Freie Universität Berlin, WS 2006/07
„Populismus in den USA. Geschichte und Gegenwart“
Der Zerfall des Populismus in den USA - The Scopes Trial
Der „Übermenschprozess“ und seine Bedeutung
von
Jay Kay
Inhalt
1. Einleitung 3
2. Die Evolutionstheorie Darwins 6
2.1 Sozialdarwinismus 8
3. Kreationismus 9
4. Populismus – die Position Bryans 11
5. Der Prozess 14
6. Sieg oder Niederlage – Reaktionen und Ausblick 21
7. Schlussbetrachtung 24
Bibliographie 27
1. Einleitung
Am 21. März 1925 wurde der so genannte „Butler Act“ auch bekannt als „Anti- Evolutionsgesetz“ in Tennessee, USA verabschiedet, was nur vier Monate später, am 10. Juli 1925, zu einem der bedeutendsten Schauprozesse führen sollte.1 In der vorliegenden Arbeit soll nun William Jennings Bryans letztes Gerichtsverfahren, jenes „Scopes Trial“, näher beleuchtet werden. Der „Affenprozess“, welcher zur damaligen Zeit für große Aufruhr sorgte, rief nicht nur bei Kritikern, sondern auch unter Anhängern heftige Kontroversen hervor. Was war Grund und Anlass für jenen heiß diskutierten Medienprozess und warum erklärte sich der prominente Populist William Jennings Bryan gerne bereit die Anklage in einem bis dato relativ unbekannten Ort wie Dayton zu übernehmen? Was war Hauptgegenstand der Anklage und wie war der Ausgang des Prozesses zu deuten? Welche Auswirkungen hatte dieses Verfahren für die Beteiligten und insbesondere für die Behandlung der kreationistischen Lehre sowie für den Darwinismus und nicht zuletzt für die Bewegung des Populismus? Um diesen Fragestellungen gerecht zu werden und die volle Bedeutung des Scopes Trial exakt erfassen zu können, ist es unumgänglich auf die Lehre der Evolutionstheorie nach Charles Darwin bzw. auf das Phänomen des Sozialdarwinismus sowie auf die „Lehre von der Weltschöpfung durch einen allmächtigen Schöpfer“ – so eine mögliche Bezeichnung des Kreationismus einzugehen. Darüber hinaus spielt bei der Betrachtung und Bewertung dieses Schauprozesses die besondere Situation der USA im Hinblick auf ihr verfassungsgeschütztes Selbstverständnis bzgl. der Trennung zwischen Staat und Religion eine wichtige Rolle.
Diese Arbeit kann nicht leisten, die anmaßende Behauptung der Nichtexistenz Gottes oder dessen Überflüssigkeit zu stützen oder zu widerlegen. Vielmehr stehen die gesellschaftlichen Auswirkungen des Butler Acts – der von Clarence Darrow im Rahmen des Scopes Trial scharf kritisiert und in Frage gestellt wurde – im Fokus. Die Debatte über Glaube und Wissenschaft ist eine langjährige. Bereits im Mittelalter im Jahre 1633 bewies das Gerichtsverfahren Galileo Galileis als Folge seiner Übereinstimmung mit Kopernikus’ Rotationstheorie2, dass Forschung mit den aufoktroyierten Vorstellungen der Kirche nicht in Einklang zu bringen war. Drei Jahrhunderte später, Anfang des 20. Jahrhunderts erschütterte die Verabschiedung des „Tennessee Evolution Statutes“ die Grundfeste der amerikanischen Verfassung im Hinblick auf das „Establishment Clause“ und provozierte somit eine Einmischung durch die „American Civil Liberties Union” (ACLU). Aufgabe der ACLU ist es, neu verabschiedete Gesetze auf ihre Verfassungsmäßigkeit hin zu prüfen.3 Das „Establishment Clause“ garantiert die Trennung zwischen Staat und Kirche als Konsequenz der religiös motivierten Verfolgung der Auswanderer Europas. Eine klerikale Bevormundung z.B. durch die Etablierung einer Staatsreligion galt es somit in den USA unter allen Umständen zu verhindern und darüber hinaus dieses Anrecht verfassungsmäßig zu schützen.4 Somit war das Lehrverbot der Evolutionstheorie in Tennessee mit der Begründung, es verstoße gegen die biblische Genesis, schier skandalös.
