POSTMODERNE TENDENZEN IM FILM
Vorwort /3
Der Prozess der Modernisierung und seine Folgen Der moderne Diskurs und
seine wissenschaftlich-gesellschaftliche Praxis /16 Der ”Ausbruch” eines unendlichen Universums /18 Säkularisierungsprozess und der moderne Diskurs des Subjekts /20 Beschleunigung des Erlangungsprozesses unserer Kenntnisse und die Technologie /23 Wesenszug des modernen Diskurses: Ausdifferenzierung /30 Abschied von Aufklärung, Geschichte und Evolution /34 Das Ende des Panoptikums und der Film /59
Ein dioptrisches Panorama der Postmoderne Die Auflösung des Subjekts /66 Der Aufstand des Figurativen und das Unbewusste /74 Der Prozess der Entdifferenzierung und die postmoderne Überschreitung der Grenze /85 Postmodernes Wissen und Sprachspiele /86 Paralogien, Inbegriff der Pluralität und Dekonstruktion /96 Die postmoderne Praxis der Intertextualität, Interaktion und Selbstreflexivität /105 Die Darstellung des Unrepräsentierbaren und die Entteleologisierung der Geschichte /116
Der Film und die Wirklichkeit
Über den Genius des Films als die Kunst des Bewegungs- und Zeit-Bilds /143 Suche nach der Wesenseigentümlichkeit des Films und narrative Tradition /159 Über die Geschichte des Films ”Paths of Glory” (1957) von Stanley Kubrick /193
Allgemeine dramaturgische Konstruktion der Erzählung /194 Zur dramatischen Bedeutung des Lichtes /199 Kameraführung /201 Montage /204
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Krisenzyklus der Repräsentation und Diskurs der ästhetischen Moderne
Die Seinsfrage des Realen und die Entropie der Repräsentation /206 Die Krise des Bewusstseins und die ”ästhetische Moderne” /240 Die ”neue Welle” der Krise /249
Die Metaphysik des Schreiens und der Anfang vom Ende /254
Zurück zum Reich des Seins
Die Ohnmacht des Denkens /290
Unterwegs zur postmodernen Problematisierung der Realität /294 Die Darstellung des Unrepräsentierbaren - die Logik des Schweigens und die neue Struktur der Begierde /331
Nachwort /390
Bibliographie /402
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Vorwort
Der Grund, warum der säkulare Modernisierungsprozess einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte darstellte, liegt grundsätzlich darin, dass er sich als ein neues, intellektuelles, psychologisches, wissenschaftlich-diskursives, ethisch-ästhetisches Universum der säkularen Zivilisation durchsetzte und somit einen neuen Zeitgeist mit einer völlig neuen Weltanschauung verkündete. Von diesem Zeitgeist war nicht nur die soziokulturelle, künstlerische oder wissenschaftliche Landschaft des alten aristotelisch-theologischen Zeitalters, sondern viel mehr die Welt selbst und vor allem die Art und Weise, wie die Menschen mit der Realität und mit der Welt überhaupt bis dahin umgegangen sind, betroffen. Es war die Geburt der modernen Zivilisation, die den Menschen als das Subjekt zu dem einzig gültigen Maß der Wahrheit und Freiheit machte. Das Zentrum dieses zivilisierten Universums war der Mensch als das mit Logik, Vernunft und Wille ausgestattete Subjekt/Ich, dem es erlaubt war, alle Gegebenheiten, alle Arten und Weisen des Seienden als die Enthüllung des Seins zum Objekt des Wissens/seiner Subjektivität zu machen, die Wahrheit und Wirklichkeitsbestimmung des Wirklichen (des Möglichen) zu subjektivieren, sie zu diskursivieren und zu beherrschen 1 . Die grundsätzliche Bedeutung der modern-säkularen Zivilisationsgeschichte liegt also in der geistigen Haltung, die die Welt sowie die äußeren Formen des Lebens und der Lebensweisen nach den technologisch-wissenschaftlichen und rationalen Kriterien des Subjekts mobilisieren bzw. verändern wollte, um schließlich so fortschreiten zu können.
Hier stellen sich aber einige Fragen: Was geschieht mit der Geschichte der modernen Zivilisation des Subjekts, wenn das moderne Subjekt schließlich anfangen würde, nicht nur seine Umgebung, die äußeren Formen des Lebens und der Daseinsweisen also nicht nur die Welt, sondern sich selbst im existentiellen und ontologischen Sinne zu verändern? Was für eine Bedeutung würde es für die Zivilisation haben, wenn nicht nur die Welt, sondern auch das Subjekt herausgefordert wird, und zwar so, dass das Subjekt in Frage gestellt und schließlich aufgelöst wird? Wäre es das Ende der Geschichte der modernen Zivilisation und der Beginn einer neuen postapokalyptischen Ära, in welcher die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, zwischen Geist-Körper und Technologie, Sein und Schein, Wirklichkeit und Illusion aufgelöst werden?
1 Im Einklang mit der Metaphysik des Subjekts also, die die Metaphysik des Göttlichen ersetzen sollte.
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Wir sind heute Zeugen von solchen praktischen Entwicklungen, auf welchen aktuelle, phänomenologisch-semantische, soziokulturelle, ethischästhetische, technologisch-wissenschaftliche Diskussionen über gewisse Themen wie ”Das Ende der Geschichte/Posthistorismus”, ”Posthumanismus”, ”Die Auflösung des Subjekts”, ”Das Ende der Philosophie” ”Der Wandel von einer überwiegend schriftlich-diskursiven Kultur in eine überwiegend bildlich-figurative Kultur” beruhen. Diese Themen werden zumeist im Zusammenhang mit dem Begriff ”die Postmoderne/die Post-modernität” zur Diskussion gestellt. Dabei steht der Begriff ”Postmoderne” als der Ausdruck des posthistorisch-postevolutionären und postindustriellen Zeitgeistes im Mittelpunkt solcher Diskussionen, welche sich besonders auf die soziokulturellen, techno-wissenschaftlichen, ethischästhetischen und vor allem audio-visuellen und tele-kommunikativen Bereiche konzentrieren und so intensivieren. Damit möchte ich sagen, dass die Diskussion über den Begriff ”Postmoderne” keineswegs auf den rein theoretischen Überlegungen gewisser Philosophen, Theoretiker oder Kritiker basiert, sondern auf der Tatsache, dass wir uns heute von dem ethisch-ästhetischen, kulturellen, psychologischen und diskursivintellektuellen Universum der Moderne verabschiedet haben, und dass die Realität unserer soziokulturellen, ethisch-ästhetischen und alltäglichen Praxis selbst postmodern geworden ist.
Wie ist aber dieser postmoderne Wandel unserer soziokulturellen, ethisch-ästhetischen und technologisch-wissenschaftlichen Realität zu erklären und wie ist es dazu gekommen?
Im ersten Kapitel möchte ich, ausgehend von diesen Fragen, aufzeigen, dass der Wandel eigentlich in der alltäglichen Realität, in der praktischrealen Welt, im Bewusstsein der ganz normalen, ordentlichen Menschen und nicht nur in den Köpfen der Künstler, Historiker, Theoretiker oder Kritiker stattfindet. So versuche ich auch im zweiten Kapitel der Arbeit ein möglichst klares Bild von den ästhetischen, ethisch-ästhetischen, epistemologisch-phänomenologischen Aspekten der geistigen Haltung der Postmoderne darzustellen, und zwar in Anlehnung an Autoren wie J.F.-Lyotard, G. Deleuze, M. Foucault, J. Derrida, P. Virilio, J. Baudrillard, welche nicht nur ethisch-ästhetische, methodologische, erkenntnis-theoretische und diskursive Prinzipien der Moderne kritisieren, sondern auch in ihren unterschiedlichen Erörterungen auf die ästhetische, soziokulturelle und techno-wissenschaftliche Praxis der post-modernen Sensibilität reflektieren. Da einige dieser Theoretiker (wie z.B. J.F.- Lyotard, M. Foucault und J. Derrida) sich in ihren Kritiken an der Moderne und in ihren neuen Problemstellungen besonders auf Nietzsche, Wittgenstein, Heidegger, oder wie es bei Lyotard und Deleuze der Fall ist, sehr kritisch
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auf S. Freud beziehen, versuche ich auf einige Werke und Begriffe dieser Denker zurückzugreifen, und so ihre kritische Haltung gegenüber dem Prozess der Modernisierung unter bestimmten Aspekten der Post-moderne zur Diskussion zu stellen. Hierbei haben Wittgenstein und Heidegger für Theoretiker wie J. Derrida, J.F.-Lyotard und M. Foucault, welche den postmodernen Folgen der Auflösung des modernen Subjekts einen möglichst klaren Sinn zu geben versuchen, eine besondere Bedeutung. Dabei bezwecke ich, dass die Diskussion über den Begriff ”Postmoderne” durch einen geistesgeschichtlichen Hintergrund an Klarheit gewinnt und dieser nicht nur eine abgründige Verschwommenheit ausdrückt, wie es auf den ersten Blick aussieht. So hoffe ich auch, dass ein Aufzeigen des Hintergrundes der Postmoderne uns helfen wird, zugleich gewisse Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den Begriffen wie Paralogien, Sprachspiele, Pluralität, Intertextualität, Grenzüberschreitung, Dekonstruktion des Undekonstruierbaren, Darstellung des Undarstellbaren (Unrepräsentierbaren) deutlicher zu sehen. 2 So versuche ich eine ästhetische Grundlage zu schaffen, auf die ich dann in den folgenden filmanalytischen Kapiteln zurückgreifen kann.
Im nächsten Kapitel der Arbeit stelle ich zuerst einige Fragen nach dem Wesen des Films und vor allem nach den praktischen Möglichkeiten der postmodernen Film-Ästhetik innerhalb der 100jährigen Geschichte des Films. Ich will also nicht nur die Filme der letzten Jahrzehnte untersuchen, die aufgrund der Tatsache, dass sie posthistorische, posthumane und postevolutionäre Entwicklungen zum Gegenstand ihrer Erzählung machen, und praktische Ungültigkeit der modernen Prinzipien demonstrieren, als postmoderne Filme betrachtet werden könnten. Es wäre vielleicht im gewissen Sinne eine akzeptable Behauptung, aber sicherlich eine leichtsinnige zugleich, welche die Bedeutung des Films für die postmoderne Ästhetik und vor allem den Beitrag des Films zur Entstehung der postmodernen Kultur außer Acht lässt. Deshalb gehe ich von der Tatsache aus, dass viele postmoderne Filme der letzten Jahre nicht nur deswegen postmodern sind, weil sie postmoderne Gegebenheiten unserer alltäglichen soziokulturellen Praxis zum Gegenstand ihrer Erzählung machen, sondern auch deswegen, weil ihre Art und Weise, wie sie die Dinge darstellen und wie sie mit den klassischen und modernen Konventionen des Films darstellerisch umgehen, wesentlich den ästhetischen Aspekten der vorwiegend figurativen, postzivilisatorischen und
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Die Verschwommenheit dieser Begriffe rührt außerdem daher, dass diese Begriffe, die ja nicht reine theoretische Produkte der intellektuellen Einbildungskraft sind, sondern zu der ästhetischen, kulturellen und techno-wissenschaftlichen Praxis der Postmoderne gehören, sich als In-begriffe einer posthistorischen Ära so aufeinander beziehen, dass es gar nicht zu einem definitiv-diskursiven Ausdruck der Postmoderne kommt, bzw. die geistige Haltung der Postmoderne sich nicht definitiv diskursivieren lässt.
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posthistorischen Sensibilität der postmodernen Kultur entsprechen. Diese Feststellung leitet notwendigerweise zu den Fragen über, welche auf den meine filmanalytischen Untersuchungen durchziehenden Leitgedanken sowie auf den eigentlichen Originalitätsanspruch dieser Arbeit hinweisen: Wie hat sich diese postmoderne Ästhetik im Film entwickelt? Was ist der eigentümliche Charakter des Films, bzw. des Bildes? In welchem Sinne kann man von einer postmodernen Tendenz in der Geschichte des Films reden? Stellt denn diese Tendenz eine der Wesenseigentümlichkeit des Films entsprechende oder von ihr abweichende Entwicklung dar? Wie kann sich diese Tendenz von den anderen ästhetischen Entwicklungen im Film abheben? Nach welchen ästhetischen Aspekten sollte man die Spuren dieser postmodernen Entwicklung verfolgen? Und welche anderen kulturellen und technowissenschaftlichen Entwicklungen haben bei der Entstehung der postmodernen Ästhetik im Film mitgespielt?
