Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Sprachgeschichte des Berlinischen 5
3. Berlinisch in der Stadtsprachenforschung 8
4. Besonderheiten im Berliner Lexikon 11
5. Phonetische und grammatische Besonderheiten im Berlinischen 14
6. Spracheinstellungen gegenüber dem Berlinischen 17
7. Eine Stadt zwei Sprachen 20
8. Schlussbetrachtung 22
9. Literaturverzeichnis 25
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1. Einleitung
Viele verbinden mit dem Berlinischen typische Wörter wie „Schrippe“, „Molle“ oder „Bulette“, aber auch grammatische Besonderheiten wie die Verwechslung von Dativ und Akkusativ. Darüber hinaus lassen sich eine Reihe von Lautmerkmalen ausmachen, die in dem Spruch „Icke, dette, kieke mal, Oogen, Fleesch und Beene“ zusammenge- fasst sind. Heutzutage wird die Mundart nicht nur von einem Großteil der 3,4 Millionen Berlinern benutzt, sondern ist weit bis ins Land Brandenburg verbreitet. Im Sinne einer Arbeitsdefinition lässt sich Berlinisch daher als Sprache der im Berliner Raum Aufge- wachsenen charakterisieren, welche auf allen sprachlichen Ebenen regelmäßig vom Standard abweicht. Doch worin bestehen die lexikalischen, phonetischen, syntaktischen und pragmatischen Unterschiede? Von welchen Parametern hängt die Dialekttiefe eines Sprechers ab? Und wie hat sich die ost- bzw. westberliner Kommunikationsgemein- schaft im Zuge des Wiedervereinigungsprozesses verhalten? Diese und weitere Fragen sollen in der vorliegenden Hausarbeit insbesondere mit Blick auf das Verhältnis zwi- schen Sprache und sozialer Struktur beantwortet werden. Denn anders als in ländlichen Gebieten bestehen in der Großstadt erhebliche Unterschiede zwischen den individuellen Bedürfnissen, Lebensbedingungen und Lebensformen der Einwohner. Sprachliche Ent- wicklungen stehen in einem engen Zusammenhang mit den jeweiligen sozioökonomi- schen Verhältnissen, so dass auch das Berlinische seit jeher verschiedenen Bewertun- gen, Einflüssen und Gebrauchsnormen unterliegt. Besonders deutlich traten diese Diffe- renzen nach 1989 zu Tage, als die langjährig voneinander getrennten Ost- und Westber- liner nicht nur politisch, sondern auch sprachlich „wiedervereinigt“ wurden.
Um den heutigen Stand des Berlinischen nachvollziehen zu können, soll zunächst ein kurzer Überblick über dessen Sprachgeschichte gegeben werden. Immerhin handelt es sich bei der Mundart um eine heterogene Sprachform, die sich aus einer Vielzahl von koexistierenden Varietäten zusammensetzt. Weiterhin wird betrachtet, warum es zu einer schichtabhängigen Trennung zwischen dem Gebrauch der Standardsprache und des Berlinischen kam, die noch Ende des 20. Jahrhunderts nachgewiesen werden konn- te. Im dritten Kapitel steht der Forschungsstand im Mittelpunkt - beginnend mit lexika- lischen Untersuchungen zu Beginn des Kaiserreichs, bis hin zu Arbeiten mit pragmati- schem bzw. soziolinguistischem Hintergrund seit 1980. Dabei ist auffällig, dass sich in
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erster Linie Linguisten mit dem Phänomen der sprachlichen Heterogenität der Städte beschäftigten. Nach dem Aufschwung der Stadtsprachenforschung in den USA im let- zen Drittel des 20. Jahrhunderts sahen diese „gerade die Stadt, vor allem eine Großstadt und insbesondere jede Hauptstadt [als] ein besonders interessantes Untersuchungsfeld“ 1 an. Demgegenüber hielten Dialektologen Stadtsprachen für eine willkürliche Mischung aus verschiedenen Varietäten und klammerten sie lange Zeit aus der Betrachtung aus, obwohl sie sich aufgrund ihres Forschungsansatzes mit ihnen hätten auseinandersetzen müssen. Kapitel vier und fünf gehen weiter ins Detail und fassen die lexikalischen, pho- netischen sowie grammatischen Besonderheiten des Berlinischen zusammen. Hier soll unter anderem geklärt werden, welche Bedeutung berlintypische Lexeme für einzelne Sprechergruppen haben und ob sich sprachliche Wandlungen trotz der jahrelangen Trennung der beiden Stadthälften gleichermaßen in Ost und West nachweisen lassen. Dabei wird auch auf die sogenannte „Berliner Schnauze“ eingegangen, einer der lokalen Sprachvarietät nachgesagten Mischung aus Witz, Humor und Schlagfertigkeit.
