Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 4
2 Grundlagen und Voraussetzungen 5
2.1 Phonologische Grundlagen - die s-Laute des Deutschen 5
2.1.1 Die historische Entwicklung der s-Laute 5
2.1.2 Die s-Laute im heutigen Deutsch 6
2.2 Orthographische Prinzipien 7
2.2.1 Das Lautprinzip 8
2.2.2 Das Stammprinzip 8
2.2.3 Das Homonymieprinzip 9
2.2.4 Das ästhetische Prinzip 10
2.2.5 Das pragmatische Prinzip 10
2.2.6 Das grammatische Prinzip 10
2.2.7 Die orthographischen Prinzipien - ein kurzes Fazit 11
2.3 Graphische Grundlagen - s-Schreibung zwischen
Fraktur und Antiqua 11
2.4 Das Eszett und seine Entstehung 13
3 Das 19. Jahrhundert - Aufbruch in eine geregelte
orthographische Zukunft 15
3.1 Ausgangspunkte 15
3.2 Reformvorschläge bis 1876 18
3.2.1 Die historische Richtung 18
3.2.1.1 JAKOB GRIMM 18
3.2.1.2 PHILIPP WACKERNAGEL 20
3.2.1.3 KARL WEINHOLD 21
3.2.1.4 Probleme des historischen Ansatzes 21
3.2.2 Die phonetisch-traditionelle Richtung 23
3.2.2.1 J. C. HEYSE und Ahnen 24
3.2.2.2 RUDOLF VON RAUMER 26
3.2.2.3 SAMUEL LEFMANN 28
3.2.2.4 Probleme des phonetischen Ansatzes 29
3.3 I. Orthographische Konferenz - versuchte Durchsetzung
der Einheitsorthographie 29
3.4 Schulorthographien und Vorschläge einzelner Autoren
zwischen 1876 und 1900 31
3.4.1 K. DUDEN (1876): Zukunftsorthographie 31
3.4.2 Die wichtigsten Schulorthographien 33
2
Inhaltsverzeichnis
3.4.2.1 Österreich 33
3.4.2.2 Bayern 34
3.4.2.3 Preußen 34
3.4.2.4 Andere Schulorthographien 35
3.4.3 G. A. SAALFELD (1885) und R. BAX (1897) 36
3.5 Das 19. Jahrhundert - Fazit und Zusammenfassung 38
4 Das 20. Jahrhundert - Verwirklichung der Einheitsorthographie 41
4.1 II. Orthographische Konferenz - Berlin 1901 41
4.2 Nachlese der II. Orthographischen Konferenz - Reformvorschläge
bis 1933 44
4.2.1 Drei mögliche Wege zu einer vereinfachten s-Schreibung 44
4.2.1.1 Möglichkeit A: ß wird durch s ersetzt 44
4.2.1.2 Möglichkeit B: s / ss oder ſ / ſſ ersetzen ß 45
4.2.1.3 Möglichkeit C: ss ersetzt ß nach Kurzvokal 45
4.2.2 OSKAR BRENNER 1902 46
4.2.3 Die Vorschläge des LEIPZIGER LEHRERVEREINS (1931) 47
4.3 Orthographie und Nationalsozialismus - die Zeit von 1933-1945 47
4.4 Aufbruch zum Fortschritt - Reformbestrebungen und
Erkenntnisse zwischen 1945 und 1996 51
4.4.1 Reformvorschlag A: s an Stelle von ß 52
4.4.2 Reformvorschlag B: s / ss ersetzt ß 52
4.4.2.1 „Ist eine reform unserer rechtschreibung notwendig?“ -
Die Vorschläge des FDGB Leipzig (1947) 52
4.4.3 Reformvorschlag C: ss ersetzt ß nach Kurzvokal 53
4.4.3.1 ÖSTERREICH 1961/62 54
4.4.3.2 KOMMISSION (1985) und (1989) 54
4.4.3.3 Maas (1992) 56
4.4.4 Reformvorschlag :D generell ss statt ß 58
4.4.4.1 STUTTGARTER EMPFEHLUNGEN (1954) 58
4.4.4.2 RESOLUTION (1973) 59
4.5 Die Neuregelung der Rechtschreibung 1996 60
4.5.1 Geschichte der Neuregelung 60
4.5.2 Die neuen Regeln für die s-Schreibung 62
4.5.3 Kritik an der Neuregelung der s-Schreibung 63
4.6 Das 20. Jahrhundert - der zusammenfassende Überblick 67
5 Ausblick 70
Literaturverzeichnis 73
Danksagung 82
3
Einleitung
1 Einleitung
Die vorliegende wissenschaftliche Hausarbeit beschäftigt sich mit der Geschichte und Problematik der s-Schreibung in den vergangenen beiden Jahrhunderten. Sie soll wesentliche Entwicklungsstränge der s-Orthographie dieser Zeit aufzeigen und problematische Zusammenhänge verdeutlichen.