Noch ein halbes Jahrhundert später verursachte das geradezu revolutionäre Konzept Darwins gemäß seiner Publikation „The Origin of Species“ (1859) bzw. die noch eindeutigere Veröffentlichung „The Descent of Man“ (1871) in den USA einen Generationenkonflikt bzw. einen Werte- und Ethikkonflikt. Die Vorstellungen traditionell denkender, häufig biblisch-geprägter Eltern prallten auf die Ansichten ihrer heranwachsenden, wissenschaftlich aufgeklärten Nachkommen. Deren reformiertes Weltbild war unvereinbar mit überholten, konservativen Einstellungen ihrer Erzeuger und galt als revidierbar.
Der Butler Act schien jedoch nicht nur in dieser Hinsicht wieder einmal die Nation zu spalten: Die überzeugten, fundamentalistischen Kreationisten aus den südlichen Regionen – dem „Bible-Belt“ – auf der einen, Wissenschaftsexperten als Anhänger der Evolutionslehre auf der anderen, der zumeist nordstaatlichen Seite, ließen klassische Spannungen in der Rivalitäten geprägten USA wieder aufleben. Der Ausgang des Scopes Trial sollte letztlich noch über 40 Jahre die Klassenzimmer der High Schools zumindest in Arkansas und Mississippi beeinflussen. Es sollte bis Mitte der 80er Jahre dauern, bis eine eindeutige Entscheidung durch das Oberste Gericht der USA im Fall „Edwards v. Aguillard“ bzgl. der Verfassungswidrigkeit einer schulischen Gleichstellung von Kreationismus und Evolutionslehre erreicht war. Was die aktuelle Situation in den USA bzgl. kreationistischer Vereinigungen und somit auch die Debatte um „Intelligent Design“5 als Nachfolge der 1987 verbannten „Creation Science“ betrifft, ist Inhalt dauerhafter Kontroversen und kann im Rahmen dieser Arbeit nicht beantwortet werden. Die Bedeutung und Folgen der wachsenden Popularität von Bewegungen wie z.B. dem „Evangelical6 Movement“, das eindringlich in der Dokumentation „Jesus Camp“7 beschrieben wird, und ihre Einflussnahme auf Bildung und Politik lässt die Diskussion z.B. auch um Legitimität von „homeschooling“ aufs Neue entflammen.
2. Die Evolutionstheorie Darwins
[...]
1 The Evolution-Creationism Controversy: A Chronology in: University of Missouri-Kansas City School of Law [Hrsg.], URL http://www.law.umkc.edu/faculty/projects/FTrials/scopes/scopeschrono.html, Stand 12.3.07
2 Die Brockhaus Enzyklopädie [Hrsg.], URL http://www.brockhausenzyklopaedie. de/be21_article.php#3 http://www.brockhaus-enzyklopaedie.de/be21_article.php, Stand: 12.3.07
3 The Columbia Encyclopedia, Sixth Edition 2006 [Hrsg.], URL http://www.encyclopedia.com/doc/1E1- AmerCLU.html Stand: 12.3.07
4 Exploring Constitutional conflicts in: University of Missouri-Kansas City School of Law [Hrsg.], URL http://www.law.umkc.edu/faculty/projects/ftrials/conlaw/estabinto.htm, Stand: 12.3.07 Establishment Clause in: Firstamendment Center [Hrsg.], URL http://www.firstamendmentcenter.org/rel_liberty/establishment/index.aspx, Stand: 12.3.07
5 Ein die Evolutionstheorie infrage stellendes Konzept, das sich vom Kreationismus herleitet. Anhänger des ID gehen davon aus, dass Zellen und höhere Lebewesen aufgrund ihres außerordentlich hohen Komplexitätsgrades nicht im Laufe natürlicher physikalisch-chemischbiologischer Prozesse entstanden sein und sich nicht unter den Bedingungen der natürlichen Selektion entwickelt haben können, sondern dass ihnen ein intelligenter Plan zugrunde liegt. Aus: Meyers Lexikon [Hrsg.], URL http://lexikon.meyers.de/meyers/Intelligent_Design, Stand: 12.3.07
6 Der englische Term „Evangelical“ wird im Folgenden in der deutschen Übersetzung als „Evangelikal/er“ verwendet und ist nicht zu verwechseln mit der deutschen Konfession: „evangelisch“
7 Vgl. z.B. den Artikel über Jesus Camp: “Sie beten zu Gott, Bush und Amerika“ in: Die Welt.de [Hrsg.], URL http://www.welt.de/kultur/article157849/Sie_beten_zu_Gott_Bush_und_Amerika.html, Stand: 12.3.07
Arbeit zitieren:
Julia Koehler, 2007, Der Zerfall des Populismus in den USA - The Scopes Trial, München, GRIN Verlag GmbH
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