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Bachelorarbeit, 2007, 48 Seiten
Autor: Nicolai Friedrichsen
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Details
Tags: Moral, Unmoral, Erich, Kästners, Fabian, Geschichte, Moralisten
Jahr: 2007
Seiten: 48
Note: 1,9
Literaturverzeichnis: ~ 19 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-74097-5
ISBN (Buch): 978-3-638-74244-3
Dateigröße: 273 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Erich Kästner ist gemeinhin als Kinderbuchautor bekannt. Vermutlich hat jeder von uns als Kind wenigstens eine seiner großen Geschichten für kleine Leute gelesen oder als Film gesehen. "Pünktchen und Anton", "Emil und die Detektive" und "Das fliegende Klassenzimmer" gehören dazu. Weitaus weniger bekannt ist Kästner als Autor von Erwachsenenliteratur. Sein Roman "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten" ist Kästners erstes zeitkritisches Prosawerk und mit einer Auflage von 30.000 Exemplaren im Veröffentlichungsjahr überaus erfolgreich. Kästner zeichnet darin das düstere Bild einer durch politische und ökonomische Missstände verkommenen Gesellschaft. Diese Arbeit betrachtet, wie Moral und Anstand im großstädtischen Überlebenskampf aufgegeben werden. Mit dem Angestelltenroman Fabian hat Kästner wichtige stilistische Eigenarten und thematische Schwerpunkte der Neuen Sachlichkeit aufgegriffen. Kästners literarisches Werk ist besonders stark von seiner Biografie geprägt. Er ist ein Moralist mit einer sehr pessimistischen Einstellung und bleibt seinen Idealvorstellungen treu, obwohl er selbst nicht daran glauben mag, dass Menschen zu einer Einsicht gelangen könnten („Jede Bemühung, die Menschheit zu bessern, wird an deren Unverbesserlichkeit scheitern.“). Die literaturwissenschaftliche Bearbeitung des Romans wird belegen, wie fortgeschritten Kästner den durch die beschriebenen Rahmenbedingungen hervorgerufen sittlichen Verfall einstuft und für wie nötig Kästner es hält, an der moralischen Verbesserung der Menschen zu arbeiten. Die Unmoral durchzieht alle Gesellschaftsschichten, wobei die obere Schicht sich vergnügt und die von der Wirtschaftskrise Gebeutelten sich erniedrigen müssen, um nicht zu verhungern. Kästner beklagt die Sittenlosigkeit der emanzipierten, neuen deutschen Frau, die Unmoral in Liebesbeziehungen, die auswegslose Massenarbeitslosigkeit und eine fehlende Richtungsvorgabe der Politik. Schließlich wirft diese Arbeit einen Blick auf Fabians Ende, welches nicht ausbleiben darf, denn es soll als negatives Beispiel den Leser zum Moralismus „missionieren“.
Textauszug (computergeneriert)
Universität Mannheim
Philosophische Fakultät
Seminar für Deutsche Philologie
Schriftliche Abschlussarbeit zur Erlangung des Grades eines Bakkalaureus Artium (B.A.)
Moral und Unmoral in Erich Kästners Fabian - Die Geschichte eines Moralisten
Nicolai Friedrichsen
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ... 2
2 Zeitgeschichtlicher Kontext: Zur Entstehung des Romans ... 4
2.1 Neue Sachlichkeit ... 4
2.2 Rahmenbedingungen und geistige Situation am Ende der Zwanziger Jahre ... 6
2.3 Kästner in den Krisenjahren der Weimarer Republik ... 8
2.4 Unverbesserlicher Pessimist mit Neigung zur Hoffnung ... 9
3 Moral und Unmoral in allen Bereichen ... 14
3.1 Kästner in der Tradition der europäischen Moralisten ... 14
3.2 Dr. Jakob Fabian - Moralist, Melancholiker, Nichtschwimmer ... 16
3.2.1 Ein ungleicher Freund gibt auf ... 19
3.2.2 Liebesmoral und Liebesbeziehungen ... 24
3.2.3 Wenig Aussicht auf dem Arbeitsmarkt ... 35
3.2.4 Verschiedene Politikauffassungen ... 36
3.2.5 Elemente einer unmoralischen Gesellschaft: Medien, Technik und Wissenschaft ... 38
3.2.6 Fabians Ende ... 41
4 Schlussbetrachtung ... 43
5 Literaturverzeichnis ... 46
1 Einleitung
Erich Kästner ist gemeinhin als Kinderbuchautor bekannt. Vermutlich hat jeder von uns als Kind wenigstens eine seiner großen Geschichten für kleine Leute gelesen oder als Film gesehen. Pünktchen und Anton, Emil und die Detektive und Das fliegende Klassenzimmer gehören dazu. Weitaus weniger bekannt ist Kästner als Autor von Erwachsenenliteratur. Sein Roman Fabian. Die Geschichte eines Moralisten ist Kästners erstes zeitkritisches Prosawerk und mit einer Auflage von 30.000 Exemplaren im Veröffentlichungsjahr überaus erfolgreich. Kästner zeichnet darin das düstere Bild einer durch politische und ökonomische Missstände verkommenen Gesellschaft.