Ich untersuche also zuerst die Bedeutung der Geburt des Films für die Zeit, die sich selbst als post erfährt. Um die Hauptdifferenz der postmodernen Ästhetik zu kennzeichnen, stelle ich dann fest, dass die Postmodernität der Ausdruck einer grundsätzlich figurativen Sensibilität ist, und das ästhetische Bedeuten der Postmoderne hauptsächlich eine entdifferenzierte, im erkenntnistheoretisch-phänomenologischen Sinne ununterscheidbare Ordnung des figurativen Bedeutens befürwortet, während das Charakteristikum der modernen Ästhetik eine diskursive Sensibilität ist, welche eine differenzielle und diskursive Ordnung des ästhetischen Bedeutens voraussetzt. Aufgrund der Tatsache, dass die Eigentümlichkeit des Films als Bewegungs- und Zeitbilder grundsätzlich in seiner figurativen Beschaffenheit besteht, möchte ich behaupten, dass die Erfindung der Kinematographie eigentlich die Geburt einer Kunst ist, welche für die ästhetische Sensibilität der Postmoderne unter den anderen Kunstgattungen am meisten geeignet ist. Weiterhin kann man sogar behaupten, dass die Geburt des Films als die figurative Kunst der Bewegungs- und Zeitbilder ein Wendepunkt für den ästhetisch-kulturellen Wandel, ein symptomatisches Vorzeichen der zukünftigen, (also heutigen) figurativen Sensibilität der Postmoderne ist, welche sich grundsätzlich durch die Infragestellung der vertrauten Grenzen zwischen den modernen Gegensätzlichkeiten wie Subjekt und Objekt, Sein und Schein, Wirklichkeit und Illusion, Rationalität und Irrationalität, Bewusstsein und Unbewusstsein kennzeichnen lässt.
Die Tatsache, dass die wahre Kraft des Films in seiner figurativen Beschaffenheit liegt, zeigen uns die anfänglichen Werke der Geschichte des Films. Schon die ersten Werke der Geschichte des Films haben uns
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bewiesen, dass der Film durchaus fähig ist, nicht nur die Realität nachzuahmen, sondern sie auch, bzw. die nachgeahmte Realität zu verändern oder die alltäglichen, rational-praktischen Modalitäten unserer Wirklichkeitswahrnehmung so zu modulieren, dass man neue Dimensionen erfinden kann. Der eigentliche Grund, wieso die ersten Pioniere des Films wie Lumière, F. Zecca, Cecil Hepworth, George Méliés, Edwin S. Porter mit ihren einfachen Bildern den Zuschauer schockieren konnten, liegt also in erster Linie darin, dass sie schon am Anfang der Geschichte des Kinos gezeigt haben, dass der Film aufgrund seiner figurativen Beschaffenheit durchaus in der Lage ist, die Dinge in einer Form des Daseins und des ”Es gibt...” darzustellen. Dies war der eigentliche Grund, warum die Zuschauer, als sie den Zug Lumières auf sich zukommen sahen, in den ersten Reihen in Deckung gingen, oder, warum die Zuschauer z.B. bei der Vorführung des Films ”Revolution in Russia” von F. Zecca die Bilder eines echten Schlachtschiffes von den Bildern der Inszenierung der Gewalt auf dem Schiff nicht unterscheiden konnten und infolgedessen tief erschüttert waren.
Im Zusammenhang mit diesen filmhistorischen Ereignissen stelle ich folgendes fest: Was das Wesen des Films in erster Linie ausmacht, ist, dass der Film im Gegensatz zur Malerei oder Fotographie, in der Lage ist, die Bilder in Bewegung zu setzen und sie zeitlich, und zwar auf beliebige Art und Weise zu modulieren. Aufgrund dieser Fähigkeit, die Bewegungsbilder zeitlich zu modulieren, ist der Film in der Lage, das Bewusstsein, bzw. die Urteilskraft des Zuschauers durch die Auflösung (Relativierung) der Grenzen zwischen Realität und Illusion, Sein und Schein, Wahrheit und Unwahrheit zu erschüttern und es auf diese Weise, mit dem postmodernen Terminus gesprochen, dem unbewussten Universum des Es gegenüberzustellen. So möchte ich behaupten, dass der Film mit dieser seinem Wesen eigentümlichen Fähigkeit schon geboren wurde, und sich mit dem Glauben an diese magische Kraft entwickelt hat. Ohne diesen Glauben würde der Film seine künstlerische Existenzberechtigung sowie seine Zukunft aufs Spiel setzen. So könnte man behaupten, dass sogar die Filme, die in den Anfängen der Geschichte des Films die natürliche Wahrnehmung nachzuahmen versuchten, die Zuschauer deswegen faszinieren konnten, weil auch sie grundsätzlich an die manipulative Macht der figurativen Eigentümlichkeit des Films glaubten. Denn sie haben durch die Nachahmung der natürlichen Wahrnehmung eine Art repräsentative Ästhetik des ”als ob” 3 zustande ge-
3 ImZeitalter der digitalisierten Bilder hat sich die Ästhetik des ”als ob” weiter entwickelt und ist schließlich in die Ästhetik des Hyperrealen und der Simulation übergegangen. In vielen Filmen der letzten Jahre wie “Matrix“, ”Man in Black”, ”Dante’s Peak”, ”Mimic”, ”Mäusejagd”, ”Flubber”, ”Im Körper des Feindes” und vielen anderen Science-Fiction- und Ac-
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bracht, welche hauptsächlich auf der Tatsache beruht, dass (die Bewegungs- und Zeit-) Bilder eine ikonische Bedeutung haben, d.h., durch Ähnlichkeit wirken und deshalb weniger verschieden sind vom Bedeuteten, bzw. den Inhalten, als linguistische Bedeutungsträger.
Nach diesen Überlegungen über das Wesen des Films als Bewegungs-und Zeitbilder stelle ich fest, dass der Film von Anfang an lange Zeit kämpfen musste, um sich gemäß seinem Charakteristikum entwickeln zu können, und so als eine unabhängige Kunst anerkannt zu werden. Denn gleich am Beginn seiner Entwicklungsgeschichte haben klassischrealistische narrativ-repräsentative Erzählformen und -strukturen, welche hauptsächlich von der modernen realistisch-positivistischen Romanliteratur und von dem klassisch-dramatischen Theater übernommen wurden, die filmspezifische Macht der bewegten Bilder ergriffen und sie durch die verschiedenen Formen der Repräsentation und zwar im Einklang mit den grundsätzlich ethisch-ästhetischen aber auch ideologischpolitischen und wissenschaftlichen Prinzipien der Moderne auszunutzen versucht.
Ich untersuche dann diese Repräsentationsästhetik und will dabei darstellen, wie sie sich innerhalb der Geschichte des Films erzähltechnisch und inhaltlich etabliert hat und warum sie dann doch in die Krise geraten ist. Bei dieser Untersuchung der Entwicklungsgeschichte der klassisch- tion-Filmensehen wir die Dominanz dieser neuen-figurativen Ästhetik der hyperrealen, simulativen und digitalisierten Bilder. Diese Filme achten viel mehr auf das Tempo der Darstellung als auf den dramatisch-konstruktiven Inhalt der Erzählung, mehr auf Effekte und Affekte als die Charaktere und mehr auf das Ereignishafte als das Diskursive. Der Film ”Wag the Dog”; R: Barry Levinson (1997) macht sogar diese Tatsache zum Thema seiner Darstellung: Kurz vor der Präsidentenwahl wird ein amtierender amerikanischer Präsident wegen einigen sexuellen Affären angeklagt. Um die Bürger von den Affären abzulenken, lässt der Präsident einen Spezialisten (Robert De Niro) einen fiktiven Krieg gegen Albanien in den Medien inszenieren. Im Film sehen wir z.B. wie die Flucht eines jungen Mädchens aus ihrem in Schutt und Asche liegenden Dorf in Albanien durch die Mischung von Bildern und Tönen aus dem Archiv und von digital bearbeiteten Bildern inszeniert wird und so als aktuelle Bilder von wirklichen Ereignissen in Medien (im Fernsehen) gezeigt wird. Die Tatsache, dass kurz nach der amerikanischen Premiere des Films ähnliche Ereignisse im Weisen Haus und zwischen USA und Irak stattgefunden haben, bringt in die Diskussion über ”Film und Wirklichkeit” eine neue Dimension. Mit dem Ausdruck ”neue Dimension” möchte ich eigentlich darauf hinweisen, dass man heute die Frage ”wie ahmt der Film die Realität nach?” umstellt. Man stellt heute eher folgende Fragen: wo ist die Grenze zwischen der filmischen Darstellung und der Realität? Ob der Film die Realität oder die Realität den Film nachahmt? Welches Medium kommt noch schneller der Wirklichkeit nahe: der Film oder das Fernsehen? Oder, wessen Wirklichkeit ist effektiver, die Wirklichkeit des Wirklichen oder die des (Schau-)Spiels? Werden denn die Grenzen zwischen der Realität und Fiktion (Illusion) wirklich aufgelöst, oder ist es nur eine ästhetische Theorie, eine Annahme?
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realistischen, und narrativen Repräsentationsästhetik versuche ich besonders problematische Aspekte herauszustellen:
- Wie ist diese Repräsentationsästhetik mit dem Begriff ”Geschichte” umgegangen, und welche erzähltechnische Formen und Strukturen wurden dabei verwendet?
- Wie hat sie sich auf die Realität, die Welt und sozio-kulturelle Werte bezogen?
- Wie wurden die Zeit-Raum-Handlung - Relation, bzw. die Beziehung von Subjekt und Objekt konstruiert und die Ereignisse teleologisiert?
- Welche autoritative Rolle hat eigentlich der Filmemacher als Autor gespielt?
- Welche Funktion wurde in den klassisch-realistischen und narrativrepräsentativen Filmen dem Zuschauer zugewiesen?
- Was für eine diskursive Funktion hat der moderne Glaube an das Subjekt und an dessen Willen zur Wahrheit (zum Wissen) und zur Macht eigentlich gespielt, indem sie die Zeit der Darstellung als symbolisch-repräsentativ rekonstruierte Zeit der Geschichtserzählung von den Funktionen und Positionen des denkenden, handelnden und erkennenden Subjekts und von den kausal und rekonstruktiv teleologisierten Ereignissen verstanden haben?
- Welche erzähltechnische Methode und ethisch-ästhetische oder psychologische (metaphysische) Prinzipien wurden in diesen Filmen verwendet, um die Innenwelt des Schauspielers als das Subjekt zu externalisieren und so die Handlung der Charaktere zu dramatisieren oder ideographisch-ideologisch zu repräsentieren?
So möchte ich, dass hauptsächlich unter diesen problematischen Aspekten meiner Untersuchung nicht nur die Entwicklungsgeschichte der Repräsentationsästhetik dargestellt, sondern auch auf die wichtigsten Ursachen ihrer ästhetischen Krise hingewiesen wird, was schließlich als dekonstruktive Spurenverfolgung der figurativ-postmodernen Tendenzen innerhalb der Geschichte des Films betrachtet werden soll. Denn die gleichen Aspekte gelten auch für die Erörterung der postmodernen Ästhetik im Film.
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Die Krise der Repräsentation betrachte ich also in der Geschichte des Films als eine positive Entwicklung: Denn je mehr die Repräsentationsästhetik im Kino in die Krise geraten ist, desto eigenständiger wurden die Bilder, bzw. gewannen sie an Autonomie und sprachen viel mehr für sich selbst. Die Bilder kämpften also um ihre eigentümliche figurative Beschaffenheit, befreiten sich allmählich von den ethisch-ästhetischen Prinzipien des perspektivischen, sich rationalen Kriterien orientierenden Blicks der klassisch-realistischen und narrativen Darstellung. Neben den verschiedenen Erzählstrukturen und Darstellungsformen wie Expressionismus, Surrealismus, Neorealismus, Film Noir, welche viel wesentlicher zur Entstehung der Krise der Repräsentation beigetragen haben, gab es natürlich auch andere Entwicklungen, die eine sehr entscheidende Rolle für das Schicksal der Repräsentation und des Films überhaupt gespielt haben:
1. Die Erfindung des Fernsehers und des Videorecorders; die Entwicklung der vielfältigen, sehr komplexen nicht-repräsentativen Darstel-lungsformen und neue ästhetische Praktiken wie die Musik-Videoclip-Ästhetik.
2. Die Erfindung des Computers und der Animationsprogramme und dadurch entdeckte neue Darstellungsmöglichkeiten wie CyberspaceÄsthetik und Inter-Net.
3. Weitere technologische Entwicklungen in Bezug auf die Aufnahmeausrüstung wie Kamera, Licht, Ton und Filmmaterial sowie auf die Montage.
4. Durch die neuen technologischen Entwicklungen erreichte Geschwindigkeit im Transport- und Informationswesen und deren de-formativ-destruktive Auswirkung auf das Bewusstsein, das Gedächtnis, die synthetisch-konzeptuelle Vorstellungs- und Einbildungskraft sowie auf die alltäglich-normalen Formen der konventionellen, realistisch-rationalen Wahrnehmung.
5. Postevolutionäre und posthumane Entwicklungen in den technowissenschaftlichen und besonders biologischen Bereichen, welche das Ende des homo sapiens und die Geburt des homo technicus 4
4 In unserem technologischen Zeitalter ist der homo sapiens auf dem Weg, zum homo technicus zu werden. Damit meine ich nicht nur äußerliche Korrelation des Menschen zur Technologie, oder nicht nur, wie der Mensch heute den technischen Geräten wie Computer (Inter-Net), Fernsehen oder dem Auto angekoppelt wird, sondern auch, dass von der embryonalen Entwicklung des Menschen bis zu seinem Tod das Leben und die Daseinsweisen des Menschen durch die Technologie begleitet, und schließlich nicht nur quantitativ for-
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verkünden, und so die ethisch-ontologische und metaphysische Grundlage des modernen Glaubens an das Subjekt und dessen fortschrittliche Zivilisationsgeschichte in Frage stellen.
