Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Die Gestalt Maria Stuart zur Zeit Schillers 2
2.1 Literarische Quellen 2
2.2 Historische Quellen 3
3. Das Verhältnis von Trauerspiel und Historie 5
3.1 Der historische Hintergrund 5
3.2 Dichtung und Wahrheit 7
3.3 Das Geschichtsbild Schillers 9
3.4 Fazit 11
4. Die Figuren Maria und Elisabeth im Trauerspiel 12
4.1 Der Dramenaufbau 12
4.2 Rivalinnen in der Politik 13
4.3 Rivalinnen in der Liebe 15
4.4 Das Frauenbild im 18. Jahrhundert 17
5. Was können Dramen mit historischem Hintergrund leisten? 19
Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Mit seinem Trauerspiel „Maria Stuart“ griff Schiller ein Thema der englischen Geschichte auf. Im 16. Jahrhundert gab es zwischen der Schottenkönigin Maria Stuart und der englischen Herrscherin Elisabeth einen Konflikt um den englischen Thron, der schließlich in der Hinrichtung Marias gipfelte. Als angehende Historikerin interessiert es mich besonders, wie weit Schiller sich vom historischen Hintergrund gelöst hat. Sah er sich mehr als gewissenhafter Wissenschaftler oder war er in erster Linie Dichter, der einzelne Personen und Ereignisse aus der Geschichte übernahm und in seinen eigenen Kontext hineinsetzte?
Um dies beurteilen zu können, muß zunächst geklärt werden, auf welche historischen und literarischen Quellen Schiller zurückgegriffen hat und in welchem Ausmaße ihm der historische Hintergrund bekannt gewesen ist. Erst dadurch wird offenbar, wo er absichtlich von der Wahrheit abweicht und mehr Dichter als Historiker ist. In dem Verhältnis von Tragödie und Historie wird deutlich, welche Funktion Schiller der Geschichte in seinem Trauerspiel „Maria Stuart“ eingeräumt hat.
Im weiteren untersuche ich anhand der beiden Hauptpersonen des Trauerspiels, Maria und Elisabeth, wie Schiller mithilfe der historischen Vorlage ein Drama konzipiert hat, das weit mehr bietet als nur die Darstellung eines politischen Konfliktes im England des 16. Jahrhunderts. Schiller gelingt es, die komplexe Beziehung der beiden Frauen zu schildern, deren Rivalität auf der privaten Ebene schließlich den politischen Streit entscheidet. Gleichzeitig gewährt das Trauerspiel einen Einblick in das bürgerliche Frauenbild der Zeit Schillers. Zum Schluß gehe ich auf die F rage ein, in welchem Maße Dramen mit historischem Hintergrund wie „Maria Stuart“ uns die Geschichte näher bringen können oder ob sie die Wahrheitsfindung vielmehr behindern durch literatur- ästhetische Veränderungen der Wirklichkeit.
2. Die Gestalt Maria Stuart zur Zeit Schillers
2.1 Literarische Quellen
Die ersten Dramen über Maria Stuart entstanden bereits kurz nach ihrem Tod, so daß sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts schon zahlreiche Titel angesammelt hatten. 1 Einige dieser Stücke waren Schiller bekannt, so zum Beispiel der Dramenentwurf „Marie Stuart“ von Christian Heinrich Spieß. Der Verfasser populärer Romane und Theaterstücke hatte 1784 dieses Stück dem Mannheimer Nationaltheater zur Aufführung angeboten, doch der Bühnenausschuß, in dem auch Schiller saß, lehnte es ab. Spieß konzipierte sein Drama als melodramatische Liebes- und Eifersuchtstragödie, in deren Zentrum Marias Page Douglas und der Herzog von Norfolk stehen. 2
In einem Beitrag aus dem Jahre 1907 betont Karl Kipka 3 , daß Schiller auch die Dramen von den Engländern Banks und St. John gekannt haben könnte, da er in Weimar Kontakt zu zwei Engländern hatte. Das Stück von John Banks erschien um 1686 und kennt bereits zwei Zusammentreffen der Königinnen. „Mary Queen of Scots“ von John St. John wurde 1789 uraufgeführt, hatte aber kaum Ähnlichkeit mit Schillers Drama. Bemerkenswert ist dabei, daß Schiller in seinen ersten Entwürfen Figuren von St. John übernommen hatte, die er aber später wieder strich.
