Inhaltsverzeichnis
Vorwort 5
1 Worum es in diesem Buch geht 7
2 Die Ausgangslage 17
3 Soziobiologie versus Soziologie? 21
4 Der soziobiologische Zugang zur
geschlechtsspezifischen Entwicklung und (speziell) männlichem Verhalten 26
4.1 Die geschlechtliche und sexuelle Entwicklung des Menschen aus evolutionstheoretischer Sicht 26
4.1.1 Der zweigeschlechtliche Interessenkonflikt - eine
Frage der Gene und Investitionen? 26
4.1.2 Der sexuelle Selektionsdruck und seine Auswirkung auf das männliche Partnerverhalten 28
4.1.3 Die (gemeinsame) Nachkommensorge -Vaterschaftsunsicherheit und Verwandtschaftsselektion30
4.2 Einflüsse der soziokulturellen Evolution 33
4.2.1 Die Entwicklung von menschlicher Erkenntnis und menschlichem Bewusstsein 33
4.2.2 Soziale Strukturen früher Hominidengruppen 35
4.2.3 Beginnende Arbeitsteilung in der Steinzeit -Grundlage des späteren Rollenbildes? 38
4.2.4 Partnerwahl-, Ehe- und Fortpflanzungssysteme 41
4.2.5 Soziale männliche Konkurrenz 43
4.3 Zusammenfassung 45
2
5 Konstruktionsversuch der männlichen
Entwicklung anhand von Aspekten der
geschlechtsspezifischen Sozialisation 50
5.1 Die Sozialisation von Jungen unter
Berücksichtigung der psychosexuellen Phasen 50
5.1.1 Die Bedeutung der Zweigeschlechtlichkeit in der
frühkindlichen Entwicklung 51
5.1.2 Aus Jungen werden Männer - ohne Männer 52
5.1.3 Die Pubertät als Entwicklungschance 55
5.2 Sozialisation von erwachsenen Männern 57
5.2.1 Der Mann als junger Erwachsener 57
5.2.2 Männer im Spannungsfeld zwischen Familie und
Beruf 58
5.2.3 Soziale Probleme: Arbeitslosigkeit, Männliche
Gewalt 63
5.3 Zusammenfassung zur geschlechtsspezifischen
Sozialisation 67
5.4 Einbeziehung der soziobiologischen Erkenntnisse
70
6 Männerberatung in der Sozialen Arbeit 75
6.1 Beratungsangebote in der Sozialen Arbeit 75
6.1.1 Erziehungs- und Familienberatung 76
6.1.2 Beratung für männliche Opfer und Täter von
Gewalt 78
6.1.3 Beratung von Männern 81
6.2 Die Problematik der Männerberatung 83
3
6.2.1 Die Notwendigkeit des geschlechtshomogenen
Ansatzes 83
6.2.2 Zugänge zu Männern 86
6.3 Anforderungen an Männer-Berater und Männer
Beratung - eine Zusammenfassung 89
6.4 Zusammenfassung 92
7 Ausblick 96
Literatur- und Quellenverzeichnis 99
Anlagen 107
4
Vorwort
Dieses Buch basiert im Wesentlichen auf meiner an der Hochschule Merseburg verfassten Diplomarbeit und entspricht dieser bis auf einige Änderungen und Ergänzungen.
Durch das zahlreiche Interesse am Thema und den Nachfragen nach einer Kopie meiner Arbeit habe ich mich entschlossen, diese in der nun vorliegenden Form zu veröffentlichen.
Ich möchte allen die mich bei meiner Arbeit unterstützt haben danken. Insbesondere Prof. Dr. Harald Stumpe, Prof. Dr. Ulrike Busch (Hochschule Merseburg), Karsten Meinhardt (FachZentrum Gegen Gewalt Halle), Frank Scheinert (LEMANN e.V. Leipzig), Thomas Schmidt (Dynamis-Lebensberatung Leipzig), Frank Wünsche (Triade-Beratungsstelle Markleeberg), Hendrik Möser (Pro Mann Magdeburg), sowie Rocco Thiere, Timo Groß, Jörg Burkhardt, Tino Hünger und Susann Tyralla.
In der Regel verwende ich aus Gründen der Einfachheit und besseren Lesbarkeit bei der Schreibweise die männliche Form, gemeint sind jedoch immer Frauen und Männer.
Torsten Linke
Leipzig, im Juni 2007
5
„Zuweilen kam ich betrunken nach Hause. Sie machte mir nicht einmal Vorwürfe. Bis heute begreife ich nicht, was das war: Mitleid, Willensschwäche oder aber seelische Stärke, Glaube an den Menschen? Ja, natürlich, sie wartete, sie glaubte, dass ich mich wieder zusammenreißen, mich selbst bezwingen und wieder der alte werden würde. Ach, wäre sie lieber über mich hergefallen, hätte sie mich gezwungen, ehrlich die ganze Wahrheit zu gestehen. Vielleicht hätte sie Rede und Antwort von mir ge-fordert, wenn sie gewusst hätte, dass mich nicht nur die Unannehmlichkeiten in der Arbeit drückten. Sie ahnte nicht, was damals in mir vorging, und ich schonte sie, verschob die Aussprache von einem Tag zum anderen und kam so nicht dazu, das zu tun, was meine Pflicht gewesen wäre ihr gegenüber, gegenüber unserer Liebe, gegenüber unserem Kind. ... Ich musste ihr entweder sofort alles gestehen oder unverzüglich wegfahren. Dann schon lieber wegfahren. Sie war so glücklich und ahnte nichts. Ich erhob mich.“
Tschingis Aitmatow
„Du meine Pappel im roten Kopftuch“
6
1 Worum es in diesem Buch geht
In diesem Buch möchte ich anhand der menschlichen, speziell der männlichen Entwicklungsgeschichte die Notwendigkeit eines Beratungsangebotes im Arbeitsfeld der sozialen Arbeit für Männer darlegen. In den meisten vorliegenden Veröffentlichungen und Forschungen wird der Mann nicht als biosoziokulturelle Einheit wahrgenommen, sondern in biologische, soziale und kulturelle Teilstücke zerlegt. Hinzu kommt ein gravierendes Forschungsdefizit in allen wissenschaftlichen Disziplinen. Hier soll dieses Buch einen Beitrag leisten, indem es die Männer aus einer ganzheitlichen Perspektive betrachtet.
Die männliche Entwicklung wird anhand soziobiologischer und sozialisationstheoretischer Aspekte
beschrieben und dargelegt. Ausgehend von der evolutionären Entwicklung des Menschen unter
Berücksichtigung biologischer und soziokultureller Fak-toren, soll speziell die geschlechtsspezifische männliche Sozialisation in den postmodernen Industriegesellschaften betrachtet werden.
Um den Leser nicht zu verwirren, werde ich dies in einem gut nachvollziehbaren und auf das wesentliche beschränkten zeitlichen Ablauf aufzeigen. Um die Notwendigkeit einer Beratung für Männer deutlich zu machen, wird nach den entsprechenden Abschnitten eine Zusammenfassung der Problemfelder für die Beratung stattfinden.
Aufgrund des vorliegenden Forschungsdefizits und der damit verbundenen Gefahr unprofessioneller Beratung in dem Sinne, dass dieser die wissenschaftliche Beglei-
7
tung und Überprüfung fehlt, ergeben sich folgende Fragestellungen. Grundsätzlich zu klären ist, auch um einen Zugang zur männlichen Entwicklung zu bekommen, die Frage:
1) Ist es erforderlich, die Männerberatung als eigenständiges Handlungsfeld abzugrenzen? Daraus ergeben sich weitere Fragen:
a) Welche Gründe, speziell in der Evolution und Sozialisation liegende, sprechen für eine Beratung von Männern?
