Westfälische Wilhelms-Universität Münster Institut für Deutsche Philologie II: Neuer deutsche Literatur Hauptseminar: Goethe, Die Wahlverwandtschaften
WS 1999/2000
'HU7HPSXVZHFKVHOLQ-RKDQQ:ROIJDQJ*RHWKHV
Ä'LH:DKOYHUZDQGWVFKDIWHQ³
,QKDOWVYHU]HLFKQLV
(LQOHLWXQJ 'HU7HPSXVZHFKVHO±HLQHUVWHUhEHUEOLFN 'HU:HFKVHOLQV3UlVHQV±FKURQRORJLVFKH%HWUDFKWXQJ 'HU:HFKVHOLQV3UlVHQV±DQDO\WLVFKH%HWUDFKWXQJ )D]LW /LWHUDWXUYHU]HLFKQLV
3
(LQOHLWXQJ
Der Roman 'LH:DKOYHUZDQGWVFKDIWHQ
Roman, bei dem der auktoriale Erzähler rückblickend im epischen Präteritum berichtet. Dieser präteritale Bericht wird stellenweise durch den Wechsel in andere Tempusformen unterbrochen, besonders durch präsentische Einschübe und Passagen.
Dabei handelt es sich im Grunde um ein, besonders in der Prosa gängiges Erzählverfahren, das in fast jedem Roman zu finden ist, um den Text lebendig zu machen und u.a. den Abstand des Lesers zum Text sowie den Verlauf der Spannung zu beeinflussen.
Interessant werden für den Literaturwissenschaftler diejenigen Stellen, an denen der Tempus- wechsel von dieser Norm, besonders vom historischen Präsens abweicht und zunächst unmotiviert erscheint. Aus diesem Grund sollen nach einem kurzen Überblick über die unter- schiedlichen Arten des Tempuswechsels in den :DKOYHUZDQGWVFKDIWHQ einige besonders auf-
fällige Stellen im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen.
'HU7HPSXVZHFKVHO±HLQHUVWHUhEHUEOLFN
Am häufigsten findet sich in den :DKOYHUZDQGWVFKDIWHQ der Wechsel vom vorherrschenden
Erzähltempus des Präteritums ins Präsens. Aus diesem Grund soll auf diesem der Schwer- punkt der Untersuchung liegen. Die seltenen Wechsel ins Plusquamperfekt oder ins Futur erschließen ihre Bedeutung aus der Vor- und Nachzeitigkeit des Textes und werden daher nur in einigen Ausnahmen zur Interpretation herangezogen.
Neben der direkten Wiedergabe der Rede, der Briefe und der Tagebucheinträge im Präsens, finden sich noch weitere Stellen, an denen anstelle des Präteritums das Präsens verwendet wird.
Den gesamten Roman durchziehen präsentische Einschübe und Passagen, in denen der all- wissende Erzähler bewertet und kommentiert. Dies geschieht im ersten Teil des Romans meist in kurzen Nebensätzen und wird im zweiten Teil ausgeweitet zu längeren Passagen, die oft die einzelnen Kapitel einleiten, diese aber auch immer wieder unterbrechen. Während die kurzen Einschübe meist der Charakterisierung der Protagonisten dienen, drängt sich der Er- zähler bei den längeren Passagen, die hauptsächlich im zweiten Teil zu finden sind, in den Vordergrund des Geschehens, verlangsamt dadurch das Erzähltempo und versucht durch all- gemeingültige, und teilweise philosophische Aussagen, die Glaubwürdigkeit der Figuren zu steigern. 2
1 Goethe, Johann Wolfgang: Die Wahlverwandtschaften. Stuttgart 1956. – Die Kombination römischer und arabischer Zahlen als Angaben in Klammern des Untersuchungstextes bezeichnen die jeweiligen Kapitel des ersten bzw. zweiten Teils. Die alleinstehenden arabischen Zahlen kennzeichnen die Seitenzahlen des o.g. Primärtextes.
2 Vgl. Einleitungen zu II,2; II,3; II,8...
4
Neben den o.g. Fällen gibt es auch präsentische Stellen, bei denen der Erzähler im Hinter- grund bleibt. Gemeinsam ist diesen, daß ihre Ereignisse ausschlaggebend sind für die weitere Entwicklung der Handlung und sie im traditionellen Sinn z. T. Spannung tragen oder evozieren. Ob und inwieweit sich diese Stellen noch tiefer interpretieren lassen, soll diese Untersuchung klären. Im Mittelpunkt sollen stehen: die Szene der erwachenden Leidenschaft zwischen Eduard und Ottilie (I,13), das erste Zusammentreffen nach Eduards Abwesenheit und der Tod des Kindes (II,13/14), das Treffen im Gasthaus und die Rückkehr Ottilies von ihrer Reise (II,7) und ihr Tod (II,18).
