Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Hauptseminar: Arbeit im Fach Literaturwissenschaft
Seminar für Deutsche Sprache und Literatur
Wintersemester 2006/2007
Die Darstellung der Frau in Heinrich Heines Gedichten ′Verschiedene′
von
Konstanze Wolgast
Inhaltsverzeichnis
0. Vorbemerkung 3
1. Frauenbilder zwischen Restauration und Revolution 5
2. Verschiedene Frauen: Zur Genese eines Missverständnisses hinsichtlich Heines „Verschiedenen“ 9
3. Einzelinterpretationen: Heines Mädchen und Frauen 13
a) Seraphine 13
b) Angelique 15
c) Diana 17
d) Hortense 18
e) Clarisse 20
f) Yolante und Marie 22
g) Emma 24
h) Friederike 25
i) Katharina 26
4. Vergleichende Schlussbetrachtungen: Die Darstellung der Frau in den „Verschiedenen“ 29
5. Literaturverzeichnis 32
0. Vorbemerkung
„…es ist noch kein Paradigmenwechsel, aber doch schon eine Trendwende:
Nach der relativ ausgedehnten Periode, in der der politische Dichter und
Schriftsteller Heine im Vordergrund des Interesses stand, holt nun der
Liederdichter, der Liebeslyriker wieder auf“,
schrieb Bert Kortländer bereits 19911. Auch die vorliegende Arbeit will sich Heines Liebeslyrik widmen, freilich ohne dabei darüber zu spekulieren, ob der vermeintlich neu erwachte restaurativ-apolitische Zeitgeist es ist, der solch ein Interesse begründen mag. Vielmehr soll hier, neben einer Untersuchung zur Darstellung der Frauen in Heines mit ihren Namen betitelten Gedichten im Buch „Verschiedene“ aus dem Band der „Neuen Gedichte“2, auch der Versuch unternommen werden, diese Darstellungen vor dem Hintergrund der politisch-sozialen, sowie literaturhistorischen Verbildlichungen zu verstehen, denn
„Die Probleme der Liebe sind eng verbunden mit dem Problem der
Geschlechter und mit der Wertung der Frau. Es ist ein Wechselverhältnis.
Die Einschätzung der Liebe wirkt auf die Einschätzung der Frau. Und je
größer die Werte sind, die man in der Frau sieht, desto höher denkt man von
der Liebe zu ihr. So ist die Geschichte der Liebesauffassung nicht zu trennen
von der Geschichte der Frauenauffassung“.3
Liebeslyrik beschreibt stets eine Sichtweise, meist eine Sichtweise auf das andere Geschlecht und, wiederum mit wenigen Ausnahmen, da die Autoren, ob sie Petrarca, Shakespeare, John Donne, Goethe oder Heine heißen, Männer sind, eine Sichtweise auf Frauen. In der Liebeslyrik beschreibt ein literarisches männliches Ich eine – ebenso fiktionalisierte – Frau.
Doch sind diese Fiktionalisierungen ja nicht ganz abzulösen von ihrem Entstehungshintergrund: vom Kontext des Werkes, in dem sie stehen, ebenso wenig wie von den Repräsentationen, die Frauen in anderen Medien abbilden, von philosophischen Betrachtungen der Frauenfrage und vom täglich gelebten Miteinander der Geschlechter. Frauenbilder oder auch Wandlungen im Frauenbild sind also ein möglicher Einflussfaktor in der Entstehung von Liebeslyrik. Daher soll in einem ersten Teil dieser Arbeit vor der eigentlichen Analyse der einzelnen Gedichte, der historische sowie der werkimmanente und gedankliche Kontext von Heines Liebesgedichten jener Zeit untersucht werden. Auf der anderen Seite steht jede Liebeslyrik klar im Einflussfeld der Gattung, der sie angehört. Deshalb soll auch die literarische Tradition der Liebeslyrik kurz dargestellt werden, um in einem nächsten Schritt darstellen zu können, in wie weit sich Heine auf diese Tradition bezieht. Entstanden sind die Liebesgedichte der „Verschiedenen“ schon vor der Veröffentlichung der „Neuen Gedichte“ 18444. Doch auch, wenn Heine einige Gedichte schon vor seiner Zeit in Paris geschrieben hat5, so stammen doch die meisten von ihnen aus den Jahren 1831 bis 1840. Diese Zeit soll also den Rahmen für die Betrachtung der sozialen und politischen Stellung der Frau in der Zeit abgeben.