All diese Entwicklungen, die die praktische, soziokulturelle Grundlage für ein multimediales Universum der vielfältigen, überschwänglich verschiedenen, paralogisch-polysemantischen und chaotischen Darstellungen schaffen, lassen der Repräsentation kaum eine Möglichkeit, sich als eine dominante ästhetische Praxis verwirklichen zu können. Die Tatsache, dass es in diesem multimedialen Universum der figurativen Bilder von unterschiedlichen Wirklichkeitsebenen keine grundsätzliche, sondern nur die ständig durch Zeichen, Code, Simulation und verschiedene Erzähl-und Darstellungstechniken metamorphisierte, dezentrierte, modulierte und maskierte Realität gibt, macht das vollkommene, repräsentative Darstellen von Dingen und Beziehungen sowie von Ereignissen unausführbar.
Im Zusammenhang mit diesen Überlegungen untersuche ich dann außer den von der klassisch-realistischen und repräsentativen Tradition des Erzählkinos abweichenden Erzählstrukturen wie Expressionismus, Surrealismus, Neorealismus oder Film Noir, auch die ästhetisch-diskursive Moderne, und zwar exemplarisch anhand der Filme von Jean-Luc Godard und stelle folgendes fest: Im Gegensatz zu den anderen Darstel-lungsformen ist Godard in seinen Filmen mit den Konventionen der klassisch-realistischen und narrativ-repräsentativen Ästhetik im Kino bewusster und kritischer umgegangen. Godard hat versucht, durch seine ästhetisch-diskursive Problematisierung der repräsentativen Darstellung
miert sondern auch qualitativ bestimmt werden: wir sind heute Zeugen vom Ende des homo sapiens und von der Geburt des homo technicus. Dank den biotechnologischen Entwicklungen ist es heute möglich viele äußerliche und innerliche Organe des Körpers (von der Haut bis auf das Herz) durch technologische Geräte zu ersetzen, oder mit den Organen anderer Lebewesen auszutauschen. Die Prothesentechnologie ist heute soweit entwickelt, dass die Vorstellung von dem halb-menschlichen und halb-maschinellen Lebewesen heute keine futuristische Phantasie mehr ist. Denn man spricht heute sogar von der Wahrscheinlichkeit, bestimmte gestörte Gehirnzellen (wie z.B. die Zellen, die bestimmte Funktionen für das Gedächtnis übernehmen) durch Mikrochips zu ersetzen, oder den Menschen zu klonen. Sind wir Menschen nicht schon längst zum Cyborg geworden? Ist es nicht eine Wahrscheinlichkeit, dass wir in absehbarer Zukunft von den künstlerischen Tätigkeiten des geklonten, oder zum Cyborg gewordenen Menschen sprechen werden? Werden wir besondere Filme für die Cyborgs machen? Werden wir aber auch einem Cy-borg, dessen Gehirnzellen mit Chips ersetzt worden sind, erklären können, was die Begriffe wie Geschichte, Geschichtserzählung, Ethik, Religion, Metaphysik, Philosophie, Bewusstsein, Unbewusstsein, Realität und Kunst bedeuten würden? Werden wir neue Denktechniken und Wahrnehmungsformen entdecken? Oder fragen wir so: was würden wir in Zukunft nicht aufs Spiel setzen, wenn bereits heute die Existenz des Menschen im ethischontologischen Sinne in Frage gestellt wird?
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in kritisch-intellektueller und destruktiver Art und Weise die Konventionen und Klischees des Films frei zu legen, und durch die Distanzierung des Zuschauers vom filmischen Geschehen ein kritisches, ästhetischdiskursives Bewusstsein im Kino und vor allem beim Kinopublikum zu erzeugen. Sicherlich stellte die ästhetisch-diskursive Ästhetik Godards einen erfolgreichen Versuch dar, um die klassisch-realistischen und narrativen Modalitäten der Repräsentation durch ihre destruktiven Dar-stellungsformen zu terrorisieren. Dennoch musste Godard seine Hoffnung, durch sein kritisches, ästhetisch-diskursives Bewusstsein dem Überfluten der multimedialen, paralogisch-polysemantischen Bilder standhalten zu können, aufgeben. Denn selbst die destruktiven Errungenschaften seiner kritisch-diskursiven Ästhetik wurden später zusammen mit den anderen konventionellen Modalitäten des Films zum figurativen Element der postmodernen Ästhetik im Kinofilm, in Fernsehserien, Werbespots und Videoclips gemacht 5 .
Mit all diesen Überlegungen möchte ich zeigen, dass die postmoderne Tendenz zum figurativen Aufbau des Kinos sich im Einklang mit der ikonischen Eigentümlichkeit des Films und unter dem Einfluss anderer technologischer und soziokultureller Entwicklungen durch die gesamte Geschichte des Films, und zwar im Widerstreit mit anderen ästhetischen Tendenzen, vor allem mit der klassisch-realistischen, teleologischkonstruktiven, narrativ-repräsentativen und diskursiven Ästhetik der Moderne entwickelt und ihre ästhetische Hauptdifferenz ab den 70er und 80er Jahren durchgesetzt hat.
So untersuche ich im letzten Kapitel der Arbeit einige exemplarische Filme der letzten Jahrzehnte, in welchen viele ästhetische Aspekte der geistigen Haltung der Postmoderne praktiziert werden. Dabei achte ich natürlich darauf, dass jeder Film nicht jedem ästhetischen Aspekte der Postmoderne entspricht, sondern aus genrespezifischen, stilistischen oder inhaltlichen Gründen mit bestimmten Aspekten der postmodernen Ästhetik in Einklang steht. Ich versuche die exemplarisch ausgewählten Filme der 70er, 80er und 90er Jahre nicht nur in Bezug auf gewisse ästhetische, postmodern-poststrukturalistische Begriffe wie die Darstellung des Unrepräsentierbaren, die Problematisierung der Natur des Wirkli- 5 wiez.B.: Nacheinanderfolge sprunghafter Einstellungen von einem Ding; beliebige Verlangsamung oder Beschleunigung der Körperbewegungen; unkonventioneller Einsatz eines Zwischen-Titels, schriftlichen Kommentars, eines Zeichens oder Comicstrips und unkonventionelle Kamerabewegungen, welche in den späteren postmodern-figurativen Filmen als Simulakrum der Lust fungieren, statt wie in den ästhetisch-modernen Filmen Godards als kritisch-diskursive Momente, bzw. als Entfremdungseffekte, um sowohl den erzählerischen als auch den bildlichen Realismus in Frage zu stellen und so auch durch die Abwesenheit der Begierde in den Bildern eine Distanzierungswirkung zu erreichen.
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chen, Dekonstruktion, paralogisch-polysemantische Pluralität, Sprachspiele/ Intertextualität, Grenzüberschreitungen, Selbstreflexivität, Simulation, die Entteleologisierung der (Geschichts-) Erzählung/Offenheit, sondern auch auf aktuelle postmoderne Diskussionsthemen wie die Auflösung des Subjekts, das Ende der Geschichte, Zivilisation, Evolution und Aufklärung, das Ende der Metasprachen, die Aufhebung der Grenzen zwischen Mensch und Maschine, Innen und Außen, Geist und Körper, Realität und Illusion, Subjekt und Objekt und die zwischen zeitlichen Unterschieden wie Vergangenheit und Gegenwart oder vorher und nachher, d.h. die Aktualisierung alles Möglichen in Medien wie im Fernsehen oder Inter-Net, in Kürze formuliert, auf die ethisch-ästhetische, soziokulturelle Realität des postmodernen Alltags hin zu untersuchen. Dadurch möchte ich, dass der Leser die film-analytischen Untersuchungen der Arbeit im Zusammenhang mit den anfänglichen theoretischen Überlegungen sehen und sie aufeinander beziehen kann.
Im letzten Kapitel der Arbeit will ich also die praktischen Möglichkeiten der postmodernen Ästhetik untersuchen und feststellen,
- wie die postklassischen und postdiskursiven Filme der letzten Jahrzehnte mit der Geschichte des Films, mit dem figurativselbstreflexiven, paralogisch-polysemantischen Universum multimedialer Bilder, mit der Realität sowie mit dem Zuschauer umgehen,
- für welche Realität die figurativ-selbstreflexiven Bilder der postmodernen Filme plädieren, wenn sie weder repräsentativ noch ästhetisch-diskursiv sind,
- welche ästhetischen, ethisch-diskursiven Möglichkeiten für den Zuschauer bestehen, mit den Bildern umzugehen, die zwischen den film- und genrespezifischen Konventionen und den anderen audiovisuellen Realitäten des multimedialen Universums der Bilder eine sehr ironisch-parodistische, effektiv-affektive und exzessivintertextuelle Medienreflexivität betreiben.
Mit den Untersuchungen postmoderner Filme will ich bei dem Leser keine nostalgischen Gefühle für die konventionellen Filme vergangener Generationen erwecken. Ich will nicht einmal darauf hindeuten, dass die Postmodernität der Filme der letzten Jahrzehnte als die negative Folge eines beklagenswerten Verlusts der ästhetischen und ethischdiskursiven Werte der Moderne betrachtet und deshalb verurteilt werden soll. Das heißt aber nicht, dass ich beim Leser durch meine Erörterungen über die Themen wie ”Abschied von Geschichte, Evolution und
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Aufklärung”, ”das Ende der Philosophie”, ”die Auflösung des Subjekts”, ”das Ende der Metasprachen” die Begeisterung für die postmoderne Ästhetik der techno-visuellen Ära des digitalen Über-Menschen hervorrufen möchte. Ich nehme eher die ganze praktische Entwicklung der post-strukturalistisch-postmodernen Ästhetik im Film als Faktum an und versuche ästhetische, ethische und soziokulturelle Folgen dieser Entwicklung zur Diskussion zu stellen.
Im Brennpunkt meiner Diskussion über die poststrukturalistisch-postmodernen Filme versuche ich den Leser darauf aufmerksam zu machen, dass diese in einem posthistorischen Zeitalter, indem die Technologie immer mehr die Funktionen des homo sapiens übernimmt und das moderne Subjekt durch die Verschmelzung des Körpers mit den bio-technologischen Organismen und mitten in einer Geräte-Matrix der Bild- und Informationsmechanismen zu einem Techno-Körper (Cyborg) in einer Techno-Landschaft gemacht wird, zumindest dazu etwas beitragen wollen, dass man die Dinge nicht immer so annehmen soll, wie sie dargeboten werden, sondern, dass man den Sinn für das Unerkennbare, das Unbekannte, das Unberechenbare und das Undarstellbare haben soll. Das wollen diese Filme erreichen,
- indem sie nicht mehr der diskursiv-repräsentativen Ordnung der Lust und Begierde (den Prinzipien der Subjektivität, des Bewusstseins und dessen sekundären Ordnungen), sondern viel mehr der nichtdiskursiven, anarchisch-chaotischen (Un)Ordnung der Lust und Begierde (den Prinzipien des Unbewussten, den Primärprozessen des Es) folgen, beziehungsweise das Schauspiel, die effektiv-affektiven und figurativen Bilder, nicht die Erzählung oder die repräsentativdiskursive Bedeutung des Dargestellten in den Vordergrund rücken,
- indem sie auf den repräsentativ-diskursiven, psychologischdramatischen Prozess der Charakter-Entwicklung, auf die teleologisch-konstruktive Erzählordnung der Dinge verzichten und stattdessen die Aufmerksamkeit des Zuschauers durch hyperrealistische, fraktal-fokale und affektive Präsentationen von Dingen und Ereignissen auf den Ausbruch der Darstellung übereinander geschichteter Wirklichkeitsebenen an der Oberfläche der Bilder (Leinwand) lenken,
- indem sie durch die Nebeneinanderdarstellung und Übereinanderlagerung des Speziellen und des Allgemeinen, des Subjektiven und des Objektiven, des Bestimmten und des Universellen, des Innerlichen und des Äußerlichen die Pluralität der Formen und Antworten erzeugen, die den Zugang zur Hermeneutik versperren, um die Be-
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wusstseinsgrenzen des Zuschauers herausfordern zu können, und schließlich um die Realität zwischen den Wahrnehmungsebenen zum Wechselspiel zu machen.
In diesem Zusammenhang kann man sagen, dass die poststrukturalis-tisch-postmodernen Filme der letzten Jahrzehnte die intensiven Momente der affektiven und effektvollen Bilder als hyperreale, simulierte und digitalisierte Normalitäten favorisieren, welche halluzinatorische Züge tragen und die scheinbar vertrauten Dinge überraschend zu einem Netz paralogisch-dekonstruktiver Beziehungen verknüpfen, das aus der rational-diskursiven Sicht der Moderne schlicht irrational erscheint: Mit anderen Worten, in diesem Filmen tritt das ethisch-ästhetische, diskursive Denken nicht selbstherrlich taxierend, abschätzend, urteilend auf, um über die Dinge zu verfügen, sondern stellt seine eigenen ethisch-moralischen und diskursiven Maßstäbe und Interessen zurück, um die unrepräsentierbare, problematische Natur (das eigentliche Sein) der Dinge zur Geltung kommen zu lassen. Sie setzen durch ihre postmodern-figurative und paralogisch-dekonstruktive Kombinatorik die Worte, Rahmen, Figuren, Pastiche-Elemente, die neuen Darstellungsformen, die hyperrealistischen Deutlichkeiten und amorphen Klumpen sowie die multimedialen Requisiten derart zueinander in Beziehung, dass die unrepräsentierbare Natur der Dinge und der Ereignisse evoziert wird. Durch derartige Kombinatorik wollen diese Filme unsere semantischen Konventionen, repräsentativ-symbolischen und diskursiven Zeichensysteme und unser rational-diskursives, empirisches Wissen negieren. Sie versuchen also die Dinge aus den Klauen der methodologischdiskursiven Vernunft zu befreien und suchen nach neuen Darstellungsmöglichkeiten, die es erlauben würden, zum Reich des Seins (des Ereignisses) zurückzukehren und zum Sinn der Dinge selbst vorzustoßen.