Doch nach Christian Grawe sei keines der zahlreichen Stücke über Maria Stuart mit der Tragödie Schillers zu vergleichen. „Sie bleiben durchweg im Sentimentalen stecken und sind dramatisch ungelenk.“ 4 Aber auch wenn diese Dramen an Schillers Niveau nicht herankommen, dürfen sie nicht völlig außer acht gelassen werden, denn nicht erst Schiller nahm sich die Freiheit heraus, die Geschichte ein wenig zu ändern. Wie bereits erwähnt stammen sowohl die Begegnung der beiden Königinnen wie auch die beiden Figuren eines Retters und eines Maria zugeneigten Höflings aus früheren Dramen.
1 Grawe, Christian: Erläuterungen und Dokumente. Friedrich Schiller - Maria Stuart; Stuttgart
1999, S. 98.
2 Ebd. S. 100.
3 Kipka, Karl: Maria Stuart im Drama der Weltliteratur vornehmlich des 17. und 18. Jahrhunderts.
Ein Beitrag zur vergleichenden Literaturgeschichte. Leipzig 1907. Breslauer Beiträge zur
Literaturgeschichte IX.; zit. in Grawe, C.: Erläuterungen und Dokumente S. 99.
4 Grawe, C.: Erläuterungen und Dokumente S. 100.
2.2 Historische Quellen
Die englische Geschichte des 16. Jahrhunderts war schon zur Zeit Schillers vergleichsweise ausführlich aus unterschiedlichen Blickwinkeln behandelt worden, so daß Schiller aus mindestens 15 Quellenwerken schöpfen konnte. 5 Die nötigen Rechtskenntnisse erhielt Schiller aus der Lektüre der „Histoire d‘Angleterre“ von dem Juristen de Rapin 6 . Dieses Werk besitze die Fähigkeit, ihm die englischen Geschehnisse bilderreich zu erklären, wie Schiller in einem Brief an Goethe vom 12. Juli 1799 eigens betonte. 7
Aus den Akten der Weimarer Bibliothek geht hervor, daß Schiller außerdem das Werk des prominentesten Historikers des späten 16. Jahrhunderts, William Camden 8 , ausführlich gelesen hat. Seine Forschungen beruhen laut Camden selbst auf originalen Akten und porträtieren eher eine sympathische Maria. Eine gegensätzliche Interpretation Marias fand Schiller in den beiden proelisabethanischen Werken von Marias Zeitgenossen George Buchanan 9 , aus denen Schiller das Bild der Sünderin Maria übernahm.
Eine sachlichere Hauptquelle Schillers sind die beiden Bände über die Geschichte Schottlands von Wilhelm Robertson 10 . Dort fand Schiller im Anhang umfangreiches Dokumentenmaterial, welches er in dem Dramentext verwendete. Robertson bemühte sich um kritische Sachlichkeit bei der Beschreibung Marias. Ähnlich wie Robertson betrachtet der englische Philosoph und Geschichtsforscher David Hume 11 das Leben Maria Stuarts in seinem Werk und betont, daß die politischen Umstände und die Eifersucht Elisabeths sehr zum Unglück Marias beigetragen hätten.
5 Grawe, C.: Erläuterungen und Dokumente S. 84-95.
6 De Rapin, Paul: Histoire d‘Angleterre. Tom.6; La Haye 1733; zit. in Grawe, C. S. 87.
7 In: Schillers Werke. Nationalausgabe. Begr. Von Julius Petersen. Hrsg. von Lieselotte
Blumenthal und Benno von Wiese. Weimar: Böhlau, 1943ff. Bd. 30,71: Schillers Briefe 1798-
1800. 1961; zit. in Grawe, C. S. 87.