Nachdem das Berlinische damit auf allen grundlegenden sprachlichen Ebenen charakte- risiert worden ist, sollen ferner Spracheinstellungen von Ost- und Westberlinern Beach- tung finden. Immerhin ist Sprache aus soziolinguistischer Sicht nicht nur Träger von Informationsinhalten, sondern zeigt gleichzeitig die gesellschaftliche Stellung des Spre- chers und seine Beziehung zu den Gesprächspartnern an. Sprecher und Hörer besitzen demnach bestimmte Grundhaltungen gegenüber Varietäten, die in erster Linie von der eigenen Biographie, der regionalen Herkunft, der sozialen Zugehörigkeit bzw. der eige- nen Sprachkompetenz abhängen. Bevor die wichtigsten Untersuchungsergebnisse ab- schließend noch einmal zusammengefasst werden, soll ein letztes Kapitel klären, worin sich jene Spracheinstellungen manifestieren bzw. wie sie im Zuge des Wiedervereini- gungsprozesses zur Annäherung bzw. Abgrenzung der ost- und westberliner Kommuni- kationsgemeinschaft beigetragen haben. Gleichzeitig wird danach zu fragen sein, in welcher Richtung Ausgleichs- oder Anpassungsprozesse stattgefunden haben und ob auch heute noch deutliche Unterschiede im Gebrauch und der Bewertung des Berlini- schen existieren. Dabei mussten sprachliche Einflüsse der Zugezogenen aus dem In- bzw. Ausland weitestgehend unberücksichtigt bleiben, um das relativ komplexe Thema in einem überschaubaren Rahmen abhandeln zu können.
1 Beneke 1989, S. 22.
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2. Sprachgeschichte des Berlinischen
Obwohl das Land zwischen Elbe und Oder seit dem Ende des 6. Jahrhunderts von sla- wischen Stämmen besiedelt wurde, liegen die Anfänge der Stadt Berlin erst in der Zeit nach 1200. Mit dem Aufstieg der Askanier als Markgrafen in Brandenburg ließen sich hier Kolonisten aus oberdeutschen Gebieten, der Vorharzgegend und vom Niederrhein nieder. In dieser Zeit muss auch die Doppelstadt Berlin/Cölln gegründet worden sein, welche erstmals 1237 urkundlich erwähnt wird. Dabei kann über die vorherrschende lokale Sprachvarietät lediglich spekuliert werden, da Schallplatten- oder Tonbandauf- nahmen erst für das 20. Jahrhundert vorliegen und schriftliche Überlieferungen von un- terschiedlicher Qualität sind. Sicher ist, dass es Mitte des 14. Jahrhunderts zu einer Fes- tigung des Niederdeutschen kam, als Berlin Mitglied der Hanse wurde und einen ersten wirtschaftlichen und politischen Aufschwung erlebte. Verbunden mit dem hohen Anse- hen der Hansesprache verdrängte Niederdeutsch zunehmend das Lateinische und wurde in den Stadtkanzleien bis ins 15. Jahrhundert zur einzigen Schriftsprache. Selbst mit dem Regierungsantritt der Hohenzollern und dem Bedeutungszuwachs des Hochdeut- schen um 1500 blieb es Grundlage der gesprochenen Sprache. 2
Abb. 1: Dialektgliederung Nord- und Mitteldeutschlands (Aus: Schlobinski 1987, S. 8)