Im 19. und 20. Jahrhundert erfuhr die deutsche Orthographie grundlegendere Veränderungen als je zuvor: es gab sehr viele neue Reformbestrebungen, zahlreiche Autoren, die sich zu Rechtschreibung äußerten und zwei staatlich sanktionierte Rechtschreibreformen.
Ausgehend von den phonologischen Grundlagen für die s-Laute und den unterschiedlichen orthographischen Prinzipien, soll zunächst die Geschichte des 19. Jahrhunderts mit ihren zahlreichen und schließlich doch immer wieder gescheiterten Reformbestrebungen Betrachtung finden. Danach steht das 20. Jahrhundert, das sich durch die zwei, auch und vor allem durch staatliche Instanzen getragene, Reformen auszeichnet, im Zentrum der Betrachtung. Dabei werden in diesem wie in jenem Jahrhundert die problematischen Aspekte der verschiedenen Reformansätze betrachtet und erläutert.
Den Abschluss der Darstellungen soll ein Ausblick ins 21. Jahrhundert bilden, der durch die Erfahrung und vorhergegangenen geschichtlichen Darstellungen gespeist wird.
4
2 Grundlagen und Voraussetzungen
2.1 Phonologische Grundlagen - die s-Laute des Deutschen
2.1.1 Die historische Entwicklung der s-Laute
Die Entwicklung der s-Laute ist sprachgeschichtlich gesehen nicht ganz einfach nachzuvollziehen, da sie sich nicht kontinuierlich verlaufen ist bzw. die s-Laute auf verschiedenartige Laute des Germanischen und Indogermanischen zurückgehen. Die erste historische Betrachtung der Genese der s-Laute geht auf JA- KOB GRIMMzurück. BRAMANN (1982: 59) gibt einen Überblick über die von GRIMM entdeckte s-Laut-Entwicklung:
Aus der Tabelle wird ersichtlich, dass die neuhochdeutschen s-Laute verschiedene Ursprünge haben. Der stimmlose s-Laut geht zum einen aus dem indogermanischen Reibelaut hervor, der sich zu germanisch t entwickelt hatte. Im Zuge der 2. Lautverschiebung hatte dieser sich von einem Tenues in einen Spiranten gewandelt. Andererseits geht [s] jedoch auch auf germanisch s zurück.
5
Auch der stimmhafte s-Laut [z] geht sowohl auf den germanischen Spiranten s, als auch auf germanisch t zurück.
Um 1300 haben sich dann sowohl in Lautung als auch in der Graphie entscheidende Wandlungen vollzogen. Es „verändert mhd. in mehrfacher Hinsicht seinen Lautwert. Dort wo es seinen palatalen Charakter aufgibt und zum reinen dentalen stl. /s/ wird, fällt es mit mhd.
Die Veränderungen, die sich vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen vollziehen, betreffen allerdings nicht „die Art und Zahl der Phoneme […], sondern ihren Lautwert, ihre graphische Wiedergabe sowie insbesondere ihre Distribution und damit ihre Frequenz“ (Schmidt 2004: 328).
2.1.2 Die s-Laute im heutigen Deutsch
Das heutige Deutsch verfügt noch immer über die zwei s-Laute [s] und [z]. Sie gehören zu den so genannten Frikativen, den Reibelauten. Sie werden alveolar, d. h. durch Kontakt der Zunge mit dem Zahndamm gebildet. 1
Tabelle 2 zeigt die Verteilung der deutschen s-Laute auf die Graphie.
