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Fragestellungen und Themen der deutsch- und englischsprachigen Ästhetik in den letzten fünfzig Jahren. Eine Übersicht

Wissenschaftlicher Aufsatz, 1996, 16 Seiten
Autor: Dr. Wolfgang Ruttkowski
Fach: Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Details

Kategorie: Wissenschaftlicher Aufsatz
Jahr: 1996
Seiten: 16
Sprache: Deutsch

Archivnummer: V8103
ISBN (E-Book): 978-3-638-15174-0
ISBN (Buch): 978-3-638-79899-0
Dateigröße: 193 KB
Anmerkungen :
Acta Humanistica XXVI/2, Humanities Series No. 23 (Kyoto March 1996) 286-302.


Zusammenfassung / Abstract

Seit dem letzten Weltkrieg erlebte die Ästhetik eine ständig ansteigende Flut von Publikationen, speziell in der deutschen und englischen Sprache. Besonders allgemeine Untersuchungen ästhetischen Erlebens und ästhetischer Manifestationen überwiegen vor Analysen spezifischer Phänomene und Kunstwerke. Seit etwa 1950 werden die ersteren gelegentlich als "meta-ästhetisch" bezeichnet. Aber verschiedene Autoren (z. B. Woltersdorff 1987) meinten, dass viele dieser Untersuchungen "meta-meta-ästhetisch" genannt werden müssten, weil sie analysieren, wie wir allgemeine Probleme der Ästhetik behandeln, z. B. ihre Terminologie. Solche Abhandlungen rücken sozusagen zweimal von den tatsächlichen ästhetischen Phänomenen und Erfahrungen ab und sind deshalb äußerst abstrakt und theoretisch. Diese Entfernung weiter Bereiche der modernen Ästhetik von dem tatsächlichen Erlebnis von Kunst oder anderer ästhetischer Phänomene ist von verschiedenen Autoren bedauert worden. Jedoch könnten wiederum die Klagen dieser Autoren als "dreifach von der Kunst entfernt" charakterisiert werden, oder als "Meta-meta-meta-Ästhetik". Eine analoge Entwicklung kann man in der Literaturwissenschaft beobachten, besonders in der Flut von Überlegungen zu ihrer Zielsetzung und Methodik. Und wenn "Meta-Ästhetik" oft als "theoretisch", "methodologisch" und "abstrakt" bezeichnet werden muss, lässt sie sich mit der "allgemeinen Literaturwissenschaft" vergleichen, die ebenfalls nach dem letzten Weltkrieg aufblühte. (In: Acta Humanistica, 23/1, Humanities S. No. 21 (1996) 286-302)


Textauszug (computergeneriert)

Fragestellungen und Themen der deutsch- und
englischsprachigen Ästhetik in den letzten
fünfzig Jahren. Eine Übersicht.

Wolfgang RUTTKOWSKI

I

Seit dem letzten Weltkrieg erlebte die Ästhetik eine ständig ansteigende Flut von Publikationen, speziell in der deutschen und englischen Sprache. Besonders allgemeine Untersuchungen ästhetischen Erlebens und ästhetischer Manifestationen überwiegen vor Analysen spezifischer Phänomene und Kunstwerke. Seit etwa 1950 werden die ersteren gelegentlich als "meta-ästhetisch" bezeichnet. Aber verschiedene Autoren (z. B. Woltersdorff 1987) meinten, dass viele dieser Untersuchungen "meta-meta-ästhetisch" genannt werden müssten, weil sie analysieren, wie wir allgemeine Probleme der Ästhetik behandeln, z. B. ihre Terminologie. Solche Abhandlungen rücken sozusagen zweimal von den tatsächlichen ästhetischen Phänomenen und Erfahrungen ab und sind deshalb äußerst abstrakt und theoretisch. Titel wie "The Art of the Philosophy of Art" (Die Kunst der Kunstphilosophie, Feibleman 1970), "The Function of Philosophical Aesthetics" (Die Funktion der philosophischen Ästhetik, Gallie 1954) oder "Analysing Analytical Aesthetics" (Analyse der Analytischen Ästhetik, Shusterman 1987) demonstrieren dies.
Diese Entfernung weiter Bereiche der modernen Ästhetik von dem tatsächlichen Erlebnis von Kunst oder anderer ästhetischer Phänomene ist von verschiedenen Autoren bedauert worden, z. B. von R. A. Schultz (1977) sowie von Sparshott (1981) unter dem bezeichnenden Titel "The Problem of the Problem of Criticism" (Das Problem des Problems der Kunstkritik", was hier Ästhetik bedeutet). Jedoch könnten wiederum die Klagen dieser Autoren als "dreifach von der Kunst entfernt" charakterisiert werden, oder als "Meta-meta-meta-Ästhetik". Während etwa jemand wie Lessing in seiner Hamburger Dramaturgie hauptsächlich über Tragödie und Komödie schrieb und nur gelegentlich Aristoteles und andere Theoretiker erwähnte, schreibt z. B. Dickie (1965) über "Beardsley′s Phantom Aesthetic Experience", welcher wiederum verschiedene höchst abstrakte Theorien anderer Philosophen diskutiert hatte, etc.
Eine analoge Entwicklung kann man in der Literaturwissenschaft beobachten, besonders in der Flut von Überlegungen zu ihrer Zielsetzung und Methodik. Und wenn "Meta-Ästhetik" oft als "theoretisch", "methodologisch" und "abstrakt" bezeichnet werden muss, lässt sie sich mit der "allgemeinen Literaturwissenschaft" vergleichen, die ebenfalls nach dem letzten Weltkrieg aufblühte.