So scheinen die postmodern-figurativen Filme der letzten Jahre also durch ihre Problematisierung des Wirklichen und ihre paralogischpolysemantische und dekonstruktive Darstellung von Nicht-Vorführbarkeiten uns zeigen zu wollen, dass die Welt nicht in einem rational-diskursiven Sinn zu ordnen ist und, dass das Bewusstsein mit dem Gewussten, die Darstellung mit dem Dargestellten, die Erzählung mit dem Erzählten und das Denken (Cogito) mit dem Gedachten und sich vorgestellten Sein (der Dinge, der Welt) nie völlig übereinstimmen können.
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Der Prozess der Modernisierung und seine Folgen
Der moderne Diskurs und seine
wissenschaftlich-gesellschaftliche Praxis Die Krise bedeutet meistens das Ende eines kulturellen Prozesses, beziehungsweise den Anfang vom Ende. Mit anderen Worten, die Krise ist eine Zwischen-Phase, die die aufgrund eines Anfangs vom Ende entstandene Ungewissheit ausdrückt.
Der Begriff “Postmoderne” scheint auf den ersten Blick ebenso auf ein Moment der Krise hinzudeuten. Wenn man den Begriff “Postmoderne” betrachtet, dann verbindet man damit ein bestimmtes Konzept der Moderne, das sowohl für den so genannten Aufstieg als auch für den Verfall (Krise) der Moderne verantwortlich ist. Obwohl der Begriff “Postmoderne” in seiner Konstruktion nur in Bezug auf die Moderne einen Sinn zu haben scheint, deutet die Vorsilbe “post-“ nicht auf die Spät- oder Nachmoderne hin, sondern auf einen Wandel vom Ende der Moderne (als Periodisierung der Geistesgeschichte, bzw. Zeitgeschichte vermittelst der Paradigmen vom Fortschritt der Vernunft und der Freiheit im Diskurs der Aufklärung) zur Unbestimmtheit, der post-modernen Nach-Periodisierung.
Die Vorsilbe “post-“ deutet darauf hin, dass wir über die Moderne hinausgegangen sind; und zwar nicht nur aufgrund der entscheidenden Bedeutung der neuen Technologie, sondern auch, weil wir uns von der Ästhetik, dem intellektuellen und psychologischen Universum der modernen Periode distanziert haben. Ich würde sogar argumentieren, dass die Ursachen, die die Krise der Moderne veranlasst haben, im Prozess der Modernisierung zu suchen sind.
Eine Studie über diesen Prozess würde uns zeigen, dass
1) die gleichen Prinzipien, auf denen das Projekt der Moderne basierte, den Prozess der Modernisierung zu seinem eigenen Ende (Tod, bzw. Selbstmord) geführt haben
2) die Postmoderne, bzw. Postmodernität keineswegs eine Erfindung von Kunsttheoretikern, Künstlern und Philosophen ist, vielmehr unsere Realität und Lebenswelt “postmodern” geworden ist.
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Heute stellen wir fest, dass es im Prozess der Modernisierung dem an die Stelle Gottes getretenen, säkularen Subjekt gelungen ist, unzählige Erkenntnisse in den verschiedenen Wissensgebieten, und zwar in professioneller und technisch perfekter Art und Weise zu konstruieren, jedoch ohne dabei eine Ethik begründet zu haben. Der säkulare Humanismus der Moderne ging davon aus, dass das Leben nicht Gott, sondern uns selbst gehört, dergestalt, dass wir sogar das Recht auf Selbstmord haben. Das Subjekt wurde in diesem Prozess zum Zentrum des Universums ohne Ethik, d.h., ohne zu wissen, wie es sich richtig im ethischen Sinne verhalten sollte. Das ist die eigentliche Absurdität und selbstmörderische Haltung der Moderne, die sich selbst von Anfang an zum Scheitern verurteilte. Denn wenn man das Subjekt als absolutes Maß für seine eigenen Taten gelten lässt, dann ist es fast unmöglich, die Probleme, die sich im Hinblick auf Mord und Menschenrechte ergeben, zu lösen. Weder die Sprache, noch die Logik oder gar die Wissenschaft würden es in diesem Fall dem Subjekt ermöglichen, eine allgemeingültige Ethik zu konstruieren, oder festzulegen, was “gut” ist. Demzufolge ist der Mensch sein eigener Richter ohne irgendein Gesetzbuch. Die Zunahme an Diskursgenres, die jeweils ihre spezifische Rechtschaffenheit verlangen, ist der Beweis dafür, dass es keine Gerechtigkeit im Sinne einer universellen Gesetzgebung mehr gibt, die erlauben würde, zu entscheiden, was man zu tun und was man zu lassen hat.
Die polysemantisch-paralogische Haltung der Postmoderne intensiviert das Gefühl, dass die Ethik nicht zu umgehen ist; und zwar gerade dann, wenn man trotz nicht vorgegebener Regeln ein Urteil fällen muss. Das zeigt uns auch die Grundhaltung der Postmoderne, die sich von der paradigmatisch-konstruktivistischen Haltung des modernen Diskurses unterscheidet. Der postmoderne Künstler glaubt, so möchte ich darüber hinaus argumentieren, dass er innerhalb der Codes arbeiten sollte, die die kulturelle Landschaft definieren, während der moderne Künstler glaubt, dass ideologische und kulturelle Codes zu Gunsten eines Diskurses (Meta-Sprache) transzendiert werden können.
In diesem ersten Kapitel werde ich untersuchen, wie die Moderne entstanden und dann aus denselben Gründen in die Krise geraten ist. Damit möchte ich zeigen, dass die Frage nach der Postmodernität in erster Linie mit der Frage nach der Modernität zusammenhängt, d.h., um zu wissen, was die Postmoderne ist, brauchen wir ein klares Bild der Moderne, von dem wir ausgehen können. Es soll dargestellt werden, wie der moderne Diskurs des Subjekts allmählich zur Aufspal-
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tung und dann Auflösung desselben Subjekts führte, was dann die Postmoderne als Faktum angenommen und zur Grundlage ihrer Ästhetik gemacht hat. Deshalb halte ich es für wichtig, zu wissen, was überhaupt unter dem Prozess der Modernisierung zu verstehen ist.
Weil dieser Modernisierungsprozess in der Ära von Renaissance und Reformation verwurzelt war, und von den wissenschaftlichen Entwicklungen im 17. Jahrhundert begleitet wurde, soll zunächst versucht werden, die Geburt der Moderne am Beispiel der Galileischen Forschungen auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und seiner säkularen Haltung gegenüber der Kirche zusammenzufassen. So werde ich diesen Prozess nicht nur in seinem allgemeinen theoretischen Umfang beschreiben, sondern auch am Beispiel von Galileischen Revolutionen und der daraus hervorgegangenen Entwicklung konkretisieren. Denn Galilei Galileo (1564-1642) war kein Mathematiker, Physiker oder Astronom wie jeder andere. Und sicherlich war es auch nicht seine größte Entdeckung, bzw., Wiederentdeckung, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Seine wahren Entdeckungen waren diejenigen, die ihn nicht nur zum Schöpfer einer neuen Ära, sondern mehr noch zum Mythos des modernen Diskurses machten.
Der “Ausbruch” eines unendlichen Universums Man weiß, dass es der Renaissance an einer grundsätzlich nach wissenschaftlichen Normen geprägten Alternative, bzw. einem durch bestimmte Klassifikationskriterien beherrschten System fehlte, das man an Stelle dessen hätte setzen können, was sie in Zweifel zu ziehen begann: nämlich die aristotelisch-theologische Metaphysik, besonders die Ontologie und letztlich auch die Physik.
Während der Zeit der Renaissance spielte die Astrologie eine sehr viel größere Rolle als die Astronomie. Selbst Wunder wurden aus natürlichen Wirkungen erklärt, und folglich hielt man alles für möglich und natürlich. Dazu sagt Koyré:
“Solche magische Naturalisierung des Wunderbaren machte den so genannten Naturalismus der Renaissance aus.” 6
6 Koyré Alexandre, Galilei - die Anfänge der neuzeitlichen Wissenschaft. Berlin 1988, S.86. Darin sagt KOYRÉ: “Vom Beitrag der Renaissance zur wissenschaftlichen Entwicklung zu sprechen scheint ein paradoxes, ja aussichtsloses Unterfangen. Denn war auch die Renaissance eine außerordentlich vielgestaltige, fruchtbare Epoche, die unsere bildliche Vorstellung von der Welt unermeßlich bereichert hat, eines war sie nicht: von der Wissenschaft inspiriert. Das ist heute weithin erkannt. Die zu Recht so benannte renaissance des lettres et des arts bezeichnet keineswegs ein wissenschaft-
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Es ist zuerst Galilei und der neuzeitlichen Naturwissenschaft gelungen, diesen Versuch der Renaissance den wissenschaftlichen Kriterien gemäß zu reinigen, beziehungsweise ein alternatives wissenschaftliches System zu konstruieren, zu dem die Renaissance nicht imstande war.
Für Aristoteles stellte die Physik, im Verhältnis zur Metaphysik, noch eine sekundäre Disziplin dar. Aristoteles legte der Physik metaphysische Kriterien zugrunde. Infolgedessen betrachtete Aristoteles die Physik nur als eine Anwendung von der Natur überlegenen Gesetzen im Bereich des Natürlichen. Aristotelisch-theologischen Auffassungen nach stellte das klassisch-mittelalterliche Weltbild den Kosmos als abgeschlossenes, einheitliches Ganzes dar. Dieses Ganze war qualitativ bestimmt und hierarchisch gegliedert und seine Bestandteile waren entsprechend ihrer irdischen und himmlischen Natur zu untersuchen, bzw. unterschiedlichen Gesetzen folgend. Wie z.B.: die schweren Dinge fallen, die leichten steigen, irdische bewegen sich geradlinig, himmlische im Kreise.
Der Körper, die Zeit, der Raum und die Bewegung stellten der aristotelischen Auffassung nach Kontinuitäten dar und waren bis ins Unendliche teilbar.
Mit Galileis “Discorsi” wurde dieser Kosmos von einem Universum abgelöst, das als offene, unbegrenzte, ausgedehnte Gesamtheit existierte, und nach fundamentalen Gesetzen, die überall gelten, konstruiert ist. Ein Universum, in dem alle Dinge auf derselben Seinsebene stehen, ganz im Gegensatz zur traditionellen Vorstellung mit ihrer Unterscheidung und im Gegensatz der zwei Welten von Himmel und Erde. Hier gelangte man vom Kontinuierlichen zum Diskontinuierlichen, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren, von Qualitäten zu Quantitäten etc.
M. Foucault zufolge ist der wahre Skandal von Galileis Werk die Konstituierung eines unendlichen und unendlich offenen Raumes:
Dergestalt, dass sich die Ortschaft des Mittelalters gewissermaßen aufgelöst fand: der Ort einer Sache war nur mehr ein
liches, sondern ein rhetorisches Ideal. Und es ist geradezu typisch, dass die große Reform der Logik, die die Epoche unternahm - ich denke an die Logik des Raumsden Versuch darstellte, die klassische Kunst des Beweisens durch eine Überredungskunst zu ersetzen.” (S.84)
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Punkt in ihrer Bewegung, so wie die Ruhe einer Sache nur mehr ihre unendlich verlangsamte Bewegung war. Anders gesagt: seit Galilei, seit dem 17. Jahrhundert setzt sich die Ausdehnung an die Stelle der Ordnung. 7
Säkularisierungsprozess und
der moderne Diskurs des Subjekts Unter diesen neuen Aspekten hat man angefangen, alles auf menschliche Dimensionen zu reduzieren und aristotelischmetaphysische Kriterien nicht mehr gelten zu lassen. So versuchten Galilei und neuzeitliche Wissenschaftler wie Newton sich von der aristotelisch-theologischen Physik und Ontologie zu distanzieren. Das bedeutete allerdings die Geburt der Art von modernem Diskurs, der die Enteignung des Ichs durch Gott nicht länger anerkennt, sondern die Anstrengung des Ichs darstellt, alle Gegebenheiten zu beherrschen, sich selbst einbegriffen. 8
Das war der Anfang eines Prozesses, in dem die cartesianische Denkweise, die neuzeitliche Epoche und die Aufklärung ihre Basis haben. Seither sehen wir an der Stelle des theologischen den rationellen Diskurs und große Meta-Erzählungen als Repräsentanten des Logos eintreten. Dies alles bedeutet nicht nur die Eröffnung des hierarchisch gegliederten Kosmos zu einem unendlichen Universum, sondern viel mehr die des Denkvermögens und Willen des Subjekts zur Unendlichkeit.
