Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit untersucht die internationalen und lokalen Akteurs- und Interessenkonstellationen im Vorfeld und während der drei Interventionen der „Internationalen Gemeinschaft" in Somalia zu Beginn der 1990er Jahre. Sie verfolgt einen akteurszentrierten Ansatz unter Berücksichtigung der temporären Handlungslogiken der relevanten Akteure vor dem Hintergrund der innenpolitischen Lage Somalias sowie der neuen geopolitischen Konstellation nach dem Ende des "Kalten Krieges".
Zunächst erfolgt ein Überblick über die somalische Clanstruktur, dem entscheidenden Faktor für die historischen und aktuellen Konfliktlinien, sowie eine Hinführung zum Ogaden-Krieg 1977/78, der für die Region im Allgemeinen und Somalia im Speziellen eine zentrale Wendemarke war. Darauf aufbauend, analysiert die Arbeit die neuen innen- und außenpolitischen Interessenkonstellationen nach dem Ende des Ogaden-Krieges. Dabei wird dargestellt, wie bestehende innersomalische Clan-Rivalitäten begünstigt durch regionale und geopolitische Entwicklungen verstärkt ausbrachen in den 1980ern zu einem offenen Bürgerkrieg führten.
Vor diesem Hintergrund erfolgt die Analyse der Interventionen UNOSOM I, UNITAF und UNOSOM II in Somalia. Dabei wird gezeigt, welche Rationale der zentralen lokalen und internationalen Akteure einen Einfluss auf den Politikwechsel und das verstärkte Eingreifen der USA hatten, das den Beginn einer neuen Generation der Peace-keeping Operationen bedeutete und den entscheidenden Rahmen für UNITAF und UNOSOM II bildete.
Es wird nachgezeichnet, wie sich die US-geführten UNITAF und UNOSOM II bedingt durch eine Verknüpfung von mangelnder Berücksichtigung lokaler Dynamiken und eigenen – teilweise persönlichen – Handlungslogiken in eine fehdenartige Auseinandersetzung mit dem Kriegsherrn Mohammed Farah Aideed hineinziehen ließen und wie die UN damit faktisch zu einer Kriegspartei wurden. Die Arbeit zeigt, wie das externe Eingreifen in eine kaum zu erfassende lokale Konfliktkonstellation in Verbindung mit dem geschickten Vorgehen lokaler Akteure dazu führte, dass UNOSOM II an Ansehen in der somalischen Bevölkerung verlor, zunehmend als Feind angesehen wurde und schließlich scheitern musste.
„Black Hawk Down Dirk Spilker
1 Einleitung: Das Clansystem und Siad Barre 1
1.1 Das Clansystem als entscheidender Bezugsrahmen 1
1.2 Siad Barre und der Ogaden-Krieg: Der Weg zur Ausgangslage 1978 2
2 Wendemarke für Siad Barre: Vom Ogaden-Krieg 1978 bis zum offenen
Ausbruch des Bürgerkrieges 1988 2
2.1 Anmerkungen zur geostrategischen Bedeutung der Region im Kalten Krieg 3
2.2 Engagement und Rationale externer Akteure nach 1978 3
2.3 Intern-externe Opposition gegen Barre 4
3 Vom Ausbruch des Bürgerkriegs 1988 bis zum Sturz Siad Barres 1991 6
3.1 Das (absehbare) Ende des Kalten Krieges am Horn von Afrika 6
3.2 Das Friedensabkommen von 1988 und seine Folgen für Somalia 6
4 Von der Machtübernahme der Rebellen zu „Restore Hope“ 7
4.1 Die Rolle der UNO bis Ende 1992 und das Scheitern von UNOSOM 7
4.2 Politikwechsel der USA und neue Stufe der Weltinnenpolitik 8
4.2.1 Rationale der Bush-Administration 9
4.2.2 Die „neue geostrategische Bedeutung der Region 9
4.3 Peace-enforcement im Rahmen von „Restore Hope“ 10
5 Die UN-Blauhelme als Kriegspartei: UNOSOM II 12
5.1 UNOSOM II und der Krieg mit Aideed 12
5.2 Anmerkungen zu Rolle der USA 13
5.3 Wendemarke: Die Schlacht um das Olympic-Hotel und der „CNN-Effekt“ 14
6 Einschätzung der Intervention der Staatengemeinschaft: Ziele Fehler und
Folgen 15
„Black Hawk Down" Dirk Spilker
1 Einleitung: Das Clansystem und Siad Barre
Somalia liegt am Horn von Afrika, das die Schnittstelle zwischen dem Golf von Aden mit der Zufahrt zum Roten Meer und dem Suezkanal sowie dem indischen Ozean an der Ostküste Afrikas markiert. Die angrenzenden Staaten sind Dschibuti, Äthiopien und Kenia. Nach den letzten verfügbaren Daten hatte Somalia 1991 ca. 7,5 Mio. Einwohner. Neben der Hauptstadt Mogadischu sind die größeren Städte Hargeisa (Somaliland) und die Hafenstädte Berbera im Norden und Kismayo im Süden 1 .
1.1 Das Clansystem als entscheidender Bezugsrahmen
Bei der Bevölkerung, die zu zwei Dritteln von der nomadischen Viehzucht lebt, handelt es sich um 99% sunnitische Muslime; etwa 95% werden ethnisch den „Somali“ zugerechnet und sprechen dieselbe gleichnamige Sprache 2 . Die Bevölkerungsstruktur wird in extremem Maße durch ein Clansystem geprägt, das für die Somali entscheidender Schutz- und Bezugsrahmen des alltäglichen Lebens ist. Aus einem mythischen somalischen „Ur-Clan“ entstanden mit den Samaale und den Sab zwei Clanfamilien. Letztere teilt sich auf in die Clans Digil und Rahanweyn, die im Süden des Landes als Bauern und Fischer eine untergeordnete politische Rolle spielen. Die Clanfamilie der Samaale bestimmt das politische Geschehen in Somalia. Am einflussreichsten ist der Clan Darud 3 im Südwesten und Nordosten des Landes mit den wichtigsten Subclans Majertain 4 und Marehan 5 , ferner Ogadeni 6 und Dulbahante. Zur Clanfamilie der Samaale gehören weiter die Isaq mit Einflussbereich v.a. im Norden (dem heutigen Somaliland); sowie der Clan Hawiye 7 , mit den Subclans Habar Gedir 8 und Abgal 9 .
Ein „modernes“ Verständnis von Staatlichkeit spielt bis in die Gegenwart hinein eine untergeordnete Rolle im alltäglichen Leben der somalischen Nomaden, die in ihren Wanderbewegungen häufig die Landesgrenzen zu Kenia und Äthiopien passieren. Die Subclans unterteilen sich in Großfamilien, die untersten Einheiten des sozialen Systems. Die Großfamilie bietet soziale Einbindung und Absicherung ihrer Mitglieder. Eine Parteinahme der Somalis erfolgt für die eigene Großfamilie bzw. für den eigenen Subclan und überlagert dabei in der Regel jegliches nationale Empfinden. So waren auch die 90 Parteien in der demokratischen Phase von 1960 bis 1969 mit wenigen Ausnahmen Interessenvertreter klar identifizierbarer Subclans und Großfamilien; ein friedliches Zusammenleben wurde nicht durch demokratische Verfahren, sondern durch eine Machtbalance zwischen den einzelnen Großfamilien und Subclans erreicht (Höhne 2002, Krech 1996, Matthies 1992).
1 Zu diesen und den folgenden Ausführungen zur Geschichte Somalias vgl. ausführlich z.B. Sheikh & Weber 2005, Lata 2004, Krech 1996, Matthies 1992, Lewis 1980.
2 Hinzu kommen etwa 30.000 ethnische Araber und 10.000 Inder/Pakistani.
3 Die Schreibweisen weichen in der Literatur teilweise voneinander ab, u.a. da die somalische Schriftsprache erst ab 1972 entstand. Im Falle „Darud“ findet sich abweichend etwa „Darod“; ebenso „Isaq“ vs. „Isak“. 4 einflussreichster Clan in der demokratischen Phase von 1960-69 5 Subclan des Diktators Siad Barre und einflussreichster Clan 1969-1991 6 hauptsächlich in der Region Ogaden in Äthiopien und angrenzenden Regionen in Somalia 7 Einflussgebiete im Süden rund um die Hauptstadt Mogadischu und in den südlichen Küstenregionen 8 Subclan von General Mohammed Aideed 9 Subclan von Ali Mahdi Mohammed
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„Black Hawk Down" Dirk Spilker
1.2 Siad Barre und der Ogaden-Krieg: Der Weg zur Ausgangslage 1978
Nach einer kurzen weitgehend demokratischen Phase ab 1960 putschte sich 1969 General Mohammed Siad Barre an die Macht, der die weiteren Geschicke des Landes und der Region für die nächsten zwei Jahrzehnte entscheidend prägen sollte 10 . Barre hatte sich vorgeblich die Bekämpfung des Tribalismus zum Ziel gemacht und führte ein Einparteiensystem ein. Es zeigte sich jedoch, dass er de facto die Clanstrukturen förderte, indem er Clans zu seinem eigenen Machterhalt gegeneinander ausspielte. Damit erfolgte unter Barre keine Schwächung der Clanstrukturen, sondern die Interessen und gegenseitigen Animositäten der Clans, Subclans und Großfamilien bestanden unverändert fort bzw. wurden zusätzlich gestärkt (vgl. Eikenberg 1993: 187f.) 11 .
