Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung oder: Von der (Un)möglichkeit
das Hungern zur Kunst zu machen Was ist los
mit dem „Hungerkünstler“ Kafka Seite 1
2. Kafkas Bezug zur essbaren Nahrung Seite 3
2.1 Kafka auf der Suche nach einer
„anderen“ Nahrung Seite 4
2.2 Erster Aspekt: Hungern als Kunst Seite 6
2.3 Zweiter Aspekt:
Sich zum Außenseiter hungern Seite 8
2.4 Dritter Aspekt:
„Echte“ Nahrung auch innerhalb des Lebens Seite 10
3. Schlussüberlegungen Seite 12
4. Quellenangaben Seite 13
II
1. Einleitung – oder: Von der (Un)möglichkeit, das Hungern zur Kunst zu machen – Was ist los mit dem Hungerkünstler Kafka?
In Franz Kafkas Tagebüchern finden wir zahlreiche Stellen, in denen er sich mit Nahrung beschäftigt. Dieses Thema scheint Kafka vor allem mit zunehmendem Lebensalter immer mehr zu beschäftigen.
Dabei scheint es ihm in erster Linie nicht allein um materielle Nahrung, also die Essensaufnahme, zu gehen. Lesen wir Kafkas Tagebücher aufmerksam, so erhalten wir eine Menge Anspielungen und Hinweise auf eine „andere“ immaterielle Nahrung, der Kafka auf der Spur zu sein scheint. Zusätzlich findet diese spezielle Form der Nahrung ihren Wiederklang in einigen von Kafkas Werken. Somit scheint das Thema „Nahrung“ eine wichtige Rolle in Kafkas Leben und Werk zu spielen.
Deshalb möchte ich es mit dieser Arbeit näher untersuchen.
Dazu werde ich zunächst Kafkas Verhältnis zur „natürlichen“ Nahrung herausstellen, um dann darauf einzugehen, wie Kafka eine andere Nahrung definiert, und welche Rolle sie in seinem Leben spielt.
Um dies herauszufinden, untersuche ich einig „auffällige“ Stellen aus seinen Tagebüchern.
Am eingehendsten beschäftigt sich Kafka meiner Meinung nach in dem „Hungerkünstler“, einer seiner späteren Erzählungen, mit der Bedeutung von Nahrung. Deshalb gehe ich dazu parallel auf den „Hungerkünstler“ ein, um Kafka dadurch noch besser zu verstehen.
Dabei sollen zentrale Aussagen im Hungerkünstler in Beziehung zu denen der Tagebücher gestellt werden, um übereinstimmende oder auch konstrastierende Aussagen zu erhalten.
Ich möchte Kafka aus dem „Hungerkünstler“ heraus und gleichzeitig den Hungerkünstler aus den Tagebuchstellen zu verstehen. Dabei arbeite ich einige Aspekte heraus, die ich zur besseren Übersicht in verschiedene Kapitel unterteilt habe.
Letztendlich geht es darum, ob Kafka selbst als möglichen Hungerkünstler begriffen werden kann, bzw. dass er als Hungerkünstler erklärt werden kann.