b) Was für Problemstellungen / Bewältigungsaufgaben ergeben sich für Männer, speziell in der Industriegesellschaft, im Lebenslauf? Je nach Beantwortung der oben genannten Fragen ergibt sich weiter:
2) Wie kann Soziale Arbeit in Form von Beratung Männer unterstützen und welche Schwierigkeiten / Probleme / Besonderheiten ergeben sich bei der Beratung? Die Frage, ob Soziale Arbeit mit Beratungsangeboten Männern Unterstützung geben kann und welche Besonderheiten und Schwierigkeiten bei der Beratung von Männern auftreten, soll beantwortet werden. Ich denke hier unter anderem an die männliche Kommunikation, die Schwellenangst Hilfe anzunehmen, aber auch an die Arbeit mit männlichen Gewalttätern. Aus diesen „männlichen Besonderheiten“ könnten sich spezielle Anforderungen an die Beratung ergeben. Daher sollen Rahmenbedingungen der Männer-Beratung und Qualifikationen und persönliche Anforderungen an die BeraterInnen der Männerberatung aufgezeigt werden. Neben der Nutzung der vorliegenden Literatur habe ich um einen Bezug zur Praxis zu haben, zu diesem Teil
8
einige Interviews mit Mitarbeitern in Männerberatungsstellen durchgeführt. 1
Folgende Thesen die ich zur Fragestellung entwickelt habe, sollen in diesem Buch überprüft werden: Beratung für Männer muss sich von allgemeinen Beratungsangeboten unterscheiden, da Männer ein auf ihr Wesen, ihre Natur und ihre Bedürfnisse abgestimmtes Angebot brauchen.
Männer in Industriegesellschaften müssen sich durch die Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der damit veränderten Anforderungen an sie mit schwierigen Problemstellungen und Bewältigungsaufgaben auseinandersetzen.
Beratung im Rahmen der Sozialarbeit / Sozialpädagogik kann Männer bei der Bewältigung dieser Aufgaben unterstützen.
Männerberatung erfordert für sie entwickelte Rahmenbedingungen, ein bestimmtes Setting und Qualifikation der Berater, da sie mit spezifischen Schwierigkeiten und Besonderheiten konfrontiert wird. Männerberatung sollte von Männern durchgeführt werden. Diese müssen ihre eigene Persönlichkeit selbst reflektieren und gesellschaftlich, emanzipatorisch und sozial verantwortlich denken.
Zur Annäherung an die behandelten Themen in diesem Buch sollen zu Beginn einige Begrifflichkeiten geklärt werden.
Den Begriff der Evolution beschreibt Wuketits wie folgt: „... bedeutet in seinem umfassenden Sinn Entwicklung [...] ein Naturvorgang, der zur allmählichen
1 Vgl. Anlage: Untersuchungsmethode, Interviewfragen.
9
Änderung der Organismenarten führt und in Hunderten von Jahrmillionen unzählige neue Pflanzen und Tierarten hervorgebracht hat.“ 2 , weiter bei Wuketits: „Allgemein Veränderung, Entwicklung über mehr oder weniger lange Zeiträume. In der Biologie der Vorgang, der durch natürliche Mechanismen, vor allem Selektion, zu einer Veränderung der Arten führt. In seiner allgemeinen Bedeutung umfasst der Begriff der Evolution auch Veränderungen in Kulturen und Sozietäten (kulturelle beziehungsweise soziale Evolution).“ 3 Die Evolutionstheorie beschreibt und erklärt die Abläufe und Mechanismen der Evolution. 4 Sie bildet das Fundament der Soziobiologie. Die Auseinandersetzung in der Soziobiologie mit speziell menschlichem Verhalten wird zum Teil auch als Humansoziobiologie bezeichnet. Eine Definition der Soziobiologie findet sich bei Vo-land: „Soziobiologie ist die Wissenschaft von der biologischen Angepasstheit des tierlichen und menschlichen Sozialverhaltens. Weil Sozialverhalten eine ganz wesentliche Rolle in den Selbsterhaltungs- und Fortpflanzungsbemühungen der Organismen spielt, unterliegt es der formenden Kraft der evolutionsbiologischen Vorgänge“. 5
Die breite Benutzung des Begriffes Sozialisation und die ebenso breit gefächerten Theorien machen eine Eingrenzung des Begriffes vom allgemeinen Bezug zur geschlechtsspezifischen / männlichen Sozialisation nötig. Sozialisation wird bei Stimmer wie folgt beschrieben: „Unter Sozialisation werden die Vorgänge verstanden, die dazu führen, dass die Menschen sich mehr oder we-