II

Wir können jedoch diesem Vergleich eine wichtigere Analogie entnehmen:
Wenn wir einmal die feste Verankerung in der Analyse spezifischer Werke, Gattungen oder Perioden loslassen und uns in "allgemeinen" Reflexionen verlieren, drängen sich vergleichende und interdisziplinäre Aspekte auf. Es ist nicht sinnvoll (oder zumindest, nicht befriedigend), etwa über den kreativen Prozess oder das ästhetische Erlebnis "im allgemeinen" nachzudenken, ohne beispielsweise die Einsichten der Kulturanthropologie und Psychologie zu den gleichen Fragen zu berücksichtigen. Denn diese Einsichten sind häufig mit wesentlich konkreteren Daten untermauert als die der philosophischen Ästhetik. In diesem Sinne überschneidet sich "Meta-Ästhetik" mit der "Vergleichenden Ästhetik" der Anthropologie ebenso, wie die "allgemeine" mit der "vergleichenden" Literaturwissenschaft. Eine scharfe Grenze ist kaum zu ziehen. Viele ,,philosophische" Abhandlungen basieren auf unausgesprochenen oder unbewussten psychologischen Annahmen, und umgekehrt. Die Einsichten der Freudschen Psychologie z. B. haben unser "philosophisches" Bewusstsein (unsere "Weltanschauung") in einem Maße durchdrungen, dessen wir uns zumeist nicht bewusst sind.
Um dieser Horizonterweiterung, die auch als Dilettantismus gesehen werden kann, entgegenzuwirken, versucht die sogen. "(sprach-)analytische Ästhetik" ihr Untersuchungsfeld auf Beobachtungen zu unserem Sprachgebrauch für ästhetisches Erleben zu beschranken. - Jedoch funktioniert diese Methode nur für die Behandlung von Fragen, die von unserem Sprachgebrauch abhängen z. B. Probleme die aus Terminologieverwirrungen entstehen. Die wirklich aufregenden Fragen aber können m. E. besser von den Kulturanthropologen und Psychologen beantwortet werden, z. B. was wir als "schön" empfinden und bewerten und warum - oder was "Kunst" für verschiedenartige Kulturen bedeutet. - Kann man überhaupt problematische Begriffe allein von ihrer Anwendungspraxis her erklären, wie die analytische Schule es wollte? - Ist unser Sprachgebrauch nicht oft "unlogisch", historischen Zufällen zu verdanken, zumindest "unscharf"? -John Clammer kritisierte bereits 1970 Versuche, Kunst von unserem Sprachgebrauch her zu definieren, mit den Worten: "zu versuchen, den Problemen zu entgehen, indem man auf den alltäglichen Sprachgebrauch verweist, reicht sicher nicht aus ..." (meine Übers.). Ein erweiterter (über die traditionelle philosophische Fragestellung hinausgehender) Horizont ist deshalb m. E. für die Ästhetik trotz seiner methodologischen Probleme geboten.

[...]


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