1 Von dem palatal gebildeten [∫]-Laut soll in dieser Arbeit abgesehen werden.
2
Die Darstellung lehnt sich an an MAAS (1992: 311). Dieser verzeichnet aber 1992 noch nicht das auch auslautend vorkommende Graphem
6
Das stimmlose [s] kommt im Deutschen in allen Positionen außer dem Anlaut vor. Das stimmhafte [z] steht dagegen nur im Anlaut vor Vokalen und im Inlaut zwischen Vokalen.
Der Status von [z] als Phonem des Deutschen und damit als Allophon von [s], gilt laut ALTMANN/ZIEGENHAIN (2002: 69) als nicht gesichert, da es außer [z] nur noch einen stimmhaften Frikativ im Phoneminventar gibt und zwar [v]. Darüber hinaus gibt es nur wenige Minimalpaare, die eine Opposition von [s] und [z] erkennen lassen und zwar nur im Inlaut.
(1) a. [raizən]
Weiterhin wird die stimmhafte Variante (1a) im deutschen Sprachraum nur teilweise realisiert, so z. B. im Oberdeutschen gar nicht.
Die s-Schreibung des Deutschen beruht sehr stark auf den phonologischen Hintergründen der s-Laute. Die Laut-Buchstaben-Zuordnung und deren Begründung sind die Ausgangspunkte für alle Vorschläge, die eine bestimmte s-Schreibung betreffen.
2.2 Orthographische Prinzipien
Das Deutsche verfügt, wie andere Schriftsprachen auch, über verschiedene Prinzipien, die in der Orthographie ihre Anwendung finden. Sie waren schon Voraussetzung und unumgängliches Instrumentarium für eine theoretische Auseinandersetzung mit der Orthographie, als diese sich noch nicht durch normierte Regeln auszeichnete. Sie bilden auch heute noch bewusst oder unbewusst die Grundlage des Schreibens, der Rechtschreibung und der Überlegungen, die Reformbestrebungen vorausgehen, deshalb sind sie für eine Untersuchung der Geschichte der Rechtschreibung und ihrer allgemeinen Betrachtung von großer Bedeutung.
Unter den orthographischen Prinzipien versteht man laut NERIUS (2000e: 85) die
Kennzeichnung der generellen oder grundlegenden Beziehun-
gen der graphischen Ebene zu den anderen Ebenen des Sprachsystems und damit [den] theoretischen Rahmen für die verschiedenen Arten von orthographischen Regeln.
7
Die meisten Autoren 3 unterscheiden sechs oder sieben verschiedene Prinzipien. Diese sollen an dieser Stelle auf ihre Bedeutung für unser Thema hin untersucht werden.
2.2.1 Das Lautprinzip 4
Obwohl das Deutsche keine eindeutige Laut-Buchstaben-Zuordnung aufweist, kann man es doch als „annähernd phonologische Schrift“ (Augst 1974b: 12) bezeichnen, d. h. es wurde stets angestrebt, phonologisch unterscheidbare Laute auch möglichst eindeutig und graphisch verschieden darzustellen. Dies ist es, was das Lautprinzip fordert.
Bei NERIUS (2000e: 88) findet sich im Gegensatz zu AUGST (1974b) ein etwas weiter gefasster Begriff des Lautprinzips. Er fasst drei auf die Phonologie bezogene Prinzipien unter dem Begriff Phonologisches Grundprinzip zusammen. Dazu gehören: das phonematische Prinzip (Zusammenhang zwischen Graphem und Phonem), das syllabische Prinzip (hat Bedeutung für die Untersuchung der Worttrennung) und das intonatorische Prinzip (bezieht sich auf Akzentsetzung, Tonhöhenverlauf etc).
Für die s-Schreibung folgt aus dem Lautprinzip die schriftliche Unterscheidung von [s] und [z], sofern dieser Unterschied tatsächlich gehört wird, und damit die Beseitigung des Nebeneinanders von für [s] (2a), [z] (2b) und sogar[∫] (2c).
(2) a. das Maß b. die Sanduhr c. die Standuhr
2.2.2 Das Stammprinzip
Hinter diesem Prinzip, auch etymologisches oder historisches Prinzip genannt (vgl. Augst 1974b: 22), verbirgt sich die Kennzeichnung und Betonung der Familienzusammengehörigkeit der einzelnen Wörter (auch und v. a. im Hinblick auf ihre historische Herkunft), so dass ein Wort in unterschiedlichen Flexionen ein ähnliches Schriftbild aufweisen kann. Demzufolge kann es dann in seinen unterschiedlichen Formen vom Leser leichter erkannt werden. Das Prinzip hat
3 vgl. die Übersicht bei NERIUS (2000e: 94 f.).