'HU:HFKVHOLQV3UlVHQV±FKURQRORJLVFKH%HWUDFKWXQJ
Aufgrund des chronologischen Ablaufs des Geschehens, das nur in Ausnahmefällen durch Rückblicke unterbrochen wird, erscheint es mir wichtig, an den Anfang dieser Arbeit nicht eine analytisch-zusammenfassende Interpretation des Tempuswechsels zu stellen, sondern eine Interpretation, die dem chronologischen Ablauf der präsentischen Stellen des Romans folgt, um eine Fehlinterpretation von eventuell chronologisch motivierten Tempuswechseln zu vermeiden.
Die erste längere präsentische Passage findet sich in I,12/13, wo die Reaktion der Paare auf die erwachende Leidenschaft beschrieben wird. „Bald ergreift sie eine süße Müdigkeit und ruhig schläft sie ein“(91), bezieht sich auf Charlotte und schließt den Entscheidungsprozess gegen die Liebe zum Hauptmann und für den Fortbestand ihrer Ehe. Der Wechsel vom Er- zähltempus des Präteritums zum Präsens eröffnet an dieser Stelle mehrere Deutungs- möglichkeiten. Das Präsens als die Tempusform der Gegenwart verweist einerseits darauf, daß Charlotte sich ihren Entschluß vergegenwärtigt, und ist somit Vorausdeutung für die strenge Durchführung dieses Vorsatzes. Es ist aber auch Ausdruck von Charlottes Umgang mit den Zeitdimensionen. Der Entschluß der Entsagung begründet sich in der Vergangenheit, hat jedoch direkte Auswirkungen auf die Zukunft. Die Illusion einer erfüllten Liebe in der Ehe mit Eduard fesselt sie an die Vergangenheit und läßt sie jede Art von Veränderung und zukünftigen Entwicklungen fürchten, da diese ihr Bild von der scheinbar erfüllten Gegenwart zerstören könnten. Aus diesem Grund entscheidet sie sich also gegen die ungewisse Zukunft mit dem Hauptmann und findet Beruhigung durch die imaginären Bilder der alten Zeiten. Gerührt kniete sie nieder, sie wiederholte den Schwur, den sie Eduarden vor dem Altar getan. Freundschaft, Neigung, Entsagen gingen vor ihr in heitern Bildern vorüber. Sie fühlte sich innerlich wieder hergestellt (91).
Wie sehr dieses Verhalten ihre Art darstellt, mit Problemen umzugehen, ist einerseits direkt im Text beschrieben, „[i]mmer gewohnt sich ihrer selbst bewußt zu sein, [...] ward es ihr auch jetzt nicht schwer, [...] sich dem gewünschten Gleichgewichte zu nähern“ (90), andererseits
5
Arbeit zitieren:
Ines Isermann, 2000, Der Tempuswechsel in Johann Wolfgang Goethes Wahlverwandtschaften, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Weiblichkeitsbilder in Goethes Skandalroman "Die Wahlverwandtscha...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
Die wissenschaftliche Spur in Johann Wolfgang von Goethes Wahlverwandt...
Hauptseminararbeit, 26 Seiten
Romantische Aspekte in Goethes Wahlverwandtschaften
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 28 Seiten
Theatralität und Authentizität des Zeichens in Johann Wolfgang Goethes...
Analyse der Konzeption von Zei...
Hauptseminararbeit, 36 Seiten
Charlotte und Ottilie - Zum Frauenbild in Goethes Wahlverwandtschafte...
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Seminararbeit, 18 Seiten
Das Kind Otto in Goethes Wahlverwandtschaften
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hauptseminararbeit, 24 Seiten
Die wunderlichen Nachbarskinder in Goethes Wahlverwandtschaften
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 16 Seiten
Die Welt der Bilder - Ottilie, Luciane und die Rolle der Kunst in Joha...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 20 Seiten
Eduards Tragödie in den "Wahlverwandtschaften" von Goethe
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hauptseminararbeit, 21 Seiten
Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften" im Urteil seiner Ze...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 16 Seiten
Erzählte Bilder und deren Zeit(en) in Goethes Wahlverwandtschaften
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 16 Seiten
Walther von der Vogelweide. Nemt, frouwe, disen kranz. Mädchenlied ode...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hauptseminararbeit, 25 Seiten
Der Demokratisierungsprozess Südafrikas in der Theorie der Transformat...
Politik - Internationale Politik - Region: Afrika
Hauptseminararbeit, 26 Seiten
Ansätze zu Fiskes Fernsehtheorie unter dem Schwerpunkt Bedeutungsprodu...
Seminararbeit, 21 Seiten
Das Konzept der 'niederen Minne' im Minnesang
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hauptseminararbeit, 21 Seiten
Theodor Fontanes "Effi Briest" - Eine Analyse
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 15 Seiten
Diachrone Syntax: Zur Wortstellung im Althochdeutschen
Hauptseminararbeit, 25 Seiten
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 15 Seiten
Der Propagandafilm im Dritten Reich am Beispiel von 'Jud Süß'
Medien / Kommunikation - Mediengeschichte
Hausarbeit, 22 Seiten
Ines Isermann hat den Text Der Tempuswechsel in Johann Wolfgang Goethes Wahlverwandtschaften veröffentlicht
Ines Isermann hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare