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eines wahrhaft internationalen bzw. „interkulturellen“ Literaturthesaurus oder einer Speicherung seines Begriffsschatzes im Computer 2 .
2 Unterschiede zwischen literaturwissenschaftlichen und anderen Fachterminologien
Ich habe an anderer Stelle 3 ausführlicher dargelegt, wodurch sich litw. Fachterminologien von anderen, z.B. der Biologie, Psychologie oder Computer Science unterscheiden und kann deshalb hier zusammenfassen:
1. Die Terminologien der neueren und exakteren Wissenschaften wurden zumeist und hauptsächlich von einer Nation (oder von nur wenigen Nationen) und deren Sprache(n) geprägt und brauchen deshalb nur in andere Sprachen übersetzt (bzw. in anderen Sprachen erklärt) zu werden. 2. Die Erkenntnisse der exakteren Wissenschaften sind universal und überall im Prinzip gleich wichtig, gleich wissenswert, was auch für die Fachbegriffe gilt, in denen sie übermittelt werden. 3. Die Fachbegriffe der exakteren Wissenschaften werden deshalb vom Zusammenhang der Kultur, in der sie entwickelt wurden, relativ unabhängig. (Selbst die Freudsche Tiefenpsychologie, die kaum „exakt“ genannt werden kann, läßt sich zwar historisch aus dem Wien der Jahrhundertwende erklären, beansprucht jedoch für die, die sie überhaupt anerkennen, überall gleiche Gültigkeit.)
Jeweils das Gegenteil gilt für literarische Terminologie: Jede Kultur (Nation) bildet ihre eigene Literatur und litw. Terminologie aus. 2. Die nationalen Literaturformen sind normalerweise nur für die verständlich, nacherlebbar und relevant, die am Gesamtzusammenhang der jeweiligen Sprache und Kulturtradition, in die diese eingebettet sind, teilhaben. 3. Gerade das, was den Eigencharakter nationaler Literaturen ausmacht, kann sich vom jeweiligen kulturellen Hintergrund nur schwer lösen bzw. wirkliche Weltgeltung erlangen, trotz des Ideals einer „Weltliteratur“. 4 Anders als etwa Musik muß Literatur schon wegen ihrer Angewiesenheit auf Sprache stärker an ihren nationalen Hintergrund gebunden bleiben. Es gibt deshalb - vereinfachend gesagt - nur eine Biologie, Medizin, Physik etc. mit jeweils nur einer internationalen Fachterminologie, während es viele Literaturwissenschaften mit jeweils verschiedenem Sachwortschatz gibt.
Diese, grundsätzlich von ihrem jeweiligen kulturellen Hintergrund nicht lösbaren, Literaturwissenschaften weisen jedoch in ihrer Terminologie dann Querverbindungen auf,
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wenn sie entweder auf gemeinsame Ursprünge und Vorbilder zurückgehen oder später sich gegenseitig beeinflußt haben. Ebenso wie die europäischen Literaturen in mehr oder weniger starkem Ausmaße von der griechisch-römischen geprägt wurden (was man noch an den ihnen gemeinsamen metrischen und rhetorischen Begriffen sieht), so gehen die meisten asiatischen Literaturen teilweise auf chinesische Vorbilder zurück (was man z.B. im Japanischen an chinesischen Gattungsnamen erkennt), und so haben auch die arabischen Literaturen (einschließlich der persischen und sogar einer indischen Tradition 5 ) die Mehrzahl ihrer metrischen und generischen Bezeichnungen gemeinsam. Diese Überschneidungen scheinen zuerst einer internationalen Normung litw. Begriffe entgegenzukomnmen. In Wirklichkeit täuschen sie jedoch häufig Gemeinsamkeiten vor, die in Wirklichkeit nicht (mehr) bestehen, weil die nationalen Sprachen sich weit voneinander wegentwickelt haben.