4 Ich werde mich im Folgenden auf die Termini von AUGST (1974b) stützen und für die Betrachtungen NERIUS (2000e) hinzuziehen.
8
also einen „morphemidentifizierenden Aspekt“ (Nerius 2000e: 89), aber auch einen „morphemdifferenzierenden Aspekt“ (Nerius 2000e: 89) wenn bei lautgleichen oder ähnlichen Worten der semantische Unterschied verdeutlicht werden soll (vgl. auch 2.2.3).
Wichtig ist es, an dieser Stelle zu erwähnen, dass das Stammprinzip, bei anderen Autoren (z. B. Piirainen 1981) auch morphemisches oder morphematisches Prinzip genannt, nicht nur den diachronen Zusammenhang der Wörter aufzuzeigen fordert, sondern auch den synchronen Zusammenhang der verschiedenen Flexionen der Wörter.
Bei der heutigen s-Schreibung finden wird die Anwendung des Stammprinzips z. B. bei Paaren wie (3) a. er las [la:s] b. sie lasen [la:zən].
Obwohl bei (3a) Auslautverhärtung vorliegt, d.h. ein stimmloses [s] gesprochen wird, finden wir in der Schreibung dasselbe wie bei (3b), wo es für das stimmhafte [z] steht.
Gerade an diesen Stellen prallen die Forderungen des Lautprinzips, das eine genaue Wiedergabe der Phoneme anstrebt und des Stammprinzips, das die Zusammengehörigkeit der Wortfamilie betonen will, stark aufeinander. Diesen Widersprüchen werden wir noch sehr oft in unserer Untersuchung begegnen, sowohl im 19. als auch im 20. Jahrhundert.
2.2.3 Das Homonymieprinzip
Dieses Prinzip fordert vom Schreiber eine Unterscheidung von lautgleichen, aber wortfamilienverschiedenen Wörtern. 5 AUGST (1974b: 31) hält dieses Prinzip allerdings für überflüssig, da sich semantische Unterschiede ebenso gut aus dem Kontext erschließen lassen.
In der s-Schreibung findet dieses Prinzip sehr häufige Anwendung bei der Unterscheidung und Abgrenzung des Artikels/Pronomens das gegen die Konjunktion dass.
5 Dieses Prinzip überschneidet sich mit dem von NERIUS (2000e: 89) konstatierten "morphemdifferenzierenden" Aspekt des Stammprinzips.
9
2.2.4 Das ästhetische Prinzip 6
Bei dem ästhetischen Prinzip handelt es sich im Wesentlichen um Forderungen, die das reine Schriftbild betreffen. Dieses Prinzip ist wie die Ästhetik überhaupt sehr willkürlich und subjektiven Eindrücken unterworfen. So gibt es beispielsweise im Deutschen die Forderung nach Vermeidung einer Reihung von drei gleichen Konsonanten bei Zusammensetzungen oder die Forderung nach Abschaffung von verdoppelten Lauten zur Darstellung von gedehnten oder geschärften Lauten, was auch das <ß> als Zusammensetzung aus und <|> bzw.
und
2.2.5 Das pragmatische Prinzip
Dieses Prinzip findet seine Anwendung in der Verwendung von Majuskeln beim Schreiben von Höflichkeitsanreden, Eigennamen usw. (vgl. Augst 1974b: 35). Hiermit wird ebenfalls keine gesonderte Sprachinformation übertragen, es dient im Wesentlichen nur der Hervorhebung und Leseerleichterung.
2.2.6 Das grammatische Prinzip 7
Die Großschreibung der Substantive basiert auf diesem Prinzip. Auch hier lässt sich über die Notwendigkeit streiten, da die Abgrenzung von Substantiven gegenüber den anderen Wortarten beim Sprechen schließlich nicht erfolgt und die Bedeutungen trotzdem erschlossen werden können. Die Gegner dieses Prinzips argumentieren, dass dem Rezipienten auch beim Lesen, das schließlich nicht schwieriger ist als das Hören, eine ähnlich hohe graphische Varianz 8 zugemutet werden kann, wie er sie im täglichem Leben als phonetische Varianz (als Hörer) sowieso vorgesetzt bekommt. Dort sei er ja auch in der Lage, die
6 NERIUS (2000e: 96) lehnt dieses Prinzip aus systemtechnischen Gründen ab. Es beziehe sich auf Einzelfälle statt einen systematischen Bezug zur Schreibung herzustellen.
