Insbesondere lernschwächere S. profitieren von heretogenen Lerngruppen, da sie von leistungsstärkeren S. Impuse zur Entwicklung und Unterstützung erhalten (vgl. Modellernen (Bandura)). Zusätzlich wird in heterogenen Gruppen Etikettierung vermieden, was im Hinblick auf lernschwache S. wichtig für die uneingeschränkte Persönlichkeitsentwicklung ist.
Das Bestreben der Differenzierung ist, Unterricht an den unterschiedlichen Lernausgangslagen (Sozialisation, Entwicklung, Begabungen, Interessen, Bedürfnisse, Lernfähigkeit) der S. zu orientieren, um eine weitgehende Individualisierung zu erreichen, ohne jedoch das soziale Lernen auszuschließen. Zu Beginn dieser Klausur werde ich die Begriffe Differenzierung, ÄD und ID klären. Dann gehe ich vertiefend auf die ID, ihre Ziele, Inhalte, Kennzeichen und Formen ein. Das Modell von Klafki und Stöcker bildet dabei den zentralen Ansatz. Für die Umsetzung an der Schule für Lernbehinderte beschreibe ich kurz mögliche Unterrichtsformen und gehe exemplarisch auf das Stationenlernen näher ein. Abschließend zeige ich kritisch Chancen und Probleme der ID für den Unterricht mit lernbehinderten S. auf.
3. Begriffsklärung
Differenzierung
Die schulpädagogische Verwendung des Begriffs Differenzierung (lat. differentia = Verschiedenheit) erfolgt zwar nicht völlig einheitlich, kann aber folgendermaßen zusammengefasst werden: Differenzierung meint die Bemühungen,
- angesichts der unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der S. und der unterschiedlichen gesellschaftlichen Anforderungen
- durch eine Gruppierung und
- durch didaktische Maßnahmen den Unterricht so zu gestalten, dass
- die für das schulische Lernen gesetzten Ziele möglichst weitgehend erreicht werden können.
Bönsch (1995) versteht unter Differenzierung zum einen das variierende Vorgehen in der Darbietung und Bearbeitung von Lerninhalten, zum anderen die Einteilung bzw. Zugehörigkeit von S. zu Lerngruppen nach bestimmten Kriterien. Im Folgenden werde ich die Begriffe ÄD und ID erklären und auf die ID im Speziellen eingehen.
Äußere Differenzierung
Unter äußerer Differenzierung versteht man alle Maßnahmen innerhalb einer Schule, die über bestehende Gruppen hinaus zur Bildung neuer Lerngruppen führen. So entsteht eine räumliche und relativ langfristige Trennung der ursprünglichen
Klassenzusammensetzung. Seltener wird dieser Terminus auch für die Aufteilung der S. auf verschiedene Schularten (institutionelle Differenzierung) benutzt (Vollstädt 1997). Neben der üblichen Gruppierung in Jahrgangsklassen können auch Geschlecht, Religionszugehörigkeit, Begabung, allgemeine und fachspezifische Leistung sowie Interesse Differenzierungskriterien sein.
Problematisch ist, dass ÄD zu einer Separierung führt und die Lerngemeinschaft zerreißt. Um diese soziale Trennung zu vermeiden, wie auch Begemann (s.o.) es fordert, ist eine Unterteilung der Großgruppe nur zeitweise sinnvoll.
Innere Differenzierung/ Binnendifferenzierung
Innere Differenzierung dient dazu, das bewusste, selbständige Lernen und Handeln jedes einzelnen Kindes zu fördern und sein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu stärken. Jedes Kind soll erfahren, dass es fähig ist, etwas zu leisten. Die ID beschreibt Maßnahmen, die die Lernprozesse einer Lerngruppe in optimaler Weise unterstützen. Diese Maßnahmen entsprechen den unterschiedlichen Fähigkeiten, und Lernbedürfnissen der S. und umfassen:
• Sozialformen: eine zeitweise unterschiedlichen Untergruppierungen (Gruppen- oder Partnerarbeit),
• Methoden: methodische Varianzen (verschiedene Lernkanäle und -
• Medien: unterschiedlichemediale Hilfen (Programm, Arbeitsbogen, bildhafte Darstellungen),
• Inhalte und Ziele: Differenzierung im stofflichen Umfang, in den
Binnendifferenzierung bleibt situations- und lernzielgebunden, im Extremfall bedeutet sie Individualisierung (Bönsch 1995). ID wird an allen Schultypen angewandt.
