Normen sollen hier interpersonelle Wechselwirkungsstrukturen zum Ausdruck gebracht werden, die aber nicht nur Interaktions-, sondern auch gesellschaftliche Zusammenhänge in ihren weitläufigen Verkettungen zu erklären hätten. Siehe hierzu: Kuzmics, H. / Mörth, I. (Hrsg): Der unendliche Prozess der Zivilisation. Zur Kultursoziologie der Moderne nach Norbert Elias, Campus Verlag, Frankfurt am Main; New York, 1991, S. 82.
15 Nur über Prozessmodelle ist zu klären, wie und warum sich etwas zu einem bestimmten geschichtlichen
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Arbeit zitieren:
Caterina Herold, 2007, Individuum und Gesellschaft: Norbert Elias und Max Weber im Vergleich , München, GRIN Verlag GmbH
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