Diese Arbeit betrachtet, wie Moral und Anstand im großstädtischen Überlebenskampf aufgegeben werden. In seinem Aufsatz Fabian und die Sittenrichter, der der Neuauflage von 1950 nachgestellt ist, schreibt Kästner über sich: „Ich bin ein Moralist.“1 Wie sehr ihm anständiges Verhalten der Menschen untereinander und die Wahrung der Moral am Herzen liegt, wird die Arbeit zeigen. Mit dem Angestelltenroman Fabian hat Kästner wichtige stilistische Eigenarten und thematische Schwerpunkte der Neuen Sachlichkeit aufgegriffen, wie die Einordnung in den zeitgeschichtlichen Kontext belegen wird. Darauf folgt eine kurze Betrachtung der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umstände einer Zeit, die speziell in Bezug auf das Berliner Großstadtleben die „Goldenen Zwanziger“ genannt wird. Doch „golden“ war diese Epoche nur für bestimmte Gesellschaftskreise. So präsentiert Kästner in seinen Beschreibungen nicht die glanzvolle Seite der Stadt. Die betont ausgelassene Freiheit der Berliner zeigt sich zu dieser Zeit nicht mehr durch kulturelle Höhepunkte, sondern wird von der betuchten Gesellschaftsschicht in fragwürdigen Etablissements mit perversen Bühnenspielen oder gekaufter Liebe ausgelebt.
Kästners literarisches Werk ist besonders stark von seiner Biografie geprägt, wie Hermann Kesten in seiner Einleitung zur Gesamtausgabe bemerkt.2 Daher ist ein kurzer Blick auf Kästners Leben sinnvoll, soweit es für das Thema dieser Arbeit eine Rolle spielt. Seinen moralischen Standpunkt hat Kästner schon früh ausgeprägt. Die negativen Auswirkungen der Industrialisierung, die in seinem Roman zu Massenarbeitslosigkeit und schließlich zum moralischen Untergang führen, trafen auch Kästners Eltern. Wichtig für seine Entscheidung, der menschlichen Unmoral den Kampf anzusagen, war Kästners Zeit im Militärdienst. Dort hatte der Individualist mit der strengen Unterordnung zu kämpfen, die jegliches eigenständige Denken verbot. Kästner gilt als scharfsinniger Beobachter seiner Zeit. Die Romanfiguren sind unter anderem deswegen so treffend charakterisiert, weil Kästner selbst in der pulsierenden Großstadt lebte, die er im Fabian beschreibt. Kästner ist ein Moralist mit einer sehr pessimistischen Einstellung. Er bleibt seinen Idealvorstellungen treu, obwohl er selbst nicht daran glauben mag, dass Menschen zu einer Einsicht gelangen könnten („Jede Bemühung, die Menschheit zu bessern, wird an deren Unverbesserlichkeit scheitern.“3). Der Abschnitt 2.4 soll zeigen, dass der Autor nicht nur in diesem Roman, sondern auch in seinen zahlreichen Gedichten und Essays wenig Hoffnung auf eine Entwicklung der Menschen zu Moral und Anstand hat. Der genaueren Betrachtung des Textes geht ein kurzer Blick auf die moralistische Tradition voraus, in der Kästner mit seiner Haltung steht. Interessanterweise ist die im Roman beschriebene Orientierungslosigkeit der Gesellschaft der Übergangssituation vom Mittelalter zur Neuzeit sehr ähnlich. Die literaturwissenschaftliche Bearbeitung des Romans wird belegen, wie fortgeschritten Kästner den durch die beschriebenen Rahmenbedingungen hervorgerufen sittlichen Verfall einstuft und für wie nötig Kästner es hält, an der moralischen Verbesserung der Menschen zu arbeiten. Die Unmoral durchzieht alle Gesellschaftsschichten, wobei die obere Schicht sich vergnügt und die von der Wirtschaftskrise Gebeutelten sich erniedrigen müssen, um nicht zu verhungern. Kästner beklagt die Sittenlosigkeit der emanzipierten, neuen deutschen Frau, die Unmoral in Liebesbeziehungen, die auswegslose Massenarbeitslosigkeit und eine fehlende Richtungsvorgabe der Politik. Schließlich wirft diese Arbeit einen Blick auf Fabians Ende, welches nicht ausbleiben darf, denn es soll als negatives Beispiel den Leser zum Moralismus „missionieren“.