Der von Barre aggressiv propagierte somalischen Nationalismus, der auf die Wiedervereinigung der fünf Teilgebiete 12 und damit die Errichtung eines „Groß-Somalia“ abzielte, war ein ausschlaggebender Faktor im Ogaden-Krieg, den Somalia 1977/78 mit Äthiopien um die gleichnamige Region führte 13 . Nach seinem Einmarsch in die Region Ogaden verlor Siad Barre die Unterstützung der Sowjetunion, die sich auf die Seite Äthiopiens stellte und unter Zuhilfenahme Kubas und weiterer „Ostblockstaaten“ durch militärische und logistische Unterstützung massiv zum Sieg Äthiopiens beitrug. Auch die USA, die vor Ende der 1970er unter Präsident Carter bereits Pläne für eine Annäherung an Somalia entwickelt hatten, unterstützten Barre in der Kriegssituation 1977/78 nicht, sondern wirkten auf einen schnellen Rückzug Barres und eine Beendigung des Krieges hin. In militärisch aussichtloser Position und unter heftigem Druck der USA erklärte Siad Barre im März 1978 den vollständigen Rückzug aus dem Ogaden (vgl. dazu ausführlich Matthies 2005: 135ff., Marte 1994, Ottaway 1982).
2 Wendemarke für Siad Barre: Vom Ogaden-Krieg 1978 bis zum offenen Aus-
bruch des Bürgerkrieges 1988
Die verheerende militärische Niederlage im Ogaden-Krieg wurde zu einer entscheidenden Zäsur in der Herrschaft Barres, der ab 1978 um sein Überleben kämpfte. Die sozialen und wirtschaftlichen Probleme in Somalia, damals wie heute eines der ärmsten Länder der Welt, hatten sich durch den Krieg verschärft. Etwa 1,5 Mio. Menschen, deren Re-Integration durch das angespannte Verhältnis zu Äthiopien unmöglich war, lebten in Flüchtlingslagern. Die Versorgung durch internationale Hilfsorganisationen rettete zwar zunächst die meisten der Flüchtlinge, zerstörte aber den Markt für einheimische Lebensmittel, schuf Abhängigkeiten von andauernden Lieferungen und beschädigte damit den somalischen Wirtschaftskreislauf weiter. Hinzu kam, dass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Somalias wesentlich von der Bewegungsfreiheit der Nomaden abhängig war und ist, deren traditionelle Wanderwege ab 1977/78 nur unter größten Gefahren benutzbar waren, da der Guerillakrieg im Ogaden andauerte. Somalia war ab 1978 prak-
10 AufDetails der somalischen Geschichte vor dem Ogaden-Krieg kann hier aus Gründen der Schwerpunktset-
zung nicht im Einzelnen eingegangen werden. Für eine übersichtliche Darstellung siehe z.B. Lewis (1980).
11 Anhand dieser bestehenden Aversionen materialisierten sich später die internen Machtkämpfe und Umsturz-
versuche in Somalia in den 1970er und 1980er Jahren (vgl. Ottaway 1982: 64ff).
12 Französisch-Somalia (das heutige Djibouti), Britisch-Somalia (heute Somaliland), Italienisch-Somalia, Ogaden
(im östlichen Teil Äthiopiens) sowie die Northern Territories in Kenia.
13 Für die Details des Ogaden-Krieges gilt ebenso das vorhin über die Geschichte Somalias Gesagte. Eine Dar-
stellung der historischen Hintergründe seit der Kolonialzeit, die Interessen und Rationale der beteiligen internen
und externen Akteure, sowie Kriegsverlauf und –ende bietet meine Seminararbeit „Reversal of Alliances am Horn
von Afrika“ vom Sommersemester 2005.