2 Wuketits1989, S. 1-2.
3 Wuketits 1997, S. 194.
4 a.a.O.
5 Voland 2000, S. 1.
10
niger die Werte und Normen der Gesellschaft in der sie leben, aneignen. [...] Die Sozialisation des Menschen beginnt [...] mit seiner Geburt, sie führt über den Aufbau der soziokulturellen Persönlichkeit und Perioden des Sterbens zum Tod. [...] Für Sozialpädagogik und Sozialarbeit bietet die Sozialisationsforschung eine unentbehrliche Orientierungshilfe. Vor allem klärt sie über die Grenzen und Möglichkeiten psychosozialen Handelns auf.“ 6 Und weiter zur Beschreibung der geschlechtsspezifischen Sozialisation: „Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist natürlich verursacht und wird dann gesellschaftlich geformt und bestimmt, polarisiert und unter günstigen Umständen zuweilen versöhnt. Das führt dazu, dass wir die Schwierigkeiten der Sozialisation nirgends hautnäher fühlen als in den Intimbeziehungen zwischen Männern und Frauen.“ 7
Zimmermann entwickelt zur Klärung des Sozialisationsbegriffes folgende Definition: „Sozialisation ist - und das ist Konsens in der gegenwärtigen Sozialisationsdebatte - zu verstehen als Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt. Die Akzentuierung bei soziali-sationstheoretischen Fragestellungen liegt im Mitglied-Werden in einer Gesellschaft.“ 8 Zur geschlechtsspezifischen Sozialisation bemerkt Zimmermann sinngemäß, dass kein anderes Merkmal die Sozialisation so stark beeinflusst wie die Geschlechtszugehörigkeit 9 und stellt
6 Stimmer et. al. 2000, S. 667-669.
7 Stimmer et. al. 2000, S. 669.
8 Zimmermann 2003, S. 16.
9 Zimmermann 2003, S. 11.
11
in den Vordergrund die Frage: „Wie werden Mädchen zu Mädchen und Jungen zu Jungen?“ 10
Böhnisch kritisiert in bezug auf die Entwicklung der Männlichkeit, in der Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Umständen des digitalen Kapitalismus: „Sozialisation als Prozess des Aufwachsens und der Lebensgestaltung in Auseinandersetzung mit der Umwelt und mit sich selbst - zieht nicht mehr so richtig.“ 11 Und definiert zwei Ebenen der Sozialisation des Mannes, Sozialisation I und Sozialisation II: „Sozialisation I bezieht sich auf die Auseinandersetzung des Jungen und Mannes mit sich und darin mit seiner sozialen Umwelt. Sozialisation II hingegen meint die an den digitalkapitalistischen Vergesellschaftungsprozess und die an seine Logik gebundenen sozialisatorischen Vorgaben - technisch-ökonomische und warenästhetische
Aufforderungen an Maskulinität - die diese Auseinandersetzung eigenartig transformieren und verändern.“ 12
Die Verwendung der Begriffe Männlichkeit, Männerrolle, Maskulinität und Mannsein orientiert sich ebenfalls weitestgehend an der von Böhnisch gemachten Beschreibung. Männlichkeit bezieht sich auf die gesellschaftliche Konstruktion der Männerfrage und die entsprechenden Männerbilder, und die Männerrolle auf das interaktive und institutionsbezogene Rollenhandeln. Der Begriff Maskulinität findet Verwendung wenn es um psychodynamisch-emotionale Manifestationen
geht. 13 „Im subjektumgreifenden Begriff des Mannseins ist die lebensweltliche Bewältigungsperspektive einge- 10 a.a.O.