Der populäre Autor Kästner wird von der Literaturwissenschaft für seine Oberflächlichkeit stark kritisiert. Seine Betonung der Moral, die nicht näher definiert wird, bringt ihm den Vorwurf mangelnder Alternativen ein, wie in der Schlussbetrachtung hervorgehoben wird.
2 Zeitgeschichtlicher Kontext: Zur Entstehung des Romans
2.1 Neue Sachlichkeit
Eine der großen literarischen und gesamtkulturellen Strömungen der Weimarer Republik (1919-1933) ist die der Neuen Sachlichkeit, in deren Spätphase Erich Kästners Roman Fabian 1931 erschien. Sie befasst sich zunächst nicht mit der politischen Entwicklung der Weimarer Zeit, sondern ist als Gegenmodell zum späten Expressionismus konzipiert.
Sabina Becker unterteilt die verschiedenen literarischen Genres innerhalb der Neuen Sachlichkeit in der Zeit von 1925 bis 1933 in „Antikriegsroman, Situation der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, Industrieroman, Angestelltenroman und allgemeiner Zeitroman“.4 Als herausragende Vertreter der Epoche seien an dieser Stelle exemplarisch genannt: Hermann Hesse (Der Steppenwolf, 1927), Hans Fallada (Kleiner Mann- was nun?, 1932), Thomas Mann (Mario und der Zauberer, 1930), Erich Maria Remarque (Im Westen nichts neues, 1929) oder Ludwig Renn (Krieg, 1928).
Die neusachlichen Zeitromane als vornehmliches Phänomen der Berliner Großstadtkultur orientieren sich an der Wirklichkeit und sind um deren Darstellung im soziokulturellen wie ökonomischen Bereich bemüht. Oft spielten die Biografien der Autorschaft bei der Produktion der Prosa eine große Rolle, waren sie doch selbst Betroffene der in ihren Romanen beschriebenen Krisen. Daher sind die Romanfiguren häufig im Angestelltenbereich angesiedelt, während die Arbeitersituation, wie bei Kästner, in den Hintergrund tritt. Es handelt sich bei der neusachlichen um eine pragmatische Literatur, die für eine breit gestreute Leserschaft ansprechend sein soll und nicht auf eine avantgardistische Elite ausgerichtet ist. Die neusachlichen Autoren waren darauf bedacht, passiv zu beobachten statt die Menschen als aktive Vordenker mit idealen Lebensmodellen in eine bessere Zukunft zu leiten. Leicht verständliche Beobachtungen erschienen wichtiger als komplex formulierte utopische Visionen. Die Hauptfiguren in der neusachlichen Literatur standen nicht für ihr Einzelschicksal, sondern beispielhaft für ihre soziale Schicht. Fabian etwa betrachtet die Schicksale der Menschen, denen er begegnet, und setzt sie zu einem Gesamtbild zusammen, das die gesamtgesellschaftliche Situation darstellt. Die Neue Sachlichkeit ist in literarischer Form ebenso wie in der Malerei eine Gebrauchskunst, die sich an den Wünschen der Menschen orientiert und versucht, ihre Alltagsfragen zu beantworten. Im Gegensatz zum irrational utopischen Expressionismus werden Gefühle ausgeblendet. Die neusachliche Forderung nach Aktualität und Berichterstattung führt zu Themen wie Technik, Urbanisierung, Schilderung der Arbeits- und Produktionswelt, Unterhaltungsindustrie mit den Filmtheatern, Revuen und Kabaretts. Ebenso interessieren die politischen Entwicklungen der Weimarer Republik und das neue Frauenbild. Der Angestelltenroman, zu dem auch Kästners Roman Fabian zählt, beschäftigt sich besonders mit der nach dem New Yorker Börsenkrach eintretenden Weltwirtschaftskrise. Tatsächlich sind viele dieser Romane in der Zeit nach 1929 entstanden. Die Bestrebungen der neusachlichen Literatur sind jedoch nicht ausschließlich mit der ökonomischen Situation der Weimarer Zeit verbunden.5 Neben der Wirtschaftskrise befasst sich die Literaturepoche mit der Aufarbeitung des Ersten Weltkrieges und der Schilderung der industriellen Produktionswelt. Betrachtet wird dabei weniger das Schicksal eines Individuums als dessen Lebensraum.
[...]
1 Bd.2. S.191.
2 Vgl. Erich Kästner: Gedichte. Köln: Kiepenheuer und Witsch 1959. (= Gesammelte Schriften in sieben Bänden, Bd.1. Im Folgenden GS). S.6.
3 Kritik des idealistischen Sozialismus. In: Gemischte Gefühle, Bd.1. S.264.
4 Neue Sachlichkeit im Roman. Neue Interpretationen zum Roman der Weimarer Republik. Hrsg. von Sabina Becker, Christoph Weiss. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler 1995. S.9.
5 Vgl. ebd., S.18.
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