Denn Galileis Beiträge zum modernen wissenschaftlichen Diskurs waren nicht nur seine Entdeckungen, sondern ebenso die Art und Weise beziehungsweise konzeptuell-platonische Methode, durch die er so genannte wissenschaftliche Errungenschaften erzielt hat: der Glaube an das Konzept, welches zuerst mit der Erfahrung im Konflikt steht, dann durch funktionale Operation der Vernunft beziehungsweise kritisch und analytisch geführte Experimente bestätigt wird. In erster Linie glaubte er aber als ein Rationalist an die Realität, die durch den Gedanken konstruiert wird:
7 Michael Foucault, Andere Räume; in Aisthesis - Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig 1991, S.34
8 J.F. Lyotard, Postmoderne für Kinder, Wien 1987, S.39
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Was der Papst Galileo anwies, war richtig mittelalterlich: “Ergebe Dich dem, was unergründlich ist, spekuliere wie Du willst, aber glaube nicht, dass wir wirklich wissen können. 9
Als der Papst sich in Wut gegen ihn erhob, war es sicher nicht aus dem Grund, dass er experimentelle Entdeckungen gemacht hat. Solche Entdeckungen mochte er sehr. Es war viel mehr, weil er (Galilei) über den Stolz des Intellekts spottete, welcher glaubt, eine wahre Ordnung deduktiver Art und Weise begründen zu können. (...) (Kurz vor dem Beginn des Galilei-Prozesses sagte ein Botschafter aus Florentine dem Papst):
„Da Gott die Welt in unendlich verschiedener Art und Weise hätte schaffen können, könnte es nicht geleugnet werden, dass das, was Galilei entdeckt zu haben glaubte, eine von diesen unendlichen Möglichkeiten sein könnte.”
Daraufhin sagte der Papst schreiend:
“Wir dürfen dem allmächtigen Gott keine Notwendigkeit auferlegen, verstehst Du?”
Notwendigkeit ist allerdings das fatale Wort, das unsere Wissenschaft kennzeichnet. Wo es eine mathematische Deduktion der Realität gibt, ist die Notwendigkeit (und Gewissheit) dass es nicht anders sein könnte. Das ist eigentlich, was Galilei in seinem “Dialoge” mächtig und gefährlicherweise behauptet, in dem er sagt: “Wenn der Verstand irgendeine notwendige Proposition folgert, nimmt er sie wahr, genauso wie Gott selber sie wahrnimmt. Das ist” sagt er, “ eine völlige
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Das erinnert uns an Wittgensteins Aussage über Gewißheit und Wissen, die allerdings nicht mittelalterlich klingt, sondern vielmehr dem postmodernen Wissen nahekommt: “Wir können keinen Raumpunkt hinzufügen und keinen entdecken. Man kann nur in Raum und Zeit entdecken. Und dies stimmt ja auch mit unserm natürlichen Gefühl überein. Wenn ein Mensch sein Leben lang in einem Zimmer eingesperrt ist, weiß er deswegen nicht, dass der Raum über das Zimmer hinausreicht? Woher weiß er das? Russel müßte hierauf erwidern: Das ist eine Hypothese. Es ist aber klar, dass diese Antwort unsinnig ist. Denn was wir wissen, ist ja nur eine Möglichkeit, und diese kann keine Hypothese sein.”
in: Ludwig Wittgenstein und der Wiener Kreis. Gespräche aufgezeichnet von Friedlich Waismann. Aus dem Nachlaß herausgegeben von B.F. Mc Guiness. Frankfurt a.M. 1993, 4. Aufl., S. 214
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Übereinstimmung, Identität zwischen dem Verstand des Menschen und dem Gottes.” 10
Demzufolge möchte ich hier betonen, dass vielleicht die erste - im postmodernen Sinne wissenschaftliche Meta-Erzählung gerade Galileo Galilei formulierte. Denn er behauptete, dass nicht die ganze Welt in den Büchern des Aristoteles geschrieben stehe, denn die sei gleich einem Buch, das man durch die Erfahrung erschließen und in der Sprache der Mathematik entziffern müsse.
Schließlich behauptete Galileo Galilei, dass die Wissenschaftler und besonders er selbst imstande seien, eine naturwissenschaftliche Sprache zu entwickeln, die Natur durch mathematisch geplante Experimente zu befragen und das große Buch der Natur zu lesen, welches “ in geometrischen Zeichen” geschrieben ist. 11
Dies alles zeigt uns allerdings das entscheidende Merkmal des modernen wissenschaftlichen Diskurses, der seit Galilei bis auf den heutigen Tage gültig blieb, und heute allmählich die empirischen Möglichkeiten seiner geistigen Haltung verliert:
Im Hinblick auf die neuzeitliche Geschichte der Physik bleibt es sinnvoll, eben diesen Unterschied zwischen einer sich ausschließlich auf ihre apriorischen Grundlagen beschränkten Physik (Protophysik) und einer um einen durch Erfahrung kontrollierten Teil erweiterten Physik ( Protophysik & empirische Physik) gerade mit dem Auftreten des Experiments als eines Beweis- (oder Begründungs-) Mittels in Verbindung zu bringen. Der methodische Einsatz des Experiments und die in ihm zum Ausdruck kommende Einsicht in den für eine Wissenschaft wie die Physik so überaus fruchtbaren Zusammenhang von Vernunft und Erfahrung sind der gesamten Vor-galiläischen Physik unbekannt geblieben. 12
10
Georgio de
Santillana,
Galileo in the Present in Homage to Galileo Editor: Morton F. Kaplan, The M.I.T. Press, Massachusetts, 1965; Aufsatzsammlung, S. 21
11 Pietro Redondi, Galilei der Ketzer,. München 1996, S. 29, 55-69
12 Jürgen Mittelstrass, Neuzeit und Aufklärung. Studien zur Entstehung der neuzeitlichen Wissenschaft und Philosophie, Berlin 1970, S. 248
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Beschleunigung des Erlangungsprozesses unserer Kenntnisse und die Technologie
Ich habe argumentiert, dass der wahre Beitrag Galileis und der neuzeitlichen Wissenschaftler eine neue Methode und geistige Haltung war, die Erlangung unserer Kenntnisse in gewisser Art und Weise ermöglichte:
Dort wo von einer charakteristischen Verschiedenheit griechischen und neuzeitlichen Denkens die Rede ist, wird zumeist etwa folgendermaßen argumentiert: Das griechische Denken hat die einzigartige Stellung des Erkennenden zum Erkannten (dem Gegenstand der Erkenntnis) noch nicht entdeckt, in aller Unschuld glaubt es sich beständig geleitet von einer unverrückbaren Ordnung der Dinge, die ihrerseits in der Ordnung des Denkens ihre unproblematische Entsprechung findet. Eine solche Entsprechung wird dagegen problematisch im neuzeitlichen Denken. Ordnung der Dinge und Ordnung des Denkens fallen jetzt auseinander, bis nur noch die Ordnung des Denkens übrig bleibt, die sich die Dinge als ihren unverstandenen Rest zur beliebigen Verfügung hält. Mit anderen (ebenfalls geläufigen) Worten: Während griechisches Denken ausgezeichnet ist durch sein Vertrauen in die Verlässlichkeit des Seienden, findet neuzeitliches Denken sein Vertrauen allein noch in der Verlässlichkeit der Vernunft. 13
Die zuerst mit Galilei, der Neuzeit und Aufklärung entstandene Dichotomie von Objekt und Subjekt ist allerdings zum Charakteristikum des modernen Diskurses geworden, der außerdem Gegensätzlichkeiten zwischen Kultur und Natur, dem Kulturellen und Bürgerlichen bzw. Alltäglichen, Mann und Frau und schließlich zwischen den Autorenherrschaften und ihren Lesern/Zuschauern, Realität und Illusion, Wahrheit und Falschheit usw. voraussetzte.
Wozu diente eigentlich solch eine Art von Diskurs als eine gewaltige Ausschließungsmaschinerie? 14 Foucault behauptet,
Man muss den Diskurs als eine Gewalt begreifen, die wir den Dingen antun, jedenfalls als eine Praxis, die wir ihnen aufzwingen. 15
13 ebd.: S. 59
14 Bezeichnung gehört zu M. Foucault in seinem Buch Ordnung der Diskurse
15 Michael Foucault, Die Ordnung der Diskurse, Frankfurt 1994, S. 35
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Ist hier die Rede von einer gewissen Ausbeutung des Objekts durch das Subjekt, was eigentlich das Objekt zur Rache berechtigt? 16
Es versteht sich von selbst, dass diese Gegensätzlichkeit zwischen Subjekt und Objekt einen gewissen Abstand voraussetzt, der das Handeln des Subjektes gegenüber dem passiven, gleichgültigen Objekt ermöglicht, dergestalt, dass das Subjekt sich dadurch als überlegen bewährt.
So werden die Kenntnisse durch die Abstraktion des autonomen Subjekts vom im Abstand stehenden, beziehungsweise differenzierten Objekt erworben. So findet der für den modernen Diskurs charakteristische Ausdruck “Wille zur Wahrheit” durch und mit diesem Ab-stand seinen wahren Sinn. Das Subjekt/Vernunft wird zum archimedischen Punkt des modernen Diskurses, welcher uns ermöglichen könnte, das Ganze und alles zu erfassen.
Nach der Verbannung Gottes aus den Köpfen der Menschen wurde versucht, das entstandene Vakuum durch den Begriff Subjekt zu erfüllen, den Abstand zwischen Gott und den Menschen ( Welt) durch den repräsentativen Abstand zwischen dem Subjekt und dem Objekt zu ersetzen, nämlich durch den repräsentativen Diskurs eines logisch-analytisch denkenden Ichs und dessen Willen, statt der Religion. Lyortard zufolge neigte der Wille schon bei Descartes dazu, ein unendliches Vermögen zu sein. Im Besonderen aber in der Hegelschen Dialektik wird das Vermögen der Vernunft, das auch das Leben ist, dann im absoluten Sinne unendlich:
Die Natur ist hier nicht mehr schenkend und leitend, sie ist auszubeuten. Die Vernunft ist aber nicht mehr Konstitution eines verbindlichen Denkens, sondern sie löst ihre Axiome auf und schafft sich neue - je nachdem, welche Ergebnisse
16 Jean Baudrillard, „Aber letztlich wird dabei immer noch vom Objekt verlangt, dass es Bedeutung trage; es ist das passive Element der Untersuchung, kein Schicksal, keine Herausforderung und das beste, was es unter diesen Umständen tun könnte, ist, sich zu verbergen, so wie man es ihm gründlich nahegebracht hat.
Ganz anders verhält es sich mit dem Kristall, mit dem reinen Objekt, dem reinen Ereignis, das genau genommen keinen Ursprung und kein Ende mehr hat und das vielleicht heute beginnt, sich zu erzählen. Beginnt es vielleicht sogar, sich nach Jahrhunderten freiwilliger Knechtschaft zu rächen? (...) Der Kristall rächt sich...” In: Das Andere Selbst, Wien 1987, S. 72-74
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sie erhalten hat und erhalten will; die Wirklichkeit ist für sie nur der Anlass einer unaufhörlichen Umarbeitung. 17
Ich möchte aber behaupten, dass so ein unstillbarer Appetit nach Erkenntnis schon bei Galilei zu finden ist. Das lässt sich insbesondere verdeutlichen, wenn man den jahrhundertelang Galilei zugeschriebenen Ausspruch genauer analysiert. 18
Wer naturwissenschaftliche Fragen ohne Hilfe der Mathematik lösen will, unternimmt Undurchführbares. Man muss messen, was messbar ist und messbar machen, was es nicht ist. 19
17 Jean-Francois Lyotard, mit anderen Immaterialität und Postmoderne, Berlin 1986, S. 45-46
18 Prof. Christian Thiel, Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Philosophie, untersucht in seinem Artikel mit dem Titel “Nachweisen, was sich nachweisen lässt” den Ursprung des Galilei zugeschriebenen und sehr beliebten Ausdrucks. Er verfolgt die Spur des fraglichen Zitats zurück bis in das Jahr 1868, in Martin Thomas-Henri‘s Buch “Galilée des droits de la science et la méthode des sciences physiques, Didier: Paris 1968. Abschließend stellt er dann folgendes fest: Bei dieser am Schluß auf bemerkenswerte Weise abweichende Variante enden zunächst einmal meine bisherigen Nachforschungen, so dass ein kurzes Fazit angebracht erscheint. Außer Zweifel steht, dass zu Kleinerts Kegel, wonach das angebliche Galilei-Zitat nur in der deutschen Sekundärliteratur auftaucht, das Martin-Zitat die erste und bislang einzige Ausnahme bildet (sieht man von Trivialfällen wie der amerikanischen Übersetzung der Monographie Weyls ab). Zweifelhaft bleibt, wo denn nun die Worte, um die sich alles dreht, wirklich irgend einer Sprache erstmals stehen - bei Galilei, wie auch Martin durch seine Formulierung “il déclare” behauptet oder irgendwo in der auch 1868 schon sehr reichhaltigen Sekundärliteratur. Allez en avant...!” in: Mann, Heinz Herbert/ Gerlach, Peter (eds.), Regel und Ausnahme. Festschrift für Hans Holländer (Touet: Aachen/Leibzig/Paris 1995). S. 63-65
19 Johannes Hemleben, Galilei, Hamburg 1996, S.27 und er kommentiert hinzufügend weiter: “Dieser These verdankt die Naturwissenschaft des Abendlandes ihren Aufstieg. Als Technik angewandt, wurde sie zur geistigen Großmacht, die alle früheren - mythischen - Weltbilder in Frage stellte und das Leben aller Völker der Erde grundlegend umgestaltete. Galilei bringt das Bemühen um erkennendes Erfassen der Natur-Qualitäten zum Schweigen und setzt an dessen Stelle die konsequente, quantitative Methode. In diesem Sinne steht er am Anfang eines für die ganze Menschheit schicksalbestimmenden Prozesses. Isaac Newton führte fort, was er begonnen hatte. Beide Namen sind mit der Begründung der modernen Physik untrennbar verbunden.” Merkwürdig ist es aber, dass J. Hemleben diesen fraglichen Ausdruck mit dem Gefühl der Gewißheit zitiert. Seltsam ist es, dass er darin den Ursprung einer geistigen Großmacht findet, die alle früheren mythischen Weltbilder in Frage stellt, während er nicht imstande ist, einzusehen, dass er selber dadurch Galilei mythisiert. Ich sehe in jenem Ausspruch etwas zu kritisieren, statt zu feiern, da nicht nur die Naturwissenschaft des Abendlandes ihren Aufstieg, sondern auch die von der Postmoderne als “Krise der Moderne” bezeichnete gesellschaftliche Situation ihren Ursprung dieser These verdankt.