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„Black Hawk Down" Dirk Spilker
tisch vollständig von ausländischer Hilfe abhängig (Höhne 2002: 46, vgl. auch Matthies 2005: 153, Krech 1996: 27). Weiterhin wuchs als Folge der schlechten ökonomischen Lage mit der Schattenwirtschaft ein neues Konfliktpotenzial heran: Der Isak-Clan kontrollierte etwa den Khat-Handel im Norden, was zu Verteilungskonflikten mit der Darud-dominierten Zentralregierung unter Siad Barre führte. Auf Seiten der staatlichen Administration verbreiteten sich Korruption und Klientelismus. Insgesamt wuchs zu Beginn der 1980er Jahre mit steigenden wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten zunehmend die tribalistische Orientierung der somalischen Gesellschaft (Höhne 2002: 47); womit sich die Grundlage für die kriegerischen Auseinandersetzungen ab 1988 weiter festigte.
2.1 Anmerkungen zur geostrategischen Bedeutung der Region im Kalten Krieg
Die grundsätzliche geostrategische Bedeutung des Horn von Afrika ist seine Lage am Ende des Roten Meeres und gegenüber der arabischen Halbinsel. Dadurch liegt das Horn an der Schnittstelle der Suezkanalroute und der Kaproute, die den Persischen Golf, Süd- und Südostasien mit den USA und Westeuropa verbinden. Aus Sicht der USA wurde im Kalten Krieg ferner eine Nutzung von Standorten am Horn von Afrika als Ausgangsbasis und Aufmarschgebiet für den Nahen Osten diskutiert. Als Folge eines verstärkten Einflusses der SU in der Region befürchteten die USA neben der generellen Destabilisierung pro-westlicher Regime im Nahen Osten und Nordafrika das Risiko der Unterbrechung kommerzieller Schifffahrtslinien Richtung Westen und des Zugangs zu den Ölreserven des Nahen Ostens. Damit lag die Bedeutung der Region nicht in ihren Ressourcen, sondern zentral in ihrer strategischen geographischen Lage (vgl. Matthies 2005: 275ff.; ferner ausführlich Marte 1994: 199ff., Lefebvre 1991: 16ff., Schröder 1991, Kühne 1983) 14 .
2.2 Engagement und Rationale externer Akteure nach 1978
Durch den Bruch mit der Sowjetunion im Zuge des Ogaden-Krieges hatte Siad Barre die finanzielle, wirtschaftliche und militärische Unterstützung durch den „Ostblock“ verloren. Er erwies sich in seiner Suche nach dringend benötigten neuen Bündnispartnern als ideologisch pragmatisch, erklärte seinen zuvor propagierten somalischen „wissenschaftlichen Sozialismus“ für gescheitert und führte seine Herrschaft als auf die Person Barre zugeschnittene „individuelle“ Diktatur mit starker anti-kommunistischer Propaganda weiter. Er setzte dabei auf die unveränderte geostrategische Bedeutung Somalias im Kalten Krieg und neue Interessengleichheiten mit anti-kommunistisch orientierten internationalen Akteuren. So konnte er seine Herrschaft mit Unterstützung der „westlichen“ Staaten unter Führung der USA sowie der arabischen Golfstaaten zunächst sichern (Krech 1996: 27ff.) 15 .
Die USA sahen sich nach dem Ende des Ogaden-Krieges mit einem sowjetisch beeinflussten Gürtel konfrontiert, der sich westlich des Horn quer durch Afrika zog, von Äthiopien über Uganda bis nach Angola.
14 Auch hier erlaube ich mir, auf die Arbeit „Reversal of Alliances“ hinzuweisen, in der ich die Bedeutung der Region und die relative Bedeutung der Länder Somalia und Äthiopien aus Sicht der Supermächte diskutiere. 15 Ab 1985 bemühte sich Barre wieder um eine Verbesserung des Verhältnisses zur SU und erreichte im Oktober 1986 ein Abkommen über die Wiederherstellung der freundschaftlichen Beziehungen. Waffenlieferungen lehnte die Sowjetunion jedoch weiterhin ab und war an den weiteren Vorgängen in Somalia ab den 1980er Jahren nicht mehr aktiv beteiligt.
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Arbeit zitieren:
Dirk Spilker, 2006, Black Hawk Down - Das internationale Somalia-Debakel 1992/93, München, GRIN Verlag GmbH
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