11 Böhnisch 2004, S. 81.
12 Böhnisch 2004, S. 81.
13 Vgl. Böhnisch 2004, S. 21-22.
12
fasst, in der sich Jungen und Männer in gesellschaftlichen Zonen der Männlichkeit bewegen und sich mit geschlechtsbezogenen Rollenerwartungen und gefühlten maskulinen Antrieben genauso auseinandersetzen, wie sie darin ihr eigenes doing gender 14 zu regulieren und zu gestalten versuchen.“ 15 Die Bezeichnung maskulin (und feminin) wird in dieser Arbeit auch zur Bezeichnung des Geschlechtsunterschiedes im Rahmen der soziobiologischen Betrachtung menschlicher Entwicklung gebraucht.
Beratung ist heute ein viel verwendeter und oft ungenügend definierter Begriff. So ist Beratung eine in allen Tätigkeitsbereichen der Sozialen Arbeit vorkommende Aufgabe, kennzeichnet aber auch einen spezialisierten Beruf. Beratung findet zwischen Beratern und Auftraggebern statt. Der Beratungsverlauf ergibt sich durch einen Aushandelungsprozess mit dem Auftraggeber, die Ergebnisse sind daher offen und nicht vorhersehbar. Die Beratung gliedert sich in zwei Aspekte, die Vermittlung / Wiederbelebung von Wissen und die Förderung / Wiederbelebung von Handlungskompetenzen. 16 Sickendieck / Engel / Nestmann definieren Beratung im sozialpädagogischen und psychosozialen Bereich: „...als Angebot von Hilfe und Unterstützung bei der Orientierung in Anforderungssituationen - undProblemlagen,
bei der Entscheidung über anzustrebende Ziele - undWege,
bei der Planung von Handlungsschritten zur Er- - reichungder Ziele,
14 Anm. d. A.: Soziale Herstellung der Geschlechter und Geschlechterhierarchie.
15 Böhnisch 2004, S. 22.
16 Vgl. Stimmer et al. 2000, S. 77.
13
bei der Umsetzung und Realisierung der Planung - undbei der Reflexion ausgeführter Handlungs- - schritteund Vorgehensweisen.“ 17
Zur Bestimmung der Sozialen Arbeit: „Soziale Arbeit kann als Profession bezeichnet werden, die sich als Beruf - im Unterschied zu einer sozialen Bewegung, Partei, Gewerkschaft - denjenigen verpflichtet hat, die, aus welchen Gründen auch immer, ihre Bedürfnisse infolge fehlender Ressourcen nicht selber, auch nicht über zwischenmenschliche Hilfe und Unterstützung in kleinen Netzen lösen können.“ 18
Eine weitere Definition findet sich beim IFSW (International Federation of Social Workers): „Soziale Arbeit als Beruf fördert den sozialen Wandel und die Lösung von Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen, und sie befähigt die Menschen, in freier Entscheidung ihr Leben besser zu gestalten. Gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse über menschliches Verhalten und soziale Systeme greift Soziale Arbeit dort ein, wo Menschen mit ihrer Umwelt in Interaktion treten. Grundlagen der Sozialen Arbeit sind die Prinzipien der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit.“ 19 Mit dem Begriff Soziale Arbeit, werden in dieser Arbeit die Handlungsfelder der Sozialpädagogik und Sozialarbeit bezeichnet. 20 Eine klare Abgrenzung ist aber schwierig. Ausgehend von den genannten Definitionen finden sich die Ziele der Sozialen Arbeit, auch in anderen Professionen (zum Beispiel bei PsychologInnen, LehrerInnen oder ÄrztInnen) wieder. Daraus ergibt sich
17 Sickendiek / Engel / Nestmann 2002, S. 14-15.
18 Stimmer et al. 2000, S. 620.
19 Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V., www.dbsh.de/html/eingangsseite.html, 2000.