7 Bei NERIUS (2000e: 89) finden sich sowohl pragmatisches als auch grammatisches Prinzip teilweise als lexikalisches und syntaktisches Prinzip wieder, die einerseits die Unterscheidung semantischer Unterschiede und "deren Fixierung durch verschiedene graphische Mittel" anmahnen und andererseits bestimmte graphische Mittel nutzen, um Unterschiede auf der Ebene des Satzes vorzunehmen (z. B. Interpunktion).
8 Eine graphische Varianz würde z. B. auftreten, wenn Substantiv und Verb einer Wortfamilie gleich geschrieben werden: funken und Funken.
10
große Vielfalt der Laute so zu klassifizieren, dass eine gemeinsame Kommunikation möglich ist (vgl. Leiss 1997: 32 f.).
Die unterschiedliche Gewichtung der Wörter und die daraus resultierende Großschreibung der Substantive bringen zwar eine je nach Ansicht mehr oder minder überflüssige Mehrarbeit für den Schreiber mit sich, sie dienen aber als "zusätzliche Lesehilfe" (Augst 1974b: 43) und haben damit ihre Berechtigung.
2.2.7 Die orthographischen Prinzipien - ein kurzes Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die orthographischen Prinzipien sich sowohl auf die Phonem- und Morphemebene der Schreibung beziehen (Laut-und Stammprinzip) als auch ästhetische und semantische Aspekte berücksichtigen. Gerade das macht eine eindeutige Favorisierung eines Prinzips so schwer, da bei jedem Prinzip wiederum andere wichtige Gesichtspunkte der Schreibung vernachlässigt werden. Aber man kann eine Hierarchie der Prinzipien aufgrund ihrer unterschiedlich großen Tragweiten und Konsequenzen für die Schreibung annehmen (vgl. Nerius 2000e: 93). So stehen in den meisten Betrachtungen Lautprinzip und Stammprinzip höher im Ansehen als etwa das ästhetische, grammatische oder pragmatische Prinzip. In den Theorien des 19. und 20. Jahrhunderts zeigt sich eine klare Konkurrenz zwischen Lautprinzip und Stammprinzip, aber auch ästhetischen Betrachtungen (z. B. im Zusammenhang mit den Schrifttypen Fraktur und Antiqua oder im Hinblick auf eine gewisse Schrifttradition und von daher gewohnten Anblicken).
Wünschenswert für heutige Verhältnisse und spätere Reformen wäre ein "dynamisch-integratives Konzept" (Müller 1988: 60), das sich den verschiedenen Anforderungen der Entwicklung anpassen kann.
2.3 Graphische Grundlagen - s-Schreibung zwischen Fraktur und Antiqua
Bei der Beschäftigung mit der historischen s-Schreibung stößt man zwangsläufig auf die graphischen und drucktechnischen Hintergründe der Graphie. Denn die verschiedenen Sprachwissenschaftler nehmen in ihren theoretischen Ansätzen stets Bezug auf die eine oder andere Schrift, oder sie geben Regeln vor,
11
wie die s-Laute in den verschiedenen Schrifttypen zu setzen seien. Daher ist es an dieser Stelle unumgänglich, auf Frakturschrift und Antiqua einzugehen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist aber auch, dass seit jeher mehr als nur zwei Zeichen für die Darstellung der s-Laute zur Verfügung stehen, u. a. sind das Lang-s und Rund-s, sowie Eszett und zahlreiche Kombinationen dieser Zeichen. Sowohl Lang-s als auch Rund-s sind "genuiner Bestandteil des antiken lateinischen Alphabets" (Kranich-Hofbauer 2000: 54). Das Rund-s geht auf die römische Majuskelschrift zurück und kommt seit dem 14. Jahrhundert vorwiegend auslautend vor, das Lang-s dagegen ist eher als kursive Variante zu betrachten und meist im An- und Inlaut zu finden. Das Eszett hat dagegen mehrere Ursprünge (mehr dazu unter 2.4).
