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Seminartitel: Soziale Wahrnehmung und Medien WS 2001/2002
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Vorgelegt von: Aurélie Cahen
Hauptfach, 5. Semester Abgabe am: 01.07.02
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1.1 Die „Illusion“ 4 1.2. „So-tun-als-ob“ 6
1.3. „sich hineinversetzen“ 8
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2.1. Der „Medienfreund“ 11 2.2. Empirische Ergebnisse 15 6FKOX
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Der Begriff „ parasoziale Interaktion“ wurde von den amerikanischen Psychiatern 'RQDOG +RUWRQ und 5LFKDUG 5 :RKO geprägt. +RUWRQ und :RKO untersuchten in den 50er
Jahren den Umgang des Rezipienten mit den sich rasch verbreitenden Massenmedien Radio, Fernsehen und Kino. Wichtig war ihnen dabei vor allem die Frage, welche psychischen Prozesse bei der Rezeption ablaufen. In ihrem 1956 veröffentlichten Aufsatz 0DVV FRPPXQLFDWLRQ DQG SDUDVRFLDO LQWHUDFWLRQ 2EVHUYDWLRQ RQ LQWLPDF\ DW D GLVWDQFH
(Horton/Wohl, 1956), beschreiben sie das Phänomen, das Zuschauer gegenüber den Personen auf dem Bildschirm in ähnlicher Weise reagieren, wie in zwischenmenschlichen Interaktionsprozessen: Sie verhalten sich so, als ob sie von ihnen persönlich angesprochen seien. 1 Diese simulierte Interaktion nennen sie „ parasoziale Interaktion“ . Mit diesem Konzept lehnten +RUWRQund :RKOdie damals verbreitete Vorstellung von Zuhörern bzw. Zuschauern
als passive Beobachter des Geschehens ab und verwarfen Rezeptionsmodelle, die die Massenmedien in Analogie zu Träumen und Phantasien interpretieren. 1957 folgte eine Arbeit von +RUWRQ und 6WUDXVV, in welcher die anfängliche Idee weiter entwickelt und präzisiert
wurde. Dennoch blieben einige Aspekte des ursprünglichen Konzepts unklar, was leider dazu führte, daß dieses Konzept in der Vergangenheit häufig mißverstanden wurde und lange Zeit ein „ Schattendasein“ in der Kommunikationswissenschaft führte (Mikos, 1996, S. 97). Die geringe Beachtung, die dieses Konzept in der Kommunikationswissenschaft erfuhr, kann zudem darauf zurückgeführt werden, daß sich die Forschung zur interpersonalen Kommunikation und die Massenkommunikationsforschung zunächst als zwei mehr oder weniger voneinander getrennte Disziplinen mit unterschiedlich theoretischen Hintergründen und Forschungsschwerpunkten entwickelt haben (Frey, 1996, S. 145). Nachdem aber die Massenkommunikationsforschung sich Jahrzehnte vordergründig mit der Frage beschäftigt hatte, ob Medien Einstellungs- und somit auch Verhaltensänderungen bewirken könnten, rückte in den letzten Jahren immer mehr die Frage in den Vordergrund, wie die Zuschauer mit dem Fernsehen umgehen und welche psychischen, sozialen und emotionalen Prozesse bei der Rezeption ablaufen. Auf der Suche nach neuen Erklärungsansätzen, u.a. auch für den großen Erfolg von Sendeformen wie „ game shows“ , „ soap operas“ oder „ talk shows“ , wurde das Konzept der „ parasozialen Interaktion“ wiederentdeckt und die Forschungen in diesem Bereich vorangetrieben. Der 1996 erschienene Band Ä)HUQVHKHQ DOV Ã%H]LHKXQJVNLVWH¶ 3DUDVR]LDOH %H]LHKXQJHQ XQG ,QWHUDNWLRQHQ PLW 793HUVRQHQ³ (Vorderer, 1996) gibt einen
1 Tatsächlich bezogen sich Horton und Wohl auf die Medien Radio, Fernsehen und Film (Horton/Wohl), 1956, S. 215) später wurde ihr Konzept jedoch hauptsächlich mit dem Medium Fernsehen in Verbindung gebracht..
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Überblick über die aktuellen Forschungsergebnisse. Diese Arbeit versucht, anhand dieses Buches, einige Unklarheiten des ursprünglichen Konzeptes aufzuklären. Zunächst wird im ersten Kapitel versucht, den Begriff „ parasoziale Interaktion“ genauer zu definieren und zu klären, wie es zu parasozialer Interaktion kommen kann und ob es dazu einer Adressierung an die Zuschauer bedarf. Das zweite Kapitel dieser Arbeit beschäftigt sich mit parasozialen Beziehungen, die sich aus vorangegangener parasozialer Interaktion ergeben können und versucht zu klären, welchen Stellenwert diese Beziehungen im realen sozialen Gefüge haben und ob der Zuschauer über das Erleben von medial vermittelten Beziehungen zu Fernsehfiguren soziale Mangelgefühle kompensieren können.
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1.1. Die ,,Illusion"
Die amerikanischen Psychiater +RUWRQ und :RKO hatten beobachtet, daß sich Zuschauer
gegenüber den Personen auf dem Bildschirm nicht nur distanziert beobachtend verhalten, sondern auf sie reagieren: Die Rezeption sei häufig nicht nur von mimischen oder anderen nonverbalen Kommunikationsformen begleitet, sondern auch von verbalen Äußerungen: „ This simulation of conversational give and take may be called parasocial interaction” (Horton/Wohl, 1956, S. 215).