4. Ziele und Merkmale ID
Ziele Innerer Differenzierung
Primäres Ziel ID ist, Kinder mit Lernrückständen systematisch so zu fördern, dass sie die grundlegenden Ziele gemäß den Richtlinien erreichen (=Fundamentum) bzw. leistungsstärkeren S. die Möglichkeit zu geben, Ziele über dem Mindestniveau zu erreichen (=Additum). Zwischen Lernvoraussetzungen und Lernanforderungen wird eine optimale Förderung durch „optimale Passung“ (Heckhausen 1969) angestrebt. Klafki und Stöcker nennen folgende Ziele ID:
• Erreichung des Fundamentums für möglichst alle Kinder
• Unterstützung der Entwicklung verschiedener Persönlichkeitsdimensionen und ihrer wechselseitige Beziehung: Aufbau von Selbständigkeit und persönlichen Interessen, Entwicklung individueller Lernstile, Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit durch Erfolgserlebnisse, Motivationsförderung durch gezielte Lernhilfen, Vermeidung von Über-/Unterforderung und
• Aufbau sozialer Kompetenzen: Kooperationsfähigkeit, Fähigkeit zu bewusstem sozialem Lernen.
Merkmale und Bedingungen Innerer Differenzierung
Hauptkennzeichen ID ist die Orientierung des Lehrens sowie der L.hilfe am jeweiligen Lernstand. Ein im Sinne ID durchgeführter Unterricht benötigt viel Initiative der S. durch Selbsteinschätzung bei der Wahl der Aufgaben. Die erforderlichen Lernstrategien und -techniken müssen dazu je nach Lerntyp allmählich erworben und dürfen nicht vorausgesetzt werden. Durch die häufige Interaktion unter den S. entsteht je nach lehrerzentrierten oder medienzentrierten Unterrichtsphasen eine flexible
Gruppenbildung. Diese sollte immer Neuzugänge auch aus anderen Klassen zulassen. Ebenso muss es möglich sein, einzelne S. für einen bestimmten Zeitraum aus der Gruppe herauszunehmen. (Klafki, Stöcker; Kanter 1984)
5. Das Dimensionen- und Kriterienschema zur Innerer Differenzierung ID umfasst didaktische Maßnahmen, die sowohl den fachlichen Inhalt als auch die Art und Weise der Aneignung im Unterricht, der Organisation und die dabei genutzten Sozialformen. Ein durchgängig akzeptiertes und einheitlich angewandtes Konzept zur ID liegt bisher nicht vor. 1 In dieser Arbeit werde ich mich auf die Ausführungen Klafkis und Stöckers beschränken, da dieses Schema auch in der Praxis häufig zur Anwendung kommt.
"Wenn Unterricht jeden einzelnen S. optimal fördern will, wenn er jedem zu einem möglichst hohen Grad von Selbsttätigkeit und Selbständigkeit verhelfen und S. zu sozialer Kontakt- und Kooperationsfähigkeit befähigen will, dann muß er im Sinne Innerer Differenzierung durchdacht werden." (Klafki/ Stöcker)
Klafki, Stöcker (1982) unterscheiden zwei Grundformen ID, die einander nicht ausschließen, sondern miteinander kombiniert werden können: zum einen ist dies die Differenzierung von Methoden und Medien, zum anderen eine Differenzierung im Bereich der Lernziele und -inhalte. Letztgenannte Differenzierung ist für eine Entsprechung von Lehren und Lernen grundlegend. Da dieser Aspekt im traditionellen Unterricht nicht berücksichtigt wird, lässt sich hier bereits erkennen, dass die Autoren ID in reformierten Unterrichstformen (s.u. OU) realisiert sehen. Dem „ Dimensionen- und Kriterienschema zur Inneren Differenzierung“ von Klafki/Stöcker (1976) sind zwei Funktionen zuzuschreiben:
• Es dient der Kontrolle, denn es kann deutlich machen, in welchen Bereichen ein L. seinen Unterricht bereits differenziert gestaltet und in welchem Nachholbedarf besteht.
• Es dient der Anregung, weil es verdeutlicht, in welchen Bereichen überhaupt Differenzierungsmöglichkeiten bestehen.
Das Schema umfasst drei Dimensionen, wobei eine optimale Differenzierung durch das Umsetzen möglichst vieler Aspekte erreicht wird:
1
Geppert und Preuss (1978) sowie Winkler (1979) gehören zu den ersten, die sich mit einer theoretischen Einteilung differenzierten Unterrichts auseinanderstetzen. Muth (1983) geht dieser Fragestellung auf der Grundlage des Dt. Bildungsrates in ähnlicher Weise wie Geppert und Preuss nach.
Arbeit zitieren:
Jessica Freis, 2002, Innere Differenzierung an der Schule für Lernbehinderte, München, GRIN Verlag GmbH
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