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Seit ihrer "Unabhängigkeitserklärung" vor etwa einem Jahrhundert haben die Komparatisten verzweifelt nach einer umfassenden Theorie gesucht._ Die folgenden Überlegungen mögen als Versuch aufgefasst werden, einige Ideen und Modelle, die in Deutschland nach dem letzten Weltkrieg entworfen wurden, auf ihre Tauglichkeit für eine solche Theorie zu untersuchen, zumindest für eine Basis, auf der eine solche Theorie zu errichten wäre.
Für jegliche Art von Vergleich brauchen wir Konstanten als Vergleichsmaßstäbe für die Beobachtung von Variationen. Dies trifft natürlich besonders für die Vergleichende Literaturwissenschaft zu, eine Disziplin, die das Vergleichen zu ihrem Grundprinzip gemacht hat. - Derartige Konstanten können entweder konkrete Werke sein, die als "Modelle" dienen (z.B. Dantes Divina Comedia oder Goethes Faust), oder auch literarische Konventionen verschiedenster Art (Themen, Motive, Topoi, Stilarten etc.). Als Konstante kann jedoch auch etwas dienen, das sich zwischen konkreten Modellen und allgemeinen Konventionen hält: literarische Gattungen. In den meisten Fällen, wenn wir meinen, einen direkten Einfluss von einem spezifischen Werk auf andere Literaturen zu beobachten, untersuchen wir in Wirklichkeit den Einfluss von einigen exemplarischen (und aus was immer für Gründen eindrucksvollen) Zügen dieses Werks. Das Vorbild kann niemals in seiner ganzen, vielfältigen und einmaligen Textur einen Einfluss über die Sprachgrenzen ausüben. Nur die Züge, die tatsächlich "übersetzbar" sind, können einen Impakt haben, und unter diesen wiederum nur jene, welche den Bedürfnissen und dem Verständnis der Empfänger entgegenkommen. Im Übertragungsprozess von einer Sprache zur anderen können sich sowohl formale wie inhaltliche Züge entscheidend verändern. Dieser Vorgang ähnelt in seinem halb-abstrakten Charakter stark unserer Beobachtung
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literarischer Gattungen. Denn woran denken wir, wenn wir etwa den Einfluss des "petrarchischen Sonetts" über die Grenzen Europas oder die Wirkung der englischen "Gespensterballade" auf die deutschen Sturm und Drang-Dichter verfolgen? - Wir denken an relativ allgemeine formale und/oder gehaltliche Eigenschaften, die sich auf so viele Weisen ausprägen können. Vom Standpunkt des Komparatisten haben exemplarische Werke (also solche, die in einer oder anderer Form nachgeahmt werden) eine Wirkung, die der der literarischer Gattungen ähnelt. Methodologisch besteht kein allzu großer Unterschied beispielsweise zwischen der Untersuchung einer Nachahmung von Goethes Werther aus der frühen Meiji-Zeit und einer Analyse des Briefromans mit tragischem Ende im allgemeinen.
Wenn wir uns allerdings auf das Verfolgen von Motiven über Sprachgrenzen hinweg beschränken, brauchen wir keine Gattungstheorie 3 . Wenn wir jedoch beanspruchen, literarische Werke nicht nur als philosophische Dokumente sondern als Kunstwerke zu betrachten, dann müssen wir diese in ihrer jeweils besonderen Verbindung von Sprachform und emotionalem oder geistigem Gehalt sehen, selbst wenn diese Verbindung sich von Sprache zu Sprache anders darstellt. Gattungsbegriffe zielen auf relativ konstante Faktoren in solchen Verbindungen. (Wie das geschieht, untersucht die sogen. "Schichtenpoetik".) Gattungsbegriffe sind deshalb unverzichtbar für die Komparatistik. Gebraucht wird eine Abklärung des Chaos von Begriffen und zugehörigen Vorstellungen, das sich hier eingebürgert hat. Es gibt zwei Arten der Beschäftigung mit literarischen Gattungen vom komparatistischen Gesichtspunkt her: die historische und die systematische. Die erstere bezieht ihre Klassifikationskriterien direkt von der historischen Entwicklung der Gattungen, ohne allzu viel Rücksicht auf logische und psychologische Konsistenz; die zweite projiziert auf die Vielzahl historisch entwickelter Formen ihr eigenes
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Klassifikationssystem. Dieses leitet sie aus theoretischen Überlegungen darüber ab, was Literatur leisten kann. Selbstverständlich kann nur in historisch entwickelten Formen untersucht werden, was Literatur leisten und wie sie aussehen kann. Man ignoriert jedoch im zweiten Fall für eine Weile die bereits existierenden Bezeichnungen. Beide Zugänge zu den Gattungen ergänzen sich jedoch. Einer kann nicht ohne den anderen existieren. Sie korrigieren sich auch fortwährend. In der vergleichenden Untersuchung literarischer Gattungen verbinden wir immer beide Methoden, ohne uns dessen immer bewusst zu sein: die bloße Betrachtung der Entwicklung einer Gattung (z.B. des Epos von seinen hauptsächlich heroischen Anfängen zu seinen späteren lyrischen und philosophischen Ausformungen) geht davon aus, dass
Gattungsbezeichnungen nicht konstante Eigenschaften verbürgen, weder über die Jahrhunderte noch über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Unter den "universalen" und "synthetischen" Systemen von
Gattungsunterscheidungen sollte die "Fundamentalpoetik" neu auf ihre Nützlichkeit für die Theorie der Komparatistik untersucht werden. 4 _ Diese Methode wurde 1946 von Emil Staiger 5 eingeführt_, wegen des Erfolgs der "soziologischen" Methode_ jedoch bald wieder vergessen. In modifizierter Form könnte sie sehr wohl neben der letzteren existieren und diese sogar ergänzen.
Fundamentalpoetik ist zugleich Analyse und Vergleich "synthetischer" Systeme der Gattungseinteilung, also vom konkreten literarischen Werk mehrfach entfernt und in diesem Sinne durchaus "Meta-Kritik". Sie versucht jedoch auch, die historische und systematische Betrachtungsweise zu versöhnen, indem sie einen theoretischen Rahmen schafft, welcher uns die empirischen Gattungen besser verstehen lässt. Da wir in der Komparatistik Bedeutungsverschiebungen der gebräuchlichen Gattungsbezeichnungen sogar noch öfter erleben als in den nationalen Literaturwissenschaften, brauchen wir
Arbeit zitieren:
Dr. Wolfgang Ruttkowski, 2000, Hat die Fundamentalpoetik wirklich ausgespielt? Anwendungen für eine Theorie der Komparatistik, München, GRIN Verlag GmbH
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