Alle s-Zeichen sind in den beiden verschiedenen Schriftarten zu finden.
Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die so genannte "deutsche Schrift", die Fraktur, hervorgegangen aus der gotischen Schrift, allgemein gebräuchlich. Sie zeichnete sich durch ein gebrochenes, "verschnörkeltes" Schriftbild aus. Abb. 1 zeigt eine Übersicht der in Fraktur gebräuchlichen Schrifttypen und Ligaturen für die verschiedenen s-Laute. Zu sehen sind das große , Lang-s, Rund-s, doppeltes Lang-s, Eszett,
Zu an- und inlautend und <|> vor allem auslautend (vgl. Poschenrieder 1997: 174).
9 Zu bemerken ist an dieser Stelle, dass das so genannte Lang-s beim Auftreten als doppelter Konsonant sowohl als eine Ligatur gesetzt werden konnte, als auch als Zusammensetzung aus zwei einzelnen Buchstaben.
10
Für die Kombination von Lang-s und t in Wörtern wie
12
In der so genannten lateinischen Schrift, der Antiqua, die bereits im 19. Jahrhundert von einigen Sprachwissenschaftlern (so z. B. GRIMM) favorisiert wurde und schließlich mit dem Bormann-Erlass der Reichsschriftkammer am 3.1.1941 endgültig durchgesetzt wurde (vgl. Hartmann 1999: 295, 313), finden sich die in Abb. 2 vorgestellten Typen und Ligaturen. 11
Mit dem allmählichen Rückzug der Fraktur schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts verschwand auch allmählich aus dem Gebrauch, da es sich in der Antiqua in Deutschland fast nur noch in Festverbindungen wie <ſs> hielt, welches häufig als "Länge-ß", d.h. als Zeichen der Markierung für vorhergehenden Langvokal verwendet wurde (vgl. Poschenrieder 1997: 174).
2.4 Das Eszett und seine Entstehung
Im Zusammenhang mit den in Deutschland im 19. und teilweise auch 20. Jahrhundert parallel verwendeten Schriften ist es auch nötig, sich mit dem viel zitierten und beschriebenen Sonderzeichen <ß> bzw. <ß> zu beschäftigen.
Das Eszett der Antiqua ist nämlich ein anderes als das der Fraktur. So erklärt beispielsweise POSCHENRIEDER (1997: 174), dass <ß> im 14. Jahrhundert aus einer Kombination von und
t
entstandenen stimmlosen Dentalspirans s (hier bisher mit
z
wiedergegeben) von der Affrikata
z,
die ja ebenfalls durch die hochdeutsche Lautverschiebung aus westgermanisch
t
hervorgegangen war", so Michel (1959: 461). Da aber in der gotischen Schrift vor das geschwänzte
11 An dieser Stelle muss gesagt werden, dass die lateinischen Schrifttypen nicht eineindeutig denen der Fraktur zugeordnet werden können, da die einzelnen Sprachwissenschaftler des 19. und auch des 20. Jahrhunderts verschiedene Vorschläge für die Darstellung der s-Laute in der Antiqua machten. Dies wird bei der Vorstellung dieser Ideen unter 3. noch aufzuzeigen sein.
13
wörtlichen Sinne und wurde erst später als Doppel-s interpretiert, was vermutlich dem stimmlosen Charakter, der beiden Lauten gemein ist, zuzuschreiben ist (vgl. Kranich-Hofbauer 2000: 55). Darüber hinaus ist zu sagen, dass das Eszett der gedruckten Fraktur erst spät als Einzelzeichen verwendet und stattdessen lange als Ligatur aus den oben genannten zwei Buchstaben gesetzt wurde, während es in den Handschriften schon viel eher als individuelles Einzelzeichen zu finden ist (vgl. Kranich-Hofbauer 2000: 57). In der Antiqua ist <ß> aus einer Zusammenfügung von <ſ> und zu <
ſs>
entstanden und diente schon im 16.Jahrhundert als Allograph für doppeltes . GRIMM verwandte dann wohl als erster das neu gestaltete Zeichen (vgl. Poschenrieder 1997: 174), das der Antiqua, der lateinischen Schrift, zuvor nicht eigen war. Dafür wurde es dann recht schnell und vor allem schneller als in der Fraktur als Einzelzeichendrucktype eingeführt (vgl. Kranich-Hofbauer 2000: 57). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden dann die zunächst auch verschieden verwendeten Eszett gleichartig gebraucht, nämlich sowohl als Allograph für doppeltes gesetztes
12
Wesentlich zu erwähnen ist in dem Zusammenhang ebenfalls, dass das Eszett zwar digraphisch entstanden ist, aber nach und nach als einfacher Konsonant galt und heute noch gilt.
als auch als Zeichen für geschärften s-Laut.