8 Camden, William: Annales rerum anglicarum et hibernicarum regnante Elizabetha ad annum
salutis 1589; London 1615; zit. in Grawe, C. S. 85.
9 Buchanan, George: Rerum Scoticarum historia ad Jacobum VI. Scotorum regem; Amsterdam
1697; Ders.: Detectio Mariae reginae Scotorum; zit. in Grawe, C. S. 85.
10 Robertson, Wilhelm: Geschichte von Schottland unter den Regierungen der Königin Maria und
des Königes Jakob VI. bis auf dessen Erhebung auf den englischen Thron [...] In zween Bänden
[...] übersetzt [...] mit einer Vorrede begleitet von Matthias Theodor Christoph Mittelstedt;
Braunschweig 1762; zit. in Grawe, C. S. 87.
11 Hume, David: Geschichte von England, von dem Einfalle des Julius Cäsar bis auf Elisabeth.
Aus dem Englischen. 3. und 4. Bd. Breslau/Leipzig 1770/71; zit. in Grawe S. 90-91.
Bereits diese kleine Auswahl an Quellen, die Schiller zur Verfügung gestanden haben, machen deutlich, daß ihm der historische Hintergrund gut bekannt gewesen ist.
3. Das Verhältnis von Trauerspiel und Historie
Um die Beziehung zwischen Schillers Drama „Maria Stuart“ und der Geschichte näher zu beleuchten, ist es notwendig zu erkennen, wo und warum Schiller von der Wirklichkeit abweicht und Änderungen in der Geschichte vornimmt.
3.1 Der historische Hintergrund
Der Hauptkonflikt zwischen Maria Stuart und Elisabeth von England besteht in der Frage nach dem Anrecht auf den englischen Thron. Elisabeth wird 1558 zur Königin gekrönt, allerdings ist sie die Tochter von Anna Boleyn, die Heinrich VIII. nach der Scheidung von seiner ersten Frau geheiratet hatte. Da die katholische Kirche die Auflösung einer Ehe nicht anerkennt, war die zweite Ehe nicht vor Gott geschlossen worden und Elisabeth damit unehelich und ihr Thronanspruch illegitim. 1544 war ihr die Krone zwar durch Parlamentsbeschluß zugesichert worden, doch ihre zweifelhafte Herkunft hängt ihr bis zum Ende ihres langen Lebens nach.
Die schottische Königin Maria Stuart hingegen ist die Enkelin der Schwester Heinrich VIII. und steht damit nach katholischem Recht in der Thronfolge vor Elisabeth.
Ungeachtet dessen kann Elisabeth die einzelnen Bürger- und Adelsgruppen in den Rahmen einer starken Monarchie integrieren und die englische Nation unter dem protestantischen Banner ideologisch vereinen. Das Volk steht hinter ihr. Das Hauptziel der Königin besteht darin, ihr protestantisches Land im überwiegend katholischen Europa zu erhalten.
Besonders das katholische Schottland stellt eine Bedrohung für England dar. Elisabeth gelingt es 1560, den Bürgerkrieg zu beenden. Im Vertrag von Edinburgh erkennt Schottland sie als englische Königin an und der Protestantismus wird durch Parlamentsbeschluß Staatsreligion in Schottland. Ende 1560 stirbt Maria Stuarts Ehemann, der französische König Franz II., sie verliert den Anspruch auf den französischen Thron und kehrt nach Schottland
Arbeit zitieren:
Claudia Schneider, 2001, Das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit in Schillers Trauerspiel Maria Stuart: Ein Vergleich der Figuren Maria und Elisabeth mit dem historischen Hintergrund, München, GRIN Verlag GmbH
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