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Der Untergang einer alten Welt und die Entstehung einer neuen in Joseph Roths Roman ‚Hiob‘
3
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2.1 Heimat 5
2.2 Erste Anzeichen 6
2.3 Amerika. 7
3.1 Deborah Singer 10
3.2 Schemarjah/Jonas/Mirjam. 12
3.3 Mendel Singer 14
3 2
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Anfangs dieses Jahrhunderts leben die Ostjuden, umgeben von der ihnen gegenüber fremden und feindlichen Welt des zaristischen und kirchlich-antisemitischen Russland, in einer weitgehend entrechteten Situation, in ständiger Pogrom-Angst und in grosser wachsender Armut.
„Das Leben verteuerte sich von Jahr zu Jahr. Die Ernten wurden ärmer und ärmer...“ 1
„In schmutzigen Strassen, in verfallenen Häusern leben die [Ost-]Juden. Der christliche Nachbar bedroht sie. Der Herr schlägt sie. Der Beamte lässt sie einsperren. Der Offizier schiesst auf sie, ohne bestraft zu werden. Der Hund verbellt sie, weil sie mit einer Tracht erscheinen, die Tiere ebenso wie primitive Menschen reizt.“ 2
Zunächst aber scheint diese Notlage die Familie Singer nicht zu gefährden, da sich für sie „Armut“ und „Gleichmut“ 3 problemlos reimen und da die Familie aus der Notlage das gemeinsame Lebensgefühl einer ‚vertrauten Armut‘ entwickelt.
Dieser Zustand könnte als Urzustand einer „bekümmerten Festlichkeit“ 4 geschildert werden: Die Wochentage bilden einen „Reigen aus Mühsal“ 5 , jedoch fällt auf sie immer neu das glänzende Licht des Sabbat. Das Leben spielt sich ab als Zusammenspiel von Licht und Dunkelheit, Kälte und Wärme, Gesang und Seufzen.
Die Familie Singer scheint fest auf dem Boden der traditionsgeleiteten Gesellschaft des ostjüdischen Schtetl zu stehen, in deren Rahmen die patriarchalische Familie zusammen mit der Synagoge die entscheidende Rolle spielt.
Es gehört zu dem in jahrtausendelanger Frömmigkeitstradition entwickelten Verständnis einer solchen Existenz, dass sie unbegriffen, aber geduldig akzeptiert und ertragen wird:
1 Hiob 8 = JOSEPH ROTH+LRE$PVWHUGDP.|OQ.L:L,P)ROJHQGHQZHUGHQKlXILJ]LWLHUWH7H[WHLQGHQ
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2 JaW 11 = JOSEPH ROTH-XGHQDXI:DQGHUVFKDIW$PVWHUGDP.|OQ.L:L
3 Hiob 7
4 Hiob 10
5 Hiob 10
3 3
„ ‘Was willst du, Deborah‘, sagte Mendel Singer, ‚die Armen sind ohnmächtig, Gott wirft ihnen keine goldenen Steine vom Himmel, in der Lotterie gewinnen sie nicht, und ihr Los müssen sie in Ergebenheit tragen‘„ 6
Vielleicht sind Leiden und Unglück sogar als Strafe für eine verborgene Schuld 7 hinzunehmen, und man darf sich erst sekundär durch Gebet (Mendel) oder Bemühungen um Wunder (Deborah) bei Gott für die Befreiung von Leid und Unglück einsetzen.
Es wird jedoch schnell offensichtlich, dass die alte Lebensordnung nicht mehr stark genug ist, um die Not innen und die Anziehungskraft der ‚Welt‘ aussen auszugleichen oder gar letztlich unwirksam zu machen. Die „ ökonomische Misere des Ostjudentums in der zweiten Hälfte des 19. Jahr-hunderts“ ist so gross, und die unvermeidlichen wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen gehen in einem solchen Tempo vor sich, dass der „ überkommene geistige und geistliche Rahmen das Gefüge der ostjüdischen Lebenswelt nicht mehr oder kaum noch zusammenhalten kann.“ 8
Joseph Roths Roman endet mit dem Pessach-Fest 1919 in New York, die Revolutions- und Sozialismusthematik der 20er Jahre spielt somit keine Rolle. Dadurch, dass der Roman die Thematik des alten Russlands, der ‚russischen Erde‘ ernst nimmt, wird sogar ein deutlicher Anti-Revolutions-Akzent. Diese russische Welt hat Mendel Singer zu Grunde gehen sehen. Der Fokus des Romans liegt auf dem Spannungsfeld zwischen Galizien und New York, zwischen dem jüdischen Schtetl und dem amerikanischen Ghetto. Mit dem ersten Weltkrieg geht die Welt des Schtetl zugrunde, intakt bleibt höchstens noch die Sedergemeinschaft im Rahmen der Familie Skowronek. Als Messias des ‚neuen Weltgedanken‘ erscheint am Ende des Romans der genesene Künstler Menuchim.