20 Anm. d. A.: Die Begriffe Sozialpädagogik und Sozialarbeit werden in dieser Arbeit in gleicher Wertigkeit verwendet.
14
auch die Zusammenarbeit und Netzwerkarbeit mit an-deren Berufsgruppen in der Praxis. 21
21 Vgl. Galuske 2003, S. 157-160.
15
„Später behauptete Hanna, ich sei erleichtert gewesen, dass sie das Kind nicht haben wollte, und geradezu entzückt, drum hätte ich meinen Arm um ihre Schultern gelegt, als sie weinte. Sie selber war es, die nicht mehr davon sprechen wollte, und dann berichtete ich von Escher-Wyss, von der Stelle in Bagdad, von den beruflichen Möglichkeiten eines Ingenieurs überhaupt. Das war keineswegs gegen ihr Kind gerichtet. ...
Ich besprach mich viel mit Joachim, während wir unser Schach spielten; Joachim unterrichtete mich über das Medizinische, was bekanntlich kein Problem ist, dann über das Juristische, bekanntlich auch kein Problem, wenn man sich die erforderlichen Gutachten zu verschaffen weiß, und dann stopfte er seine Pfeife, Blick auf unser Schach, denn Joachim war grundsätzlich gegen Ratschläge. ...
Ich meldete Hanna, dass alles kein Problem ist.“
Max Frisch,
„Homo Faber“
16
2 Die Ausgangslage
Im Gegensatz zur Beratung von Frauen, die ab den 1970er Jahren in Deutschland stark durch die Frauenbewegung und der sich entwickelnden Frauenforschung beeinflusst wurde, gab es bei den Männern erst ab Mitte der 1980er Jahre neue Impulse. 22 Angestoßen durch die Frauenbewegung, entstanden bereits damals Frauenzentren, in denen neben politischer Arbeit auch Hilfe, Unterstützung und Beratung von Frauen für Frauen angeboten wurde. Besonders die feministische Forschung setzte sich mit den Problemlagen von Frauen in der patriarchalen Gesellschaft auseinander und trug dadurch auch zu einer Weiterentwicklung der Frauenberatung bei. 23
Ausnahme bildet als Männerbewegung die Schwulenbewegung, die aufgrund ihrer Ausgrenzung im patriarchalen System eine eigene Dynamik entwickelte. Hier gab es bereits in den 80er Jahren soziale Beratungsangebote, die vor allem durch die HIV / Aids Problematik entstanden und sich hauptsächlich damit auseinander setzten. 24
Die Ausgangslage zu einer Arbeit über Beratung von Männern zeigt bereits bei einer Annäherung an das Thema und einem Überblick über die Literatur, dass es bei der Arbeit mit Männern und bei der Forschung über sie Nachholbedarf gibt. 25 Dieser ergibt sich aus dem