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Obwohl nicht nachzuweisen ist, dass Galileo Galilei diesen Satz ausgesprochen oder irgendwo geschrieben hat, spiegelt jedoch dieses “Zuschreiben” jenes Ausspruchs Galileis eine geistige Grundhaltung wider, die alles, was möglich ist, für notwendig und alles, was früher verboten war, für erlaubt hält, um Erkenntnisse erlangen zu können. Und da, wo ein gewisser Abstand zwischen dem Subjekt und Objekt, zwischen unserer Kultur und der Natur ist, übernimmt die Technik, im weitesten Sinne die Technologie die Rolle, die einerseits diese Kluft überbrückt, auf der anderen Seite aber die Autonomie des Subjekts bewahrend, sie im qualitativen Sinne vertieft. Die Technologie wird dann zu einer dritten Natur des Artefakts zwischen dem Menschen und der wirklichen Natur, um den Prozess des Erlangens von Erkenntnissen zu beschleunigen.
Hier finden wir zwei entscheidende Neuerungen Galileis, die bis auf den heutigen Tag als entscheidende Merkmale des modernen wissenschaftlichen Diskurses gelten müssen: Die Mathematisierung (mathesis) der Natur und die Geometrisierung des Raums und der Bewegung, die die hierarchische Synthesis der Antike und des Mittelalters auflösen sollten. Schließlich ist es dadurch möglich geworden:
a) Einen Körper von seiner gesamten physischen Umgebung zu isolieren;
b) Eine neue Vorstellung des Raumes zu schaffen, die ihn mit dem homogenen, unendlich ausgedehnten Kontinuum der euklidischen Geometrie gleichsetzt;
c) Und eine neue Vorstellung von Bewegung und Ruhe zu schaffen, die diese als Zustände betrachtet, und auf derselben ontologischen Seinsebene ansiedelt, im Gegensatz zu den aristotelischen Vorstellungen.
Außerdem folgerte Galileo Galilei aus der Geometrisierung der Bewegung und des Raumes:
a) Die Unendlichkeit der geradlinigen Bewegung;
b) Den Ruhezustand einer Sache als ihre unendlich verlangsamte Bewegung;
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c) Das Trägheitsgesetz, das besagt, dass ein Körper die ihm innewohnende Geschwindigkeit oder Ruhe nicht ohne äußeren Einflüsse ändert;
d) Und letztlich das Grundprinzip der Mechanik, dass keine Maschine Kräfte zu erzeugen oder zu vervielfältigen imstande sei, sondern die Maschinen nur Kräfte transformieren können. 20
Besonders Galileis Mechanik und deren Grundprinzip, dass die Maschinen nicht Kräfte erzeugen, sondern sie transformieren, zeigt uns Galilei als Techniker und die Technik als Erweiterung des physischen Körpers, dessen Haut die Grenze des Selbst war, was heute nach dem Eindringen der Technologie in den Körper nicht mehr gilt. 21
Durch die Maschine (Technologie) als Erweiterung des Körpers und der Fähigkeit des Geistes stattete man den Menschen mit dem Potential aus, individuell oder national in seiner Entwicklung fortschreiten zu können. Dieses Fortschreiten betrifft den Begriff “Bewegung”, “Raum” und “Zeit”, im besonderen den Begriff “Substanz” und “Akzidenz”, besonders, wenn man fragt: Was hat sich durch diese Prinzipien grundsätzlich geändert? Was bedeutet eigentlich die mit Hilfe dieser Prinzipien erreichte Geschwindigkeit zuerst im technischen Bereich, dann im gesellschaftlichen, kulturellen und künstlerischen?
In der klassischen aristotelischen Philosophie ist die Substanz notwendig, das Akzidenz relativ zufällig. Dies fängt an, sich mit und nach Galilei umzukehren: Das Akzidenz wird notwendig, die Substanz relativ und zufällig. Im Trägheitsprinzip und besonders in der Mechanik Galileis wird Geschwindigkeit technisch und mit modernen Worten ausgedrückt, nun mehr eine Form von Energieübertragung; Akzidenz von Übertragungen. Paul Virilio zufolge ließe sich das in zwei Worten zusammenfassen:
Bewegungs-Stabilität” und “Bewegungs-Bewegung”. Stabilität: Ich bewege mich nicht, ich stehe still. Bewegung: ich setze mich in Gang - Ich beschleunige: Bewegungs-Bewegung. Beim Übergang von “Bewegung” zu “Bewegungs-Bewegung”
20 Siehe Alexandre Koyré, Galilei, die Anfänge der neuzeitlichen Wissenschaft, , Berlin 1988, S. 17, 21, 32, 38-51
und Fischer Klaus, Galileo Galilei, München 1983, S. 62-85
21 Hier denke ich nicht nur an biotechnische Gebiete, wie DNA-Forschungen, Transplantationstechniken, auch an virtual-reality, den Hyperkörper und Cyber-Space.
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wird Energie übertragen, was man auch “Übertragungsakzidenz” nennt. 22
Wir wissen, dass die technische Entwicklung sich bis zur Erfindung der Dampfmaschine und Lokomotive mit diesen Prinzipien auseinandersetzen musste. Und wir erinnern uns daran, dass erste Maschinen-Ausstellungen am Ende des 19. Jahrhundert stattfanden. Besonders durch das Prinzip der Transformation der Kräfte hatte man die Maschinen weiterentwickeln können, die noch mehr Beschleunigung in unser gesellschaftliches, kulturelles, wissenschaftliches Leben gebracht haben, bis hin zur Computer-Technologie.
Nun möchte ich auf Galileis Art und Weise der Anwendung der Technologie eingehen, die dem methodischen Einsatz des Experiments mit Hilfe der technischen Ausrüstung in den modernen Wissenschaften zu Grunde liegt: Das, was nicht durch Sinneswahrnehmung begründbar ist, durch die Reduzierung der Realität auf das Mathematische und exakte Konstruktion dessen, was in der Natur unmöglich zu sein scheint, zu beweisen. Damit meine ich Galileis bekanntes Experiment von Pisa, von dem die Biographen Galileis und darüber hinaus die Wissenschaftshistoriker jahrhundertelang erzählt haben, so dass Galileis Name heute fest mit dem Bild des schiefen Turms verbunden ist. Bei all diesen Berichten ging es um folgendes: Dieses Experiment sei ein Wendepunkt in der Geschichte des wissenschaftlichen Denkens, die endgültige Widerlegung der aristotelischen Physik, die zugleich die Entstehung einer neuen Dynamik darstellen sollten. 23 All diese Berichte rühren von dem Text Vincenzo Vivianis her:
So unter anderem die, worin bewegte Körper gleichen Stoffes, jedoch ungleichen Gewichts, die das gleiche Medium durchquerten, Geschwindigkeiten hätten, welche keineswegs proportional zu ihrer Schwere wären, wie Aristoteles behauptet hatte; sondern dass sich diese alle mit gleicher Geschwindigkeit bewegten. Was er durch wiederholte Experimente demonstrierte, ausgeführt aus der Höhe der Pisaer Glockenturms, in Gegenwart aller anderen Professoren sowie der gesamten Universität. (Auch zeigte er) ... dass ebenso wenig die Geschwindigkeit eines einzelnen bewegten Kör-
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Paul
Virilio,
Technikund Fragmentierung, Paul Virilio im Gespräch mir Slyvére Lotringer in: Aisthesis, Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig 199, S. 72 f 23 Alexandre Koyré, Galilei - die Anfänge der neuzeitlichen Wissenschaften, Berlin 1988, S.59
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pers, der fallend verschiedene Medien durchquert, umgekehrt proportional zur Dichte dieser Medien seien; dies folgerte er ausgehend von offensichtlich absurden und der sinnlichen Erfahrung widersprechenden Konklusionen. 24
Es hat sich aber vor kurzem herausgestellt, dass die Experimente von Pisa von diesen Biographen und Wissenschaftshistorikern frei erfunden waren, beziehungsweise nicht nur die Experimente von Pisa, sondern dass dadurch auch Galileo Galilei selbst als Techniker zum Mythos des modernen wissenschaftlichen Diskurses gemacht worden ist; was wirklich geschah, und wie er wirklich zu dem Satz gelangte, der besagt, dass der Fallweg proportional dem Quadrat der Fallzeit und die Fallgeschwindigkeit proportional der Fallzeit selbst ist, ließ sich folgendermaßen aufklären: Offenkundig ist, dass er, um diesen Satz nachweisen zu können, ein Mess-Gerät brauchte, um proportionale Verhältnisse zwischen Fallzeit und Fallgeschwindigkeit feststellen zu können, was von den Türmen nicht zu schaffen ist, weil die Fallbewegung hier viel zu schnell ist, um Gewünschtes erkennen zu lassen. 25 All dieser Gegebenheiten bewusst, gelang es ihm, dieses so genannte Fallgesetz durch eine technische Konstruktion durchzuführen, wobei er, wie man heute weiß, als Messgerät ein Pendel verwendet hat:
So konstruiert Galilei zu diesem Zweck eine Fallrinne. Mit ihrer Hilfe wird bei nunmehr variierbaren besonderen Anfangsbedingungen je nach Neigung der Rinne, die Fallbewegung künstlich verzögert, da die bewegende Kraft jetzt nur noch mit einem Teil ihrer Größe auf den “fallenden” Körper einwirken kann. Dabei zeigt sich, dass dieser (technische) 26 Eingriff in die Fallbewegung an der gesetzmäßigen Beziehung zwischen Weg, Zeit und Geschwindigkeit nichts ändert und diese Versuche für empirische Fallbewegungen bestätigen, was das zunächst aufgestellte Fallgesetz über eine “ideale” Bewegung, nämlich die gleichförmig beschleunigte Bewegung, sagt. 27
Nach diesen Überlegungen möchte ich feststellen, dass der moderne Diskurs, auf den die Postmoderne in dekonstruktiver Art und Weise eingeht, durch folgende 3 Punkte bestimmt ist:
24 ebd., S. 63
25 Jürgen Mittlestrass, Neuzeit und Aufklärung, , Berlin 1970, S. 183
26 Zusatz im Klammer vom Verfasser
27 ebd.
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- Kritik, die als Rationalität des Erkennbaren, Klassifizierung und Ka-tegorisierung der Wissensgebiete, unendliche Umarbeitung des Wirklichen unter dem repräsentativen Schirm der Logik fungiert.
- Positivismus, der als Formalisierung oder Mathematisierung der Natur des Realen als Experimentieren durch technische Konstruktionen und künstlichen Ordnungsraum fungiert.
- Und die Metaphysik des Objekts, die als Reduzierung des möglichen Wissens auf eine Repräsentation des Subjekts und dessen Willen oder auf manche Begriffe (Konzepte) wie Fortschritt, Entwicklung, Emanzipation usw. fungiert und die Enthüllung der Erkenntnis auf der Ebene des transzendentalen Subjekts befürwortet, die sich, ausgehend von der objektiven Realität und deren kritischer, experimenteller und technischer Konstruktion, entwickelt.