Der Wandel von der alten zur neuen Welt lässt sich auf drei Ebenen festmachen: auf einer sprachlichen, einer inhaltlichen und einer symbolischen. Schon auf der sprachlichen Ebene ist der Prozess des Verfalls spürbar. Im ersten Hauptteil werde ich auf die Rolle des Erzählers und die Erzähltechnik eingehen. Im zweiten Hauptteil werde ich zeigen, wie die verschiedenen Charaktere mit dem Verlust ihrer alten Identität umgehen, auf welche Weise sie die Assimilation an die ‚neue Welt‘ vollziehen und wie sie ihr Schicksal bewältigen. Jede der fünf Hauptfiguren (Mendel, Deborah,
6 Hiob 43
7 „ ...ich weiss nicht, wofür Er uns straft“ (Hiob 43)
8 ODA VOSS, Ä+LRE5RPDQHLQHVHLQIDFKHQ0DQQHV³±-RVHSK5RWKXQGGDV2VWMXGHQWXP in: ([LO, 1989, S. 19 - 41; S. 19
4 3
Schemarjah, Jonas, Mirjam - die Entwicklung von Menuchim wird im letzten Hauptteil Thema sein) durchläuft eine unterschiedliche Entwicklung. Auf der symbolische Ebene schliesslich will ich veranschaulichen, wie Menuchim für den Untergang der ‚alten Welt‘ steht. Unsichtbar für den Leser durchläuft er eine wundersame Entwicklung und erscheint am Ende als messianischer Verkünder der ‚neuen Welt‘. Bei genauer Betrachtung des Textes zeigt sich, dass er die eigentliche Hiob-Figur ist.
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Durch die Verwendung der erlebten Rede in den meisten Schlüsselstellen des Romans, ist es dem Erzähler 9 möglich, Gefühle, Gedanken und Reflexionen der Figuren direkt wiederzugeben. Oft ist es nicht genau auszumachen, ob eine bestimmte Textpartie zum Erzählerbericht gehört oder eine subjektive Empfindung einer Romanfigur ist. „ Realität und persönlich-zufällige Wahrnehmung können ineinanderfliessen.“ 10 Die Sprache gewinnt dadurch einen sehr individuellen Charakter und erlaubt es dem Leser, verschiedene Perspektiven einzunehmen.
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So zeigt sich auch das Verhältnis der Figuren zur galizischen Heimat deutlich in der Sprache mit der sie beschrieben wird. Anfangs ist dieses Verhältnis sehr ambivalent, Mendel und Deborah lieben ihre Heimat, aber es ist für sie keine echte Heimat. Sie leben im Exil, in ständiger Angst und Armut.
„ Fremd war ihnen die Erde, auf der sie standen, feindlich der Wald, der ihnen entgegenstarrte, gehässig das Kläffen der Hund, deren misstrauisches Gehör sie geweckt hatten [...].“ (Hiob 71)
Sie fühlen sich „ fremd“ in dieser Welt, der Wald „ starrt“ ihnen „ feindlich“ entgegen, das Kläffen der Hund ist „ gehässig“ etc. Überall ist Gefühl zu spüren, nicht willkommen zu sein, kaum geduldet zu werden.
9 Ich werde hier die Diskussion um Autor und Erzähler nicht wieder aufleben lassen, sondern gehe im Folgenden von einem fiktiven Erzähler aus, welcher mit dem Autor nicht gleichzusetzen ist.
10 Vogt 74
5 3
Je weiter sie sich von der Heimat entfernen, desto verklärter werden ihre Empfindungen. Für die Beschreibung der fernen Heimat werden jetzt die gleichen Adjektive verwendet, wie für das verheissungsvolle Amerika vor der Auswanderung und die ‚neue Welt‘ nach Mendels Erlösung (siehe unten):
Mendel erinnerte sich an die hellgestirnten Nächte daheim, die tiefe Bläue des weitgespannten Himmels, die sanftgewölbte Sichel des Mondes [...]. 11
Die Adjektive haben sich von „ fremd“ , „ feindlich“ und „ gehässig“ in „ hell, „ weit“ und „ sanft“ ver-wandelt.
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„ Ihr Mann kam nach Hause, in seidigem Schwarz, der Fussboden leuchtete ihm entgegen, gelb wie geschmolzene Sonne, sein Angesicht schimmerte [...], [sie] lächelten den Tellern zu [...]. Wärme erhob sich im Zimmer.“ 12
Anfangs ist die Welt noch in Ordnung. Die Familie lebt unter einfachsten Bedingungen, aber an der Art, wie die Szene beschrieben wird, wird das Glück dieser Menschen spürbar. Alles ist warm, leuchtet, die Menschen lächeln. Doch schon im nächsten Abschnitt werden die ersten Anzeichen sichtbar, dass diese Harmonie bedroht ist.
„ Das Stearin schwelte, blaue dünne Fäden aus Rauch zogen von den verkohlten Dochtresten aufwärts zur Decke.“ 13
Die Kerzen sind nicht echt, sie sind künstlich wie die Idylle dieser Familie. In wirklichkeit „ schwelt“ es schon. Der Rauch, der aufzieht, fungiert hier als Zeichen, als erster Bote des Untergangs der alten Welt.
Die Bedrohung wird immer deutlicher. Nach der Nachricht, dass Menuchim krank sei,
„ hing [...] über dem Haus Mendel Singers die Furcht wie ein Ungetüm, und der Kummer durchzog die Herzen wie ein dauernder heisser und stechender Wind.“ 14
Immer düsterer und fremder erscheinen die heimische Landschaft und die alten Rituale, Todesmetaphern dominieren die Beschreibungen.
11 Hiob 140
12 Hiob 9
13 Hiob 10
14 Hiob 14
6 3
Arbeit zitieren:
Henning Radermacher, 1999, Der Untergang einer alten Welt und die Entstehung einer neuen in Joseph Roths Roman 'Hiob', München, GRIN Verlag GmbH
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