2 Vgl. Butz 1988, S. 4-14.
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Der für die Sprachentwicklung des Berlinischen entscheidende Einschnitt ist im Nie- dergang der Hanse zu suchen, die ab dem 16. Jahrhundert an Bedeutung verlor. Nun löste die Aufnahme von Handelsbeziehungen zu Städten des ostmitteldeutschen Sprachgebietes - insbesondere zu Meißen, Dresden und Leipzig - erneute Sprachwan- delprozesse aus. Die Berliner begannen, sich an der Meißnischen Mundart bzw. der dort gebräuchlichen Schriftsprache zu orientieren, weil diese in der Bibelübersetzung Lu- thers kodifiziert war. Infolgedessen entstand eine Mischung aus niederdeutschem Dia- lekt, hochdeutscher Schriftsprache und obersächsischer Umgangssprache (vgl. Abb. 1). Diese Frühform des Berlinischen gewann derart an Prestige, dass es zur Alltagssprache der Oberschichten avancierte, während Niederdeutsch fast nur noch von den unteren Schichten gesprochen wurde. Mit der Expansion Berlins sowie der Bevölkerungspolitik des Großen Kurfürsten Ende des 17. Jahrhunderts strömten immer mehr Menschen in die Metropole. Den Hauptteil machten Brandenburger, Ostpreußen, Schlesier sowie Sachsen aus, nicht zuletzt aber Hugenotten und Juden, deren Sprachen wiederum Ein- fluss auf das Berlinische nahmen. 3 Ende des 18. Jahrhunderts kam es erstmals zu einem rückläufigen Gebrauch der Mund- art: Mit Konsolidierung der überregionalen Schriftsprache setzte gleichzeitig die Stan- dardisierung der gesprochenen Sprache ein, was zu einer immer deutlicheren Trennung zwischen Hochdeutschem und Berlinischem führte. Folglich distanzierten sich die obe- ren Schichten zunehmend von der lokalen Sprachvarietät und bewerteten diese als we- nig prestigebesetzt bzw. fehlerhaft. Andererseits erhöhte sich durch die Industrialisie- rung, die Bevölkerungsexplosion und die Zuwanderung von Menschen aus unteren Schichten, der Kreis derjenigen, die die Stadtsprache benutzten. Sie bekam bald ein so hohes Ansehen, dass sich selbst Besucher und Gastarbeiter grundlegende Bestandteile aneigneten und in ihr Sprachrepertoire aufnahmen. Dadurch verbreitete sich das Berlini- sche seit Mitte des 19. Jahrhunderts über die Stadtgrenze hinaus in die umliegenden Gebiete. 4 Nachdem Berlin 1871 Hauptstadt des Deutschen Reiches und damit zum kulturellen und geistigen Zentrum geworden war, stieg der Einfluss der lokalen Sprachvarietät wei- ter an. Mit dem Fortschreiten der Industrialisierung zählte die Stadt um 1900 bereits zwei Millionen Einwohner, von denen 50 bis 60% der Unterschicht angehörten. Die 3 Vgl. ebd., S. 15-26.
4 Vgl. ebd., S. 27f.
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dadurch hervorgerufenen sozialen Gegensätze wirkten sich ebenfalls auf den Sprach- gebrauch aus: Berlinisch wurde zu einem „Stempel sozialer Klassenlage, zum Jargon der Arbeiter“ 5 , was die schichtabhängige Trennung zwischen Standardsprache und loka- ler Sprachvarietät weiter verschärfte. Inzwischen galt der Gebrauch der Mundart näm- lich als Zeichen von geringer Bildung und signalisierte die Zugehörigkeit zur Unter- schicht. Einen weiteren beträchtlichen Wandel in der Bevölkerungsstruktur gab es 1920 durch die Vereinigung von Umlandstädten und -gemeinden zu Groß-Berlin. Durch die erheblichen Unterschiede in der Wirtschafts- und Sozialstruktur standen nun Orte mit überwiegend landwirtschaftlicher Struktur großindustriell geprägten Stadtteilen sowie Arbeiterdörfern Villenviertel gegenüber. Daraus ergaben sich wiederum unterschiedli- che Benutzungsgewohnheiten der lokalen Sprachvarietät: Während man in gutsituierten Kreisen weiterhin ein der Standardsprache näher stehendes Berlinisch wählte als in Ar- beitervierteln, hielt die ländliche Bevölkerung der Vororte noch stärker an der Mundart fest. 6
Abb. 2: Ost- und Westberliner Bezirke nach der Teilung (Aus: Schlobinski 1987, S. 10)
Erst die Zerstörung der Stadtteile im Zweiten Weltkrieg sowie der umfangreiche Zuzug von Flüchtlingen aus den Ostgebieten führten zu einer Nivellierung des Berlinischen. Mit Gründung der BRD und DDR sowie der Teilung Berlins zerfiel die historisch ge-
5 Schlobinski 1987, S. 9.
6 Vgl. Butz 1988, S. 28-33.
Arbeit zitieren:
Marius Lange, 2005, „Icke, dette, kieke mal“ - Berlinisch aus soziolinguistischer Perspektive, München, GRIN Verlag GmbH
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