Diese drei Punkte scheinen besonders notwendig zu sein, um das Universalitätsstreben des Subjekts und dessen repräsentative Diskurse durch die Verallgemeinerung des Wissens durchführen zu können. 28
Wesenszug des modernen Diskurses: Ausdifferenzierung Mit Galilei begann auch der große Differenzierungsprozess der Naturwissenschaften, der den Wesenszug der Früh-Moderne prägte: Die Chemie löste sich von der Physik als selbständiges Fach ab. Kaum hatte die Geographie sich als eigene Wissenschaft herausgegliedert, musste sie die Geologie und diese ihrerseits die Mineralogie und Paläontologie als eigenständige Gebiete absondern. Der Prozess war unaufhaltsam. Dieser Aufgliederungsprozess, der vielfach auch zur Zersplitterung und zu unguter Spezialisierung geführt hat, hat bis in unsere Tage kein Ende gefunden. Sogar so, dass es einem Spezialisten irgendeines Faches kaum möglich ist, die Sprache eines anderen zu verstehen. Die gesamte Fraktion der Früh-Moderne und dieser Aufgliederungsprozess symbolisierte die Machtausübung der Ratio auf das Objekt des Gesellschaftlichen, Wissenschaftlichen und Kulturellen, die Max Weber als okzidentellen Rationalismus bezeichnet: Max Weber versteht unter dem Säkularisierungsprozess, aus dem die moderne Problematik der politischen und gesellschaftlichen sowie wissenschaftlichen Rationalität entstanden ist, den Vollzug der
28 Siehe: Michael Foucault, die Ordnung der Dinge, 1995, Frankfurt a.M., S. 269-305
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Moderne als die Ausdifferenzierung einer substantiellen, funktionalen Vernunft in autonome Sphären. Wolfgang Welsch zufolge ist Max Weber darin mit Hegel einig, der als erster in seiner Kritik der Aufklärung die Aufspaltung der Vernunft in getrennte Wissens- und Erfahrungsbereiche als den Wesenszug der Moderne bezeichnet hat. 29
Im Hintergrund liegt diesem beschleunigten und sehr produktiven Aufgliederungsprozess eine fundamentale Ausdifferenzierung zugrunde, die als methodische Unterscheidung vom klassischen, mittelalterlichen Denken und Erkennen fungierte: Wie vorher gezeigt wurde, wurde im neuzeitlichen Denken die Ordnung der Dinge und die Ordnung des Denkens zunächst voneinander ausdifferenziert. Im Gegensatz zur alten Denkart, die sich beständig von einer unverrückbaren Ordnung der Dinge geleitet glaubte, die ihrerseits in der Ordnung des Denkens ihre unproblematische Entsprechung fand. Durch diese Problematisierung, beziehungsweise Ausdifferenzierung, welche auch den Säkularisierungsprozess mit sich brachte, wurde die Verlässlichkeit derjenigen wissenschaftlichen Methode beiseite geschoben, die auf dem Glauben an die unverrückbare Stabilität der Natur basierte; ein Glaube, der von den Religionen geerbt war: dass die kosmische Ordnung durch den Willen Gottes geschaffen wurde.
In diesem, sich bis heute auf verschiedenen, gesellschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Ebenen ausdehnenden Prozess war Immanuel Kant (1794) derjenige, der die durch die französische Revolution und später die Industrialisierung praktizierte geistige Haltung der Moderne formuliert und den Begriff “modern” mit dem Begriff “Aufklärung” verknüpft hat. Auch bei ihm lässt sich das moderne Konzept der wissenschaftlichen Methode “nur durch eine schnelle vorgegangene Revolution der Denkart” erklären:
Als Galilei seine Kugeln die schiefe Fläche mit einer von ihm selbst gewählten Schwere herabrollen ließ oder Toricelli die Luft ein Gewicht, was er sich zum voraus dem einer ihm bekannten Wassersäule gleich gedacht hatte, tragen ließ, oder in späterer Zeit Stahl, Metalle in Kalk und diesen wiederum in Metall verwandelte, indem er ihnen etwas entzog und wiedergab: So ging allen Naturforschern ein Licht auf. Sie begriffen, dass die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurf hervorbringt, dass sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehe und die Natur nötigen müsse, auf ihre Frage zu antworten, nicht aber sich von
29
Wolfgang
Welsch,
Unsere postmoderne Moderne, Weinheim 1988, S. 34
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ihr allein gleichsam an Leitbanden gängeln lassen müsse; (...) Und so hat sogar Physik die vorteilhafte Revolution ihrer Denkart lediglich dem Einfall zu verdanken, demjenigen, was die Vernunft selbst in die Natur hineinlegt. 30
Entsprechend dem Kantischen Konzept, das besagt,
dass wir nämlich von den Dingen nur das a priori erkennen, was wir selbst in sie legen, 31
wird folgendes vorausgesetzt: Die Dinge sind an sich unerkennbar.
Und dass folglich das Unbedingte nicht an Dingen, so fern wir sie kennen (sie uns gegeben werden), wohl aber an ihnen, so fern wir sie nicht kennen, als Sachen an sich selbst angetroffen werden müssen.
Und weiter fügt er an Fußnoten hinzu:
Dieses Experiment der reinen Vernunft hat mit dem der Chemiker, welches sie manchmal den Versuch der Reduktion, im Allgemeinen aber das synthetische Verfahren nennen, viel Ähnliches. Die Analysis des Metaphysikers schied die reine Erkenntnis a priori in zwei sehr ungleichartige Elemente, nämlich die der Dinge als Erscheinung und dann der Dinge an sich selbst. Die Dialektik verbindet beide wiederum zur Einhelligkeit der notwendigen Vernunftideen des Unbedingten und findet, dass diese Einhelligkeit niemals anders als durch jene Unterscheidung herauskomme, welche also die wahre ist. 32
Kants Bedeutung als Symbolfigur eines Wendepunktes in der Geschichte besteht darin: In diesem so genannten Prozess der Ausdifferenzierung wurde bis zum 18. Jahrhundert versucht, das Wissen auf dem einheitlichen und vereinheitlichenden Hintergrund einer Mathematisierung (mathesis) zu entfalten. Sogar dieser Versuch hat seinen Höhepunkt schon in dem philosophischen Denken von Descartes, Leibniz und Locke gefunden, dergestalt, dass solche Universalisierung des Wissens keine spezifische Reflexionsweise erforderte. 33 Mit und nach Kant war es nicht mehr möglich, diese Einhelligkeit der
30 Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, 1995, Köln, S. 28, 29
31 ebd., S. 31
32 ebd., S. 33 f
33 Michael Foucault, ebd., S. 304 f
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Wissensgebiete aufrechtzuerhalten. Denn die Vernunft war schon bei Kant in getrennte Wissens- und Erfahrungsbereiche aufgespaltet: in reine, theoretische, praktische, ästhetische Bereiche, etc. Diese Art von Diskurs und demgemäß charakteristische Operationen der Vernunft haben Prototypen vervielfacht und sich in allen Bereichen unseres kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Lebens durchgesetzt. 34
Demzufolge wäre es angemessen, Kant und den von ihm selber als “ das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muss.’’ 35 , bezeichneten Wendepunkt als Beginn der zweiten Phase des gesamten Modernisierungsprozesses zu betrachten, die sich im 20. Jahrhundert als ästhetische Spät-Moderne vollzogen hat. Denn die Vielfalt der Vernunft, beziehungsweise die Aufspaltung der Vernunft in verschiedene Wissensgebiete, veranlasst uns anzunehmen, dass Kant zumindest hätte vorahnen sollen, was wir heute als die Aufspaltung des Subjekts erleben: ”Wie das fraktale Objekt bis hin ins kleinste seinen elementaren Teilchen entspricht, trachtet auch das fraktale Subjekt danach, sich selber in seinen Bruchstücken anzugleichen. Diesseits jeder Repräsentation fällt es zurück bis zum winzigen molekularen Bruchteil seiner selbst (...). Daher haben wir es mit einer anderen Dimension von Differenzen zu tun. Es handelt sich nicht mehr um die Differenz zwischen einem Subjekt und einem anderen, sondern um die endlose interne Differenzierung von ein und demselben Subjekt.” 36 , weil das andere nicht mehr wirklich da ist. Mithin ist es heute nicht nur sinnvoll, sondern unvermeidlich geworden, zu fragen, wo dieser Ausdifferenzierungsprozess, dem die Moral des unendlichen Willens zur Wahrheit zugrunde liegt, uns hingeführt hat? Wie ist es dazu gekommen, dass aus dem “Willen zur Wahrheit” der Nietzscheanische “ Wille zur Macht” entstanden ist? Die Um-wandlung des animalischen Wesens ins mit Bewusstsein und Willen ausgestattete menschliche Wesen bewertete man als erste prähistorische Verschiebung von einer niedrigen Ebene auf eine höhere. Wir erleben aber seit dem 18. Jahrhundert, seit dem Beginn der Industrialisierung und der Institutionalisierung des Wissens und unserer intellektuellen Aktivitäten eine zweite Verschiebung, die von einem
34 so wie Kant es in seiner Schrift “Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?” vorgesehen hat. In seiner in der “Berlinischen Monatschrift (Dezember 1784)’’ veröffentlichten Schrift schlägt er vor, “ von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.” Darin ist laut ihm “die Maxime, jederzeit selbst zu denken, die Aufklärung” (in: Jürgen Mittelstrass‘ Neuzeit und Aufklärung, Berlin 1970, S. 114-119
35 Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Köln 1995, S. 17
36 Jean Baudrillard, Videowelt und fraktales Subjekt, in :Aisthesis, Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leibzig 1991, S. 252
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individuellen Wesen zu einem Gemeinwesen, beziehungsweise einem Kollektivum übergeht. Die Entstehung eines kollektiven Bewusstseins, dass die Kapazität des individuellen Bewusstseins übersteigt und schließlich Unterscheidungsmerkmale des Individuellen auf das Minimum reduziert - die Prinzipien der Moderne, die den Glauben an Fortschritt, historische Evolution durch die Quantifizierung aller Werte und die Ausdiffenzierung aller Gegensätzlichkeiten befürworten, führten ironischerweise dazu, dass es zu einer gigantischen, universellen Indifferenz kam, indem nicht nur das mit Konzeptualität, Erkenntnissen und Bewusstsein ausgestattete Subjekt sich auflöste, sondern auch die historische und schließlich biologische Evolution des Menschen und seine moderne Geschichte zu einem Ende kommt, wo von einem post-industriellen, post-evolutionären und post-modernen Zeitalter die Rede ist.
Abschied von Aufklärung, Geschichte und Evolution Die Idee des historischen Fortschritts ist erstens mit der fortschreitenden Beherrschung der Natur mit Hilfe von im 16. und 17. Jahr-hundert entwickelten wissenschaftlichen Methoden verbunden. Wie wir schon beschrieben haben, hat diese Beherrschung der Natur sich nach bestimmten Regeln vollzogen, die nicht nur neue Gesetze der Natur waren - wie es F. Fukayama behauptet 37 - sondern von Menschen gesetzt wurden. Besonders die Vor-galiläische Auffassung von der unverrückbaren Stabilität der Natur wurde später durch die Auffassung von der Passivität des Objekts ersetzt, welche, jegliche Umarbeitung des Wirklichen durch die fortschrittlichen Naturwissenschaften rechtfertigen sollte: Wissenschaft würde sich weiterentwickeln, während die Natur stabil und gleichmäßig bleiben würde. Daraus folgerte man eine neue, technisch-dynamische Neuordnung des Wirklichen, die die Weiterentwicklung der Naturwissenschaften und des Menschen in einer fortschrittlichen Geschichte ermöglichen könnte.
Zweitens: Nicht nur die Idee des historischen Fortschritts, sondern die Geschichte selbst ist mit der biologischen Evolutionstheorie von Charles Darwin verbunden, da sie eine Art Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Menschen ist.
Die allerersten Lebensformen entwickeln sich zu Viren, Bakterien, bis hin zu den Abermillionen von anderen Arten wie Fischen, Vögeln,
37 Francis Fukayama, Das Ende der Geschichte - Wo stehen wir?, München 1993, S. 15
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Säugetieren und schließlich zu einer Affenart, die den Vorläufer des Menschen darstellt. Aus diesem Urahn des Menschen entwickelte sich im Verlaufe der Jahrmillionen der heutige Mensch, der homo sapiens, der “wissende” Mensch. Offenkundig ist, dass nur dem Urmenschen unter den anderen Wesen eine gewisse Grenzüberschreitung gelingt, die eine höher und komplexere Anpassungsfähigkeit mit sich brachte: die Fähigkeit, sich über seine Hautgrenze hinaus zu erweitern. Er war zufälligerweise das einzige Wesen, das durch die Anwendung der Technik nicht nur seine Hautgrenze überschreiten, sondern auch seinen Körperbestand erhalten konnte.