Die historisch unterschiedliche Entstehung des Eszett wird bei der Betrachtung der verschiedenen Reform- und Schreibvorschläge der Sprachwissenschaftler der letzten beiden Jahrhunderte noch eine Rolle spielen.
12 Bei dem Gebrauch des Eszett werden z. T. bis heute die Regeln für das Eszett der Fraktur angewendet (vgl. Poschenrieder 1997: 175).
14
Das 19. Jahrhundert - Aufbruch in eine geregelte orthographische Zukunft Ausgangspunkte
3 Das 19. Jahrhundert - Aufbruch in eine geregelte orthographische Zukunft
3.1 Ausgangspunkte
Vor Beginn 19. Jahrhunderts fand sich in Deutschland nur in sehr geringem Maße eine Einigkeit in irgendeiner Hinsicht, schon gar nicht in der Rechtschreibung. Die dezentrale Organisation der deutschen Einzelstaaten, Fürstentümer und Königreiche und das Fehlen einer allgemeinen Schulpflicht sind dafür ver-antwortlich.
Nun aber änderten sich die Vorzeichen: wirtschaftlicher Aufschwung durch die zunehmende Zusammenarbeit der einzelnen Länder, sowie eine höhere Wertung kultureller Leistung, wie die stärkere Verwendung von schriftlicher Kommunikation und die Einführung der allgemeinen Schulpflicht, brachten es mit sich, dass einerseits immer mehr Menschen "Zugang zur geschriebenen Sprache fanden" (Nerius/Möller 2000: 117) und damit andererseits das Verlangen nach einer geregelten Schreibung immer größer wurde. J. CH. GOTTSCHED hatte diesem Bedürfnis bereits 1748 mit der "Grundlegung einer Deutschen Sprachkunst" Rechnung getragen. Er versuchte u. a. die Systematik der s-Laute darzustellen. Die von ihm erkannten bzw. geforderten Regeln lassen sich folgendermaßen darstellen (vgl. Michel 1959: 472):
a) stimmhafter s-Laut wird durch bezeichnet
b) stimmloser s-Laut soll nach Langvokal oder Diphthong mit <ß> bezeichnet werden
c) stimmloser s-Laut soll nach kurzem Vokal im Inlaut mit
GOTTSCHED verstand unter dem <ß> nur den Ausdruck eines doppelten
13 Ich möchte an dieser Stelle einen "Kanon" am Vorbild von MICHAELIS (1883) einführen, um in Beispielen die jeweils zugrunde liegende Theorie der benannten Autoren zu illustrieren. Dazu ist anzumerken, dass die Beispiele meist nicht den Schriften entnommen sind, sondern eine Anwendung der vorgeschlagenen Regeln auf geeignete Beispielwörter darstellen.
15
Das 19. Jahrhundert - Aufbruch in eine geregelte orthographische Zukunft Ausgangspunkte
der Silbentrennung, wobei bei Langvokal der s-Laut zur nachfolgenden Silbe gezogen wird, bei Kurzvokal dagegen in beiden Silben auftritt, also geteilt wird (vgl. Michel 19959: 472).
Wie kann aber ein Graphem für einen stimmlosen s-Laut gleichzeitig einen verdoppelten stimmhaften s-Laut darstellen? Nicht zuletzt wegen Unstimmigkeiten dieser Art gilt sein Werk mit den enthaltenen Regeln und deren Begründungen als unausgereift und unsystematisch (vgl. Nerius 2000a: 230). Trotzdem fand Gottscheds Regelung zur s-Schreibung noch bis zur Rechtschreibreform 1996 und darüber hinaus Anwendung.