1
Kafkas Bezug zur essbaren Nahrung
Zunächst ist interessant, das Franz Kafka Vegetarier war. Das geht vielfach aus seinen Tagebüchern hervor, etwa wenn er sich Gedanken über das Essen macht. 1
Dazu kommt, dass Kafka krankheitsbedingt häufig unter Magenproblemen litt. So beschreibt er den Zustand seines Magens oft als „verdorben“, dabei erlegt ihm sein Magen manchmal auch das Hungern auf. 2
Es fällt zudem auf, das der Begriff „Appetitlosigkeit“ bei Kafka eine große, immer wiederkehrende Rolle spielt. Kafka selbst klagt das ein oder andere Mal darüber, appetitlos zu sein; die Figuren in seinen Erzählungen werden in die Kategorien „mit“ und „ohne“ Appetit eingeteilt. 3
Essen scheint bei Kafka auch eine große Rolle im Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen zu spielen. So etwa verkehren Vater und Sohn in Kafkas Erzählung „Das Urteil“ nur noch während der gemeinsamen Mahlzeiten miteinander. Es fällt auf, dass Kafkas Helden irgendwie immer „ausgehungert“ sind. Gregor Samsa („Die Verwandlung“) etwa hat nach der Verwandlung in einen Käfer keinen Appetit auf die Nahrung, die seine Familienmitglieder zu sich nehmen, und wird sodann von seinen Familie ausgeschlossen. Dabei geht es zwar oberflächlich um die nicht-schmeckende materielle Nahrung, aber eigentlich wird der Weg zu der „ersehnten unbekannten Nahrung“ gesucht. Ebenso passt auch der Hungerkünstler in der gleichnamigen Erzählung auf Dauer nicht in die „essende“ Gesellschaft, er lebt ausgestoßen (?) in einem Käfig, die Menschen „besichtigen“ ihn.
1 Kafka, Franz: Tagebücher, hg. v. Hans-Gerd Koch, Michael Müller und Malcolm Pasley,
Frankfurt a. M. 1990, S. 140 Z. 12 f.; S. 508 Z, 23 f. beispielsweise.
2 vergl ebd. S. 266, Z. 1 und Z.14f. ; S. 279, Z.10f.
3 vergl. ebd. S. 441, Z.19; S. 472 Z. 10f.
2
Immer wieder können wir das gleiche Muster erkennen. Der Nicht-Essende wird von den Menschen nicht verstanden und zum Sonderling.
Da diese Erzählfiguren (und mit ihnen auch Kafka) nicht der gewöhnlichen Nahrung zugeneigt sind, bleibt die Frage, nach welcher Art von Nahrung sie verlangen. Es scheint sich schon einmal nicht um irgendeine materielle Form von Nahrung zu handeln.
Kafka auf der Suche nach einer „anderen“ Nahrung
In seinen Tagebüchern häufen sich die Stellen, an denen Kafka von Hunger in dem nicht herkömmlichen Sinne schreibt, und uns damit auf die Spur einer anderen Nahrung führt.
So etwa erzählt er einmal von einem Mann, der außerhalb der Menschheit steht, der immer nur „seine Schmerzen“ hat und damit immerfort „ausgehungert“ ist. Es gibt jedoch im ganzen Umkreis der Welt „[…] kein Zweites, dass sich als Medizin aufspielen könnte[…]“, d. h. keine „Ersatznahrung“ für diesen Menschen.
Hier schon deutet Kafka an, dass er auf der Suche nach einer Nahrung (=„Medizin“) außerhalb der Welt ist. Mehrfach berichtet er davon, verlassen und ausgewiesen von anderen Menschen zu sein, weil er anders sei, in dem Sinne, dass er nach einer anderen, wie er einmal schreibt, essbaren Nahrung, ebf. nach atembarer Luft, suche. 4 An andereren Stellen tritt ganz klar zum Vorschein, dass Kafka sowohl nach irdischer als auch übersinnlicher Nahrung verlangt. Seine „Wurzeln“ bräuchten sowohl „unten“ (also irdisch) als auch „oben“ (übersinnlich) Nahrung, schreibt er. 5 Die irdische Nahrung genügt ihm nicht, weil seine Hauptnahrung von „[…]andern Wurzeln in anderer Luft kommt, auch diese Wurzeln kläglich, aber doch lebensfähiger“ 6 .
4 vgl. Franz Kafka: Tagebücher, S. 903, Z. 19.
5 vgl. ebd. S. 895, Z. 23-25.
6 ebd. S. 896, Z. 1ff.
3
Arbeit zitieren:
Britta Krümpelmann, 2003, Franz Kafka – Ein Hungerkünstler? Eine Untersuchung von Kafkas Bezug zur Nahrung auf Grundlage seiner Tagebuchaufzeichnungen, München, GRIN Verlag GmbH
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