3 Gründe für die „Unwissenschaftlichkeit“ literarischer Sachbegriffe In dem oben erwähnten Sammelband werden mancherlei Gründe für die „Unwissenschaftlichkeit“ litw. Begriffe genannt, die hier, in aller Kürze und durch eigene Beobachtungen ergänzt, zusammengestellt werden sollen:
1. Die Anwendbarkeit vieler litw. Begriffe auf mehr als ein Untersuchungsfeld, z.B. „Realismus“ als Stil- sowie Epochenbegriff 6 . 2. Die (noch) unscharfe zeitliche Abgrenzung vieler Epochenbegriffe, wie z.B. von „Moderne“ und „Postmoderne“ oder des „Barock“ 7 . 3. Die allzugroße Nähe vieler litw. Begriffe zu solchen der Umgangssprache, wie etwa „Tragik“ und „Tragisches“ 8 . 4. Ihre häufig (wort)spielerische Verwendung („Ideologische Tragödie und Tragödie der Ideologie“ 9 ), manchmal auch ihre „persuasive“ Anwendung (wie im Modebegriff „Paradigma“) 10 oder ihre „programmtragende“ Funktion (z.B. Wolfgang Isers Begriff des „Implizierten Lesers“ oder Hans-Robert Jauß‘ Begriff „Erwartungshorizont“). 11 5. Der absichtlich „evokative“ und quasi-dichterische Sprachgebrauch vieler
Literaturwissenschaftler, die eine „Verwissenschaftlichung“ ihrer Disziplin und deren Terminologie (im Sinne einer Angleichung an die der exakten Naturwissenschaften) als „Vergewaltigung“ 12 ablehnen und ihre Hauptaufgabe darin sehen, dem Leser ihrer Arbeiten Erlebnisse zu verschaffen, „etwas in ihm auszulösen“, ihn empfänglich für die Wirkung von Dichtung zu machen. 6. Die mangelnde Überprüfung der älteren Begriffe zum Zeitpunkt ihrer Einbürgerung in die Litw., wie Klaus Weimar sogar an den Zentralbegriffen „Literatur“,
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„Literaturgeschichte“ und „Literaturwissenschaft“ gezeigt hat. 13 7. Andererseits die Definition neuerer Begriffe von ganz verschiedenen Rahmenkonzepten und Voraussetzungen unterschiedlicher wissenschaftlicher Schulen her, z.B. der Begriff „Metapher“. 14 8. Die „inflationäre Anwendung“ vieler Begriffe auf alle erdenklichen Gegenstände, die diese Modebegriffe „als analytische Kategorien untauglich“ werden läßt, wie Peter Kuon an dem Betgriff „Utopie“ vorführte. 15 Ebenso gut ließe sich das am Begriff „Ironie“ zeigen. 9. Die Zugehörigkeit dieser Begriffe zu unterschiedlichen sprachanalytischen Klassen, wie Werner Strube 16 gezeigt hat, z.B. „univoken“ (etwa „Trochäus“), „paronymen“ („Sonett“), „porösen“ („lyrisch“), den sogenannten „Familienähnlichkeitsbegriffen“; bzw. „offenen“ („Tragödie“, „Novelle“) im Gegensatz zu den „geschlossenen“ („griechische Tragödie“, „Boccaccio-Novelle“), worauf bereits Morris Weitz aufmerksam machte. 17 10. Die Interessenrichtung litw. Begriffe auf die Erfassung des „Spezifischen“ im Unterschied zur „Genauigkeit“. Beides ist nicht dasselbe. 18 Der Begriff „Jambus“ kann genau definiert werden, ist jedoch nicht spezifisch. Die Bedeutung des Wortes „lyrisch“ ist dagegen höchst ungenau, als Stilqualität jedoch spezifischer. 11. Diese Eigenart litw. Sprache wird von manchen Betrachtern mit ihrer Tendenz, sich der Sprache ihres Untersuchungsgegenstandes anzunähern, in Verbindung gebracht, etwa im häufigen Gebrauch von Metaphern und von anderen poetischen Elementen (vgl. Punkt 5). 19 12. Die Vielfalt litw. Begriffe, die z.T. das Gleiche oder Ähnliches meinen. Sie spiegelt die Uneinheitlichkeit des Forschungsbetriebs, den Mangel an Dialog und Abstimmung der Terminologie. 20 13. Der „Terminologie-Import“ 21 aus der Linguistik und den verschiedenen Schulen des Strukturalismus und der Semiotik, der zwar zu einer Bereicherung der litw. Terminologie geführt, nicht jedoch zu einer Klärung bereits vorhandener Begriffe beigetragen hat. 14. Häufig wurden Begriffe, die in ihrem Herkunftsbereich klar definiert waren, bei ihrer Ü bernahme in die Litw. „semantisch abgerüstet“ (J. Slawinski 22 ): „Allerwelts-Termini um den Preis des Verlustes der Grenzen ihrer Bedeutung“. Beispiele geben wiederum Modeworte wie „Paradigma“ oder „Ironie“ ab. 15. Die Häufigkeit von Begriffsfestsetzungen in der Sprache der Litw. „durch willkürliche Definitionen eindrucksvoller Kunstwörter“ (Fricke) anstatt durch die, von Fricke und anderen empfohlene, „Explikation“ standardsprachlicher Begriffe“. 23 Diese Neuschöpfungen haben bereits vorhandene Begriffe häufig nur dupliziert und damit zur „Sprachverwirrung“, der sie angeblich abhelfen wollten, beigetragen. (Wo neue Beobachtungen nicht von bereits
Arbeit zitieren:
Dr. Wolfgang Ruttkowski, 2000, Probleme beim Vergleich von Literaturterminologien, München, GRIN Verlag GmbH
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