22 Vgl. Winter / Willems 1991.
23 Vgl. Sickendiek / Engel / Nestmann 2002, S. 74-77.
24 Vgl. Connell 2000a, S. 240.
25 Vgl. Tölke / Hank 2005, Döge / Meuser 2001, S. 7-9 und Bründel / Hurrelmann 1999, S. 7-8.
17
Umstand, dass sich erst durch die Emanzipationsbewegung der Frauen eine Männerforschung als sozialwissenschaftliche Disziplin gebildet hat. Durch die feministische Frauenbewegung etablierte sich zuerst die Frauenforschung. Doch bei der Auseinandersetzung mit den Lebenswelten der Frauen durch Frauen ergab sich zwangsläufig auch die Beschäftigung mit den Lebenswelten der Männer, woraus sich die feministische Männerforschung entwickelte. 26 Dadurch angeregt, kritisiert und unter Druck gesetzt, kamen die Männer in Bewegung. Die Forderung der Frauen nach einer Änderung der Männer wird dadurch verstärkt, dass es ohne diese auch zu einer Beeinträchtigung der Entwicklung der Frauen kommt. 27
Zulehner nennt neben der Reaktion der Männer auf die Frauenbewegung, die auch die Form der Verteidigung des Patriarchats mit einschließt, einen weiteren Zugang zur Entwicklung der Männerforschung. Er sieht die Suche nach einer neuen Männlichkeit im Interesse der Männer an einer eigenen Selbstverwirklichung begründet. Dieses resultiert aus dem Gefühl, dass das Leben in modernen Gesellschaften für Männer nicht stimmt und verarmt. 28
Durch diese Zugänge und die Positionen, die Männer dazu einnehmen, haben sich neben der feministischen Männerforschung verschiedene Richtungen herausgebildet. Diese Entwicklung begann in Nordamerika, wo sich neben der maskulinistischen die antisexistische Männer-forschung entwickelte und wurde erst mit einer Verspätung von zwei Jahrzehnten in Europa fortgeführt und weiterentwickelt. Im deutschsprachigen Raum entwickelte sich eine neuere kritische Männerforschung, der
26 Vgl. Engelfried 1997, S. 40-45.
27 Vgl. Zulehner / Volz, 1999, S. 15.
28 Vgl. Zulehner 2004, S. 5.
18
eine ganzheitliche Perspektive der Männlichkeit zugrunde liegt. Böhnisch / Winter bezeichnen diese als eine von Männern betriebene Sozialwissenschaft, die anthropologische, psychische, ökonomische, soziale und kulturelle Bedingungen berücksichtigt. Ziel ist ein anderes Mannsein, dass sich nicht auf Abwertung und Unterdrückung von Frauen und Schwächeren gründet. 29
Im Zuge der fortschreitenden Männerforschung entwickelte sich in den letzten Jahren auch die Männerarbeit und mit ihr die Männerberatung weiter. Der Hauptschwerpunkt von Beratung zu männlichen
Problemlagen ist allerdings die Arbeit mit Tätern und Opfern von Gewalt. 30 Ein Beratungsnetz für Männer, welches sich mit ihren geschlechtsspezifischen männlichen Problemen befasst, ist (noch) nicht vorhanden. 31 Dadurch fehlt es auch an einer klaren Definition und einem einheitlichen Verständnis, was unter Männerberatung zu verstehen ist. Connell kritisiert hierzu auch die vorliegenden wissenschaftlichen Beiträge zur Männer-forschung. Er sieht eine Begrenzung der Männerarbeit durch die begrenzte Verwertbarkeit der Theorie gegeben. 32
29 Vgl. Böhnisch / Winter 1997, S. 9.
30 Vgl. zur Arbeit mit männlichen Tätern und Opfern: Lenz 2000 und Zimmermann u.a.2001.
31 Vgl. Lenz 2000, S. 7.
32 Vgl. Connell 2000b, S. 26-28.
19
„Beim Wiederlesen von Lorenz wurde mir klar, warum vernünftige Menschen dazu neigten, entsetzt die Hände über den Kopf zusammenzuschlagen: zu leugnen, dass es so etwas wie eine menschliche Natur gab, und zu betonen, dass alles erlernt werden müsse! ‚Genetischer Determinismus’, empfanden sie, bedrohe alle liberalen, menschlichen und demokratischen Impulse, an denen das Abendland noch festhielt. Sie erkannten ebenfalls, dass man mit Instinkten nicht wählerisch sein konnte: man musste sie nehmen, wie sie kamen. Man konnte nicht Venus in das Pantheon einlassen und vor Mars die Tür verriegeln. Und sobald man ‚Kämpfen’, ‚territoriales Verhalten’ und ‚Rangordnung’ aufgriff, saß man gleich wieder im Sumpf der Reaktion des neunzehnten Jahrhunderts.“