Einen weiteren Schritt in Richtung regelhafte Schreibung unternahm J. CHR. ADELUNG 1788, der seine "Vollständige Unterweisung zur deutschen Orthographie" publizierte, die bis 1835 noch in weiteren vier Auflagen veröffentlicht wurde. Der Ausgangspunkt von Adelungs Überlegungen war, wie bei GOTTSCHED, zunächst das Bemühen um eine Vereinheitlichung der Literatursprache 14 , ihre Durchsetzung und deren erhoffter Einfluss auf die Vereinheitlichung des allgemeinen Sprachgebrauchs. ADELUNG verbindet dieses Bemühen mit dem Nachdenken über sprachliche und orthographische Prinzipien. So favorisierte er bei der Festlegung orthographischer Normen stets solche Formen, die bereits weit verbreitet waren und wandte sich gegen Änderungen der althergebrachten Orthographie, auch wenn es dafür gute, bspw. phonetisch begründete Argumente gab (vgl. Nerius 2000a: 233). Damit war er Vorreiter für eine weitere Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung. Sein 1788 veröffentlichtes Werk bestach vor allem durch die systematische Zusammenfassung der von ihm gewonnenen Erkenntnisse über die Gesetzmäßigkeiten der deutschen Orthographie und die klare Anwendung und Hierarchisierung dreier orthographischer Prinzipien: Aussprache, Abstammung und allgemeiner Gebrauch. Als wichtigstes Prinzip gilt ihm, der sich im Allgemeinen gegen Reformen wendet, der allgemeine Gebrauch. Darunter versteht er den Gebrauch, wie er sich bei den von ihm geschätzten obersächsischen Schrift- 14 SowohlGottscheds als auch Adelungs Überlegungen zu einer einheitlichen Literatursprache beruhten auf der Grundlage des "Sprachgebrauch[s] der oberen Klassen Obersachsens" (Nerius 2000b: 232). Nicht zuletzt dadurch gab es im Zuge der Suche nach einer allgemeinen Sprachregelung und Literatursprache Widerstand gegen GOTTSCHED. Auch dieser Widerstand war Grund für die unterschiedlichsten Regelungen der verschiedenen Rechtschreibbereiche (vgl. Nerius 2000b: 231).
16
Das 19. Jahrhundert - Aufbruch in eine geregelte orthographische Zukunft Ausgangspunkte
stellern aus der Mitte des 18. Jahrhunderts findet. Als Grundlage der Aussprache gilt ihm wiederum der Gebrauch der obersächsischen höhergestellten Klassen. Unter dem Prinzip der Abstammung versteht ADELUNG nicht etwa die diachronischen Zusammenhänge sondern wendet eine synchrone Betrachtungsweise von Wortverwandtschaft an (vgl. Nerius 2000a: 235). Im Hinblick auf die s-Schreibung liegt die Leistung von ADELUNG in der Unterteilung der s-Laute in Säusler, das sind der "gelinde Säusler" , der verdoppelt scharfe Säusler <|> und
nach geschärften Vokalen, der einfach scharfe Säusler <ß> sowie der harte Säusler und <|> an, was schon MICHAELIS (1883) als falsch bezeichnet und uns auch heute noch als unrichtig gilt (vgl. 2.4). Überdies ist sein Verhältnis zur s-Schreibung, besonders im Hinblick auf seine Ansichten zu Gottscheds Regelungen, sehr gespalten. So erkannte er einerseits die <ß>-Schreibung nach Langvokal, Diphthong sowie am Silben- und Wortauslaut an, mitunter vertrat er aber auch die Auffassung, man müsse besser
Grundsätzlich lässt sich zu ADELUNG sagen, dass seine systematische Darstellung der deutschen Rechtschreibverhältnisse auf der Grundlage bestimmter orthographischer Prinzipien großen Einfluss auf die Sprachwissenschaftler des 19. Jahrhunderts genommen hat, wie wir in den folgenden Betrachtungen noch sehen werden.
Die "Vollständige Unterweisung zur deutschen Orthographie", die noch bis 1876 nachgedruckt wird, ist außerdem auch Anzeichen dafür, dass der "Ausgangspunkt zu Beginn des 19. Jahrhunderts […] also eine relativ vereinheitlichte
17
Arbeit zitieren:
Sabine Heinichen, 2004, Geschichte und Problematik der s-Schreibung im 19. und 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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Sabine Heinichen hat den Text Geschichte und Problematik der s-Schreibung im 19. und 20. Jahrhundert veröffentlicht
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