Diesen beiden revolutionären Gesichtspunkten des modernen Diskurses entsprechend, die dem Glauben an Fortschritt zugrunde liegen, wurden ein modernes Geschichtsbewusstsein konstruiert, das von einer kämpferischen Gesinnung geprägt war: z.B. Geschichte als Klassenkampf bei Karl Marx (Marxismus), als Kampf des Menschen um Anerkennung bei Hegel und Kampf der überlegenen Nation im Faschismus usw. Abgesehen von Oswald Spenglers und Arnold Toynbees zyklischen Geschichtsauffassungen, betrachteten besonders Karl Marx und Hegel die Geschickte als einen einheitlichen, voranschreitenden Prozess, der seinen jeweiligen Zweck hatte: Bei Hegel ist die Universalgeschichte der Menschheit nichts anderes als der Aufstieg des Menschen zur absoluten Vernunft und der Verwirklichung der Freiheit in politischen und sozialen Institutionen, während bei Marx die Geschichte zugunsten der Entwicklung aus anfänglich primitiven Strukturen zu immer komplexeren und höheren Formen grundsätzlich dialektisch verläuft. Und beide sprechen von einem Ende der Geschichte; bei Hegel kommt die Geschichte als Entwicklungsprozess des Menschen zu immer höheren Stufen der Vernunft und Freiheit und als Fortschritt an ihren logischen Endpunkt, wenn der Mensch das absolute Bewusstsein seiner selbst erreicht, während bei Marx die Geschichte zum Ende kommt, wenn die Gesell-schaftsform frei von Widersprüchen beziehungsweise Klassenkämpfen ist. 38
Nun möchte ich zunächst klarstellen, dass ich hier nicht die Absicht habe, auf das Fukayamasche Ende der Geschichte hinzuweisen, indem ich versuche, die Thesen von gewissen Philosophen, die von naturwissenschaftlichen Revolutionen und biologisch-historischen Evolutionstheorien herrühren, erneut aufzustellen, um zu zeigen, dass es möglich ist, vom Ende der Geschichte zu sprechen, weil die Menschheit in der heutigen kapitalistischen-liberalen Gesellschafts- 38 ebd.,S. 93-113
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und Staatsform ihre höchste Entwicklungsstufe erreicht hat. Ganz im Gegenteil: Wenn die Rede vom Ende der Geschichte überhaupt möglich ist, dann ist es nur sinnvoll, von einem praktischen Ende der Entwicklungsgeschichte als Verlust des historischen Horizonts und als Scheitern des von Naturwissenschaften und Evolutionstheorien geprägten Fortschritts zu sprechen, nicht aber als Vollzug der historischen Entwicklungszwecke. Das heißt, wenn wir nun vom Ende der Geschichte sprechen, sprechen wir nicht von einer möglichst hohen Entwicklungsstufe des Menschen, sondern von der Auflösung des Subjekts, das ironischerweise an die Idee des Fortschritts glaubte und sogar dadurch konstruiert wurde.
Demzufolge möchte ich zunächst sagen, dass wie die Idee des Fortschritts und das Konzept der menschlichen Evolution sich zusammen und sich wechselseitig beeinflussend entwickelt haben, die beiden nach der Erschütterung der naturwissenschaftlichen Grundprinzipien (wie z.B. dem Kausalitätsprinzip) und der selbstmörderischen Entwicklung der Darwinistischen Evolution zum Stillstand gekommen sind. Allerdings war der Grund, der den Glauben an naturwissenschaftliche Prinzipien erschütterte, nicht nur der folgende : In Folge von Faradays Studie über Kräfte der Materie und Maxwells Theorie über elektromagnetische Phänomene, die aufgrund ihres relativistischen Charakters das Newtonsche Konzept vom absoluten Raum und von der absoluten Zeit widerlegte, bis zu Curies und Becquerels Entdeckung von der radioaktiven, spontanen Desintegration der Materie und Rutherfords Transformation der chemischen Elemente, indem das Element aufhört, elementar zu sein, schließlich Einsteins berühmte Gleichsetzung der Materie mir der Energie, die die Auflösung der alten “Materie” bedeutete, wurde das Konzept von der Stabilität (Passivität) der Natur erschüttert.
Viel wichtiger ist es, dass all diese Entdeckungen den Charakter von Tatsachen (Fakten) geändert haben, dergestalt, dass die Gültigkeit des Kausalitätsprinzips eingeschränkt wurde: Der von Planck begründeten und von einer Reihe von Wissenschaftlern weiterentwickelten Quantenmechanik zufolge sind die Atome keine festen und harten Teilchen mehr, Elektronen außerhalb des Atomkerns sind vielmehr abstrakte Gebilde mit einer Doppelnatur, die sie uns einmal als Teilchen, einmal als Wellen erscheinen lassen. Der modernen Physik nach existiert die Materie nicht an bestimmten Orten, sondern
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zeigt nur die Tendenz zu existieren, so dass man nur von der Wahrscheinlichkeit der Existenz sprechen kann. 39
Im Laufe der starren Spezialisierung ist darin nicht nur der Sinn des organischen Zusammenhanges zwischen menschlichen Fakultäten, sondern sowohl der kohärente Sinn der menschlichen Existenz als auch das Objekt selbst als vollendete Tatsache verloren gegangen. Seitdem die Technik, besser ausgedrückt die Technologie, die Ober-hand über die reinen Naturwissenschaften und sogar Wissenschaftler gewonnen hat, ist nicht nur die Grenzziehung zwischen Techno-Wissenschaften und Naturwissenschaften (oder allein innerhalb der Naturwissenschaften z.B. zwischen Mathematik und Physik) schwierig geworden, sondern auch das wirkliche Objekt von seinem simulierten Doppel zu unterscheiden. Baudrillard zufolge vernichtet, “auf-grund der zunehmend komplizierter werdenden Forschung die Wissenschaft ihr Objekt: Um zu überleben, ist sie gezwungen, es künstlich als Simulationsmodell zu reproduzieren,(...) wie es scheint, hat das Subjekt zugleich mit dem Gyroskop und seinen Bezugsgrößen die Kontrolle über die Dinge verloren und dort, wo es mit ihrer Konti-
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Erwähnenswertist hier auch die Entropie als Hauptsatz der Thermodynamik. Entropie bedeutet grundsätzlich die Zustandsgröße der Thermodnamik, Maß für die “Unordnung” in einem abgeschlossenen System. Außerdem bedeutet die Entropie als Kom-munikationstheorie die Größe des Nachrichtengehaltes einer nach statistischen Gesetzen gesteuerten Nachrichtenquelle und als Wahrscheinlichkeitsrechnung, Maß für den Grad der Ungewißheit für den Ausgang eines Versuches.
Der Entropiesatz der Physik geht von der Idee aus, die besagt, dass das Chaos sich in jeder geordneten Schöpfung verbirgt: In einem endlichen, abgeschlossenen System nimmt die Entropie (Maß für Unordnung) stets zu und strebt einem Maximalwert zu. Dementsprechend bedeutet die Entropiezunahme wachsende Unordnung. Als bestes Beispiel wäre hier chaotische Bewegung des aufgelösten Zuckers in alle Raumrichtungen im Tee oder Pflanze in einem luft- und lichtdichten Raum. Dies würde bedeuten, dass die hohe Ordnung komplizierter, organischer Moleküle sich in die Unordnung einfacher Moleküle umwandelt (C, CO 2 , H 2 O, usw.).
Im Gegensatz zur Natur, die eine maximale Unordnung anstrebt, braucht der Mensch eine maximale Ordnung, um zu überleben. Sein Zwischenhirn als Tor des Bewusstseins funktioniert wie ein Filter für die gesamten Sinneseindrücke, um eine Ordnung herzustellen. Sonst wäre das Großhirn bzw. das Bewusstsein unfähig, die Informationsflut “gesund” zu verarbeiten. Außerdem kann der Mensch sich nicht gleichzeitig auf mehrere Dinge konzentrieren, d.h., wenn er sich auf etwas konzentriert, muss er die übrigen außer Acht lassen. Dies alles zeigt uns allerdings, wie der (post)moderne Mensch angesichts der Informationsströme, der erreichten Geschwindigkeit und Komplexität in allen Bereichen des gesellschaftlich-kulturellen Lebens überfordert ist. Es ähnelt einem durch LSD-Drogen verursachten Rauschzustand, in dem der Filter des Zwischenhirns nicht mehr funktioniert. (Siehe für weitere Informationen zum Thema “Entropie und Wahrscheinlichkeit”: Christian Gerthsen, Helmut Vogel, Physik, Ein Lehrbuch zum Gebrauch neben Vorlesungen, 17. Auflage, Berlin, S. 225-230
37
nuität rechnete, steht es einer Umkehrung der Kräfteverhältnisse gegenüber.” 40
Andererseits ist aber, was die Geschichte, beziehungsweise das Geschichtsbewusstsein, konstruiert, die interaktive Beziehung zwischen Konzeption und Wirklichkeit, zwischen Bewusstsein und Handlung und nicht die kausale Nacheinanderfolge von Ereignissen in der Vergangenheit.
Aber was passiert, wenn es kaum möglich ist, sich in konzeptueller Art und Weise auf Wirklichkeit, auf das Objekt des Wissens zu beziehen, weil das Objekt sich dem Subjekt, dessen Bewusstsein, als nicht mehr es selbst darbietet? Was passiert, wenn das Gleichgewicht zwischen der Wirklichkeit und der Sinngebung verloren geht? Wie weit ist es möglich, von einer konstruktiven Interaktion zwischen dem Bewusstsein und der Handlung zu sprechen, wenn der Mensch seinem eigenen Körper entfremdet wird und nicht mehr der Herr der Handlungen seines Körpers ist. Wie konstruiert sich das Gedächtnis bezüglich der Geschichte und besonders der Zeit, wenn das Objekt zerstückelt in Unendlichkeit und verschmolzen mit seinem gleichwertigen Bild und der Verwechslung von Präsentation und Bildschirm-Repräsentation seine Aktualität verliert, keine zeit-räumliche Abstände mehr kennt und sich in Illusion verwandelt? Oder wenn unser Bewusstsein von Entfernungen und Dimensionen, wie etwa von klassischen Zeitformen als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, durch das Bewusstsein von der realen Echtzeit und der aufgeschobenen Zeit - dank der Logik der telematischen Wahrnehmung, des Oberflächenspiels der verschiedenen Realitätsebenen auf der Netzhaut des Bildschirms (der Leinwand) ersetzt wird; oder alle drei Zeit-formen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich nur in Form von “jetzt” und “hier” darstellen und wahrnehmen lassen? J. Baudrillard zufolge nimmt: “hier die Geschichte ein Ende und zwar auf folgende Weise: nicht, weil es zu wenig Persönlichkeiten oder Gewalt gibt (Gewalt wird es immer geben, doch Gewalt ist nicht mit Geschichte zu verwechseln), noch weil es zu wenig Ereignisse gibt (Ereignisse wird es immer geben- dank Medien und Information!), sondern weil sie sich verlangsamt, in Indifferenz und Betäubung erstarrt. Die Geschichte kommt gar nicht mehr dazu, sich abzuspielen, ihre eigene Zweckmäßigkeit in Betracht zu ziehen und von ihrem Ende zu träumen, sie verpufft in ihrer unmittelbaren Wirkung, sie erschöpft sich im Schaueffekt, sie fällt auf sich selbst zurück und implodiert in
40 Jean Baudrillard, Das andere Selbst, Habilitation, Wien 1987, S. 69
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Aktualität.” 41 Dazu möchte ich hinzufügen, dass angesichts der Codierung und Decodierung unserer Wahrnehmungsformen und der dargestellten Realität durch Informationstechniken die Regel der Sinneswahrnehmung mit der paradoxen, chaotischen Logik des Bildes (der Visualität) außer Kraft gesetzt wird. Dementsprechend könnte man sagen, dass eine derartige Logik des Bildes (der Darstellung) die dargestellte Sache beherrscht und dadurch jegliche Aktualität in die relativistische Logik der Visualität verwandelt. Von da an kann man gar nicht mehr von “Aktualität” sprechen, weil angesichts dieser durch die relativistische Fusion/Konfusion des Faktischen und des Virtuellen erzeugten Vorherrschaft des “Realen als Effekt” über das Realitätsprinzip die Aktualität all ihre Gründe verliert, die ihr Beständigkeit und Dauer verleihen. Die Geschichte verlangsamt sich, weil das Vergehen der Zeit sich derartig beschleunigt, dass die Ereignisse ohne Folgen zum ästhetischen Abenteuer des Blicks werden, wie dies z.B. während des Golfkriegs passierte.
Mit all diesen Bemerkungen möchte ich betonen, dass nicht die Zeit zu Ende geht, sondern unsere konventionellen Beziehungen zur Geschichte, ja selbst zurzeit, unterbrochen sind. Dialektisches Denken, Deduktion und Induktion, die auf Gegensätzlichkeiten beruhende moderne Denkart werden nicht mehr für gültig gehalten. An deren Stelle treten Metamorphosen und die Dialektik der Transformation. Die Wahrnehmung, das Denken, das Begreifen und die Sprache (Diskurs) müssen sich angesichts der durch technologische Entwicklung erreichten Geschwindigkeit und ihren Anforderungen erneut anpassen. Während die technologische Entwicklung voranschreitet, gewinnt nicht nur die Bewegung des Materiellen und Mechanischen an Geschwindigkeit, vielmehr verändert sich ständig die Fließbahn der Bilder und die Geschwindigkeit der Wahrnehmung: die zahllosen Formen, Symbole, Signifikate und Signifikante, Informationen, Berichte und Bilder, die uns ununterbrochen und im gleichen Augenblick treffen, nehmen uns die Möglichkeit, einen Anhaltspunkt zu finden, an dem wir uns selbst und die anderen Gesichtspunkte eines Kunstwerks sich orientieren könnten.
Die Fortschritte im Transport- und Übertragungswesen, die auf Galileischer Transformation der Kräfte und Trägheitsprinzipien beruhen, setzten die Welt in Bewegung und befreiten uns von der körperlichen Anstrengung des Gehens. Die Technik diente dazu, als sie die O-berhand über die Naturwissenschaften gewann, den Erlangungsprozess unserer Erkenntnisse zu beschleunigen. Das war am Anfang
41 Jean Baudrillard, Das Jahr 2000 findet nicht statt, Berlin 1990, S. 13
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Dr. Phil. Ritvan Sentürk, 1998, Postmoderne Tendenzen im Film, München, GRIN Verlag GmbH
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