In der Arbeit von Horton und Wohl fehlt allerdings eine genauere Definition des Begriffs „ parasoziale Interaktion“ . Im allgemeinen weist der Begriff „ Interaktion“ auf Prozesse der ,,Wechselbeziehung bzw. Wechselwirkung zwischen zwei oder mehreren Größen" (Graumann, 1972) hin. „ Soziale Interaktionen“ können also als ein wechselseitiges Geschehen zwischen mindestens zwei Personen, die sich gegenseitig wahrnehmen, sich aneinander orientieren und aufeinander reagieren, definiert werden. Diese Definition von Interaktion bezieht sich eindeutig auf die interpersonale Kommunikation. Diese unterscheidet sich jedoch deutlich von der massenmedial vermittelten Kommunikation: Während sich die Individualkommunikation an ein bestimmtes, unmittelbar anwesendes Individuum richtet, richtet sich die Massenkommunikation an ein, tendenziell beliebiges, räumlich entferntes und disperses Publikum. Der wichtigste Unterschied liegt allerdings darin, daß die massenmedial vermittelte Kommunikation, aufgrund der technischen Gegebenheiten, im Gegensatz zu interpersonaler Kommunikation nicht wechselseitig, sondern einseitig ist. Die Zuschauer sind
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auf eine „ Beobachterrolle“ begrenzt und haben nur keine Antwortmöglichkeit und kein Einfluß auf den Ablauf des Geschehens. Der Begriff „ soziale Interaktion“ scheint daher auf eine Interaktion zwischen Zuschauern und Fernsehfiguren nicht anwendbar zu sein. Doch im Zusammenhang mit der Vorsilbe ,,para-" bekommt soziale Interaktion eine ganz andere Dimension. Die Vorsilbe ,,para-" stammt aus dem Griechischen und bedeutet sowohl „ bei, neben" als auch „ gegen, abweichend“ . Der von +RUWRQ und :RKO zum ersten Mal verwendete
Begriff „ parasoziale Interaktion“ weist somit eine vielschichtige Bedeutung auf. Der Impuls, der zur Entstehung des Begriffs geführt habe, sei nach Angaben des Medienwissenschaftlers +DQV :XOII eben diese Zweideutigkeit, die das Präfix impliziert. Man spreche deshalb von
parasozialer Interaktion, da:
,,das, was zwischen abgebildeten Personen und uns geschieht, dem ähnelt, was sich im täglichen Leben zwischen uns und realen Personen ereignet, und sich zugleich fundamental von jenem unterscheidet" (Wulff, 1996, S. 31) Ausgangshypothese von +RUWRQ und :RKO ist, daß das von ihnen beobachtete
Rezeptionsphänomen durch eine „ Illusion“ entstehe: Das Fernsehen vermittle dem Zuschauer die „ Illusion“ eines Face-to-Face-Kontakts zu Fernsehpersonen (Horton/Wohl, 1956, S. 215). Um diese „ Illusion“ zu erklären, läßt sich zunächst feststellen, daß das Fernsehen als ein an Reizen reichhaltiges Medium bezeichnet werden kann. Die Reizgegebenheit „ Fernsehen“ besteht aus bunten und vor allem bewegten Bildern sowie akustischen Signalen. Dies ermöglicht dem Zuschauer eine mehrmodale Wahrnehmung über das Auge und das Gehör. Zudem bietet das Fernsehen ein sehr detailreiches und wirklichkeitsnahes Abbild der Realität. Durch die bewegten Bilder ist der Zuschauer zudem in der Lage, nonverbale Hinweisreize (Mimik, Gestik, Körperhaltung, etc.) von Personen wahrzunehmen. Aus der interpersonalen Kommunikationsforschung ist seit langem bekannt, daß diesen Hinweisreizen eine zentrale Bedeutung für die Eindrucksbildung, die sozialen Beziehungen und die Regulation der Interaktion zukommt. Nahaufnahmen - wie dies z.B. bei Nachrichtensprechern meist der Fall ist - führen außerdem dazu, daß die wahrgenommene Nähe zur Fernsehfigur die Illusion eines Face-to-Face-Kontakts zusätzlich forciert (Hall, 1976). Dieser „ wahrnehmungspsychologische“ Erklärungsansatz reicht jedoch nicht aus, um das Phänomen der parasozialen Interaktion zu erklären. Denn trotz der unbestreitbaren „ illusionistischen“ Kapazität des Fernsehens sind sich die meisten Fernsehzuschauer selbst bei starkem Involvement stets des Unterschiedes zwischen Realität und Fiktion bewußt (Keppler, 1996, S. 24). Deshalb sollte der Begriff „ Illusion“ nicht in der Weise mißverstanden werden, „ daß das Publikum sich etwas einbildet, was nicht da ist“ (Hippel, 1993, S. 130). Bei diesem Rezeptionsphänomen handelt es sich keinesfalls um eine „ Sinnestäuschung“ der Rezipienten.
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Arbeit zitieren:
Aurélie Cahen, 2002, Parasoziale Interaktion, München, GRIN Verlag GmbH
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