Bruce Chatwin
„Traumpfade“
20
3 Soziobiologie versus Soziologie?
Die Einbeziehung soziobiologischer / evolutionstheoretischer Erkenntnisse macht wegen des Diskurses zwischen Natur- und Sozialwissenschaften eine Erklärung nötig. 33 Zimmermann bemerkt in seinen Erörterungen zur Sozialisation, dass jede Sozialisations-theorie den Mensch als biologisches Wesen berücksichtigen muss. 34 Er beschreibt auch die Entwicklung der Persönlichkeit als interaktiven Prozess zwischen Mensch und Umwelt und bezieht die Faktoren Organismus / Psyche und Gesellschaft ein. 35 Aber die Entwicklung der Persönlichkeitsmerkmale sieht er (nur) unter dem Aspekt des Austausches mit anderen Menschen, durch die Aneignung von Erfahrungen und Wissen gegeben. 36
Die Problematik einer Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften greift auch Böhnisch, der die Kategorie Geschlecht als eine sozialwissenschaftliche Herausforderung sieht, auf: „... das Verhältnis der Geschlechter ist soziologisch nur bedingt erklärbar, da es sich auch aus einer Angewiesenheit aufeinander heraus konstituiert, die in der menschlichen Natur wurzelt.“ 37
Wuketits, ein Soziobiologe der bereits mehrfach den Brückenschlag zu den Sozialwissenschaften anstrebte stellt fest, dass die Trennung von biologisch und sozial
33 Vgl. zu diesem Thema: Deutsches Institut für Fernstudien an der Universität Tübingen (DIFF) 1990, Chodorow 1994, Connell 2000, Zimmermann 2003, Popp 2004.
34 Vgl. Zimmermann 2003, S. 13.
35 Ebenda S. 17.
36 Ebenda S. 18.
37 Böhnisch 2004, S. 20.
21
unnötig ist, da der Mensch von Natur aus ein soziales Wesen ist und eine biosoziale Einheit bildet. 38 Er beschreibt die Soziobiologie unter anderem wie folgt: „Untersuchung der biologischen Grundlagen sozialen Verhaltens (Gruppenbildung zum Zweck der Fitness-Maximierung) auf evolutionstheoretischer Basis“. 39 Aus dieser Sicht wäre es ein Defizit bei der Beurteilung einer Beratung für Männer, wenn eine Wissenschaft, die sich mit der Frage des menschlichen Verhaltens und so auch mit der des Mannwerdens und Mannseins beschäftigt und einen Zugang dazu ermöglichen kann, nicht mit heranzuziehen. Hierzu Wuketits: „Es wäre daher töricht, den Menschen ohne Rückbezug auf seine biologische Organisation verstehen zu wollen. Ohne die Bio-Evolution zu begreifen, kann sich niemand anmaßen, die wahre Natur des Menschen erklären zu können.“ 40
Beratung als Handlungsfeld der Sozialarbeit beschäftigt sich vorwiegend mit den Problemen von einzelnen Menschen oder Gruppen mit ihrer sozialen Umwelt und muss daher lebensweltorientiert sein. 41 Sie wird also ständig mit dem menschlichen Verhalten und den daraus entstehenden Problemen in der Interaktion mit der Umwelt konfrontiert. Für dieses Verhalten gibt es zahlreiche psychologische und sozialisationstheoretische Erklärungen.
Die Soziobiologie versucht menschliches Verhalten an-hand evolutionärer, sowohl biologischer wie kultureller, Entwicklung zu beschreiben und beschäftigt sich daher auch mit den Geschlechterrollen. 42
38 Vgl. Wuketits 1997, S. 138-142.
39 Ebenda, S. 189.
40 Wuketits 1989, S. 152.
41 Vgl. Sickendiek / Engel / Nestmann 2002, S. 17-18.
42 Vgl. zur vertiefenden Auseinandersetzung mit der Soziobiologie: Wuketits 2002.
22
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