1. Frauenbilder zwischen Restauration und Revolution
Die Französische Revolution von 1789, in der jene geistesgeschichtlichen und philosophischen Gedanken der Aufklärung in Bezug auf die Menschenrechte und auf die Gleichheit zwischen den Menschen einen politischen Ausdruck suchten, blieb seltsam folgenlos für einen Großteil eben dieser Menschen: für die Frauen. Zwar manifestierten sich seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert in Europa die Gedanken über das Wesen der Frauen, wie sie sich unter dem Oberbegriff der „Querelle des femmes“ versammeln, bereits in Forderungen nach einer Gleichstellung mit dem Mann, zwar „stellte die Revolution auch die Ordnung der Geschlechterverhältnisse und die Beziehungen zwischen den Geschlechtern in Frage“6. Doch blieben konkrete politische Forderungen, wie die nach dem Frauenwahlrecht etwa, in der Revolution unerfüllt, und nur wenige Frauen kämpften mit Olympe Marie de Gouges, in den neu entstandenen Frauenclubs für die Sache der Revolution. Letztere verfasste 1791 sogar eine „Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne”, die sie selbstbewusst den Erklärungen der französischen Revolution entgegensetzte.7 Die politische Realität aber sah anders aus, und so blieben die Frauen den Männern im alten Schutz-Gehorsam-Zusammenhang verbunden: Der Mann bot der Frau Schutz, und konnte als Gegenleistung von ihr Gehorsam erwarten.8 So entsprechen
„Heines französische Jahre ... einem Zeitraum, in dem die Frauenbewegung
erst mit der Julirevolution wieder zu erstarken beginnt, nachdem der während
der französischen Revolution angebrochene politische Kampf der Frauen
lediglich karge Ergebnisse gebracht und anschließend unter dem Druck der
Restauration lange stagniert hatte.“9
Philosophischen Rückhalt erhielten diese Gesetze etwa bei Kant und Fichte, die befanden „daß der Frau aufgrund ihrer Abhängigkeit keine eigenständige bürgerliche Persönlichkeit zukommt (Kant). Wenn sie als Staatsbürgerin anerkannt wird (worauf Fichte besteht), muß sie notwendigerweise dem Mann die gemeinsame Vertretung dieser Staatsbürgerschaft anvertrauen“10. Die Zeit der Restauration verwies die Frauen damit auf lange Zeit –zumindest was ihre politische Teilhabe anging – wieder ganz in die private Sphäre von Ehe und Familie. Die Frauen waren
„zweifellos unterdrückt, doch sie genossen dafür manche Entschädigung, die
sie mit ihrer Lage versöhnen mochte. Sie waren relativ behütet, … Frauen
des Bürgertums … lebten in einem Luxus, der seine Reize hatte. … Ihre
Handlungsmöglichkeiten waren erheblich, zumal Privatsphäre und Status der
Frau im 19. Jahrhundert aufgewertet wurden.“11
[...]
1 Bert Kortländer: Poesie und Lüge. Zur Liebeslyrik des „Buchs der Lieder“. In: Gerhard Höhn (Hg.): Heinrich Heine. Ästhetisch-politische Profile. Frankfurt: Suhrkamp 1991
2 Manfred Windfuhr (Hg.): Heinrich Heine. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. Band 2: Neue Gedichte. Bearbeitet von Elisabeth Genton. Hamburg: Hoffmann und Campe 1983. Fortan als „Düsseldorfer Ausgabe“ bezeichnet und DA abgekürzt. Die römischen Ziffern geben den Band an.
3 Paul Kluckhohn: Die Auffassung der Liebe in der Literatur der 18. Jahrhunderts und in der deutschen Romantik. Halle: Niemeyer 1931, S. 3
4 vgl. DA II, S. 238
5 DA II, S. 391
6 Elisabeth G. Sledziewski: Die Französische Revolution als Wendepunkt. In : George Duby und Michelle Perrot: Geschichte der Frauen. Frankfurt a. M.: Campus Verlag 1994. S. 46-61, S. 46
7 Olympe Marie de Gouges: Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne. Auf deutsch etwa nachzulesen auf: http://www.unifr.ch/privatrecht/Recht%20der%20Frau.htm (besucht am 10.11.06)
8 vgl. Ute Gerhard: Menschenrecht- Frauenrechte 1789. In: Viktoria Schmidt-Linsenhoff (Hg.): Sklavin oder Bürgerin? Französische Revolution und neue Weiblichkeit 1760-1830. Ausstellungskatalog. Frankfurt/M. 1989. S. 55- 72. S. 62
9 Koon-Ho Lee: Heinrich Heine und die Frauenemanzipation. Stuttgart: Metzler 2005
10 Geneviève Fraisse: Von der sozialen Bestimmung zum individuellen Schicksal. In: George Duby und Michelle Perrot: Geschichte der Frauen, a.a.O.. S. 63-95, S.67
11 Michelle Perrot: Rollen und Charaktere. In: Philippe Ariès und Georges Duby (Hg.): Geschichte des privaten Lebens. Band 4: Von der Revolution zum Großen Krieg. Frankfurt: Fischer 1991, S. 127- 193, S. 145.
Arbeit zitieren:
Konstanze Wolgast, 2006, Die Darstellung der Frau in Heinrich Heines Gedichten 'Verschiedene', München, GRIN Verlag GmbH
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